Irgendwo zwischen Schnitzelantideutschland und Schawarmaantideutschland – ein Reisebericht

Demobeginn vor dem Rostocker Hauptbahnhof 2007 Foto: Alex1011 Lizenz:
CC BY-SA 3.0

Ein Beitrag unserer Gastautorin Britt Stadler

2007, die G8 treffen sich in Heiligendamm. Ich war 17 und absolvierte ein Praktikum bei einem lokalen Radiosender. Es war DAS Event für Linke jener Zeit. Das „Ums Ganze“ Bündnis gründete sich. Sie traten an, Kritik an der verkürzten Kapitalismuskritik des  Anti G8 Bündnisses zu üben. Justus Wertmüller, Chefredakteur der Zeitschrift Ba’hamas, gab Radio Corax ein Interview, in dem er den regressiven Kern dieser Bewegung in Grund und Boden kritisierte.

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75 Jahre Operation Gomorrha

Ausgebrannte Häuserzeilen in Hamburg, 1944/1945 Foto: Dowd J (Fg Off), Royal Air Force official photographe Lizenz: Gemeinfrei


Heute vor 75 Jahren kam der Feuersturm der Operation Gomorrha über Hamburg nieder. Die Strategie dies britischen Luftwaffenchefs Arthur Harris fand ihren Höhepunkt. Ein Gastbeitrag von Manfred Barnekow.

“Es war der Tag, an dem es nicht hell wurde”, meine Mutter hat diesen Satz immer gesagt, wenn ich sie nach den Julitagen im Jahre 1943 fragte. Sie wohnte weit davon entfernt, in einem Randbezirk im Nordosten Hamburgs, auf den nie eine Bombe fiel, aber unauslöschlich blieb der Morgen im Gedächtnis. Der Hamburger kann überall auf die Vernichtung seiner Stadt treffen, wer in einem der vielen Quartiere lebt, die vollkommen ausgelöscht wurden, stößt darauf selbst im Alltag, zum Beispiel wenn er in der aus Trümmersteinen errichteten Wohnung einen Dübel in die Wand bringen will und entweder schon beim Ansetzen des Bohrers einen Krater hervorruft oder kaum drei Millimeter hineinkommt, wenn das W-LAN des Spitzenrouters nach zwei Wänden einen Repeater braucht und sich die Frage stellt, was in diesen Mauern eigentlich enthalten ist.

Legitimation einer Strategie

„There are a lot of people, who say that bombing can never win a war. Well, my answer to that is, that it has never been tried yet and we shall see.” sagt Arthur Harris. Das war sein Auftrag, es wurde seine Mission und am Ende seine Obsession. Um den Luftkrieg zu verstehen, muss man mit Douhet anfangen. Giulio Douhet war ein italienischer Luftwaffengeneral der Zwischenkriegszeit, beeindruckt von den deutschen Luftangriffen auf London im ersten Weltkrieg und den alliierten Gegenideen, postulierte er, künftige Kriege würden aus der Luft entschieden, allein damit, dass riesige Bomberflotten die feindlichen Städte auslöschten und den Gegner damit zur Kapitulation zwängen. Ein Visionär des Schreckens, der bereits 1930 starb und seine Verwirklichung nie erlebte.

Alle Seiten des Krieges verstanden sich als seine Schüler. Die Deutschen begannen den Krieg auf diese Weise, um 04:30 Uhr am 01. September 1939 auf eine polnische Kleinstadt namens Wieluń, militärisch wertlos auf eine schlafende Zivilbevölkerung mit weit über 1000 Toten. Ein bis dahin beispielloses Kriegsverbrechen, es geschah im Frieden ohne Kriegserklärung. Über Warschau lässt sich streiten, Rotterdam war ein zwar ein irrtümlicher, schon abgesagter Angriff, aber im Ursprungsbefehl exakt als „moral bombing“ geplant, “kapituliert ihr Niederländer nicht, dann äschern wir die Stadt ein”. Mit den ersten Angriffen auf London hatte die deutsche Seite sich für den Versuch entschieden, im Westen Douhet zu realisieren. Ein ganzes Land sang den überaus populären Schlager von den Bomben auf Engelland. Es misslang, weil die Ressourcen große Flotten viermotoriger Bomber nicht zuließen, scheiterte vor allem aber, weil die englische Zivilbevölkerung sich nicht demoralisieren ließ. 50.000 zivile Tote kostete der nur neunmonatige Versuch, England durch vernichtende, rein auf zivile Ziele gerichtete Luftangriffe mit unzureichenden Flugzeugen zum Frieden zu zwingen. Danach wurden die deutschen Bomber im Osten gebraucht. Die Umsetzung der Theorie vom alles entscheidenden Bombenkrieg wurde von der deutschen Seite als Mittel der Kriegsführung eingeführt. Am Vorabend der Schlacht, ohne jede taktische Bedeutung, wegen der die Eroberung behindernden Trümmer sogar kontraproduktiv, war der Terrorangriff auf Stalingrad am 23.08.1942 mit wahrscheinlich 50.000 Toten der verheerendste in Europa. Der Versuch von Arthur Harris, zu beweisen, dass Douhet funktioniert, war schon deshalb legitim.

