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#Adventskalender #11

Herbert Grönemeyer - der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und weil er verdrängt // Foto: Antoine Melis
Herbert Grönemeyer - der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und weil er verdrängt // Foto: Antoine Melis
Herbert Grönemeyer - der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und weil er verdrängt // Foto: Antoine Melis

Herbert Grönemeyer – der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst und weil er verdrängt // Foto: Antoine Melis

Advent, Advent! Quasi als kleinen Adventskalender stellen wir jetzt bis zum heiligen Abend jeden Tag eine Band aus dem Ruhrgebiet vor.

Törchen 11: Herbert Grönemeyer. Er ist als Mensch ein Gigant, als Musiker wird er von seinem Publikum sehr verehrt und als sozial-politisches Gewissen gehört Herbert zu einem der wichtigsten Meinungsführer in Deutschland. Kürzlich hat der Sänger im podcast mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ fünf Stunden und 15 Minuten (!!!) geredet – ein wirklich atemberaubendes Ton-Dokument. Denn der überzeugte Ruhrgebietsmensch redet mit viel Wärme über Deutschland, über soziale Verantwortung und wie seiner Ansicht nach eine Gesellschaft auszusehen hat. Er nimmt den Zuhörer ganz nah mit in sein Leben.

Mit den Zeit-Autoren Jochen Wegner und Christoph Amend nimmt er viele thematische Hürden. Sie spielen „Männer“ auf der Ukulele – und Herbert hält das monumentale Gespräch mit viel rhetorischem Strickzeug, Anekdoten und Witzen auf Spannung. Er setzt auf leichtigkeit und Pointen. Dazu lacht er viel, schwadroniert über seine Anfänge in Bochum und wie seine Eltern einen bestimmten Baum im Garten gepflanzt haben. Er kramt tief in seinen Gedankengängen, redet über seine Jahre in London, über Begegnungen mit Willy Brandt und Nelson Mandela, Bono und Nastassja Kinski.

Herbert erzählt zudem, wie er auf dem Sprung war Tennis-Profi zu werden und teilt seine Skepsis gegenüber Spotify mit. Er ist Feuer und Flamme für historische Autos, seine Familie und Freunde, seine musikalischen Vorbilder – wie zum Beispiel Rio Reiser. Dazu gibt er Auskunft über sein schwieriges Verhältnis zu Boulevardmedien – und über sein letztes Konzert, das er mit 89 Jahren in Timmendorf spielen will. Auch wenn man seine Musik nicht mag: nach diesem podcast sieht man Herbert Grönemeyer mit anderen Augen.

Die Tatsache, dass Herbert in Göttingen und nicht in Bochum geboren wurde, kommentiert er so: „Ich bin in Göttingen nur geboren, weil meine Mutter immer ohnmächtig wurde, als sie mit mir schwanger war. Immer, wenn sie sich auf die linke Seite drehte. Aber das glaubte ihr keiner. Und es gab in Göttingen einen Professor. Der war Spezialist und er glaubte ihr auch nicht. Daraufhin hat sie sich hingelegt, ist ohnmächtig geworden und er hat mich dann zur Welt gebracht. Deswegen bin ich in Göttingen zur Welt gekommen.“

Abitur am Ostring & Fußball bei Viktoria Bochum

Nach Bochum kam er mit 4 Monaten und wuchs dort mit seinen Brüdern Dietrich und Wilhelm (gestorben am 3. November 1998) in einem protestantischen Elternhaus in der Nähe der Königsallee auf. „Mein Vater war Bergbau-Ingenieur. Er ist im Krieg angeschossen worden, man musste ihm einen Arm amputieren. Trotzdem war er voller Lebensfreude, das hat mir sehr imponiert. Meine Mutter war sehr preußisch, mein Großvater war sogar Erzieher am preußischen Hof. Er hat die Kadetten am Hof mit der Peitsche erzogen. Auf der anderen Seite war meine Mutter sehr musisch. Mein Großvater hat Cello gespielt, meine Großmutter war Sängerin. Ich denke, ich bin zwischen Liebe, musischer Zuneigung und ziemlicher Strenge groß geworden.“ Seine musikalischen Talente wurden im Alter von 10 Jahren durch Klavierstunden gefördert.

