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Wer in Herne arbeiten will, wandert aus

Verblichene Herrlichkeit: Industrie im Ruhrgebiet (Foto: Roland W. Waniek)

Verblichene Herrlichkeit: Industrie im Ruhrgebiet (Foto: Roland W. Waniek)

 

Wer in Herne als gut ausgebildete Fachkraft arbeiten will, dem bleibt oft nur eins: auswandern. Auswandern heißt wegziehen aus der Heimat, um anderswo in Deutschland einen anständigen, gut bezahlten Job zu finden. An der Ruhr packen besonders gut ausgebildete Fachkräfte ihre sieben Sachen und suchen ihr Glück in München, Hamburg und Frankfurt. Das Ruhrgebiet hingegen blutet fachkräftemäßig aus.

Der viel beklagte Fachkräftemangel prägt sich regional sehr unterschiedlich aus. Es gibt Städte und Regionen in Deutschland, die besonders viele Fachkräfte anziehen, und andere, die besonders viele verlieren. Ein aktueller Forschungsbericht des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) zeigt: Zu den Top-Losern gehören die Ruhrgebietsstädte Herne und Gelsenkirchen sowie der Kreis Recklinghausen. Sie alle weisen ein deutlich negatives „Fernsaldo“ auf.

Statistiker zählen, wie viele Arbeitslose ihren Heimatort verlassen, um an irgendeinem entfernten Ort in Deutschland eine Arbeit anzunehmen. Diesen Abwanderern stehen Zuwanderer entgegen, die umgekehrt handeln. Die Differenz zwischen Zu- und Abwanderung ist das Fernsaldo. Es zeigt an, wie attraktiv eine Region für arbeitswillige Menschen ist.

Ein negatives Fernsaldo bedeutet, dass insgesamt mehr Arbeitslose aus einem Ort hin zu entfernten Regionen abwandern als umgekehrt: es gehen mehr als kommen. Bei einem positiven Fernsaldo kommen mehr als gehen. Entfernte Orte sind Orte, zu denen sich das tägliche Pendeln wegen der Entfernung nicht mehr lohnt. Stattdessen ziehen Menschen um, damit sie eine neue Arbeitsstelle annehmen können.

Da Reinigungskräfte und Bäckereifachgehilfen eher an den örtlichen Arbeitsmärkten gebunden sind, ist davon auszugehen, dass die Mehrheit der auswanderungswilligen Arbeitslosen gut ausgebildete, mobile Fachkräfte sind. Fachkräfte, die besonders gesucht sind und die zu den überdurchschnittlich bezahlten Angestellten und Arbeitern gehören.

 

So verlor Herne per Fernsaldo im letzten Jahr knapp 500, Gelsenkirchen knapp 400 und der Kreis Recklinghausen etwas mehr als 600 Arbeitskräfte. Von den 15 kreisfreien Städten und Kreisen des Ruhrgebiets verloren zwei Drittel mehr ex-Arbeitslose an andere deutsche Regionen als sie hinzugewonnen haben. Ihr gemeinsames Fernsaldo betrug letztes Jahr knapp -2.800 Arbeitnehmer. Ein Drittel Ruhr-Städte wiesen ein positives Fernsaldo in Höhe von leicht über +900 auf. Dies belegt die IW-Studie anhand der offiziellen Arbeitsmarkt-Statistik.

Relativ zu ihrer Beschäftigtenanzahl verliert die Stadt Herne mit -1,07% die meisten ex-Arbeitslosen an wirtschaftlich stärkere Regionen. Der teils ländlich geprägte Kreis Recklinghausen verliert mit -611 zwar absolut am meisten, relativ aber weniger als Herne und Gelsenkirchen. Für gut ausgebildete Arbeitslose ist der heimische Arbeitsmarkt in diesen Regionen unattraktiv. Sie finden anderswo die Jobs, die sie suchen. Daher wandern sie in die bundesdeutsche Ferne aus. Diese Menschen kehren ihrer Heimat meist für immer den Rücken, für die dies ökonomisch und sozial ein beachtlicher Verlust mit Langzeiteffekten darstellt. Für ihre neuen Arbeitsorte ist dies hingegen meist ein guter Gewinn. Was in der alten Heimat bleibt, ist ein arbeitsmarktpolitischer Bodensatz von meist schwer vermittelbaren Langzeitarbeitslosen.

 

Bundesweit läßt sich ein Trend zu Großstädten hin feststellen: München, Mainz, Ingolstadt, Düsseldorf ziehen mehr arbeitswillige Arbeitslose an als ländliche Regionen. In NRW ist der Oberbergische Kreis eine bemerkenswerte Ausnahme, der sogar noch besser dasteht als die Landeshauptstadt Düsseldorf.