Der Krieg der Alliierten aber war ein Krieg gegen einen bis dahin nicht gekannten Feind der Menschheit, der ihn als Vernichtungskrieg zur Versklavung der Völker Osteuropas führte, mit Massenerschießungen an der polnischen Führungsschicht begann, im Entwurf des Russlandkrieges die Ermordung vom 30 Millionen Einwohnern vorsah, was nur an der Niederlage vor Moskau scheiterte, der die 11 Millionen Juden Europas, die mit dem Krieg überhaupt nichts zu tun hatten, systematisch zu ermorden trachtete und 6 Millionen hinschlachtete. Mord, Versklavung und Raub war deutsches Kriegsziel und deutsche Kriegsmethode. Nicht nur Adolf Hitler führte diesen Krieg, es war das gesamte deutsche Volk, von den Möbeln der Deportierten, den Jobs als Herrenmenschen bei der Verwaltung Osteuropas, der Ausplünderung der besetzten Gebiete, bis zur aktiven Mordteilnahme. Deutschland hatte jedes vorstellbare und unvorstellbare Kriegsverbrechen bis 1942 begangen, sich außerhalb eines zivilisatorischen Minimums bewusst begeben, jedes Anrecht darauf verloren, sich auf irgendein Kriegsrecht zu berufen.

Windows oder Perfektion einer Vorbereitung

Arthur Harris wurde im Februar 1942 mit dem Kommando über die Bomber betraut, gleichzeitig mit der Area Bombing Directive, der Anweisung zum Flächenbombardement. Eine neue Strategie hatte den dafür besten Mann an die Spitze gesetzt, der sogleich damit begann, die Ziele in die Praxis umzusetzen. Die ersten Experimente trafen Lübeck und Rostock. Schon für den ersten sogenannten 1000 Bomber Angriff war als Ziel Hamburg vorgesehen, das schlechtes Wetter führte zur Änderung. Die Großangriffe begannen über Köln.

Das Bomber Command lernte, verfeinerte das Vorgehen. Um den Besatzungen die Orientierung am Ziel zu ermöglichen, wurden die Pfadfinderverbände geschaffen. Besonders erfahrene Piloten flogen den Verbänden voraus, sie warfen Leuchtbomben ab, im Volksmund bald Christbäume genannt, markierten das Ziel weithin sichtbar. Bereits die Experimentalangriffe auf Lübeck und Rostock hatten gezeigt, dass keine Angriffswirkung so durchschlagend wie das Feuer ist. Um dies auch auf Städte ohne historische Stadtkerne zu übertragen, wurde eine spezielle Bombenmischung entwickelt. Es begann mit den Luftminen, gewaltigen Sprengbomben, die Häuserblöcke zerstören konnten, vor allem in ganzen Straßenzügen die Dächer von den Gebäuden fegen, damit dann die Stabbrandbomben hineinregneten. Diese kleinen, kaum einen halben Meter langen Stäbe enthielten ein Benzolgemisch, das eine 15 Minuten brennende Stichflamme zu entzünden vermochte, sie waren vergleichsweise einfach zu löschen, selbst eine Patsche genügte. Ihr Geheimnis bestand im hunderttausendfachen Abwurf in die offenen Dächer, dazu Phosphorbomben und zwischendurch Sprengbomben, um die Feuerwehr in den Bunkern zu halten.