Als omnipotente Musikmaschine nervte Herbert seine Mitschüler zuweilen mit seiner Mandoline, wenn er Lieder wie „Morning Has Broken“ darbot. Er konnte aber auch mit Mitschülern vierhändig am Klavier Boogie-Woogie Sessions vor der Musikstunde spielen. Mit 12 gründete er seine erste Band und erlangte in Bochum einige Bekanntheit. So wurde das Theater auf ihn aufmerksam. Er verdiente mit 15 Jahren bereits eigenes Geld am Bochumer Schauspielhaus. Das Abitur legte Grönemeyer am Gymnasium am Ostring in Bochum ab. Er spielte 10 Jahre Fußball. Sein Bochumer Verein als Spieler war aber nicht der VfL, sondern Victoria. Als Student der Musikwissenschaft und der Jurisprudenz war er 23 Semester eingeschrieben und hat davon etwa sechs Semester aktiv studiert. Seine Entdeckung als Schauspieler verdankt er Joachim Preen, der ihn für das Stück „John, George, Paul, Ringo and Bert“ von Willy Russell erstmals auf die Bochumer Bühne brachte.

„Ich war nie ein großer Schauspieler“, so urteilt er selbst über seine ersten Gehversuche am Theater. Im Jahr 1976 wurde er musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum und spielt dort weitere Theaterrollen, wie „Till Uhlenspiegel“, als Graf Orlowsky in „Die Fledermaus“ und als Melchior in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“. Hier arbeitete er auch mit Peter Zadek und der Choreografin Pina Bausch. Mit über 17 Millionen in Deutschland verkauften Tonträgern ist er der kommerziell erfolgreichste zeitgenössische Musiker Deutschlands. Das Dehnen von Vokalen und das Verschlucken von Silben sind Teil seiner Gesangsart – und gehören zu seinen Markenzeichen.

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7 Kommentare zu “#Adventskalender #11

  • #1
  • #2
  • #3
    tanizaki

    Sehr schön!
    Diese beiden Kommentare: #1 #2
    runden das elfte Törchen erst so richtig ab.
    Danke!

  • #4
    Joachim

    Wenns zum Image passt – immer noch der Junge von nebenan – erinnert man sich ans Ruhrgebiet. Hörte sich schon mal anders an:

    Beckmann: „Für viele ist ja Berlin irgendwie zum Mekka geworden.“

    Grönemeyer: „Auch die New Yorker sagen: Berlin ist quasi das Mekka.“

    Dann wird’s anatomisch-sexuell: „London und Berlin sind zwei verschiedene Frauen.“

    http://www.derwesten.de/kultur/Herbert-Groenemeyer-trifft-Biolek-bei-Beckmann-id4630505.html

  • #5
    ke

    Ich höre und lese durchaus viel, aber Grönemeyer interessiert mich aktuell überhaupt nicht.

    Die Hymne "Komm zur Ruhr" mit der Eröffnung auf Zollverein fand ich klasse, war da aber wohl so ziemlich der einzige., Seit 2010 nehme ich Grönemeyer nur noch in unregelmäßigen Abständen als "Stimme aus London" wahr, die viele Sachen kritisiert und besser weiß, aber irgendwie nicht mehr in D leben will.

    Da höre und lese ich lieber viele andere Sachen.

  • #6
    Jiri

    Herbert Grönemeyer, der prototypische neue Gutdeutschlandprotagonist, hier so schillernd und unterwürfig darzustellen, ist schon ein Kunststück, das sonst wohl nur Nikolaus am 06.12. schafft. Eigentlich war er schon immer ein politisierender Musiker, der wie Clemens Nachtmann es in der Bahamas darstellt, von Karrierebeginn bis heute die "feine Gesellschaft" repräsentiert, die dafür gesorgt hat, dass aus der beschaulichen Bonner Republik die ständig aktivistische Berliner Republik geworden ist.

  • #7
    Tubert Nyman

    Grönemeyer lebt seit 2009 wieder in Berlin und regelmäßig bei seiner Mutter („ich probiere einmal im Monat in Bochum zu sein“) in Bochum. Nach der schweren Zeit (1998 sind in wenigen Wochen nacheinander sein Bruder und seine Frau gestorben) sollte man ihm zugestehen, eine Auszeit von Deutschland zu haben.

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