„Dann kommt auch der Sandmann …“

Ein Beitrag von unserem Gastautor Andreas Lichte zur „Integrationsdebatte“.

 

„Dann kommt auch der Sandmann …“

und sofort ist da dieser Blick … der „Sandmann“?

„Hilfe! Wie soll ich Xinying das jetzt erklären? Natürlich ist der »Sandmann« in China unbekannt!“ denke ich, zu spät, das hätte mir auch vorher auffallen können.

„Der Sandmann ist eine Märchengestalt. Er bringt die Kinder zum Schlafen. Dazu streut er ihnen Sand in die Augen“, sage ich, und diesmal schaue ICH ungläubig, über meine eigenen Worte: „Sand in die Augen streuen, zum Einschlafen?“ Das ist doch Folter!

Und richtig, als ich es später bei wikipedia nachschaue, lese ich: „E.T.A. Hoffmanns Schauernovelle „Der Sandmann“ entwirft mit der Sandmanngestalt eine typische traditionelle Kinderschreckfigur, deren Auftreten Furcht und Schrecken verbreitet. Sie setzt den Sand als eine für die Augen gefährliche und verletzende Waffe ein.“

Das sage ich Xinying natürlich nicht. Zweifel unerwünscht. Ich möchte doch, dass Xinying „La Le Lu“ singt. Als Ausspracheübung. Und das kam so. Ich rufe Prof. Klaus Prange an, frage: „Wie bringe ich einer Chinesin Deutsch bei? Wie schaffe ich es, dass sie die Angst vor der Aussprache verliert, vor dem bösen »r«?“ „Da gibt es doch Bücher für Schauspieler …“ sagt der Pädagoge. „Grossartig! Eine Freundin ist Professorin an der Schauspielschule.“ Und da ist er, „Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens“. Aber: alles viel zu schwierig, bekomm’ ich ja kaum selber hin. Also alles wieder auf Anfang. Fangen wir doch mal mit etwas an, dass JEDER kann … ein Kinderlied, Wiegenlied?

Und nun hat Youtube wirklich VIELE Zugriffe. Das gefällt mir alles nicht. Das würde ich nie selber singen, mir nie selber glauben. Aber dann kommt Heinz Rühmanns grosser Auftritt: „La Le Lu“ … Heinz Rühmann, ausgerechnet, den fand ich früher immer doof.

Aber als ich mir die Begleitung für die Gitarre zusammenbastele, werde ich selber wieder zum Kind:

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

La Le Lu

vor dem Bettchen stehn zwei Schuh

und die sind genau so müde

gehn jetzt zur Ruh.

 

Dann kommt auch der Sandmann

leis tritt er ins Haus

sucht aus seinen Träumen

dir den schönsten aus.

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

Jetzt nicht lesen. Singen! Und dran glauben!

Ich weiss nicht, ob mir Xinying geglaubt hat, aber sie hat „La Le Lu“ gesungen. Und ich – ich –habe dazugelernt. Nicht nur, wer der Sandmann wirklich ist. 

Das Thema ja, aber Sarrazin nein

Thilo Sarrazin

Ich kann nicht sagen, ob Herr Dr. Thilo Sarrazin, der an einem altsprachlichen Gymnasium sein Abitur gemacht hatte, wirklich keine Ahnung von Geschichte hat, oder nur so tut. Mir fällt nur auf, Herr Sarrazin zitiert Geschichte chronisch falsch. Von unserem Gastautor Helmut Junge

So sagt er zum Beispiel, daß es seit der Völkerwanderung keine Zuwanderung nach Deutschland in dieser Größenordnung gab, wie zur Zeit.
Das ist falsch, denn in der Zeit der Völkerwanderung sind die Germanen aus Deutschland herausgewandert, es ist nicht umgekehrt jemand eingewandert.

Hier bei den Ruhrbaronen hatte Werner Jurga in einem Kommentar, den 30-jährigen Krieg als Beispiel für eine Phase der Zuwanderung nach Deutschland genannt. Während des dreißigjährigen Krieges ist die Zahl der Bevölkerung in Deutschland auf etwa 4 Millionen, von vorher etwa sechzehn-achtzehn Millionen geschrumpft. Wer den Simplizissimus gelesen hat, wird auch eine Vorstellung davon haben, wie brutal die Soldateska mit der Zivilbevölkerung umgegangen ist, und aus wie vielen Ländern diese Söldner kamen. Die durch Vergewaltigung entstandenen Nachkommen, sind über die Jahrhunderte mit der restlichen Bevölkerung so vermischt, dass man sagen kann, wir sind allesamt Nachkommen dieser Söldner.
Ein zweites Beispiel für die massenhafte Zuwanderung von Ausländern bietet die Zeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Dort wurden aus kleinen Bauernschafften in kürzester Zeit große Städte. So hatte zum Beispiel Marxloh im Jahr 1843 nur 321 Einwohner. Im Jahre 1925 waren es dann infolge der Industrialisierung bereits 35.872 Einwohner! Ähnliches gilt für alle kleinen Gemeinden im Ruhrgebiet, so dass man sagen kann: Im Ruhrgebiet hat sich die Zahl der Einwohner wegen des Bergbaus in kurzer Zeit verhundertfacht.

Die Mehrzahl dieser zugewanderten Leute kam von weit her, meist aus anderen Ländern, meist aus Süd-und Osteuropa, wo es billige Arbeitskräfte in so großer Zahl gab, so daß ich ziemlich sicher bin, daß höchstens einer von Hundert Einwohner im Ruhrgebiet rein deutsche Wurzeln hat. Sehr geehrter Leser, wenn sie das nicht glauben, empfehle ich Ihnen, mal aus Spaß etwas Ahnenforschung über alle Abstammungslinien zu betreiben, und sie werden sich wundern. Sarrazin selber stammt laut Wikipedia aus einer Hugenottenfamilie, die lange vor der Industrialisierung Zuflucht in Deutschland gefunden hatte. Wenn man von Geschichte spricht, muss man auch sagen, dass historisch gesehen, nicht alle Teile Deutschlands zum ursprünglichen Kern dieses Deutschlands gehörten. So wurde das westliche Ruhrgebiet erst nach der dritten Reichsteilung endgültig Bestandteil dieses späteren Deutschlands, und die Gebiete östlich von Magdeburg kamen noch 300 Jahre später dazu. Also: Unsere schöne Hauptstadt, und ihr Umland waren vor 1000 Jahren noch nicht dabei. Ich denke, dass meine kleinen Beispiele genügend deutlich gemacht haben, wie leichtfertig Dr. Sarrazin mit historischen Vergleichen umgeht. Dieser leichtfertige Umgang mit der Geschichte macht mich misstrauisch, denn ich weiß ja, dass er es von seiner Bildung her durchaus besser können müsste. Ich frage mich dann, wie dieser Mensch dann mit seinen anderen Anliegen umgeht, ob die vielleicht auch so locker daher geredet worden sind. Nun ist Herr Sarrazin ja nicht deshalb in der Öffentlichkeit so angegriffen worden, weil er Geschichtsdaten strapaziert hätte, sondern weil er sich in das Gebiet Genetik verlaufen hat. So konstruierte er eine Theorie, die Intelligenz von Menschen von deren genetischem Ausstattung her begründet. Es ist wahr, dass jeder Mensch eine von anderen Menschen abweichende genetische Ausrüstung besitzt.

Wenn ich jemanden betrachte, der nicht haargenau so aussieht, wie ich, hat der eine andere genetische Zusammensetzung, als ich. Daher, von den Genen, kommt das ja.

Wenn ich auf eine Gruppe Menschen treffe, die sich untereinander ähnlicher sind, als ich es hnen gegenüber bin, dann sind sie eben als Gruppe genetisch von mir verschieden.
Das ist so, wie ich es hier schreibe, seit langer Zeit allen Menschen bekannt.

Sarrazin gelingt es nun aber, den Leuten zu suggerieren, daß es sich dabei um allerneueste wissenschaftliche Erkenntnisse handele, und daß diese Unterschiede in der genetischen Ausstattung, auch bewiesenermaßen Ursache für eine unterschiedliche Intelligenz seien.
So etwas hat aber noch nie ein Wissenschaftler beweisen können.
Nur Sarrazin glaubt das zu wissen und verkündet das.
Ein kurzer Blick in ein Lexikon reicht schon, um sich da genau über den Stand der Wissenschaft zu informieren.
Wikipedia sagt:

„Es gibt keine von allen Psychologen geteilte, eindeutige Definition von Intelligenz. Stattdessen existieren verschiedene Intelligenzmodelle.“
Es ist also nicht mal klar, was Intelligenz ist!
Und wie ist es um die Erblichkeit der Intelligenz bestellt?