In Casablanca beschlossen Churchill, Roosevelt und ihre Spitzenmilitärs die Point Blanc genannte Gesamtkonzeption der amerikanischen Tagesangriffe auf Punktziele und der britischen nächtlichen Bombardierungen. Da eine Invasion vorerst nicht möglich war, sollte die Sowjetunion mit einer Offensive aus der Luft entlastet werden. Tatsächlich bestand die Einigung mehr in der Theorie, weiterhin waren beide Verbündeten von der Richtigkeit ihrer jeweiligen Idee überzeugt und beschränkten die Gemeinsamkeiten auf das unbedingt Notwendige, zumal die 8. USAAF erst im Aufbau war, während das Bomber Command seinen Höhepunkt erreichte, dazu stand jetzt ein Flugzeug zur Verfügung, das wie kein anderes das Folgende repräsentieren sollte – die Avro Lancaster.

Die deutschen Gegenmaßnahmen hielten technisch mit. Eine Kette Würzburggeräte genannter Radaranlagen entlang der Küsten warnte früh, Deutschland wurde in kleine Regionen unterteilt, in denen jeweils eine Leitstelle einen Nachtjäger an einen Bomber führte, was man Himmelbettverfahren nannte, effektiv, aber starr. Die Nachtjäger waren bestausgebildete Blindflugspezialisten, die der RAF schon zu dieser Zeit große Verluste zuzufügen in der Lage waren. Der gewaltige Schlag, in dem Harris all seine Erfahrungen zusammenzufassen gedachte, bedurfte weiterer besonderer Zutaten.

Der Bomberstrom war die erste Entwicklung. Bisher flogen die Bomber weitläufig auseinander gezogen ihre Ziele an. Die Briten hatten das Verfahren der Nachtjagd durchschaut und konterten es, indem sie nun ihre Bomber zusammengefasst hintereinander fliegen ließen, nicht so eng wie bei Tagesangriffen, das Himmelbettverfahren, auf einsame Bomber ausgerichtet, konnte jedoch nicht mehr funktionieren.

Das große Geheimnis hieß Windows, der Tarnbegriff für Stanniolstreifen, die dem Radar die Bilder von fliegenden Objekten vortäuschen konnten und damit die Abwehr erblinden ließen. Ohne voneinander zu wissen, hatten Deutsche wie Briten das schon zu Kriegsanfang erkannt, Düppelstreifen war die deutsche Bezeichnung. In der Sorge, dem Kriegsgegner das Geheimnis zu verraten wurde beiderseits jede Anwendung verboten. Die Deutschen untersagten sogar jede Forschung an Gegenmaßnahmen, um den Kreis der Wissenden so klein wie möglich zu halten. Bereits am 28. Februar 1942 gelang es einem Kommandounternehmen eine Würzburg Radaranlage an der französischen Küste fast vollständig zu demontieren, ein überzeugter Nazifeind, Oberleutnant Schmitt vom NJG (Nachtjagdgeschwader) 3 flog am 9. Mai 1943 mit seinem Ju 88 Nachtjäger samt Liechtensteingerät, des neuesten Bordradars, nach England. Nun ließ sich das Stanniol genau auf die Radarfrequenzen abgestimmt zuschneiden.

Den dritten entscheidenden Faktor konnte Harris nicht beeinflussen. Einen Sommer, wie er nur selten vorkommt. Der gesamte Juli in Hamburg kannte nur Sonnenschein und Temperaturen zwischen 28° und 34°. Der Boden war aufgeheizt und ausgetrocknet.

Gomorrha nannte der Luftmarschall mit grimmigem Sinn für die biblische Parallele das Unternehmen. Der Ort des unsagbar Bösen, vernichtet durch das Feuer vom Himmel.

Operation Gomorrha

791 Bomber flogen am 24.07. über die Nordsee an, drehten bei Helgoland auf Hamburg. Don Bennet, Gründer und Kommandeur der Pfadfinderverbände führte selbst. Die Nikolaikirche, der höchste Turm Hamburgs, war das Ziel. Als die Stanniolstreifen herausgeworfen wurden, bildeten sie Wolken im Radar, 12.000 Bomber, die sich kaum bewegten, zeigten die Geräte an, die Höhen nicht erkennbar. Die Leitstellen waren hilflos. Die Nachtjäger fanden nicht zu ihren Zielen, Flak und Scheinwerfer bekamen keine Daten, sie schossen blindes Sperrfeuer. Die Pfadfinder trafen dennoch nicht präzise wie geplant. Ihre Markierungen fielen in verschiedene Quartiere des Hamburger Westens, Teile von Altona, St. Pauli, Eimsbüttel und der Innenstadt gingen in Flammen auf. Die Wucht allein aber war derart stark, dass die Feuer den folgenden Morgen verdunkelten und erstmals nicht bis zum Abend zu löschen waren. Aus den glühenden Kellern flüchteten die Menschen auf die brennenden Straßen, ein Angriff wie die vorgehenden auf Köln, nur schätzen kann man die Totenzahlen, sie lagen bei etwa 1500, der Feuersturm wenige Tage danach machte genaue Zählungen unmöglich. 12 Bomber verlor die RAF, Windows hatte sich bewährt. Hamburg war schwer getroffen.

