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Interview zur Duisburger Nachttanzdemo: „Man bleibt hier gerne alten Mustern treu“

Ein Jahr ist es her, da zog die erste Duisburger Nachttanzdemo durch Duisburg, um für mehr freie Kultur in der Stadt zu demonstrieren. Da es mit dem zentralen Anliegen, ein selbstverwaltetes soziokulturelles Zentrum zu betreiben, nicht geklappt hat, stattdessen im Winter die Besetzung einer leerstehenden Schule nach wenigen Stunden von Stadt und Polizei beendet wurde, geht es am Freitag um 19 Uhr vom Hauptbahnhof aus wieder auf die Straße.

Im Interview äußert sich Steffen Börgmann vom Demo-Veranstalter-Kollektiv DU it yourself zu den Gründen des Protests, Inhalten des Aufrufs und der anstehenden Oberbürgermeisterwahl.

 

Nachttanzdemo 2012 in Duisburg – Wofür, wogegen und warum?

Für ein soziokulturelles Zentrum in Duisburg. Gegen immer weiter ausufernde Trostlosigkeit. Weil Duisburg es nicht verdient hat, kulturell auf einer Ebene mit irgendwelchen Kleinstädten vom Niederrhein zu sein. Nicht, dass ich was gegen diese Kleinstädte hätte, aber es kann ja nicht sein, dass eine Großstadt mitten im größten Ballungsraum Europas kulturell soweit hinter seinen direkten Nachbarn zurückhängt.

Ein soziokulturelles Zentrum könnte für Duisburg ein echter Anschub sein, den es billiger nicht geben kann. Die freie Kulturszene ist groß genug, um ein solches Projekt zu stemmen, alles was wir dafür brauchen, ist der Raum. Und die Stadt hat Leerstand ohne Ende, der sie am Ende auch nur Geld kostet und unvermittelbar ist. In der Stadtverwaltung hat aber jeder Angst auch nur einen Finger zu krümmen oder sich mit Projekten zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Deswegen versuchen wir nun wieder mit einer Demo den Fokus auf unser Anliegen zu richten und dafür Sorge tragen, dass man uns nicht mehr ignorieren kann.

 

Was erwartet Teilnehmer der Demo an Rahmenprogramm?

Wir werden zwei Wagen mit DJs haben. Einen den wir selbst organisieren mit unseren eigenen DJs, die viele auch schon von anderen Partys von uns kennen. Den anderen bespaßt die Beatplantation, die normalerweise im Druckluft Oberhausen zuhause ist.

Dazu kommt ein Wagen organisiert vom Netzwerk X, einem Zusammenschluss verschiedener Kulturinitiativen und Künstlergruppen aus dem gesamten Ruhrgebiet. Dort wird wohl eine Band spielen, wer und was da genau passieren wird, bleibt wohl eine Überraschung. Eine Sambatrommelgruppe gibt es auch noch. Und, soweit ich gehört habe, wird es auch einen Bollerwagen mit Punkrockklassikern geben. Musikalisch ist also schon für jeden was dabei.

Natürlich gibt es neben dem Kulturprogramm auch noch Inhalt. Wir haben Reden zu verschiedenen Themen rund um die Kulturpolitik geplant, die an verschiedenen prägnanten Orten auf der Route gehalten werden. Neben einem Beitrag von uns werden zum Beispiel Schauspieler des TAD (Theater Arbeit Duisburg), einer freien Theatergruppe aus Duisburg-Ruhrort sprechen, der Verein Mustermensch e.V. wird etwas zu seinen aktuellen Plänen im Bezug auf ein Kulturzentrum hier in Duisburg sagen und auch Vertreter vom noch recht neuen Netzwerk X werden sprechen.

 

Der Einsatz von Bengalos wird aktuell kontrovers diskutiert. Bei der Nachttanzdemo im Vorjahr sorgten sie für eine besondere Atmosphäre. Wie seht ihr die Sache?

In der Tat sind Bengalos sehr kontrovers. Vor allem, da sie sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Viele sehen darin eine sehr bedrohungsvolle Ästhetik und glauben Bengalische Feuer wären nur ein Symbol von gewaltbereiten Fußballfans. Andere sehen darin aber einfach einen starken Ausdruck von Emotionen, der durch nichts zu überbieten ist. Dass Bengalos nicht ganz ungefährlich sind, kann man nicht abstreiten, aber das gilt auch für Silvesterfeuerwerk. Nichtsdestotrotz müssen wir uns aber natürlich an die Auflagen der Polizei halten, da führt kein Weg dran vorbei. Und die untersagen den Gebrauch von Pyrotechnik auf der Demo.