Dazu sagt Wikipedia:
„Schließlich ist die Debatte um die Erblichkeit der Intelligenz auch nicht frei von Skandalen geblieben. Als äußerst umstritten, gelten dabei zum Beispiel Cyril Burt (der aufgrund von Studien an getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen, die möglicherweise nie stattfanden, eine Erblichkeit der Intelligenz von 70 bis 80 Prozent annahm)[7] und Rick Heber (der aufgrund eines Experimentes, an dessen Existenz ernsthafte Zweifel aufgekommen sind, annahm, dass der IQ sich durch entsprechende Programme um circa 35 Punkte steigern lasse).[8] Obwohl diese Forscher heute als äußerst umstritten gelten, werden sie noch immer (Stand 2009) von anderen Wissenschaftlern aus den entsprechenden Lagern unkritisch zitiert“

Ich wiederhole also meinen Vorwurf, des leichtfertigen Umgangs mit wissenschaftlichen Zusammenhängen, denn noch nie ist der Beweis erbracht worden, daß es eine genetische Ursache für den, von Sarrazin postulierten, hypothetischen Intelligenzunterschied gibt. Wenn es also keinen Beweis dafür gibt, dass Intelligenz genetische Ursachen hat, und damit erblich ist, entfällt natürlich auch Sarrazins Kernbehauptung, dass die Deutschen immer dümmer werden, weil wir einen ungebremsten Zuzug von dummen Migranten hätten. Das ist aus meiner Sicht genau deshalb schlimm, weil diese Behauptung bedeutet, dass an schulischen Leistungsgefällen dieser Art nichts zu korrigieren wäre. Leistungsschwächere Kinder besonders zu fördern hätte dann nämlich gar keinen Sinn, weil die Schwäche ja genetisch bedingt wäre und bei denen Kindern aus Migrantenfamilien wäre sie sogar rassisch bedingt genetisch fixiert. Diese Aussage macht Herrn Dr. Thilo Sarrazin zu einem Rassisten! Ich verstehe nur nicht, wieso er das nicht selber begreift. Möglicherweise hatte er für solche Behauptungen in den Kreisen, in denen er sich üblicherweise aufhält, noch nie Missbilligung erfahren? In diese rassistische Kategorie lässt sich auch sein Spruch über die Juden, die alle ein gemeinsames Gen haben sollen, einordnen. Auch dieser Spruch lässt sich spontan widerlegen. Er müsste sich nur die Frage stellen, ob er selber, im Falle eines Übertritts zum Judentum, sofort und plötzlich im Besitz dieses Gehens wäre. Ich will jetzt hier an dieser Stelle nicht untersuchen, ob Sarrazin ein hartnäckiger Rassist ist, oder ob dieser Rassismus bei ihm nur gelegentlich vorkommt, und eigentlich seinem unqualifizierten, aber populistischen Umgang mit solchem Gedankengut zuzuschreiben ist.

Nun kann niemand Populist werden, weder hier noch anderswo, wenn er nicht Themen aufgreifen würde, die großen Teilen der Bevölkerung und den Nägeln brennen würden. Es gibt ja tatsächlich eine nicht zufrieden stellenden Grad an Integration speziell bei muslimischen Migranten. Es gibt ja tatsächlich häufig unbefriedigenden Lernerfolge bei Kindern muslimischer Migranten und Kindern, die dem so genannten Prekariat entstammen. Es ist ja tatsächlich auffallend, dass Frauen, die einen Beruf ausüben, nur selten Kinder kriegen.
Nur fällt Herr Dr. Thilo Sarrazin als Berater in dieser Angelegenheit aus, weil er ja von falschen Voraussetzungen kommend, an dieseThemen herangeht, was wir ja bereits gesehen haben. Weil er in denen bereits besprochenen Themenbereichen populistische und damit falsche Argumente gebraucht hat, wären seine Vorschläge für diesen sensiblen Zusammenhang äußerst skeptisch zu betrachten.

Darum schlage ich vor, die Diskussion über diese Themenbereiche ohne Herrn Sarrazin zu führen, denn Sarrazin hat mir nichts zu bieten, außer dem Thema. Aber dieses Thema werde ich mit ihm nicht diskutieren. Gerne aber ohne ihn. Wenn einer so einen Stuß verkündet, habe ich keine Lust, den als Diskussionspartner zu akzeptieren. Ich kann ihn, um Sarrazins eigene Worte zu gebrauchen, „nicht anerkennen“. Als Gesprächs-bzw. als Diskussionspartner, versteht sich, als Mensch schon. Das ist ja das mindeste.

Weil ich ja bereits gezeigt habe, wie schnell jemand, der sich auf diesem Gebiet zu einer Aussage entschließt, entgleisen kann, schlage ich vor, zunächst einmal zu fragen, ob es wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gibt, ob es wirklich Intelligenzunterschiede bei Schulkindern deren Eltern unterschiedlichen sozialen Schichten angehören, gibt, und ob diese, falls es sie gibt, überhaupt einen Einfluss auf die spätere berufliche Karriere haben.

Dazu sagt Wikipedia folgendes:
„Eine neuere Studie von Ceci (1996), die unter der Fragestellung „What is better, to be rich or to be smart?“ stand, zeigte, dass zumindest in den USA die soziale Herkunft einen sehr viel stärkeren Einfluss auf das später erzielte Einkommen hatte, als die Intelligenz. [24]

Zusätzlich kann man dort lesen:

„Es lässt sich feststellen, dass es deutliche Unterschiede im IQ bei Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Schichten gibt. Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern der Unterschicht schneiden auf IQ-Tests deutlich schlechter ab, als Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern der Mittelschicht[26].

In der frühen Kindheit hat die Herkunftsschicht noch kaum einen Einfluss auf die Entwicklung: Bei Kindern aus allen sozialen Schichten zeigt sich im Verlauf der ersten 15 Monate die gleiche Entwicklung der Sprache, des Geistes und des Sozialverhalten. Es gibt einen kleinen Unterschied: Arbeiterkinder sind im Alter von 15 Monaten in ihrer motorischen Entwicklung etwas weiter. Die Gründe dafür sind nicht geklärt[27]. Im Alter von 24 Monaten zeigen sich bereits Unterschiede zu Gunsten der Kinder aus den Mittelschichten. Bei diesen kann nun ein größerer Wortschatz gemessen werden. Mit drei Jahren ist der Wortschatz von Mittelschichtskindern schon drei mal so groß, wie der von Kindern aus der Unterschicht. “

Aus diesen wenigen Zitaten, geht meines Erachtens sehr deutlich hervor, dass alle Kinder bei der Geburt mehr oder weniger gleich intelligent sind. Kinder, die aus denen immer wieder problematisierten Familien stammen, werden offensichtlich, in ihrer frühkindlichen Phase, weniger gefördert, als das bei Kindern im Durchschnitt der Fall ist. Kämen diese Kinder in den Genuss der gleichen Förderung wie die Kinder in den besser situierten Familien, wäre demnach auch keine unterschiedliche Entwicklung in wichtigen Fähigkeiten zu erwarten. Das zu erreichen, ist die m.E. Pflicht unserer Gesellschaft, unserer Politik, schon allein aus Gerechtigkeit diesen Kindern gegenüber, aber auch, weil diese Gesellschaft später einmal auf die Leistung dieser Kinder angewiesen ist.

Außerdem möchte ich noch auf einen anderen Aspekt den ich dem Kommentator Udo Pahl verdanke, hinweisen:
Wer Kinder hat, verliert schnell den Job. Nicht jede Frau kann es sich leisten, für kranke Kinder der Arbeit fern zu bleiben. Die Frauen haben aus diesem Grund Angst, Kinder in die Welt zu setzen.
Das betrifft zwar alle Mütter, aber vor allem solche Mütter, die ihre Kinder ohne Partner aufziehen. Viele alleinerziehende Mütter landen gnadenlos bei Hartz 4.
Und alleinerziehende Mütter vermehren sich heutzutage in Deutschland schneller, als die Gesamtbevölkerung.
Wer allerdings bereits bei Hartz 4 gelandet ist, für den ist es nicht mehr besonders nachteilig, Kinder in die Welt zu setzen. Darum gibt es unter den Frauen, die noch arbeiten so wenig Kinder, und bei den Frauen, die keine Arbeit haben, deutlich mehr Kinder!!! Da müßte doch einer, der ein sozialdemokratisches Parteibuch besitzt, von alleine drauf kommen, oder?

3 Jahre Rudolf Steiner ist „zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen“

Berlin, 6.9.2010 – Vor drei Jahren, am 6. September 2007, entschied die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM), dass Bücher Rudolf Steiners rassistischen Inhalt haben. Die Bücher waren nur knapp der Indizierung durch die BPjM entgangen, weil der Verlag zusicherte, alsbald kommentierte Neuauflagen herauszubringen und bis dahin die Bücher nur mit einer Beilage auszuliefern. Doch nach drei Jahren ist noch immer nichts geschehen. Unser Gastautor Andreas Lichte erstellte für die BPjM ein Gutachten zur Praxisrelevanz von Steiners Rassismus, in dem er auch die Vermittlung von Rudolf Steiner im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“ darstellte. Hier ein Auszug, Zitat:

 

Tauchten während der Ausbildung zum Waldorflehrer [im „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“] auch rassistische Inhalte auf? Ja. Ich möchte drei Ebenen unterscheiden:

1. Betonung der Überlegenheit der Europäer (= Weißen) unter Ausklammerung der Unterlegenen, der Nicht-Europäer

2. Beschreibung des Verhältnisses von Europäern zu Nicht-Europäern unter Verwendung rassistischer Stereotypen

3. Beschreibung der Nicht-Europäer

Zu jeder Ebene hier ein Beispiel:

1. Betonung der Überlegenheit der Europäer (= Weißen) unter Ausklammerung der Unterlegenen, der Nicht-Europäer:

Im Fach „Kunstbetrachtung“, einer anthroposophischen Kunstgeschichte, erläutert der Gastdozent Dr. Weiss* die Entwicklung der Steinerschen „Wesensglieder“ anhand von dafür typischen Kunstwerken: Die alten Ägyper besaßen noch ein „magisches Bewusstsein“, eine unmittelbare Verbindung zur „geistigen Welt“; bei den Griechen bildete sich die „Verstandesseele“ aus; und „um das Jahr 1413 herum begann mit der Entdeckung der Perspektive die Ausarbeitung der Bewusstseinsseele“. „Damit haben die Europäer eine Vorreiter-Rolle übernommen“, erklärt Dr. Weiss. Ich frage nach: „Und der Rest der Menschheit hinkt hinterher?!“ Dr. Weiss: „Sie wollen mich wohl auf’s Glatteis führen!“ Gefahr erkannt, leider aber nicht gebannt:

Dr. Weiss ist durchaus bewußt, dass mit der von ihm – oder besser: von Steiner – festgestellten Überlegenheit der Europäer eine Unterlegenheit aller Nicht-Europäer einhergeht. Aber dazu steht er, betont an anderer Stelle, dass doch gar kein Zweifel daran bestünde, dass Schwarz-Afrikaner ganz anders als Weiße seien: „Das merke ich schon, wenn ich bei einem schwarzen Taxifahrer mitfahre …“ Dr. Weiss muß es ja wissen, spricht er doch aus Erfahrung: Er hatte nach eigenem Bekunden jahrelang in Südafrika gelebt.

Im Zusammenhang mit der Perspektive präsentiert Dr. Weiss noch ein überraschendes Detail: auf nicht nachvollziehbaren Umwegen verortet er den eigentlichen Verdienst an der kulturhistorischen Leistung „Perspektive“ im germanischen Kulturkreis nördlich der Alpen:

eben anthroposophische Kunstgeschichte …

2. Beschreibung des Verhältnisses von Europäern zu Nicht-Europäern unter Verwendung rassistischer Stereotypen:

Im Fach „Erzählübungen“, angeleitet vom Leiter des Waldorfseminars, Herrn Klein*, soll ein als vorbildlich geltender Text mit eigenen Worten wiedergegeben werden – dieser Text ist ausdrücklich als Material für den Waldorf-Schulunterricht vorgesehen. Worum geht es? Um Geographie. Geschildert wird die Begegnung von Stanley mit Livingstone irgendwo im finsteren Kontinent, Afrika. Stilistisch scheint es sich um einen Aufsatz des neunzehnten Jahrhunderts zu handeln, mit klarer Rollenverteilung: Der europäische Entdecker, Wissenschaftler, begegnet dem primitiven, naiven Schwarzen …

Die vorgestellten Sterotypen sind so eindeutig diskriminiernd, dass es zu massiven Protesten der Waldorfseminaristen kommt, was aber für die Dozenten kein Anlaß zur Selbstkritik ist.

3. Beschreibung der Nicht-Europäer:

In der Seminarveranstaltung zum Thema Geographie, die der Dozent Vormann* vom 29.10. – 2.11.2001 durchführt, wird eine der nicht-europäischen Rassen mit Namen genannt: die „Indianer“.

Im folgenden zitiere ich aus meinem Erlebnisbericht „Wundersame Waldorf-Pädagogik oder Atlantis als Bewusstseinszustand”:

„»Wie unterrichte ich Geographie an der Waldorf-Schule?« ist das Thema des Dozenten Vormann. Sein Ziel ist es, »hinter den äußeren Eindrücken nach und nach den Schleier für eine höhere Ganzheit zu heben«.

Eine Woche hat er dazu Zeit, und er nutzt sie, um zwei Kontinente vorzustellen: »Geographische Polaritäten. Zentral- und Ostasien im Vergleich mit Nordamerika.« Zunächst ist es nur mehr oder weniger eine Wiederholung des altbekannten Schulstoffes – Gelber Fluß und Colorado River werden gegenübergestellt. Dann widmet er sich seinem eigentlichen Thema: »Mensch und Landschaft.« Aus der asiatischen Architektur – der Pagode – folgert er, daß der Asiat sich dem Himmel – »Tien« – zuwendet.

»Und was ist die typische Architekturform Nordamerikas?« fragt Herr Vormann und gibt alsbald die Antwort: »Es ist die Stufenpyramide. Sie steht für die Erdverbundenheit der präkolumbianischen Völker.« L. erlaubt sich die Frage: »Und was ist mit den Indianern Nordamerikas – der Puebloarchitektur? Oder dem Zelt der Nomadenvölker der großen Prärien?« »Die haben im großen Überblick keine Bedeutung, die Indianer waren schon eine absterbende Rasse«, ist die Antwort des Dozenten. »Eine absterbende Rasse, was meinen Sie damit, daß die Indianer von den Weißen aus ihrem angestammten Lebensraum verdrängt wurden?« »Nein, die Indianer waren schon vorher eine absterbende Rasse, ihnen fehlten die Voraussetzungen für eine kulturelle Höherentwicklung.«

Keiner der Seminaristen sagt etwas. In L. brodelt es, er erinnert sich an seine Reise in den amerikanischen Westen: »Finden Sie das nicht unfair, nach all dem Unrecht, was die Indianer erleiden mußten, ihnen auch noch die Schuld daran anzulasten?!« »Was regen Sie sich so auf, die Alten Agypter waren schließlich auch eine absterbende Rasse.«

L. ringt um Worte: »Meinetwegen können Sie das über die Alten Ägypter sagen, aber ich habe keine Lust, einem Indianer, den ich als Anhalter im Auto mitnehme, zu erklären, daß er zu einer absterbenden Rasse gehört!« Herr Vormann ist ob soviel Respektlosigkeit erbost. »Lassen Sie uns im Unterricht fortfahren, diese Frage können wir hier und jetzt nicht hinreichend erörtern!« Ist damit für ihn die Sache erledigt? L. hört nie wieder etwas von ihm …“ [Zitat-Ende]

Was meint der Dozent Vormann, wenn er von den Indianern als „absterbender Rasse“ spricht? Er fasst mit eigenen Worten eine „Erkenntnis“ Rudolf Steiners zusammen, wie sie sich z.B. in „Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie“ findet, Zitat:

„Auf das Drüsen-System endlich – nur auf dem Umwege durch alle anderen Systeme – wirkt dasjenige, was wir bezeichnen können als die abnormen Geister der Form, die im Saturn ihren Mittelpunkt haben. Da haben wir in allem, was wir als Saturn-Rasse zu bezeichnen haben, in allem, dem wir den Saturn-Charakter beizumessen haben, etwas zu suchen, was sozusagen zusammenführt, zusammenschließt das, was wieder der Abenddämmerung zuführt, deren Entwicklung in gewisser Weise zum Abschluß bringt, und zwar zu einem wirklichen Abschluß, zu einem Hinsterben. Wie sich das Wirken auf das Drüsensystem ausdrückt, sehen wir an der indianischen Rasse. Darauf beruht die Sterblichkeit derselben, ihr Verschwinden. Der Saturn-Einfluß wirkt durch alle anderen Systeme zuletzt auf das Drüsensystem ein. Das sondert aus die härtesten Teile des Menschen, und man kann daher sagen, daß dieses Hinsterben in einer Art Verknöcherung besteht, wie dies im Äußeren doch deutlich sich offenbart. Sehen Sie sich doch die Bilder der alten Indianer an, und sie werden gleichsam mit Händen greifen können den geschilderten Vorgang, in dem Niedergang dieser Rasse.“

Dieselbe „These“ wiederholt Steiner auch in anderen Werken, in wechselnder Ausgestaltung, z.B. in „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis“, Seite 244:

„Wir haben in der amerikanischen Rasse eine primitive Urbevölkerung vor uns, die weit, weit zurückgeblieben ist, auch in bezug auf religiöse Weltanschauung. (…) Aber die Europäer sind hinaufgestiegen zu einer höheren Kulturstufe, während die Indianer stehengeblieben und dadurch in Dekadenz gekommen sind. Diesen Entwickelungsvorgang muß man immer beachten. Er läßt sich darstellen wie folgt. Im Laufe der Jahrtausende verändert sich unser Planet, und diese Veränderung bedingt auch eine Entwickelung der Menschheit. Die Seitenzweige, die nicht mehr in die Verhältnisse hineinpassen, werden dekadent. Wir haben also einen geraden Entwickelungsstamm und abgehende Seitenzweige, die verfallen (siehe Zeichnung).“

Im vorgestellten Zitat aus „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis“ erläutert Steiner diese „Zeichnung“ auf der gegenüberliegenden Seite, Seite 245 [siehe Abbildung oben].

Fazit:

Im Rahmen der anthroposophischen Ausbildung zum Waldorflehrer am „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin” wurden eindeutig rassistische Inhalte gelehrt.

Das Spektrum reichte von krassen Aussagen über Nicht-Europäer  („Indianer”), die diesen letztlich die Existenzberechtigung absprechen, bis hin zum ganz alltäglichen Rassismus, der eine Vorreiterrolle, Dominanz, Überlegenheit des Europäers (= Weißen) gegenüber anderen Rassen ausdrückte.