Im Sinne der gemeinsamen Strategie beteiligten sich am Folgetag auch die Amerikaner. Es waren nur 110 bis 150, die einen Zielangriff auf den Hafen führten. Der erste Großeinsatz der 8. USAAF unter ihrem Kommandeur Ira Eaker. Die Fliegenden Festungen machten die böse Erfahrung, dass sie keine Festungen waren, dem entschlossenen Angriff der Tagjäger nicht standhalten konnten. Die Kampfgruppe 379 verlor 15 Maschinen, zahllose kamen beschädigt zurück, zum nächsten Angriff mussten andere antreten, die Luftwaffe büßte lediglich 6 Jäger ein. Aber sie zeigten auch die Überlegenheit der amerikanischen Vorgehensweise, die Beschädigungen im Hafen waren trotz der Rauchsäule, die das Zielen behinderte, verheerend. Die Kapazität der Werften, der U-Bootproduktion wurde nachhaltig eingeschränkt.

Harris gab der Stadt Zeit, auch am nächsten Tag gab es eine amerikanische Bombardierung des Hafens, diesmal nur ungefähr 80 Bomber. Der dritte Angriff ein Störangriff, während die Lancaster auf Essen zielten, warfen sechs Mosquito Schnellbomber Sprengbomben in der Nacht zum 27.07. auf Harburg, ohne Menschenverluste.

Es ist die Nacht vor 75 Jahren, vom 27. auf den 28. Juli 1943, die in die Geschichte des 2. Weltkriegs und in die Stadtchronik Hamburgs eingehen wird. Die Folgen der vorhergehenden Bombennächte hatten die Stadt über die Sommerhitze hinaus aufgeheizt. 739 Bomber konnte Harris einsetzen, nur 17 wird er verlieren. Der Zielpunkt war wieder der Nikolaiturm, der Anflug erfolgte über die östlichen Stadtbezirke. Diesmal lagen die Zielmarkierungen enger, die Bombardierung begann um 0:55 mit einer Heftigkeit, die selbst erfahrenen Feuerwehrleuten unbekannt war. Es funktionierte alles, die engen Wohnblocks fingen schnell Feuer, es entzündete sich der Feuersturm. Schon durch die Aufheizung des Wetters stieg die Luft schnell auf, die Wolkenschichten durch die vorherigen Feuer verlangsamten die Abkühlung und ließen den Luftstrom sehr hoch steigen, die Brände am Boden, die sich zügig zu einem einzigen Flammenherd vereinigten, verbrauchten den Sauerstoff, frische Luft wurde in die Brandgebiete eingesogen, wie in einem Kamin auf der einen Seite stieg die heiße Luft nach oben, wie ein Sauger zogen an den Seiten die brennenden Stadtteile den Sauerstoff wieder hinein, wilde Feuerorkane, deren Geschwindigkeiten, die denen von Taifunen geglichen haben sollen, rissen alles mit sich, verbrannten die, die sie trafen, im Nu zu Asche. Feuerwirbel tanzten durch die Straßen, ein niemals gekanntes Inferno, auch für jene, denen das Phänomen des Feuersturms nicht neu war. Die Bewohner hatten die Wahl in den Kellern, deren Mauern zu glühen begannen, gebacken zu werden oder in den Feuersturm hinein zu fliehen. Das Volk des Vernichtungskrieges verbrannte in seinen Kellern, Häusern und Straßen. Die Ambivalenz des Ganzen schildert niemand so eindrucksvoll wie Wolf Biermann, dessen Vater zur selben Zeit in Auschwitz ermordet wurde, der auf den Schultern seiner Mutter durch den Kanal in Hammerbrook getragen wurde, nachdem er gesehen hatte, wie andere im weich gewordenen Asphalt stecken blieben und den Hitzetod starben.

