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40 Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt – Nachruf auf einen Untoten

Die Arbeiterliteratur in Deutschland hat nur noch literarhistorische Bedeutung. Nach dem “Bitterfelder Weg” in der DDR ist auch der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt schon lange ästhetisch wie politisch gescheitert. Aus den schreibenden Arbeitern wurden nie arbeitende Schreiber, aus Schriftsetzern eben keine Schriftsteller.

Der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt wäre – wenn er denn nicht gänzlich vergreist aufträte – vor Monaten gut vierzig Jahre jung geworden. Im Mai 2010 lud die Erbengemeinschaft proletarischer Dichterdarsteller auf ihrer Homepage  mit dem schön sprechenden Namen www.werkkreis-literatur.de wohl zum allerletzten Mal zur Heldengedenkfeier ein.

„Am Mittwoch den 19. Mai (2010) feiert der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt e.V. im DGB-Haus in München sein vierzigjähriges Bestehen. Werkkreismitbegründer Erasmus Schöfer spricht über die Bedeutung des Werkkreises, der seit nunmehr 40 Jahren arbeitenden Menschen eine literarische Stimme gibt. (…) Musikalisch umrahmt wird der Abend vom Gewerkschaftschor ‚Roter Wecker‘.“

Doch gehört haben die wenigen verbliebenen Werkkreisler den Wecker schon lange nicht mehr. In einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung polemisierte Mitte 2009 ihr Sprecher Markus Dosch ausgerechnet gegen eine Schreibschule der eigenwilligen Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie, um gegen die vermeintliche Diskriminierung einer Literatur von ‚Arbeitnehmern und anderen Benachteiligten‘ zu wettern:

„Der ‚Werkkreis Literatur der Arbeitswelt‘ betreibt ebenfalls literarische Schulungen für Arbeitnehmer und andere Benachteiligte in der BRD, damit sie ihre gesellschaftliche Situation reflektieren und in literarischer Form darstellen können. Aber der WK findet keinen Platz in den Medien und das seit Jahrzehnten. (…) Für uns ist es die pure Heuchelei und eine wohlbedachte Ausgrenzungspolitik! (…) Haben die SZ und andere Medien kein Herz für sozialkritische Schreiber in Deutschland?“

Man merkt es nicht nur dem weinerlichen Leserbrief an: In den Anthologien des Werkkreises dürfen letzte Mitglieder der Autorengenossenschaft Sprachhülsen recyceln oder ihre Schubladentexte entsorgen. Auch sonst im Werkkreis-Umfeld seit Mitte der 70er Jahre nichts Neues: immer noch dieselbe Vereinsmeierei, dasselbe Lamento, die gleichen schlechten Gedichte und Geschichten.