Steiners esoterische „Menschheitsentwickelung“ wurde in Form seiner „Kulturepochen“-Lehre am Waldorfseminar unterrichtet.

Wie die Steinerschen „Kulturepochen“ und damit seine rassistische „Menschheitsentwickelung“ den Weg über die indirekte Vermittlung durch den Waldorflehrer zu den Waldorfschülern findet, wird im nächsten Kapitel aufzuzeigen sein. [nächstes Kapitel im Gutachten].

* Namen geändert

 

Anhang: Aus der „Entscheidung Nr. 5506 vom 6.9.2007“ der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu „Geisteswissenschaftliche Menschenkunde“ von Rudolf Steiner, vertrieben vom Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, Zitat Seite 6f.:

 

„(…) Der Inhalt des Buches ist nach Ansicht des 12er-Gremiums in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen.

Der Begriff der zum Rassenhass anreizenden Medien konkretisiert das allgemeine verfassungsrechtliche Diskriminierungsverbot des Art. 3 Abs. 3 Satz 1 GG. Mithin ist der Begriff „Rasse“ weit auszulegen. Zum Rassenhass anreizende Träger- und Telemedien sind solche, die geeignet sind, eine gesteigerte, über die bloße Ablehnung oder Verachtung hinausgehende feindselige Haltung gegen eine durch ihre Nationalität, Religion oder ihr Volkstum bestimmte Gruppe zu erzeugen, welche zugleich bei Kindern und Jugendlichen einen geistigen Nährboden für die Bereitschaft zu Exzessen gegenüber diesen Gruppen schafft (Nikles, Roll, Spürck, Umbach; Jugendschutzrecht, 2. Auflage; § 18 Rn. 5). Ein Medium reizt mithin zum Rassenhass an, d.h. stellt Rassenhass als nachahmenswert dar, wenn darin Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Rasse, Nation, Glaubensgemeinschaft o.ä. als minderwertig und verächtlich dargestellt oder diskriminiert werden (Ukrow, Jugendschutzrecht, Rn. 284). Auch wenn ein Medium nicht direkt zum Rassenhass anreizt oder aufstachelt, fällt es dennoch unter § 18 Abs. 1 S. 1 JuSchG, wenn es das namentlich aus Art. 3 und 4 GG ersichtliche Toleranzgebot der Verfassung z.B. dadurch verletzt, dass es Kinder und Jugendliche dazu verleitet, andere zu missachten, die eine andere Hautfarbe, einen anderen Glauben und eine andere Weltanschauung haben (Ukrow; a.a.O.; Rn. 284).

Nach Auffassung des Gremiums finden sich im Achtzehnten Vortrag vom 3.5.1909 (S. 277-294) Textpassagen, die aus heutiger Sicht als Rassen diskriminierend einzustufen sind, weil der Autor darin Menschen verschiedener ethnischer Herkunft aufgrund körperlicher Merkmale in unterschiedliche Wertungsstufen einteilt. Dort wird u.a. ausgeführt:

Was wäre nun geschehen, wenn nun keine Veränderung innerhalb der Erdentwickelung eingetreten wäre? Dann hätten überhaupt die besten der Seelen der polarischen Länder nicht hineinsteigen können in eine physische Körperlichkeit. Und auf der anderen Seite wäre sozusagen die Bevölkerung um den Äquator herum mehr oder weniger dem Untergange verfallen. Weil sie zu früh in eine physische Leiblichkeit hinuntergestiegen war, verfiel sie ja gerade in jene Laster und Untugenden, die zum Untergange von Lemurien geführt haben. Und die Folge war, dass der beste Teil der Bevölkerung auswanderte in jene Gegenden, die zwischen dem Äquator und den nördlichen Ländern lagen. Denn in den lemurischen Zeiten haben wir die zukunftssichersten Glieder der Menschheit in den Zwischenländern zwischen dem Äquator und dem Nordpol. Gerade am besten entwickelten sich die Menschenleiber, die dann wieder Träger werden konnten der besten Menschenseelen, in jenen Gegenden der alten Atlantis, die in der heute sogenannten gemäßigten Zone lagen. (S. 283)

Diejenigen Völker, bei denen der Ich-Trieb zu stark entwickelt war und von innen heraus den ganzen Menschen durchdrang und ihm die Ichheit, die Egoität aufprägte, die wanderten allmählich nach Westen, und das wurde die Bevölkerung, die in ihren letzten Resten auftritt als die indianische Bevölkerung Amerikas. Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden. Bis in die körperlichen Eigenschaften hinein tritt das zutage, wenn man die Dinge wirklich geisteswissenschaftlich betrachtet. Wenn der Mensch sein Inneres ganz ausprägt in seiner Physiognomie, in seiner Körperoberfläche, dann durchdringt das gleichsam mit der Farbe der Innerlichkeit sein Äußeres. Die Farbe der Egoität ist aber die rote, die kupferrote oder auch die gelblichbraune Farbe. Daher kann tatsächlich eine zu starke Egoität, die von irgendeinem gekränkten Ehrgefühl herrührt, auch heute noch den Menschen von innen heraus sozusagen gelb vor Ärger machen. Das sind Erscheinungen, die durchaus miteinander zusammenhängen: die Kupferfarbe derjenigen Völker, die nach Westen hinübergewandert waren, und das Gelb bei dem Menschen, dem die „Galle überläuft“, wie man sagt, dessen Inneres sich daher bis in seine Haut ausprägt. Diejenigen Menschen aber, die ihre Ich-Wesenheit zu schwach entwickelt hatten, die den Sonneneinwirkungen zu sehr ausgesetzt waren, sie waren wie Pflanzen: sie setzten unter ihrer Haut zuviel kohlenstoffartige Bestandteile ab und wurden schwarz. Daher sind die Neger schwarz. – So haben wir auf der einen Seite östlich von Atlantis in der schwarzen Negerbevölkerung, auf der andern Seite westlich von Atlantis in den kupferroten Völkern Überreste von solchen Menschen, die nicht in einem normalen Maße das Ich-Gefühl entwickelt hatten. Mit den Normalmenschen war am meisten zu machen. Sie wurden daher auch dazu ausersehen, von dem bekannten Orte in Asien aus die verschiedenen anderen Gebiete zu durchsetzen. (S. 286)

Diejenigen, die nach dem Osten hinüberwanderten und die schwarze Bevölkerung wurden, waren stark beeinflussbar durch die Außenwelt, besonders für die Sonnenwirkung, gerade weil sie ein geringes Ich-Gefühl hatten. Nun aber wanderten in dieselben Gegenden, wenigstens in dieser Richtung, Völkerschaften, die ein starkes Ich-Gefühl hatten. Das ist eine Bevölkerung, die sozusagen die östliche Richtung der westlichen vorgezogen hat. Diese hat gemildert die kupferrote Farbe, welche sie bekommen hätte, wenn sie nach Westen gezogen wäre. Und aus ihr entsprang jene Bevölkerung, die ein starkes Ich-Gefühl hatte, das sich die Waagschale hielt mit dem Hingegebensein an die Außenwelt. Das ist die Bevölkerung Europas, von der wir im letzten öffentlichen Vortrag sagen konnten, dass das starke Persönlichkeitsgefühl von Anfang an bei ihr das Wesentliche war. (S. 287)

Sehen Sie sich diese Farben an, von den Negern angefangen bis zu der gelben Bevölkerung hin, die in Asien zu finden ist. Daher haben Sie dort Leiber, die wiederum Hüllen der verschiedensten Seelen sind, von der ganz passiven Negerseele angefangen, die völlig der Umgebung, der äußeren Physis hingegeben ist, bis zu den anderen Stufen der passiven Seelen in den verschiedensten Gegenden Asiens. (…) So dass wir im Grunde genommen zwei Gruppen von Bevölkerungen haben, welche die verschiedenen Mischungsverhältnisse darstellen: auf europäischem Boden die einen, welche den Grundstock der weißen Bevölkerung bildeten, die das Persönlichkeitsgefühl am stärksten ausgebildet hatten, aber sich nicht dort hinwandten, wo das Persönlichkeitsgefühl den ganzen Leib durchdrang, sondern wo das Ich-Gefühl sich mehr verinnerlichte. Daher haben Sie in Westasien, zum Teil auch in den älteren Zeiten in Nordafrika und in den europäischen Gegenden eine Bevölkerung, die innerlich ein starkes Ich-Gefühl hat, aber äußerlich im Grunde genommen wenig sich verliert an die Umgebung, die innerlich starke und gefestigte Naturen sind, aber diesen inneren Charakter nicht der äußeren Leiblichkeit aufgeprägt haben. Dagegen haben wir in Asien Bevölkerungen, die passive, hingebende Naturen sind, bei denen gerade das Passive im höheren Grade zum Ausdruck kommt. (S. 288)

Wenn wir jetzt in die Zeiten zurückschauen, können wir sagen: Daran, dass gewisse Bevölkerungsteile der Erde nicht die Möglichkeit gefunden haben, richtig mit der Erdentwickelung Schritt zu halten in der Herausentwickelung ihres Ichs, daran können wir uns die Lehre nehmen, wie viel verfehlt werden kann in bezug auf die Entwickelung des höheren Ichs aus dem niederen Ich. (S. 291)