Nichts war mehr wie zuvor, kein Notfallszenario darauf eingerichtet. Die Hilfskräfte und ihre Stäbe waren zum Teil selber tot, die Räumung der Stadt wurde angeordnet. Die Moorweide wurde Sammelpunkt, ein böser Sarkasmus der Geschichte, denn im vorherigen Jahr waren hier die Juden Hamburgs zusammengetrieben worden, um sie zu den Mordplätzen zu verbringen, nach Lodz, nach Minsk, nach Auschwitz. Der Luftkrieg war eine bittere, überlegte und kalkulierte Kriegsstrategie, doch das schlechte Gewissen seiner Opfer ließ diese in großer Anzahl daran denken, dass es die gerechte Vergeltung gewesen sein könnte. Zwischen 30.000 und 35.000 starben in jener Nacht, genauer wird es nicht zu beziffern sein, Hans Brunswig, der als Hauptmann der Feuerwehr dabei war und der lakonische Chronist wurde, schätzte knapp 35.000, gesamt für die Gomorrha-Operation etwa 37.000 bis 38.000.

Der sechste Angriff traf Barmbek, 29./30. Juli. Noch enger legten die Pfadfinder die Leuchtmale, die Zerstörung des Feuersturms wiederholte sich nahezu, aber die Zahl der Verluste lag eher bei 1000, die meisten Bewohner waren am Vortag geflohen, was die Feuerentwicklung förderte, weil der Selbstschutz nicht mehr vorhanden war. Im Bunker des völlig zerstörten Kaufhauses Karstadt ersticken 370, die dort Schutz gesucht hatten, weil sich im Kohlenkeller die Vorräte entzündeten. Die unversehrten Leichen, die wie eingeschlafen ausgesehen haben sollen, hinterließen auf die Überlebenden mitten im Chaos einen besonderen Eindruck. Ein kleines Denkmal am Mundsburg erinnert daran.

Das Finale war wie aus der Hexenküche, die Wolken des Feuersturms regneten sich in wilden Gewittern ab, als in der Nacht zum dritten August die RAF zum Abschluss startete. 35 ihrer Flugzeuge gingen verloren, die Orientierung war kaum möglich, die Wolken verdeckten die Zielmarkierungen, vielen Bomben fielen auf die Wiesen im Umland. Fast 10.000t Bomben waren geworfen worden, die errechnete Zielmenge für die Ausschaltung einer Stadt.

Konsequenzen und Scheitern

Hamburg traf das Nazireich in einer erschütternden Gesamtlage. Die Alliierten waren auf Sizilien gelandet, Mussolinis Absetzung lag in diesen Tagen, bei Orel brach die sowjetische Gegenoffensive los. Nie in der Geschichte war bis dahin eine Millionenstadt und Industriezentrum vollständig ausgeschaltet worden. Hamburg kann in der Tat als der größte Erfolg des englischen Luftkrieges bezeichnet werden. Es war die Moral der Naziführung, die das erste und wohl auch einzige Mal ins Wanken geriet. Vom verlorenen Krieg wurde ungeniert gesprochen, Speer erklärte, noch vier oder fünf solcher Städtevernichtungen und die Kapitulation wäre unvermeidlich. Nachdem es nicht einmal drei Wochen danach dem Bomberkommando gelungen war, die Raketenversuchsanlage in Peenemünde zu zerstören, beging der Generalstabschef der Luftwaffe, ein treuer Nazi, Selbstmord. Harris, der glaubte, die Invasion vermeiden zu können und nur aus der Luft den Krieg zu gewinnen, war seinem Ziel niemals so nahe, wie in jenen Monaten.

Aber jedem Höhepunkt folgt der Abstieg. Harris hatte drei Dinge falsch eingeschätzt. Die vernichtenden Schläge demoralisierten die Bevölkerung nicht, sie schweißten auch nicht zusammen. Es war eine dritte Reaktion, die Apathie, das nur auf das nächste Überleben gerichtete Handeln. Zudem waren die Ausgebombten auf die Hilfsorganisationen der Nazipartei auf Gedeih und Verderb angewiesen, abhängig. Es gab kein Potential für eine Auflehnung. Zum anderen vermag ein Regime der absoluten Unmenschlichkeit Kräfte zu entfalten, die der Zivilisation fremd sind. Es trieb die KZ Gefangenen zum Entschärfen der Blindgänger, Räumen der Straßen, Abriss der einsturzgefährdeten Ruinen, Bergen der Brandleichen und Anlegen der Massengräber, zur Reparatur der Fabriken, mehr als 15.000 wurden insgesamt eingesetzt, weit mehr als 3.000 starben. Von den Evakuierten kamen viele wieder, die sich in Ruinen, Kellern und provisorischen Hütten einrichteten. Hammerbrook, der am schlimmsten betroffene Stadtteil wurde Sperrgebiet, mit einer Mauer umgeben. Bis in die 90er Jahre dauerte es, bevor hier wieder ein Stadtbild erkennbar wurde. Am Ende des Jahres 1943 war 80% der Industrieproduktion wieder erreicht.