 

Ihr wollt euch, so heißt es im Aufruf, „den Platz zurückerobern, der uns im öffentlichen Raum zusteht“. Woher nehmt ihr die Legitimation für eure Anliegen?

Wir sind alle Bewohner dieser Stadt, wer möchte uns da verargen, wenn wir auch unseren Platz im öffentlichen Raum beanspruchen. Eine Stadt zu gestalten ist nicht nur die Aufgabe der Verwaltung, sondern die eines jeden einzelnen Bewohners.  Da ist es egal, wieviel jemand verdient oder welcher Nationalität er oder sie angehört. Wer hier lebt, hat ein „Recht auf Stadt“. Kultur sollte für jeden, der sie haben möchte bezahlbar sein und wem die Oper zu teuer oder einfach zu uninteressant ist, der sollte Alternativen haben. Diese Alternativen möchten wir bieten, bezahlbare Kultur für jeden. Egal ob man sie nur konsumieren oder selber ein Konzert veranstalten möchte.

 

Ein Audio-Aufruf der Demo bezeichnet Duisburg als kulturelle „Geisterstadt“. Ist das nicht übertrieben, wenn man sich z.B. die Szene rund um den Dellplatz anschaut?

Natürlich gibt es Anlaufpunkte, aber wenn man sich anschaut, wie die Stadt mit ihnen umgeht, kann man das Gefühl haben, es würde zumindest an einer Geisterstadt gearbeitet. Das fängt damit an, dass Einrichtungen wie dem filmforum die Subventionen gestrichen werden. Was mit den Geldern für das ehemalige Hundertmeister passiert ist, weiß keiner.

Aber es muss nicht einmal um Geld gehen. Dem Djäzz wurde Anfang letzten Jahres praktisch die Existenzgrundlage genommen, als das Ordnungsamt die Öffnungszeiten einschränkte und dem Goldengrün wurde plötzlich auferlegt, dass keine DJs mehr spielen dürfen, da diese Livekünstler seien. Das Goldengrün ist mit der Einführung des Goldengrün Radios sehr kreativ damit umgegangen. DJs spielen jetzt nicht mehr im Club selber, sondern streamen ihre Musik über das Internet in den Laden. Das ist eine witzige Idee, aber das kann ja kein Zustand sein.

 

Konkretes Ziel des Demo-Netzwerks ist die Verwirklichung eines selbst verwalteten Zentrums. Woran scheitere das Bestreben in der Vergangenheit?

Mit dem T5 hat so ein Zentrum für kurze Zeit existiert. Hier scheiterte es ganz einfach an der Bausubstanz, eine befriedigende Schallisolierung war nicht möglich und damit konnten auch keine Konzerte mehr stattfinden, wodurch der Laden für den Verein Mustermensch e.V. nicht mehr tragbar war. Die damalige Regierung aus CDU und Grünen zeigte sich betroffen, unternommen wurde allerdings nichts. Dass wir das T5 eröffnen konnten ohne auf städtische Hilfe angewiesen zu sein, war schon ein großer Glücksgriff. Wir haben der Stadt damals bewiesen, dass unser Konzept eines selbstverwalteten, ehrenamtlichen Zentrums funktioniert, aber dass wir uns nicht die Mieten leisten können, die kommerziell arbeitende Läden bezahlen, ist ja klar.

Momentan ist der Verein Mustermensch in Gesprächen mit einem Vermieter, dem ein ehemaliges Möbelhaus in der Altstadt gehört. Er findet unsere Idee toll und würde mit uns gerne etwas Ähnliches wie das Unperfekthaus in Essen aufziehen. Weder er noch wir haben aber die finanziellen Kapazitäten, so etwas ohne die Hilfe der Stadt zu machen. Normalerweise müsste man erst die Umbauten machen und dann eine entsprechende Konzession beim Bauordnungsamt beantragen. Aber natürlich ohne Erfolgsgarantie. Das können wir uns nicht leisten, hier müssen uns Politik und die entsprechenden Ämter entgegenkommen. Die Stadt hat also die Gelegenheit, zu beweisen, dass ihnen etwas an der freien Szene liegt.

 

Das Verhalten der Stadt auf die Besetzung der Schule in Laar – eine Polizeihundertschaft beendete das Schauspiel nach wenigen Stunden – hat gezeigt, dass derartiges Engagement nicht erwünscht ist. Warum sollte sich diese Einstellung plötzlich ändern?

Wir müssen einfach den Druck auf die Politik erhöhen. Wenn unsere Demos immer voller werden und unsere Unterstützerlisten länger, muss auch diese Stadt irgendwann anerkennen, dass es diese Bedürfnisse in Duisburg gibt und sie anfangen müssen, dementsprechend zu handeln.