Da gab es zum Beispiel in der alten Atlantis Völker, die dann zu Indianern geworden sind, die sich sozusagen verloren haben von der Erdenbevölkerung. (…) Und sie haben dieses Ich so stark entwickelt, dass es bei ihnen bis in die Hautfarbe gegangen ist: sie wurden eben kupferrot. Sie haben sich in der Dekadenz entwickelt. (S. 291/292)

Das andere Extrem waren die, welche da sagten: Ach, das Ich ist nichts wert! Das Ich muss sich selber ganz verlieren, muss ganz und gar aufgehen, muss sich alles sagen lassen von außen! – In Wirklichkeit haben sie es nicht gesagt, denn sie reflektierten ja nicht so. Aber das sind die, welche so ihr Ich verleugnet haben, dass sie schwarz davon wurden, weil die äußeren Kräfte, die von der Sonne auf die Erde kommen, sie eben schwarz machten. Nur diejenigen, welche imstande waren, die Balance zu halten in bezug auf ihr Ich, das waren die, welche sich in die Zukunft hinein entwickeln konnten. (S. 292)

Da gab es auch schon diese drei Teile unter den Menschen: Die einen, die ihr Ich wirklich entwickeln wollten, Neues und immer Neues aufnahmen und dadurch wirklich zu Trägern der nachatlantischen Kultur wurden. Es gab die anderen, die ihren Gottmenschen nur aus sich sprechen lassen wollten, und ihr Ich durchdrang sie mit der kupferroten Farbe. Und die dritten, welche nur nach außen hin den Sinn wandten, und dieser Teil wurde schwarz. (S. 294) (…)“

 

Andreas Lichte bei den Ruhrbaronen:

„Waldorfschule: Vorsicht Steiner“ – Interview mit Andreas Lichte

„Kampf bis zur Erleuchtung – Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander“

„Die Waldorfschulen informieren“

„Drei Gründe für die Waldorfschule“

Waldorfschule: „Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“

„Waldorfschule: Lehrer gesucht!“

„Waldorfschule Schloss Hamborn, das anthroposophische Zentrum in Ostwestfalen“

 

Abbildung aus: Rudolf Steiner, „Menschheitsentwickelung und Christus-Erkenntnis”, Seite 245

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Unser Gastautor, der Fotograf Richard Gleim setzte seinerzeit die deutsche Punkszene rund um den legendären Düsseldorfer Ratinger Hof ins Bild. Er war dabei.

Das Ratinger Hof-Buch. Ablichtung ar/gee Gleim
Das Ratinger Hof-Buch. Ablichtung ar/gee Gleim

Jetzt ist ein opulentes Buch zum Hof von damals erschienen.

Bei uns bespricht ar/gee das Buch selbst und richtet einen Aufruf an die Jugend:

Was macht eine Blechkiste so attraktiv? Das ist wie bei einer Pralinenschachtel, der Inhalt.

Weist der Prägedruck von Verpackungen erlesener Pralinen schon auf den Inhalt hin, ist es hier feines Blech mit einem Bild des Ratinger Hofs.

Du wiegst die propere Blechkiste in der Hand und spürst, dass sich darin etwas Wertvolles befindet, etwas das es zu heben gilt.

Du öffnest den Deckel und …. dir fällt ein Bierdeckel entgegen, der sich alsbald als ein Remake der Eintrittskarte zu einem Konzert von WIRE am 09.11.1978 im Ratinger Hof erweist.

Dann entnimmst du ein DIN A4 Foto des Ratinger Hofs auf festem Karton.

Das ist wie in der Geschichte vom Schlaraffenland, das du erst erreichst, wenn du dich durch einen Berg Reis gefressen hast. Dann aber im Schlaraffenland angekommen hebst du ein Buch aus der Kiste, das dir, solltest du damals nicht dabei gewesen sein, eine Welt eröffnet, über deren Existenz du vielleicht schon einmal gehört hast, die du aber nicht gesehen hast. Wer damals dabei war, wird in Erinnerungen schwelgen und vielleicht Dinge erfahren, die er selbst damals übersehen oder sonst nicht mitbekommen hat.

Authentisch und unmittelbar dargereicht von den Protagonisten dessen, was den ‚Hof’ ausmachte, Peter Hein, Franz Bielmeier, Thomas Schwebel, Peter Braatz (Harry Rag), Jürgen Engler, Wolf Lauenroth, Susanne Reimann, Moritz Reichelt, Klaus Audersch, Joost Renders, Michael Schirner, Collin Newman und Graham Lewis von Wire, Ralf Zeigermann und etwas verspätet und am Rande auch von ar/gee gleim als Beobachter.

Ich habe sie nicht gezählt die Bilder, die das Buch enthält. Es sind sehr viele. Die Texte sind sparsam, kurz und prägnant, beeindruckend wie eben Punktexte so sind, obwohl es sich um erzählende Texte und nicht um Punklyrik handelt.

Die Bilder sind die Musik.

Für dich, der du jetzt in dem Alter bist, welches die damaligen Akteure in ‚Hof’ hatten, ist es die Welt aufgeweckter Mütter und Väter.

Das ist keine abgedroschene, zu verachtende Welt sondern ein Ereignis, das bis heute wirkt.

Diese Eltern sahen nicht aus wie Sascha Lobo.

Das kam später und war eine modische Attitüde.

Diese Eltern waren keine braven, angepassten Arschlöcher. Wichtig war, dass die Akteure gleichermaßen auf der Bühne wie vor der Bühne atmeten, tanzten, tranken und etwas lebten, was einzigartig war und ist. Jeder kann es, auch du. Jetzt!

Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen.

Doch eins bleibt, du selbst kannst die Welt aus den Angeln heben. Jeder ist ein kompletter Mensch. Jeder kann sich auf eine tatsächliche oder imaginäre Bühne stellen. Jeder hat das Potential, das Schöne und das Beschissene seiner Gegenwart auszudrücken und mitzuteilen.

Man nennt so was Kunst.

Jeder ist in diesem Sinne Künstler und es ist lächerlich, Angst zu haben, sich in diesem Sinne nicht als solcher zu sehen und zu   e r l e b e n.

Das Buch ruft: „Mach es!“

Das kann heute nicht Punk sein.

Welche Form es annimmt, liegt ganz an dir.

Du bestimmst die Form, Du bestimmst den Inhalt.

Und wenn du es nicht glaubst, dann nimmst du das – dank der geilen Verpackung für eine Ewigkeit gemachte – Buch zur Hand und …. fängst an zu leben.

Viel Spaß dabei.

Es geht ums Leben – das Buch ist somit ein ‚must have’!

Erfahrungsgemäß ist so was bald vergriffen und dann ärgert man sich Jahre lang, dass man jetzt nicht zugegriffen hat.

Hier noch nützliche Daten, falls dein Buchhändler das Buch nicht vorrätig hat und es bestellt werden muss:

Ratinger Hof Buch

Ralf Zeigermann (Hrsg.)

Robert Wiegner Verlag, Königswinter

978-3-931775-13-1

Stoppt die Zensur!

Jusos sollen "Arsch in der Hose haben" - ihr künftiger Chef Veith Lemmen FOTO: www.nrwjusos.de

Veith Lemmen wird am Wochenende zum neuen Vorsitzenden der Jusos in NRW gewählt. Er fordert die SPD in diesem Gastbeitrag auf, den neuen Medienschutzstaatsvertrag (JMStV) neu zu verhandeln – und damit die Meinungsfreiheit zu verteidigen.

Die Novelle des Jugendmedienschutzstaatsvertrages (JMStV) ist derzeit in aller Munde, beziehungsweise eher in aller Finger. Das Thema wird vor allem im Internet heiß diskutiert und die vorherrschende Meinung ist eindeutig: Der Landtag in Nordrhein-Westfalen soll die Novelle ablehnen. In der Offline-Öffentlichkeit scheint man dem – fast schon traditionell – nicht folgen zu wollen, die kritischen Expertinnen und Experten zum Thema finden kaum Gehör. Dabei gilt NRW als letzte Möglichkeit, die Ratifizierung des Vertrages zu stoppen.

Die NRW Jusos lehnen die Novelle ab. Wir haben uns schon seit längerer Zeit klar gegenüber dem Vertrag und der Partei positioniert. Selbstverständlich fühlen sich auch die NRW Jusos dem Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet verpflichtet. Mit der geplanten Novelle des JMStV soll jedoch über die so genannte „regulierte Selbstregulierung“ ein Mechanismus eingesetzt werden, der unserem Begriff von Meinungsfreiheit- und vielfalt nicht angemessen Rechnung trägt. Die Novelle sieht vor, Netzinhalte mit Alterskennzeichnungen zu versehen, ähnlich wie bei der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Dies betrifft nicht nur große kommerzielle Angebote, sondern auch private Blogs und Webseiten kleinerer Anbieter, die sich keine eigene Selbst-Regulierungsabteilung leisten können. Darüber hinaus sind technische Sperren auch (technisch) zu umgehen und verlieren so ihre Wirkung. Ihr einziger Effekt ist, dass Inhalte vor technisch weniger versierten NutzerInnen verborgen werden, die Inhalte aber dennoch weiterhin abrufbar und erreichbar bleiben. Der Jugendmedienschutzstaatsvertrag birgt in der Summe der Maßnahmen die Gefahr von Zensur in sich. Wir wollen keine Zensuransätze, keine unreifen Konzepte mit unklaren Folgen. Daher gibt es aus unserer Sicht nur eine Lösung: Es muss neu verhandelt werden.