Aufstieg und Fall

Dabei hatte der erhoffte proletarisch-literarische Aufbruch vor knapp 40 Jahren so hoffnungsvoll begonnen. Es waren auch Autoren der Dortmunder Gruppe 61, die im Frühjahr 1969 mit dem Schreibaufruf „Ein gewöhnlicher Arbeitstag, oder auch: ein bemerkenswerter Vorfall aus dem Arbeitsleben“ über einen Wettbewerb ihre eigene politisch-literarische Konkurrenztruppe ins Leben riefen. Die besten Texte dieses Schreibwettbewerbs wurden 1970 unter dem Titel „Ein Baukran stürzt um“ beim Piper Verlag herausgegeben.
Erasmus Schöfer, der klügste Theoretiker in Sachen Arbeiterliteratur, war es, der parallel dazu am 7. März 1970 in Köln den Werkkreis Literatur der Arbeitswelt mitbegründete. Hier sollten Arbeiter „durch theoretische Anleitung und praktisches Beispiel“ so weit geschult werden, bis sie selbst für ihre Kolleginnen und Kollegen „gesellschaftskritische, sozial verbindliche Literatur“ hätten schreiben können. Eine Literatur die angeblich dazu taugen sollte, „die gesellschaftlichen Verhältnisse im Interesse der Arbeitenden zu verändern“. Der Werkkreis erklärte im Programm vom März 1970 kurzerhand seine Wünsche zur Wirklichkeit:
„Die im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt hergestellten Arbeiten wenden sich vor allem an die Werktätigen, aus deren Bewußtwerden über ihre Klassenlage sie entstehen.“
Was das Programm beschwor, das schien für kurze Zeit sogar in der Praxis zu funktionieren. Bundesweit entstanden Dutzende von Schreibwerkstätten; die vielen bunten Werkkreis-Büchlein beim Fischer Taschenbuch Verlag erreichten bald eine Gesamtauflage oberhalb der Millionengrenze.
War also das Schreiben als Produktion von Klassenbewußtsein tatsächlich geglückt, die Indienstnahme der Literatur durch die Politik gelungen, die „Werktätigen“ als Leser wirklich erreicht? Wohl kaum. Eher bewiesen die unzähligen Textsammlungen des Werkkreises etwas ganz anderes: Dass nämlich ein enormes Nachholbedürfnis bestand an literarischer Auseinandersetzung mit Werk- und Alltagsverhältnissen, ein Nachholbedürfnis auf Autoren- und Leserseite. Bereits Ende der siebziger Jahre aber hatten sich die meisten satt gelesen an Literatur als Politik-Ersatz, an einer handwerklich mittelmäßigen Literatur mit ihren unermüdlich kämpfenden Arbeiterfiguren. Zu gern gesehen waren in den meisten Kurzromanen oder Gedichten der pädagogische Zeigefinger und die rote Moral von der Geschicht. Der ewige Bergmann und Stahlarbeiter bestimmten das Szenario.
Und die Nostalgie-Realisten ignorierten zu lange die Veränderungen innerhalb der Arbeiterklasse selbst, den Strukturwandel insgesamt. Seit 1980 – so meldeten die Nachrichten – zählte man in der Bundesrepublik erstmals mehr Angestellte als Arbeiter. Schon vorher begannen auch die Verkaufszahlen der sog. Arbeiterliteratur drastisch zu sinken. Der Werkkreis war gescheitert.

Wallraff is dead

Als soziale Bewegung gescheitert, weil er weder Arbeiter und Angestellte in größerer Zahl dauerhaft erreicht hatte, noch zu kollektivem Schreiben und solidarischer Textkritik ermuntern konnte. Auch als politische Bewegung scheiterte der Werkkreis. Sein Appell „Schreib das auf, Kollege!“ verpuffte ebenso wirkungslos wie Jahre zuvor das „Greif zur Feder, Kumpel!“ des Bitterfelder Weges in der DDR. Alle Versuche, mit operativer Literatur politische Verhältnisse zu ändern, schlugen fehl. Mitglieder des Werkkreises mimten bestenfalls den rosaroten Poetenpanther bei Streiks vor Werktoren, in Hochschulen oder bei 1. Mai-Ritualen.
Außer dem Werkkreis selbst mit seinen literarischen Laienpredigern und Egon-Erwin-Kisch-Kopien war es dann Günter Wallraff, der Mitte der 80er Jahre den Ruf von Dokumentation und Reportage so gründlich ruinierte, dass es seitdem auch für den Werkkreis auf diesem Feld keine Lorbeeren mehr zu verdienen gab.
Mit dem Erscheinen des Buches „Ganz unten“ „enthüllte“ Wallraff nicht nur einmal mehr skandalöse Zustände, diesmal die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen türkischer Arbeiter, sondern sein Buch selbst wurde zum Skandalon. Die Glaubwürdigkeit des Dokumentaristen Wallraff und der Echtheitsanspruch seiner Sozialreportagen wurde unterminiert, als sich herausstellte, dass Wallraffs „Ganz unten“ eigentlich von einem Autorenkollektiv stammte, dass ganze Passagen des Buches aus einem anderen Buch plagiiert worden waren, ja, dass manches aus dem Buch frei erfunden sein könnte. Nach dem Motto „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ schien Wallraffs Authentizitäts-Bonus verspielt, der Wahrheitsgehalt der in „Ganz unten“ geschilderten Zustände durfte bezweifelt werden. Diesmal waren es die Leser selbst, bekennende Wallraff-Fans, und nicht nur die Bosse, die sich von Wallraff getäuscht fühlten. Man wollte gerade von Wallraff keine Schein-Dokumentationen oder Reportage-Märchen, sondern vom Autor persönlich verbürgte, märtyrerhaft ertragene und seriös recherchierte Wirklichkeit pur. Wenn Wallraff die nicht mehr liefern konnte oder wollte, warum dann nicht gleich artistische Geschichten lesen, die sich dem Leser wenigstens offen als Phantasien, als interpretierte und gestaltete Wirklichkeit zu erkennen geben?