Der größte Fehler des Luftmarschalls war sein unbeirrter Glaube, von nun an Hamburg und die Operation Gomorrha wiederholen zu können. Er übersah dabei die eigene perfekte Vorbereitung, die diesen einen Schlag ermöglichte und unterschätzte die ausgeschaltete deutsche Verteidigung. Sie konnte sich durch ihn aus ihrem starren Denken lösen und reagierte ungeheuer schnell. Waren es erst unter dem Namen Wilde Sau bekannt gewordene Tagjäger, die im Licht der Scheinwerfer während der Bombardierungen trotz Flakfeuer Ziele suchten, wurde zügig ein hochprofessionelles Verfahren entwickelt. Die durch die Stanniolwolken ankündigten Bombergeschwader wurden vom Bodenradar erfasst, die Jäger hingeführt, damit sie mit Bordradar selber die Ziele suchten. Windows ließ sich durch Frequenzänderungen darüber hinaus entschärfen, die Flak hatte wieder Koordinaten. Die britischen Verluste erreichten schwer erträgliche Höhen. Harris, der über Berlin den Krieg beenden wollte, musste erkennen, dass dies bei anderem Wetter, stärker werdender Verteidigung und breiten Alleen unmöglich war. Gewaltige Zerstörungen ja, der Feuersturm aber war nicht zu wiederholen. Am 30. März 1944 verlor er beim Nürnberg Raid 106 Bomber, 545 Mann, mehr als die RAF in der gesamten Luftschlacht um England.

Auch die amerikanischen Verluste steigerten sich, bis sie bei Schweinfurt und Regensburg Größen erreichten, dass eine Pause eingelegt werden musste. Aber die USAAF zog Konsequenzen. Ein Langstreckenjäger, der die Bomber bis an ihre Ziele begleiten konnte, wurde entwickelt, in solchen Massen produziert, dass die Luftwaffe keine Chance hatte. Die deutsche Tagjagd starb zwischen April und Juni 1944. Harris musste sich widerwillig nach Nürnberg bis zum Herbst an der Ausschaltung der französischen Infrastruktur beteiligen, die maßgeblich für den Erfolg der Invasion war.

Harris kannte nichts, als immer wieder dasselbe zu versuchen. Der Bombenkrieg wurde zur Geschichte eines immer verbissener an seiner Idee festhaltenden Mannes und seiner tapferen Flieger, die den ungeheuren Blutzoll von 55.000 Gefallenen zahlten, ohne dass dies nachhaltig die deutsche Kriegsführung schädigte. Der Krieg wurde tatsächlich aus der Luft gewonnen, von den Amerikanern mit ihren gezielten Angriffen auf die Rüstungsindustrie, die Infrastruktur und vor allem die Hydrierwerke, was den Deutschen zeitgleich mit der Eroberung der rumänischen Ölfelder den Treibstoff ausgehen ließ. Alle Versuche Harris darin einzubeziehen, scheiterten. Starr hielt er an seinem Projekt fest, verweigerte sich dem Eingeständnis des Irrtums, der bedeutet hätte, zu realisieren, seine Flieger erfolglos dem einsamen Tod am nächtlichen Himmel ausgeliefert zu haben. Erst bei Kriegsende gelangen wieder Feuerstürme, die Deutschen hatten ihre Radaranlagen an den Küsten verloren, die Nachtjäger kein Benzin mehr. Dresden, Würzburg und vor allem Pforzheim wurden mit voller Berechtigung der Vernichtung anheimgegeben, um den Deutschen, die verbrecherisch den sinnlosen Krieg weiterführten, zu zeigen, dass sie kapitulieren müssen. Sie allein verantworten die Toten, denn sie hörten auch jetzt nicht auf.

Ironie der Geschichte, Douhet behielt doch Recht. Die Amerikaner, deren strategischer Luftkrieg in Europa ihn widerlegte, waren es, die über Japan mit Hilfe der Atombombe den Krieg aus der Luft gegen Städte zum Erfolg führten. Es bedurfte nur ganz anderer Waffen als Harris sie hatte und Douhet sie sich vorstellen konnte.