Hier wird ein Spannungsfeld, in dem sich eine Parteijugend in Regierungszeiten bewegt, sichtbar. Einfach alle Beschlüsse und das Regierungshandeln der Mutterpartei abzunicken, würde die eigenen Ideen und Ziele verwässern und teilweise verraten. Wer glaubhaft die Ängste der jungen Menschen in NRW formulieren und deren Wünsche in politische Forderungen und Ziele gießen will, der kann – trotz vieler Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten – nicht immer vor der Mutterpartei salutieren. Bei KiTa- und Studiengebühren, Gemeinschaftsschulen, Hochschulräten, Ausbildung und Praktika, um einige Themenfelder exemplarisch zu nennen, gibt es teils unterschiedliche Auffassungen, manchmal beim Ziel, eher aber beim Weg zu einer besseren Politik.

Doch ob, bzw. wann die Jusos letztlich in der Öffentlichkeit lospoltern oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Zu den guten politischen Gepflogenheiten gehört es schließlich, gemeinsam zu diskutieren und sich gegenseitig mit dem notwendigen Respekt zuzuhören. Auch hier kann man als Beispiel den Jugendmedienschutzstaatsvertrag ins Felde führen. Hier werden wir in den nächsten Wochen Gespräche führen und es ist lobend zu erwähnen, dass sich dieser Diskussion von Seiten der Partei auch gestellt wird. Selbstverständlich bleibt offen, was die Gespräche ergeben, aber bei den Jusos gilt, dass wir Standpunkte stets aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.

Hierbei setzen wir auch auf die Bereitschaft der NRWSPD zu mehr Offenheit und Transparenz. Es ist positiv zu erwähnen, dass in der letzten Zeit versucht wurde, eine bessere Beteiligung der Mitglieder zu erreichen. Dieser Prozess der Weiterentwicklung der inneren Demokratie muss fortgesetzt und verstärkt werden. Dabei sollten wir uns alle gemeinsam mehr als bisher der Expertise von anderen Organisationen bedienen. So haben es die Jusos beispielsweise bereits im Zulauf auf die Wahlen getan und sind damit gut gefahren. Das bedeutet einen engen und kontinuierlichen Austausch mit Gewerkschaften, NGOs, bis hin zur Wissenschaft. Ansonsten müsste sich die Partei Beratungsresistenz vorwerfen lassen, meiner Meinung nach konnte man das früher auch teilweise feststellen.

Und hier stellt sich die Frage, wo eigentlich das Lob der Jusos für die SPD bleibt. Da wird es nicht uninteressanter, denn Kritik ist bisweilen leicht ausgesprochen und findet im Zweifelsfall auch leichter Widerhall in der Öffentlichkeit. Allerdings ist Glaubwürdigkeit ein hohes Gut und das bedeutet auch Anerkennung offen zu äußern, da die Welt nun einmal nicht schwarz-weiß ist. In der letzten Zeit, so zumindest der subjektive Eindruck mancher Menschen, hat Politik durch weichgespülte Ja-Sager auf der einen und Pauschalkritiker auf der anderen Seite, an Glaubwürdigkeit verloren. Zusammengefasst kann man sagen, um einfach ehrlich die Meinung zu sagen, fehlen bei manchen die Schultern im Anzug oder der Arsch in der Hose. Auch an dieser Stelle ist es der Anspruch der Jusos, ehrlich zu sein. Sowohl in der Kritik, als auch im Lob. Hannelore Kraft hat in den letzten Monaten viele Menschen davon überzeugen können, dass die SPD es ernst meint mit einem Politikwechsel. Diesen Vertrauensvorschuss hat sie in der Koalitionsbildung mit den Grünen glaubhaft bestätigt und sie musste sich dabei allemal mehr beweisen, als es ein Mann in ihrer Situation vermutlich hätte tun müssen.

Die NRW Jusos werden sich stets an Inhalten und Sachthemen orientieren und von Fall zu Fall entscheiden. Dabei wollen wir unseren Beitrag leisten, um den Politikwechsel umzusetzen und dieses Land zu erneuern, ohne unsere Ideale aufzugeben oder uns zu verbiegen. Wir wollen teilnehmen an der Meinungsbildung in der Partei. Wir wollen die Regierungsarbeit offen und kritisch begleiten. Dabei wollen wir Schultern im Anzug haben. Was mich persönlich angeht, so bin ich kein leidenschaftlicher Anzugträger, aber das hindert mich ja hoffentlich nicht daran, die Schultern dafür zu haben.

Lesen und Selbsterkenntnis

Lesen bildet, Reisen auch – eine kleine Kulturgeschichte vom Lesen und der Selbsterkenntnis. Von unserem Gastautoren Ronald Milewski.

Wenn die Ferienzeit um ist gilt: Wer eine Reise getan hat, hat was zu (v-)erzählen. Mitunter das, was er im Urlaub gelesen hat. Reiserfahrung ist häufig Leseerfahrung. Wir lesen im Urlaub Bücher aus und über die Region, in die wir reisen, Bestseller oder, dazu neige ich, endlich die Fachbücher, zu deren Lektüre wir zu Hause nicht gekommen sind. Schon Augustinus sah sich zu der Metapher genötigt: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon?“  Mancher Urlaubsreisende kriegt vor lauter Bücherlesen die Welt am Urlaubsort kaum mit. Andererseits steckt im Lesen die Chance zur inneren Einkehr. Im Urlaub ist endlich Zeit dazu. Was aber wird aus diesen besinnlichen Stunden, wenn wir mittels neuer Möglichkeiten in Bälde ganze Bibliotheken mit uns führen bzw. auf diese Zugriff haben?

Essen, August 2010, die Bostoner Lese- und Bildungsforscherin Maryanne Wolf erklärt im Interview, dass jedes Schriftsystem unterschiedliche Hirnschaltkreise enerviere. Die WAZ berichtete darüber. Bei Chinesen werde beim Lesen auch das motorische Gedächtnis in Anspruch genommen, Nachvollzug der Schreibbewegungen. Wolf treibt die Befürchtung um, dass die neuen Medien aktuell ein „digitales Gehirn“ produzieren. Ein Gehirn, das nicht lernt, zu fokussieren und sich zu konzentrieren. Sie verweist auf Sokrates, der schon in der Antike der Verschriftlichung unterstellte, dem Menschen lediglich das Gefühl zu geben, etwas zu wissen, und zu verhindern, im Gespräch ein Problem in der Tiefe zu behandeln. Darüber hinaus, so vermutet die amerikanische Professorin, gehe Kindern mit dem Buch ein positiver emotionaler Raum verloren. Einem Kleinkind wiederum fehle mit dem etwaigen Verlust des Vorlesens der Berührungspunkt zu den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der anderen.

Mich hat der Bericht über dieses Interview insofern elektrisiert, als meine Sommerlektüre sich einer ähnlichen Thematik widmete. Es handelte sich dabei in der Tat um ein Sachbuch nämlich Ivan Illichs „Im Weinberg des Textes“. Illich, Philosoph und Theologe, Ex-Priester, prominenter Kritiker des Medizin- und Bildungssystems, Autor zahlreiche Streitschriften, Sympathisant der Befreiungstheologie, hat mich bereits im vergangenen Winter posthum mit einem faszinierenden Titel und einem ansprechenden Einband als Leser eingefangen. Oder war es der Verlag? Der damalige Titel hieß „In den Flüssen nördlich der Zukunft“,  ist so zu sagen Illichs Vermächtnis und basierend auf zahlreichen Interviews mit David Cayley. Er hielt, was er versprach. Beworben wurde er mit der Ankündigung,  Illich weise in den Gesprächen der westlichen Gesellschaft Korruption der christlichen Botschaft nach.

Vom „Weinberg“ wusste ich vor der Lektüre ein wenig mehr als zuvor über die „Flüsse nördlich der Zukunft“. Mir war bekannt, dass der Essay im Grunde eine Buchbesprechung ist, nämlich die des „Didascalicon“ von Hugo von St. Viktor, einem Autor aus dem frühen 12. Jahrhundert. Ich hatte gelesen, dass es sich um eine Handanweisung zur Kunst des Lesens handelt, die an Traditionen der klassischen Antike anknüpft. Aufgrund gelesener Rezensionen wusste ich, dass sich  der Vorsteher der Schule der Augustiner-Chorherren von St. Victor bei Paris zudem durch Gedanken zur „Entstehung des Selbst“ verdient gemacht hatte.  Mir war somit bewusst, dass ich mich auf eine Zeitreise begab und dass es galt, „schweren Tobak“ zu konsumieren: Lektüre für den Sommer zu Hause.