Geduckt? Gedrückt? Gedruckt!!!

Obwohl oder gerade weil der Werkkreis ästhetisch längst selbst in der Sackgasse steckte, fand er viele Nachahmer und „-innen“. Die Aufbruchsstimmung der frühen 70er Jahre hatte zwischen Brandtschem „Mehr Demokratie wagen“ und falsch verstandenem Beuys („Jeder ist ein Künstler“) auch eine Menge Etikettenschwindel und Zwergwuchs in der Literaturszene begünstigt. Nach dem Vorbild des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt entstanden in den 70er/80er Jahren überall im Land neue Schreibezirkel. Über 180 sogenannte Schreib- oder Literaturwerkstätten existierten Mitte der 90er Jahre allein in Nordrhein-Westfalen. Motoren dieser Schreibbewegung waren und sind Volkshochschulen, Knackis, Frauengruppen, Arbeitslosenzentren, Bibliotheken oder Freunde der plattdeutschen Sprache. Eine Vielzahl privater Schreibinitiativen und lokaler Literaturzeitschriften kommt hinzu. Man kann getrost davon ausgehen, dass viele zehntausend Menschen allein in NRW für Schubladen, Freunde und Wettbewerbe dichten. Und das mag auch achtbar sein, so lange die Versuche der Hobbyschreiber nicht mit dem Beruf des Schriftstellers verwechselt, so lange kleine Schritte in der persönlichen Schreibentwicklung nicht als Großtaten zeitgenössischer Literatur ausgegeben werden.
Doch die pseudo-demokratischen „Schreiben befreit“- & „Schreiben kann jeder“-Parolen mündeten leider auch in einer allzu generösen „Veröffentlicht-wird-alles“-Praxis. Das Missverständnis, dass Literaturförderung bedeute, auch den letzten fragwürdigen Text noch zu veröffentlichen, scheint heute allerdings – vor allem angesichts knapper öffentlicher Mittel – ausgeräumt. Literaturförderer unterscheiden wieder zwischen der wünschenswerten Belebung einer literarischen Laienkultur und der Förderung wirklicher (Nachwuchs-)Schriftsteller durch Lesungen, Stipendien, Arbeitsaufträge oder Literaturpreise.

Mancher hat nicht genug Charakter, nicht zu schreiben

Auch die fähigsten Mitglieder des Werkkreises hatten sich angesichts seiner Ignoranz und Torheit seit den 70er Jahren von ihm abgesetzt und eine eigenständige Entwicklung genommen. Sie wurden z.B. Könner in den Bereichen Kabarett (wunderbar: Heinrich Pachl), Reportage (Werner Schmitz), Krimi (Jürgen Alberts) oder Kinder- und Jugendliteratur.

