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„Abfälle schluckt der Staubsauger“ – das Atomkraftwerk zum Selberbauen

Die Lebkuchen stapeln sich seit Wochen in den Supermärkten, Weihnachten muss vor der Tür stehen, Zeit also, nach passenden Geschenken Ausschau zu halten.

Hier wäre die ideale Gabe für die technisch versierte Kanzlerin Angela Merkel und ihren strahlenden Atomschutz-Minister, pardon, Atom- und Umwelt-Schutzmininister Norbert Röttgen: Das Atomkraftwerk zum Selberbauen aus dem Jahr 1983, Maßstab 1:350, mit herausnehmbaren Brennelementen. Es entspricht einem „DWR 1300 MW“, wie er derzeit etwa in Lingen vor sich hin rottet, und sollte zu Übungszwecken in keinem ordentlichen Terroristenhaushalt fehlen. Wer so ein Bastelkraftwerk bislang nur aus Loriots legendärem Weihnachtssketch mit der Familie Hoppenstedt kannte, kennt aber die KWU nicht (mehr). Vorsichtig, wenn du dich an den Namen noch erinnern kannst, bist du in einem Alter, in dem hast du auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr.

Die Siemens-Tochter aus Erlangen, Erbauerin praktisch aller ewig laufenden Reaktoren in Deutschland, ist längst weg von der Atomkraft und dem alten Namen, baut heute großartig wirksame Gas- und Dampfturbinen und nennt sich Siemens Power Generation. Das heißt nicht, dass hier die Nachfolger der Generation Praktikum eine Heimat fänden, sondern, soviel Englischkenntnisse besaß auch ich vor kurzem nicht, dass es hier um Kraftgewinnung geht. Als ich die wunderschöne Firma 2008 einmal besuchen durfte anlässlich ihrer Qualitätstage, wurde wenig später bekannt, dass man im Jahr zuvor Nonconformance-Kosten in Höhe von 300 Millionen Euro fabriziert hatte. Um den Blick ins Online-Wörterbuch zu sparen: Die hatten für 300 Millionen Schrott gebaut. So stand es in der Zeitung, beim Termin selbst wurde eine andere Zahl genannt, die ich hier nicht wiedergeben darf, mich aber hoffen ließ, ich würde eines Tages für von mir geschaffenen Müll auch so großzügig entlohnt wie die Siemensleute.

Wie hoch bei denen die Murksrate Jahre zuvor war, als man noch Atomkraftwerke entwickelte, blieb bei dem Besuch unerwähnt. Um die Komplexität ihrer Arbeit wussten die Ingenieure indes; ihrem Atompappwerk haben sie damals nebst 27-seitiger Bauanleitung auch einen Übungsbogen für das ungefährliche Büro- und Sozialgebäude beigefügt. Damit konnte später beim Einsätzen der Brennstäbe mit der x–x-x-Falz (nach vorne knicken) und der o-o-o-o-Rillkante nichts falsch laufen.  Für den Modellbau gelten die gleichen Regeln wie für das, was sich heute Energiepolitik nennt: Es „gibt es Kniffe und Kunstgriffe, die man zumindest kennenlernen muß. Im Laufe der Zeit knobelt sich jeder sein eigenes System aus.“ Das Basteln am Atomkraftwerk war auch 1983 schon umweltfreundlich, denn „der Modellbau mit Karton verursacht keinerlei Geräusche, die Abfälle schluckt der Staubsauger und der Klebstoff kommt aus der handlichen Tube“. Atomfreunde brauchen weder besondere Fertigkeiten noch besondere Werkzeuge. Strick- und Stopfnadel, Zahnstocher, ein paar Rundhölzer tun es im Grunde schon, nur sollte man „bei der Anschaffung einer Pinzette nicht am falschen Platz sparen!“

Wer dann noch im Primärkreislauf die „Explosionszeichnung auf Rückseite von Teil 216“ beachtet, hat nach etwa 130 Mannstunden den Reaktor stehen. Komplizierter ist die neue Atompolitik der Regierung auch nicht. Auch wenn man annehmen darf, dass Norbert Röttgens Basteln am Kartonmodell ähnlich misslingen würde wie das selbstgebastelte Energiekonzept von CDU/FDP. Er würde seine AKW-Ruine nach außen schon gut verkaufen, wie er die Verlängerung der Kraftwerkslaufzeiten auch verkauft mit schönem Politikersprech von der Brückentechnologie. Wo doch Krücken- oder Tückentechnologie mindestens ebenso schön klänge. Wenn die Atomkraft die Brücke in eine  Welt erneuerbarer Energien ist, dann war das Giftgas des Ersten Weltkrieges auch nur die Brücke zur Atombombe von Hiroshima.

Aber das ist eine Ewigkeit her, und die spielt bei der Atomkraft bekanntlich keine Rolle, jedenfalls nicht bei den Kosten. Das unterscheidet sie von der heimischen Steinkohle, deren Ewigkeitskosten sie unbezahlbar erscheinen lässt. Da haben auch revolutionäre Kohle-Tunnel-Konzepte (um mal die Brücke zu meiden) keine Chance. Eines habe ich als Teilzeitsteiger und Ehrenhauer auf Auguste Victoria entwickelt. Um die letzten Ruhrgebietszechen zu retten, will ich auf dem Weltmarkt riesige Kohlenmengen zu 80 Euro pro Tonne kaufen, auf Prosper/Haniel in Bottrop nach untertage verbringen, von dort nach Marl befördern und sie auf AV dann als deutsche Steinkohle für 170 Euro/Tonne wieder ans Tageslicht fördern. Ausgefeilter erscheint die Atompolitik derzeit auch nicht. Außerdem: Mit polnischen Schweinen und Parmaschinken soll das in der EU bekanntlich gut klappen.

Der Nachteil des KWU-Atomkraftwerks zum Selberbauen soll zum Schluss nicht verschwiegen werden. Im Gegensatz zum Weihnachtsgeschenk der Hoppenstedts kannst du getrost alles falsch machen. Es macht nicht „puff“, und es fallen auch keine Häuser und keine Kühe um. Fantastisch.

Ein neueres Atomkraftwerk zum Nachbau findet sich hier:

http://www.mtp-studio.de/epr-online/uebersicht.htm

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