Illich verortet die eigene Studie des mittelalterlichen Textes in den Untertiteln nüchtern-sachlich in die „Zeit, als das Schriftbild der Moderne entstand“. Die weitere Einordnung als „Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘ “ wirkt eher freundschaftlich-vertraulich. Die Einleitung beginnt er mit den Worten: „Dieses Buch erinnert an die Aufkunft des scholastischen Denkens“. Was trieb den Geistesvirtuosen Illich vor 20 Jahren, knapp 10 Jahre vor seinem Tod zu diesem Unterfangen? Oberflächlich gesehen sein Interesse an der Geschichte des Alphabets. Doch Illich wäre nicht Illich, wenn dies alles wäre. Denn Illich kann zumindest vom Anspruch her auch reißerisch-romantisch sein: „Was als Studie einer Technologie begonnen hatte, endete schließlich als neuer Einblick in die Geschichte des Herzens.“

Und diesen Einblick hatte sich Illich zum Zeitpunkt des Erscheinens des „Weinbergs“ bereits 40 Jahre lang gegönnt. Von wegen also vorrangig technisches Interesse an dem „Zeitpunkt, zu dem sich die Buchseite verwandelte und aus der Partitur für fromme Murmler der optisch planmäßig aufgebaute Text für logisch Denkende  wurde“, wie es auf dem Buchrücken heißt.

Illich will die Geschichte eines Umbruchs der Lesekultur erzählen, vom Beginn einer Epoche berichten, deren nahes Ende er wähnt. Dies verrät gleichfalls der Buchrücken. Die eigenen Studien sieht er als Teil eines akademischen Abenteuers. Dieses scheint dazu angetan, das Buch vor dem Bildschirm zu retten. Will er damit auch unsere Herzen retten? Das passende Forschungsprogramm beschreibt er wie folgt: „Und unser Nachdenken über das Überleben dieser Form des Lesens unter der Ägide des ans Buch gebundenen Textes brachte uns darauf, eine Studie der Askese zu beginnen, die der Bedrohung durch die Computer-Literalität ins Auge schaut.“

Was mag unseren Herzen aus seiner Sicht drohen, wenn wir uns der Bildschirm-Literalität hingeben? Die bange Frage sei erlaubt, denn immerhin hatte nach Illich das bibliophile Lesen Katholiken, Protestanten und assimilierte Juden, Kleriker und aufgeklärte Antikleriker zusammengebracht und Humanisten und Naturwissenschaftlern ein gemeinsames Grundverhalten ermöglicht. Zur Kultur des Buches habe – so zu sagen – das Motto ‚Lesen und Lesen lassen’ gehört. Illich wagt für die Ehrenrettung des in Buchform geschriebenen Wortes einen Sprung über 900 Jahre. Für ihn wiederholt sich in unserer Zeit etwas, was sich bereits vergleichbar ereignete, nämlich die Loslösung des Textes von der physischen Realität der Buchseite. Die Technologie dazu liefern ihm zufolge im zwölften Jahrhundert Papier und Alphabet. Das Buch wird tragbar, in den westlichen Schreibstuben werden 300 Jahre vor der Entdeckung der Buchdruckerkunst das Ordnen von Schlüsselwörtern nach dem Alphabet, das Sachregister und eine neuartige Gestaltung der Buchseite erfunden. Das neue Seitenbild, die Kapiteleinteilung, Distinktionen, das konsequente Durchnummerieren von Kapitel und Vers, die neue Inhaltsangabe für das ganze Buch, die Übersichten zu Beginn eines Kapitels, die dessen Untertitel benennen, die Einführungen, in denen der Autor erklärt, wie er seine Darlegungen aufbauen wird, sie alle sind nach Illich Ausdruck eines neuen Ordnungswillens. Doch nicht nur das. Illich interessiert sich zudem für den Einfluss, den die neuen Technologien auf die Geistesverfassung der Menschen hatten. Und er ist dem auf der Spur, was hinter diesen Veränderungen steckte, dem kulturellen Impuls und dem geistigen Zweck. Für ihn ist der Einfluss der Technologie nirgends so gut zu beobachten wie in der Erschaffung von alphabetischen Registern. Mit der „Aufkunft“ des Textes als sorgsam geordnetem Gegenstand werde in der Sozialgeschichte des Alphabets die Gebirgskette zwischen vortextlichem und textgeprägtem Lesen, Schreiben, Sprechen und Denken überwunden

Im Referenzzeitraum, dem ausklingenden zwölften Jahrhundert gehen laut Illich eingedenk der beschriebenen technischen Neuerungen alle anderen Verwandlungen rasend schnell: Das „Hörbuch“ verliert an Boden. Wer lesen kann, liest zunehmend leise. Sofortiger Zugang und sichtbare Anordnung fördern das visuell orientierte Verständnis. Aus dem monastischen Lesen wird das scholastische. Das fromme Leiern und Murmeln während des Lesens verstummt und mit ihm geht ein sozialer Hörraum verloren. Die Ohren des Lesers hören auf, das aufzufangen, was der eigene Mund äußert. Lippen und Zunge halten beim Lesen endlich still. Es ist Schluss mit der unmittelbaren Umwandlung der Buchstabenfolge in Körperbewegungen. Lesen ist nicht länger körperliche Höchstleistung, Inkorporation, leibliche Tätigkeit. Noch Hugos frommes Motto hatte  dagegen gelautet: „Lies die heilige Schrift und trachte, leibhaftig zu erfahren, was sie sagt.“

Wenig später ist individuelles Entziffern angesagt. Schleichend beginnt das, was Illich die Veränderung der Geistesverfassung nennt. Und schon bald wird der Leser seinen eigenen Verstand in Analogie zu einem Manuskript wahrnehmen. Das Lesen wird zu einem Hin und Her zwischen einem Selbst und einer Seite. Das Buch ist nicht länger Weinberg, Garten oder Landschaft einer abenteuerlichen Pilgerreise, sondern Schatzkammer, Mine, Vorratskammer, untersuchbarer Text.

Schon für die Autoren des späten zwölften Jahrhunderts sind Bücher nicht mehr Nahrung für die eigene Erbauung und Meditation, sondern Baustoff für die Errichtung neuer geistiger Gebäude. Der Autor mutiert vom Erzähler einer Geschichte zum Schöpfer eines Textes. „Mit der Lösung des Textes vom physischen Objekt, dem Schriftstück, war die Welt nicht mehr der Gegenstand, der gelesen werden sollte, sondern sie wurde zum Gegenstand, der zu beschreiben war.“ Klartext: Illich.

„Und endlich muss die ganze Welt zur Fremde werden für die, welche vollendet lesen wollen. Wie der Dichter sagt: Heimischer Boden zieht mit besonderem, süßem Gefühl an / Und läßt eingedenk seiner beständig uns sein.“ Originalton: Hugo von St. Viktor. Er formuliert eher vorsichtig, der Philosoph müsse lernen, diesen heimischen Boden zu verlassen. Schon forscher fordert er den Leser schon auf, sich dem Licht, das von der Buchseite ausgeht, auszusetzen. Und zwar, damit er sich selbst erkenne, sein Selbst anerkenne. Im Licht der Weisheit, das die Seiten zum Glühen bringe, werde das Licht des Lesers Feuer fangen und im Feuerschein werde er sich selbst erkennen.

Illich wähnt hierin die Entdeckung dessen, was wir heute „Selbst“ oder „Individuum“ nennen. Mit dem Geist der Selbstdefinition bekomme das Fremdsein einen neuen, positiven Sinn. Insbesondere letzteres scheint fraglich, denn das Bild von der Selbsterkenntnis im Feuerschein soll alsbald buchstäblich wirklich werden. Die Feuer setzen das Fremde jedoch der Vernichtung aus. Es glühen nicht nur Seiten. Hugos Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux hat zu den Kreuzzügen aufgerufen, die gemäß Illich in anderer Form, dem Ethos der Selbstentdeckung frönen, nämlich dadurch, dass „Menschen auf allen Ebenen der feudalen Hierarchie …  die gemeinsame Gedankenwelt verlassen, in der Identität dadurch entsteht, wie andere mich benennen und behandeln, und ihr Selbst in der langen Reise entdecken.“

Entdeckung des Selbst und alsbaldige Kreuzzüge. Ist dies ein historischer Zufall? Illich läßt dies unkommentiert. Stattdessen hebt er, eher technologisch betrachtet, eine Übereinstimmung zwischen der Entstehung des Selbst als Person und dem Abheben des Textes von der Seite hervor. Hugo, den „Entdecker des Selbst“ oder sollten wir ihn besser dessen Erfinder nennen, sieht er auf der friedfertigen und bodenständigen Seite. Dieser verlange vom Leser eben nicht, dass er seine Familie und seine gewohnte Umgebung verlasse, um von Ort zu Ort in Richtung Jerusalem oder Santiago zu wandern, sondern erwarte vielmehr, dass sich der Leser ins Exil begebe, um eine Pilgerreise durch die Seiten des Buchs anzutreten, so zu sagen, das Selbst am heimischen Herdfeuer zu entwickeln, lesend, im Kerzenschein statt brandschatzend.

Was gibt diese Analyse her für die Frage, was aus uns wird, wenn wir erst einmal, mit riesigen virtuellen Bibliotheken ausgerüstet, den Bildschirm absuchen – auf der Reise oder zu Hause? Was wird aus unserer Geistesverfassung? Wie aggressiv ist ein sich aus dieser neuen Lesart ergebendes Selbstgefühl? Was droht dem Selbsterleben mit der Vervielfältigung der Möglichkeiten? Was droht anderen von uns? Wie verändert sich unsere leibliche Leseerfahrung? Was tun die Hände, wenn sie keine Seiten mehr zum Anfassen, Umblättern und zum zärtlichen Glattstreifen haben? Was legen wir unters Kopfkissen? Wen oder was stellen wir ins Bücherregal?