 

Rolle rückwärts

Photo by Jascha Huisman on Unsplash

Grüne Politiker wollen einfach nicht offen über grüne Gentechnik debattieren. Wissenschaftsfeindlichkeit und Fortschrittsangst sitzen immer noch tief in den parteigrünen Knochen. Ein Gastbeitrag von Susanne Günther.

“Wir dürfen uns nicht von Ängsten leiten lassen”, betitelt (€) die FAZ heute ein Interview mit dem Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Doch wer sich angesichts dieser Headline Hoffnung gemacht hatte, dass Habeck hier die kürzlich angestoßene offene Debatte um Grüne Gentechnik weiterführt, wird bitter enttäuscht.

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Gitarren und Groupthink

Ronald Reagan verleiht Frank Sinatra die Presidential Medal of Freedom Lizenz: Gemeinfrei


Menschen sind soziale Wesen, die sich in Gruppen organisieren. Sie neigen zu konformen Meinungen und Mitläufertum, ob bei Atomkraft oder Massenerschießungen. Von unserem Gastautor Matthias Kraus.

Milieus sind geschlossene Gesellschaften. Wenn wir erst einmal dazugehören, übernehmen wir einen Standpunkt nach dem anderen. Solidarisch entschlossen verteidigen wir von nun an den Gruppenkonsens zu den richtigen und den falschen Fußballclubs, den guten und den schlechten TV-Serien oder zum Für und Wider der Gentechnik — selbst, wenn wir von all dem keinen Schimmer haben. Wir sind nun Botschafter unserer Gruppe. Es ist genau wie mit Gitarren…

Letzte Woche habe ich eine Mosrite Mark I in metallicblau ersteigert. Eine E-Gitarre muss mir vor allem als visuelles Statement gefallen. Fender Stratocasters oder Gibson Les Pauls hat jeder schon gesehen. Zu diesen Normalo-Klampfen kommen Unterkategorien und Exoten wie meine Mosrite. Sie stammt ästhetisch aus den 1960er Jahren, ist irrationaler und manierierter als der Mainstream. Nirvana, die Venturas oder die White Stripes spielen sowas. Surf-Punk-Bands wiederum spielen Danelectros. Für Rockabilly sollte es schon eine Gretsch sein. Post-Rocker nutzen gerne Retro-Kaufhausgitarren von Silverstone oder Airline. Für Laien klingen alle einfach nach E-Gitarre. Auch den Formen wohnt nichts inne, was beispielsweise eine spezifische Surf-Punk-Qualität hätte; die Zuordnung ist im Grunde historischer Zufall.

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Niema Movassat und die Shoa

Niema Movassat Foto: Presse/Niema Movassat

Am 6. Juli 2018 postete der Linken-Politiker Niema Movassat ein Foto zum Gedenken an die Evian-Konferenz und ihre Folgen, dabei konnte Herr Movassat eine deutsch-europäische Unsitte nicht unterlassen und verglich die damals von der Welt verratenen Juden mit Flüchtlingen und Migranten, welche heute die Mittelmeerroute für ihre Flucht/ Migration nach Europa benutzen. Von unserer Gastautorin Anastasia Iosseliani.

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Das NSU-Urteil darf das Versagen der Behörden nicht überdecken

Fahndungsplakat des NSU

Im Münchener NSU-Prozess wurden heute die Urteile gefällt. Unser Gastautor Fabian Bremer über das Verfahren.

Nach fast 450 Verhandlungstagen in über fünf Jahren ist der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte zu Ende gegangen. Jetzt liegt ein Urteil vor. Beate Zschäpe wurde zur lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte zudem die besondere schwere der Schuld fest.   Ihre Unterstützer erhielten Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren. Doch haben das Gerichtsverfahren und die politischen Aufarbeitungsversuche der Taten Licht in den undurchsichtigen NSU-Komplex gebracht? Und sind sieben Jahre nach der Selbstenttarnung des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ die beiden zentralen Fragen – „Wie konnte das geschehen?“ und „Kann es wieder geschehen?“ – abschließend beantwortet?