Regionen, deren Arbeitsmärkte so attraktiv sind für arbeitswillige Arbeitslose, dass diese sogar bereit sind, ihre Heimat zu verlassen um dort zu arbeiten, sind wirtschaftlich besonders stark. Die ehemaligen Arbeitslosen sind offensichtlich zuversichtlich, dass ihre berufliche Zukunft dort besser aufgehoben ist als in der alten Heimat. Umgekehrt sind Regionen, die überwiegend Arbeitskräfte verlieren, ökonomisch weitaus weniger spannend. Die Menschen stimmen mit den Füssen ab. Das Ruhrgebiet gehört dabei zu den Verlierern.

 

Institut der Deutschen Wirtschaft:
„Wo Fachkräfte für einen neuen Job hinziehen“
IW-Kurzbericht 76/2019

 

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6 Kommentare zu “Wer in Herne arbeiten will, wandert aus

  • #1
    Emscher-Lippizianer

    Diese traurige Statistik hätte man dem Inhaber der Planstelle "Bundespräsident" mal vor seinem peinlichen Besuch kürzlich präsentieren müssen.

  • #2
    Daniel

    "Da Reinigungskräfte und Bäckereifachgehilfen eher an den örtlichen Arbeitsmärkten gebunden sind, ist davon auszugehen, dass die Mehrheit der auswanderungswilligen Arbeitslosen gut ausgebildete, mobile Fachkräfte sind. Fachkräfte, die besonders gesucht sind und die zu den überdurchschnittlich bezahlten Angestellten und Arbeitern gehören."

    Wenn das doch so gesuchte Arbeitskräfte sind, warum sind die dann vorher arbeitslos? Die Arbeitslosenquote bei Akademikern und Handwerker(meister) ist auch in Herne minimal und reicht in absoluten Zahlen wahrscheinlich nicht mal an die knapp 500 weggezogenen (Ex-Arbeitslosen) Leute ran.

    Das Ruhrgebiet hat wahrlich viele Probleme und Herne nochmal mehr. Und dazu zählt auch die Abwanderung von Fachkräften, sicher nicht von Arbeitslosen.

    Und ob sich die Münchener über die knapp 8800 (inkl. Landkreis) Neubürger freuen, die Wohnungen, KiTa-Plätze usw. brauchen? 😉

    @Emscher-Lippizianer: Und was hätte der BuPrä dann machen sollen? Nicht kommen? Sich hinstellen und sagen: Doch alle scheiße hier, sogar die Arbeitslosen wollen weg? Oder soll er 10 Hartzer als Sänftenträger einstellen (1-Euro Job?)

  • #3
    Arnold Voss

    Irgendwann merken auch und gerade die Ruhris mit hoher Bildung, dass in ihrer Heimatregion bei der Auftragsvergabe eine Berliner Adresse mehr her macht, als eine Herner, und das ganz unabhängig von der eigenen Qualifikation. So sorgen die Verantwortlichen im Ruhrgebiet selbst dafür, dass Fachkräfte abwandern.

  • #4
    Dirk

    "Das Ruhrgebiet hat wahrlich viele Probleme und Herne nochmal mehr. Und dazu zählt auch die Abwanderung von Fachkräften, sicher nicht von Arbeitslosen."

    Als Fachkraft kann man eben auch arbeitslos sein und werden. Aus der Erfahrung meiner ehemaligen Arbeitskollegen kann ich nur schlußfolgern, dass dieses in einer strukturschwachen Region wie dem Ruhrgebiet sehr schnell gehen kann. Denn im Vergleich zu den Boomregionen Deutschlands findet sich nicht so zeitnah eine adäquate neue Stelle, sodass man schnell fortzieht muss, um nicht nach unten auf dem Arbeitsmarkt durchgereicht zu werden.

  • #5
    Roland W. Waniek Beitragsautor

    @Daniel:
    Die Arbeitslosen, die abwandern, sind bei Ankunft an ihrem neuen Ort nicht mehr arbeitslos, sondern beschäftigt. Diese Statistik erfasst die Wanderung hin zu einem neuen Arbeitsplatz, der in einem entfernten Ort liegt.
    Für Herne bedeutet dies: Wenn die 500 ex-Arbeitslosen in Herne statt anderswo Arbeit gefunden hätten, so wäre das Herner BIP in 2018 um rund 1% höher ausgefallen als es tatsächlich ist. Herne hat das wirtschaftliche Potential seiner Arbeitskräfte schlicht nicht ausgenutzt. Dieses eine Prozent entspricht rund 30 Millionen Euro an Mehr-BIP für Herne. Eine nicht unerhebliche Summe, wie ich finde.
    Und die knapp 8.800 Erwerbstätigen, die nun in München statt in ihrer Heimat arbeiten, erwirtschaften zusammen ein BIP von rund 880 Millionen Euro. Ich denke, dass dürfte die Bayern erfreuen und es ihnen leicht machen, zusätzliche KiTa-Plätze zu finanzieren…

  • #6
    Ke

    Herne hat einen ungewöhnlich hohen Wert, der zu prüfen ist.
    Sonst sind die TopFlops außerhalb des Ruhrgebiets

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