 

Gibt es einen ernstzunehmenden Ansatz, dass die Pro-SZ-Bekundungen  der Bürgermeisterkandidaten bei der öffentlichen Fragerunde im Djäzz mehr als nur hohle Wahlkampfphrasen gewesen sind?

Das ist eine schwierige Frage. Solche Aussagen haben wir ja schon öfter gehört. Von Uwe Rohde, dem Vorsitzenden des IMD zum Beispiel. In der Nacht unserer Schulbesetzung in Laar. Wir saßen dort mit ihm zusammen in einem alten Klassenzimmer, er stand an der Tür, hinter ihm die maskierten Hundertschaftler. Er sagte, wir sollten jetzt bitte gehen, aber wir sollten uns unbedingt mit ihm zusammen setzen und er würde sich dafür stark machen, dass wir zusammen eine Lösung finden. Hätte nicht jemand das ganze auf Video aufgenommen und später bei youtube hochgestellt, hätte ich vermutlich selber gedacht, ich hätte mir das eingebildet.

Denn in den Wochen darauf haben wir über verschiedene Wege versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber wir mussten uns von Sekretärinnen abwimmeln lassen, E-Mails sind im Spam-Ordner gelandet und Briefe und Einschreiben auf mysteriöse Weise verschollen. Bis heute haben wir es nicht geschafft auch nur ein persönliches Wort mit ihm zu wechseln.

 

Bitte zum Abschluss noch eine Wahlkampfempfehlung für die anstehende Öberbürgermeister-Wahl…

Eigentlich halten wir uns aus diesem Wahlkampf weitestgehend raus. Vor allem, weil wir ein sehr heterogenes Bündnis sind und wir neben der Kulturpolitik niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen würden. Wenn man mit Vertretern der verschiedenen Parteien spricht, beteuern eigentlich alle, dass wir ein unabhängiges Kultur- und Jugendzentrum brauchen.

Die produktivsten Gespräche hatten wir aber bis jetzt mit Vertretern der Grünen und der Linken, wobei Barbara Laakmann bis jetzt die einzige Oberbürgermeisterkandidatin ist, die sich mit uns zu einem Gespräch getroffen hat. So wie ich diese Stadt kenne, wird es aber vermutlich eher auf Sören Link von der SPD hinauslaufen. Man bleibt hier ja doch gerne alten Mustern treu, egal ob sie erfolgsversprechend sind oder nicht.

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6 Kommentare zu “Interview zur Duisburger Nachttanzdemo: „Man bleibt hier gerne alten Mustern treu“

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  • #5
    Martin Rdaespiel

    Hallo Leute,

    diesem Anliegen kann man sie aus sozialer Perspektive heraus nur anschließen.
    Das selbe Problem existiert auch in der Stadt Bottrop.
    Vieles wird veranstaltet bei großen Kulturellen Ereignissen zeigt man gerne Flagge, doch wenn es darum mal geht nur bei einem Stadtfest z.B. als DJ mit zu machen tun sich plötzlich unsichtbare Hürden auf von den ach so sonst in Erscheinung tretenden Partein und Organisatoren auf.
    Darunter leidet natürlich die Freiheit der Kunst die man lieber in irgend welchen Rahmen und Schubladen verpackt hätte.
    Ich kann mich deshalb der Forderung der Duisburger nach einen Freiraum nur anschließen und vordere gleichzeitig für Bottrop ebenfalls so eine Kulturerweiterung zum erreichen eines Freiraum zu erstellen.
    Interessierte finden diesbezüglich den Kontakt über meinen Blog.

    viva la Kultur
    Martin Radespiel

  • #6
    Leonhard Föcher

    Duisburg hatte seinerzeit das erste unabhängige selbstverwaltete Jugendzentrum in Deutschland. Das Eschhaus lieferte knapp 15 Jahre originäre und nicht oktroyierte (Jugend-)kultur. Allerdings haben wir damals mit 13 auch schon geraucht und sind mit 15 auf frisierten Mofas allein in Urlaub gefahren (womöglich nach Holland), was uns allen fürchterlich geschadet hat; aus den meisten ist nichts geworden, manche haben sogar auf Magister studiert und einige haben sogar gelernt Meinungen zu bilden, die nicht sonykonform (das Schlimme ist, dass wir Euch anscheinend so erzogen haben) sind. Deshalb holt die Wattebäuschchen raus und werft sie den Duisburger Reaktionären wider Eure Erziehung an den Kopf. Was ich, allerdings zugegeben aus der Fernwarte, die letzten 15 Jahre von Duisburg mitbekomme, ist einigermaßen fürchterlich. Deshalb macht Eure Nachttanzdemo und setzt Euch durch!

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