Für den Rest aber gilt: „Mancher hat nicht genug Charakter, nicht zu schreiben“. Diesen Satz Karl Kraus‘ möchte man zwischen den traurigen Ruinen des Werkkreises bis heute nicht zur Kenntnis nehmen. Im Gegenteil: Der Werkkreis hat seinen Plan, kollektiv sozialkritische Literatur zu montieren, nicht aufgegeben. Im aktuellen Programm führt sich die Rumpf-Organisation in ihrem geistigen Bankrott sprachlich-stilistisch wieder einmal selbst vor. Widerstand gegen Ästhetik ist endgültig zur gängigen Werkkreis-Praxis geworden, eine Ästhetik des Widerstands bloß nachgeplapperte Hoffnung. Der Werkkreis über sich selbst:

„Es sollen die abhängig Beschäftigten selber zu Wort kommen, aber auch Lyriker und Romantiker sind willkommen. Eine Aufgabe des Werkkreises ist es, diese niedergeschriebenen Erfahrungen durch seine Lektoren aufbereiten zu lassen, damit sie veröffentlicht werden können. (…) Die Mitglieder sind in ihrer Darstellung an keine vorgegebenen Formen der Sprache oder des Ausdrucks gebunden.“

So akut die Erneuerung einer ästhetisch komplexen Littérature engagée auch wäre, der Werkkreis liefert dazu mit „aufbereiteten niedergeschriebenen Erfahrungen“ aus seinen angeblich acht Werkstätten keinen Beitrag mehr.
Wer heute Literatur über Alltag und Arbeitswelt sucht, kann sie in deutscher wie internationaler Prosa leicht finden. Beeindruckende Romane gibt es en masse: „In der Haut eines Löwen“ (Ondaatje), „Der Himmel unter der Stadt“ (McCann), „Armadillo“ (Boyd) oder „Unabhängigkeitstag“ von Richard Ford. In deutscher Sprache schrieben und schreiben Walser, Genazino, Gerold Späth und Jens Sparschuh, Ingo Schulze, Katja Lange-Müller, Karen Duve und andere ästhetisch gekonnt über den unerhörten Alltag in all seinen Facetten. Anders als in den 50er oder 60er Jahren gibt es in den letzten anderthalb Jahrzehnten statt der „Rückkehr zur Normalität der Verdrängung“ (Erhard Schütz) eine Renaissance des welthaltigen Erzählens.
Der Horizont ist wieder offen für die Weite und Vielfalt des Erzählens; für das Experiment, sich auf die Abgründe der Wirklichkeit einzulassen. Offen für Schriftsteller, die virtuos Welt und Sprache verarbeiten, die angestrengte Literaturtheorien vielleicht zur Kenntnis nehmen, sich aber nicht mehr genötigt fühlen, ihre erzählerischen oder poetischen Texte vor ihnen zu rechtfertigen.

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11 Kommentare zu “40 Jahre Werkkreis Literatur der Arbeitswelt – Nachruf auf einen Untoten

  • #1
    Thomas

    Ich vermisse Erika Runge in der Hommage.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Runge

    Deren Botropper Protokolle, dokumentarisch und ehtnografisch angelegt, haben den Malocher und dessen Soziokultur zu Wort kommen lassen.

    Und ja – Autorin und Malcherschreiber haben auch in Seminaren im Werkkreis der Arbeitswelt diese gemeinsam erörtert. Runge hat den Auoren Geleit gegeben.

    http://www.gemeinsamlernen.de/laufend/geschlechterrollen/literatur70/erikarunge_bottrop/elke1.htm

    Erika Runge findet die Fortschreibung ihres Ansatzes übrigens in den Werken von Gabriele Goettle.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gabriele_Goettle

    Der Werkkreis findet sie nur in verblichener Sozialromantik.

    Und zu Günter fällt mir nix ein.