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Von Brotkrumen und Siegen

Außenansicht des Azadi-Stadions in Teheran Foto: User90fan Lizenz: CC BY-SA 3.0


Das Regime der Islamischen Republik Iran hat endlich Frauen erlaubt beim Public Viewing im Azadi-Stadium in Teheran dabei zu sein. Dieser Hohn Frauen gegenüber wird von moralisch verkommenen Regime-Apologeten als Sieg verkauft. Dabei betrifft die Erlaubnis nur das Public Viewing, d.h. nicht wenn tatsächlich Männer im Azadi-Stadium Fussball spielen, welches um dem Hohn und Spott, gegenüber den Frauen Irans, welche unter dem Regime, bestenfalls, Bürger zweiter Klasse sind, die Krone aufzusetzen, auf Deutsch «Freiheitsstadium» heisst. Von unserer Gastautorin Anastasia Iosseliani.

Diese, von den Regime-Apologeten, propagierten Siege sind nichts weiter als Brotkrummen, Opium für das Volk, um irgendeinen Progress vorzutäuschen, während Frauen immer noch nicht der Eintritt bei Fussballspielen ins Stadium gestattet ist und minderjährigen Mädchen der Hijab aufgezwungen wird und sie ab dem Alter von Neun zwangsverheiratet werden können. Bereits früher schrieb ich, dass das Regime der Islamischen Republik berühmt-berüchtigt für das Spiel des «Good-Cop-Bad-Cop», bei welchem die sogenannten «Reformer» dankbar die

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Rewe Freidank: Mein Markt? Bald nicht mehr …


Fast täglich kaufe ich im Rewe-Markt in der Saarlandstraße in Dortmund ein. Es gibt zwar nähere Märkte, unter anderen zwei Netto-Filialen, die ihre Arbeit auch nicht schlecht machen. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: das Einkaufserlebnis. Man kennt sich und begrüßt sich mit Handschlag und Vornamen. Was seit Jahren als das Kernelement der Entwicklung im stationären Einzelhandel angepriesen wird, könnte demnächst wegfallen. Von unserem Gastautor Bense Fels.

Zur historischen Einordnung: Ich wohne nun seit mehr als dreieinhalb Jahrzehnten im Kreuzviertel. Im Rewe Saarlandstraße habe ich als Kind mit meinem Taschengeld die ersten eigenen Schokoladentafeln gekauft. Damals gab es noch einen COOP an der Hohen Straße, der aber nie so gut sortiert war. Als pickliger Teenager kaufte ich später Tiefkühlpizzen. Und

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Ruhrtriennale: Carp und wie wir die Welt sehen

 

Ruhrtriennale-Intendantin Stefanie Carp Foto: Edi Szekely/Ruhrtriennale 2018

Dass eine Band, die sich als BDS-Band erweist, ins Programm rutschen kann, hätte auch uns passieren können: Die Frage ist, wie private und staatliche Veranstalter –  mit der Christuskirche Bochum zählen wir zu den privaten, wir finanzieren uns am Markt  –  damit umgehen, wenn es passiert. Die Ruhrtriennale hat dafür jetzt eine beispielhafte Funktion, sie wird ein Maßstab sein für alle Veranstalter in NRW. Von Anfang an stand zu hoffen, es werde sich als Glücksfall erweisen, dass es die RT erwischt hat. Ein Plädoyer, von der res publica her zu denken, der öffentlichen Sache von unserem Gastautor Thomas Wessel.

Im Dezember letzten Jahres hat die Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen  –  wie andere im Lande auch  –  ihren Mitglieder geraten, keine Kippa mehr in der Öffentlichkeit zu tragen.

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Monsanto: Willkommen in Leverkusen

Bayer-Kreuz Foto: H005 Lizenz: Gemeinfrei

Aus Bayers Monsanto-Übernahme können Impulse beim Kampf gegen den Welthunger folgen. Dem steht aber die Dämonisierung der grünen Gentechnik und der modernen Landwirtschaft durch Bioromantiker im Wege. Von unserem Gastautor  Kolja Zydatiss.

Seit dem 7. Juni ist es amtlich. Der deutsche Traditionskonzern Bayer hat das US-amerikanische Biotechnologieunternehmen Monsanto für rund 54 Milliarden Euro übernommen. Wenige Tage zuvor hatten die Kartellwächter vom amerikanischen Justizministerium dem Deal zugestimmt, der somit die letzte bürokratische Hürde genommen hat.

Bayers Stärke war bisher das Pharmageschäft. Außerdem ist man der weltweit zweitgrößte Hersteller von Pflanzenschutzmitteln. Neben dem Leverkusener Konzern (Jahresumsatz: 35

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