  • #2
    Gerd Herholz

    Lieber Thomas,

    der Artikel handelt vor allem von der sogenannten Arbeiterliteratur im Werkkreis. Als promovierte Literaturwissenschaftlerin und Dokumentaristin/Dokumentarfilmerin ist Runge unter “Arbeiterliteratur” auch i.w.S. nicht einzuordnen, obwohl Runge bei der Gründung des Werkkreises eine Rolle spielte und Nachahmer fand. Der Dokumentarismus geht aber insgesamt historisch und inhaltlich weit über das Niveau von O-Ton, Interview, Protokoll hinaus, wie sie der Werkkreis erprobte.

  • #3
    AndreasP

    Da gibt es doch den schönen Song von Wiglaf Droste mit dem Titel “Werkkreis Literatur der Arbeitswelt”, eingespielt mit Bela B auf der Single “Grönemeyer kann nicht tanzen”. Es ist 14 Sekunden lang und der Text geht folgendermaßen:

    Ich stand

    Am Band.

  • #4
    Ulrich Straeter

    Leider hat Herholz sich mit seinen Ausführungen völlig verrannt. Er schreibt über den heutigen Rest-Werkkreis, der wenig mit dem Werkkreis von 1970 – 1995 zu tun hat. Wallraff ist als Thema völlig verfehlt. Autoren, die aus dem Werkkreis hervorgegangen sind (was der Sinn war) gibt es eine ganze Menge. Man müsste sich nur sachkundig machen. Mein ausführlicher Kommentar ist zu erfragen unter straeter-kunst@t-online.de

  • #5
    Gerd Herholz

    Lieber Ulrich Straeter,

    jetzt aber mal raus aus der Deckung! Ich freue mich auf jeden sachlichen Streit, aber ein paar Argumente musst Du mir da schon öffentlich hinwerfen.
    Bisher nichts als Deine Deinung zu meiner vermeintlichen Meinung. Und den Rest soll man sich bei Dir “erfragen. Das ist ja skurril.

    Zu dem bisschen, das Du hier oben gemeint hast:

    “Verrannt” habe sich der Herholz, “Thema verfehlt”, geht’s auch ohne Oberlehrer?
    Wie Du meinem obigen Blog-Beitrag (der sowieso schon etwas zu lang für die Bloggerei ist) entnehmen kannst, schreibe ich in knapper Form explizit über Geschichte und Gegenwart, “Aufstieg und Fall” des Werkkreises in 40 Jahren. Und mir geht es in dieser knappen Form – wie im Titel auch benannt – um den Werkkreis als Organisation. Wer da genau wie wann wo hinein- oder hinauswuchs, das wär mal was für eine Dissertation in Bayreuth.

    Mitnichten verfehlt man das Thema, wenn man im inhaltlichen Zusammenhang des Werkkreises auch über Wallraff spricht. Es geht doch nicht darum, ob der da Mitglied war oder nicht. Auch ich habe als Student der Germanistik mal anderthalb Jahre in der Werkstatt Duisburg mitgearbeitet; in den Fischer-Taschenbüchern sogar zwei schlechte Gedichte veröffentlicht (aua!), dann aber im Studium so viel
    dazugelernt habe, dass ich die Werkstatt getrost verlassen konnte. Da habe ich übrigens – wie Du – tolle Menschen kennengelernt: Aletta Eßer, den wunderbaren Heinz Knappe …
    Das Problem bei Wallraff allerdings war, dass er mit “Ganz unten” (siehe oben) den Ruf seiner Wallraffiaden ernsthaft ruinierte, auch das Interesse an unwürdigen Arbeitsbedingungen und nebenbei auch die Methoden von Interview, O-Ton, Reportage, Protokoll diskreditierte. U.a. dies hat auch dem Werkkreis den Rest gegeben.

    Und dass ich nicht alle Namen aufzähle, die Dir noch einfallen: So what?
    Muss ich denn tatsächlich immer überall alles zu allem sagen, damit ich überhaupt etwas sagen darf? Merkwürdige Prämisse
    Ich bekenne: Ich habe auch nichts zum BPRS gesagt, zu tollen Büchern von Streletz oder Thenior oder Lodemann oder Rothmann über die Arbeits- und Alltagswelt an der Ruhr. Hole ich alles nach, einverstanden? Aber wahrscheinlich erst im nächsten Leben. Ich hab ja Zeit, das Netz vergisst nichts.

    Also: Mach mich sachkundig, her mit den Argumenten!

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  • #7
    Werner Lang

    “Unter Arbeiterdichtung verstehen wir hier und überhaupt die aus der Arbeiterklasse stammende Literatur, die bewußt operativ ist, und ideologisch und organisatorisch aufs engste mit der Arbeiterbewegung verbunden ist, sich als bewußtes Gegenbild zum bürgerlichen Literaturbetrieb versteht… . Von Beginn der organisierten Arbeiterbewegung an sind Lieder, Gedichte und Prosatexte bei Zusammenkünften zur Aufklkärung, Agitation, Solidarisierung und emotionellen Erhebung eingesetzt worden. Es ist feststellbar, dass Arbeiterliteratur vom Anfang an nicht eine kontemplative oder unterhaltende Funktion erfüllen sollte. Sie war und ist gedacht als eine politische Waffe. ” (Exenberger, Kürbisch,)

  • #8
    Helmut Junge

    @Werner Lang,
    Diese Definition ist stark einschränkend und außerdem unterscheidet sich Arbeiterdichtung oft gar nicht vom “bürgerlichen Literaturbetrieb”, was immer das auch ist. Es gab nur wenige “Arbeiterdichter”, die sich als Teil einer besonderen Klasse fühlten, und damit die Voraussetzung für die Exenberger-Kürbisch-Definition erfüllten. Die aber sind meist besonders bekannt geworden, weil politische Organisationen daran ein Interesse hatten. Die anderen Arbeiter, die sich mit Schriftstellerei abgaben, aber über Dinge des Alltags schrieben, paßten nicht ins Konzept dieser Organisationen, wurden nicht protegiert, und damit auch nicht bekannt. Exenberger und Kürbisch sind ihrer eigenen selektiven Wahnehmung aufgesessen.

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  • #11
    Werner Lang

    Wozu brauen wir Arbeiterliteratur?
    Erinnerung an den Gewerkschaftler Walter Köpping
    Was vermag die Literatur? Welche Rolle spielt die Kunst im Leben des Menschen? Hat Kunst etwas mit Politik zu tun? Mit anderen Worten: Ist eine Arbeiterliteratur notwendig, kann sie eine Wirkung ausüben? (Walter Köpping S. 329 „Gewerkschaftliche Monatshefte“ 6, 1974).
    Walter Köpping geht von diesen Fragen in seinem Beitrag: „Der gesellschaftspolitische Stellenwert der Arbeiterliteratur“ aus. Er kommt zu dem Schluss, dass Arbeiterliteratur eine Wirkung haben kann, wenn sie sich der Wirklichkeit stellt, die zur Veränderung der Lebenswirklichkeit beizutragen sucht.
    Eine kurze Zusammenfassung des Artikels von Walter Köppnig, erschienen in der Zeitschrift „Gewerkschaftliche Monatshefte 6/74“, ist dazu nötig, um zu verstehen, warum Arbeiterliteratur Wirkung haben kann, denn dazu ist nur eine historische Abfolge der Geschichte der Arbeiterliteratur zu wenig. Arbeiterliteratur kann als Tendenzdichtung im guten Sinne des Wortes, so wie sie Walter Köpping beschrieben hat, aufgefasst werden. Er schreibt: Sie ist nichts für ruhige Abende, nichts für Literaturgenießer. Sie ist als eine Literatur in Abgrenzung und Gegensatz zu dem, was als Literatur im Allgemeinen gilt zu verstehen. Und im Allgemeinen wird sie noch immer als Projekt der Fantasie, als rein geistiger Vorgang, eine Literatur mit Betonung der sprachlichen Form bis hin zu Wortartistik verstanden.
    -Literatur als Werk eines Einzelnen, des außergewöhnlichen Individuums.-
    -Literatur, die auf das Individuum (Leser) zielt.-
    -Literatur ohne politische Dimension, ohne Einbeziehung sozialer Fragen oder Probleme der Arbeitswelt, schreibt Walter Köpping, 1974. Daran hat sich scheinbar bis heute nichts verändert. (S. 331).
    Genauso, wie sich die bürgerliche Literaturauffassung unwesentlich verändert hat, hat sich auch die Realität der Arbeitswelt seit 1974 nur unwesentlich verändert, weil noch immer gilt, dass Millionen von Menschen täglich fremdbestimmte Arbeit leisten. Die Arbeit wurde größtenteils historisch auf Lohnarbeit reduziert und beruht daher auf Ausbeutung. Der Lohnarbeiter kann man sagen, ist der Handwerker, dem sein Werkzeug weggenommen wurde und daher in Abhängigkeit geriet.
    Zur Ausbeutung ist mit den Worten von Theodor Prager zu sagen, dass Im Kapitalismus die Kapitalisten sämtliche Produktionsmittel besitzen, die auf Lohnarbeit reduzierten Arbeiter besitzen nichts als ihre Arbeitskraft; das zwingt die Arbeiter, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, wodurch die Arbeitskraft zu einer Ware wird.
    Und die Ware Arbeitskraft hat die einzigartige Eigenschaft, mehr Werte zu erzeugen, als sie selbst wert ist. Diesen „Mehrwert“ eignet sich der Kapitalist kraft seiner Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel an. Das ist das Wesen der Ausbeutung. (Theodor Prager, „Das Märchen vom Lohn, der nicht steigen darf“, 1953).
    Von dieser Stellung in der Produktion heraus, die der Lohnarbeiter darin einnimmt, wird er zum Getriebenen im kapitalistischen System. Aber wo es Getriebene gibt, gibt es auch die Antreiber, die versachlicht der „Wirtschaft“ zugeschrieben werden. Marx nannte das „Entfremdung“. Elmar Treptow schreibt, statt von Versachlichung können wir, heute üblich, auch von „Sachzwängen“ sprechen, wenn damit gemeint ist, dass die Integration der Arbeitskräfte in den Prozess des Kapitalwachstums nicht durch die direkte körperliche Gewalt von Personen, sondern durch die Abhängigkeit von Sachen und Funktionen erzwungen wird. (S. 303, „Die widersprüchliche Gerechtigkeit im Kapitalismus“ Weidler Buchverlag, 2012)
    Nicht nur, aber auch aus dem oben zitierten, sind die arbeiteten Menschen von Unfällen und von Berufskrankheiten bedroht.
    Und daraus resultieren auch in der Arbeitswelt vielfältige soziale Konflikte und Kämpfe.
    Walter Köpping schreibt: Millionen von Menschen (Lohnarbeiter und aus der Lohnarbeit Rausgefallene) leben unter schwierigen materiellen Bedingungen. – Löhne, Renten, soziale Absicherung und Bildungsstand sind zu gering. Stichworte: ausländische Arbeitnehmer, prekär Beschäftigte, Konkurrenzkampf usw. (S. 323).
    Depressionen in modernen Industrienationen werden auch schon allgemein oft in einem Zusammenhang mit den rasanten Veränderungen von Gesellschaft und Wirtschaft und dem damit einhergehenden vermehrten Stress gesehen. Es ist schon anerkannt, dass dabei Faktoren wie Arbeitsplatzunsicherheit, wachsende Anforderungen an Mobilität und Flexibilität, Auflösung vertrauter Strukturen, Leistungsdruck und innerbetrieblicher Konkurrenzkampf eine zunehmende Rolle spielen. Diesen Erschöpfungszustand, der im Rahmen von Überlastungen am Arbeitsplatz entsteht, ist also allgemein bekannt. Diese Probleme aber findet man in der herkömmlichen, der „echten“ Literatur nicht oder werden nur nebenher erwähnt.
    Kunst und Literatur für Lohnarbeiter aber sollte die Realitäten des Lebens widerspiegeln. Zum Leben der Menschen gehört nun einmal die Arbeit.
    Wenn Arbeiterliteratur dazu beiträgt, fest im Bewusstsein der Menschen zu verankern, dass die Arbeit, wenn sie auf Lohnarbeit reduziert ist, die Ausbeutung, Nöte und Gefährdungen, die die Arbeitsbedingungen – die auf Konkurrenzkampf untereinander ausgerichtet ist – größtenteils hervorbringt, kann Sie als notwendige Literatur für die Humanisierung der Gesellschaft betrachtet werden. Sie kann dadurch eine wesentliche Ergänzung der Literatur sein. Man sollte nicht geringschätzig auf diese Literatur und den Autoren herabsehen, weil sie „anders“ ist, schreibt Walter Köpping (S. 332). Köpping weist auch darauf hin, dass diese Literatur Bundesgenossen, politische Verstärker, die Gewerkschaftsbewegung braucht, auch im Zusammenwirken mit der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, um den gesellschaftlichen Stellenwert zu heben. (S. 333)
    Weiters meint er, dass der gesellschaftliche Stellenwert der Arbeiterliteratur sich nicht objektiv festlegen lässt. Das hängt davon ab, was ein Mensch unter Gesellschaftspolitik versteht, ob er eine konservative, eine progressive oder gar revolutionäre Grundhaltung hat. Und es hängt nicht weniger davon ab, ob der Mensch sich mit Dichtung beschäftigt oder ob er darauf verzichtet, so bleibt lediglich eine subjektive Bewertung. (S. 334)
    Gewiss aber vermag diese Literatur mehr, als ihre Kritiker vorgeben. Sie erhebt keinen Absolutheitsanspruch, es kann nicht darum gehen, künftig nur noch politische Literatur zu produzieren. Die Arbeiterliteratur ist als Bereicherung, als wesentliche Ergänzung unserer Literatur zu verstehen, sie kann dazu beitragen, soziale Missstände bewusst zu machen. Es geht dabei um Bewusstseinsveränderung auf doppelte Weise: Änderung des Bewusstseins der Arbeitnehmer und zugleich Veränderung im öffentlichen Bewusstsein. Arbeiterliteratur macht die Probleme der Arbeitswelt sichtbar begreifbar. (S. 335)
    Von der Arbeiterliteratur kommen wesentliche Anstöße zu gesellschaftlichen Veränderungen, sie ist ein Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt.
    Walter Köpping fasst zum Schluss seines Artikels das Wesentliche noch einmal zusammen in dem er schreibt: Arbeiterliteratur ist authentische Literatur. Berufsschriftsteller erfinden in der Regel Personen und Handlungen. Der Arbeiterschriftsteller empfindet Arbeit, Arbeitswelt und deren Mühsale. Berufsschriftsteller suchen oft lange nach einem Stoff, einem Thema. Für Berufsschriftsteller ist Schreiben vielfach Flucht aus der realen Welt. Für Arbeiterschriftsteller ist das Schreiben eine Auseinandersetzung mit der realen Welt. (Walter Köpping, S. 337)
    Köpping Walter „Gewerkschaftliche Monatshefte“ 6, 1974, S. 329, S. 332, 331, 333, 334, 335, 337.
    Prager Theodor, Grad des Bachelor of Gommerce, Doctor der Philosophy, (Economics), „Das Märchen vom Lohn, der nicht steigen darf“, Stern Verlag, 1951.
    Treptow Elmar, Professor der Philosophie,“Die widersprüchliche Gerechtigkeit im Kapitalismus“ Weidler Buchverlag, 2012, S. 303.

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