Fragen über Fragen. Illich hält sich mit Antworten zurück. Vielleicht habe ich sie überlesen. Immerhin habe ich meinen Urlaub noch vor mir. Ich denke, ich nehme mal „Das lesende Gehirn“ von der Wolf mit. Vielleicht bergen die 350 Seiten Antworten. Voraussetzung ist allerdings, dass ich das Buch noch rechtzeitig kriege. Die Taschenbuchausgabe, die ich vorbestellt habe, sollte Ende August kommen.
Die Auslieferung verzögert sich laut email.
Ebook wär‘ wahrscheinlich schneller gegangen. Was soll‘s? Die Büchertasche ist eh schon fast voll. Die Schuhtasche allerdings auch – zum Wandern.
Ich bin dann mal weg.
Vielleicht lasse ich die Bücher auch zu Hause.
Gerade erfahre ich vom Vermieter des Ferienhauses, dass sich in diesem eine kleine Bibliothek befindet. Mit Romanen und Sachbüchern, die sich mit der umliegenden Gegend befassen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tale?

Zwischenraum: Probeliegen in Dortmund

Und wieder Dortmund. Heute präsentiert unser Gastautor Christian Werthschulte eine historische Immobilie in Top-Lage.

Ein Touristenmagnet ist das Dortmunder Dortberghaus schon jetzt. Wer die Westfalenmetropole über ihre Freitreppe am Hauptbahnhof betritt, kann gar nicht anders, als den Bauzaun vor dem ehemaligen Bau- und Katasteramt der Stadt Dortmund zu bewundern. Hinter der Fassage herrscht allerdings gähnende Leere – das Haus ist für den Umbau zu einem Hotel entkernt worden. Die bisherige Erfolgsgeschichte des Bauherren KPE deutet allerdings darauf hin, dass dies auch nach dem Umbau so bleibt. Die Zeit dafür ist denkbar knapp, die Baugenehmigung erlischt 2012. Trotzdem wird im Dortberghaus im Moment wird dort jedenfalls nicht gehämmert.

Beste Voraussetzungen also für alternative Nutzungsformen als Kletterhalle, Konzertraum oder Kinosaal. Selbst einen Herkules könnte man hier problemlos montieren. Und auch um die Akzeptanz bei der breiten Bevölkerung sollte man sich keine Sorgen machen: Das Dortberghaus hat für alle etwas zu bieten. Familien mit Kindern finden eine autofreie Zone vor der Haustür und einen Spielplatz in direkter Nachbarschaft auf dem Boulevard. Kunstliebhaber schauen aus dem Fenster auf die Winkelmann-Videos am U und wer es in Dortmund nicht mehr aushält, ist in fünf Minuten am Bahnhof.

Aber auch wer meint, dass Dortmund etwas hanseatischen Flair vertragen könnte, wird am Dortberghaus seine Freude haben. Im Hamburger Gängeviertel war es ebenfalls die Unfähigkeit eines Investors, die breite Teile der Bevölkerung dazu brachte, die Besetzung gutzuheißen.

Fragen zum aktuellen Stand der Dinge nehmen der Bauherr KPE und die Stadt Dortmund entgegen.

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Zwischennutzung: Kunst und Leerstände in New York

Never Can Say Goodbye (located in the space of the former Tower Records music store) Organization: No Longer Empty. Exhibition: Never Can Say Goodbye. Image by: Jodie Dinapoli

Die New Yorker Organisation „No Longer Empty“ bringt Kunst in leerstehende Ladenlokale – und verändert nicht nur Stadtteile, sondern auch die Vorstellungen dessen, wie Kunst präsentiert werden muss. Von unserer Gastautorin Petra Engelke.

„Ich hasse es, wenn jemand uns als „Pop-Up Galerie“ bezeichnet“, sagt Manon Slome, Gründerin von No Longer Empty . „Hinter Pop-Up steht die Idee: Alles geht hinein, wird verkauft, und dann ist es weg und vorbei. Darum geht es uns nicht. Als Organisation sind wir von Dauer, nur unsere Orte wandern.“

Slome verlässt den Pfad des spontan Selbstgemachten, wenn sie Kunst in

An image of the store front and an installation view. Organization: No Longer Empty. Exhibition: Never Can Say Goodbye. Image by: Jodie Dinapoli

leerstehenden Räumen ausstellt. Erstens geht die Initiative nicht von Künstlern, sondern von Kuratoren aus. Zweitens verfolgt No Longer Empty langfristige Ziele: Inhaltlich bindet sie Kunst stark an den jeweiligen Ort, formal setzt sie auf Zugänglichkeit.

Binnen eines Jahres hat die Non-Profit-Organisation zehn Ausstellungen gestemmt, in Räumen, die einmal Plattenladen, Angelgeschäft, Offiziersunterkunft waren – unter anderem mit Künstlern, deren Werke für sechsstellige Beträge gehandelt werden. Eine Installation von Kaz Oshiro etwa war eine Viertel Million Dollar wert.

No Longer Empty verkauft keine Kunst. Trotzdem haben sich auch Yoko Ono, Alyson Shotz, José Parlá und Giuseppe Stampone gern einladen lassen. Schließlich hat Manon Slome einen guten Ruf in der Kunstwelt. Sie arbeitete sieben Jahre im Guggenheim Museum und war von 2002 bis 2008 Chef-Kuratorin des Chelsea Art Museum. Als sie dort kündigt, weiß sie nur eins: Sie will nicht mehr für eine Institution, sondern als freie Kuratorin arbeiten.

Eigentlich ist sie nur auf der Suche nach einem neuen Thema. Ihr fallen all die leeren Räume auf, die durch die Rezession entstehen. In Gebieten, die einmal für das boomende New York standen, etwa auf der Madison Avenue oder in SoHo, macht ein Geschäft nach dem anderen dicht. Daraufhin geht der Fußgängerstrom zurück, und die Nachbarschaft trudelt in eine Abwärtsspirale. Bald denkt Slome an eine Ausstellung, die darauf Bezug nehmen soll. Doch die Idee entwickelt eine Eigendynamik.

Im Sommer 2009 eröffnet No Longer Empty eine Ausstellung in einem ehemaligen Angelgeschäft. „So etwas kann man doch nicht ignorieren!“, findet Slome. Das Stichwort „standortspezifisch“ entwickelt sich zum Kern der Arbeit von No Longer Empty. Slome und ihre Kollegen informieren die Künstler darüber, was der Ort früher war, sie recherchieren auch über die Nachbarschaft und ihre jüngere Geschichte. „Und die Künstler reagieren auf den Ort: Sie zeigen Kunst, die in dieser Umgebung funktioniert.“

Ganz unterschiedlich reagieren die Vermieter, wenn sie gebeten werden, Räume

Clive Murphy Why x Why Organization: No Longer Empty. Exhibition: The Sixth Borough. Image by: Kathy Zeiger

und Betriebsmittel kostenlos zur Verfügung zu stellen. Freimütig sagt Slome: „Manche verstehen es überhaupt nicht. Andere sehr wohl. Schließlich ist es das schlimmste für ein Ladenlokal, wenn es lange leersteht.“ Bei einer Vernissage sagt ihr ein Vermieter, er hätte niemals die Werbung bezahlen können, die ihm so viele Leute – potenzielle Interessenten – bringe. In die Räume einer am Wochenende beendeten Ausstellung in East Harlem wird nun ein Restaurant einziehen. Es ist eins derjenigen Restaurants, die No Longer Empty um Catering-Spenden gebeten hatte.

Trotzdem gibt es auch negative Reaktionen. Bewohner des Chelsea Hotels, dem der erste Ausstellungsraum gehört, beschweren sich: Die Vorgänger hätten gehen müssen, weil die Mieten zu sehr angehoben wurden, und No Longer Empty würde dem Ganzen jetzt auch noch eine hübsche Politur geben. Aber das, so Slome, sei das einzige Mal gewesen, dass es Ärger gegeben habe.

Jedenfalls von dieser Seite. Kunstkritiker schreiben auf einem anderen Blatt. Einen Artikel in der NewYork Times empfindet Slome als Verriss. „Der Tenor war: So etwas sollte uns, den Experten, überlassen bleiben“, meint sie. „Wir haben daraufhin zig E-Mails bekommen, die besagten: Wenn diese Kritiker nicht von ihrem Elfenbeinturm herunterkommen, werden sie die Veränderungen verpassen.“

Kunst-Snobismus ist Manon Slomes Lieblingsfeind. Die Art und Weise, wie man in Galerien vom Personal behandelt wird, entlockt ihr kurz einen sarkastischen Ton. Damit die Grenzen zwischen Kunst und Publikum verschwinden, schneiden sie bei No Longer Empty Begleitprogramme auf die Nachbarschaft zu, laden Kinder zum Zeichnen ein, schulen Ausstellungswächter darauf, alle Besucher persönlich zu begrüßen und Fragen zu beantworten.

Auch Manon Slome schiebt Schichten als Aufsicht. Und wie die meisten ihrer Mitstreiter bekommt sie kein Gehalt. Aber das ist keine Basis für Slome. Sie arbeitet daran, die USA-spezifischen Grundlagen dafür zu schaffen, Fördergelder zu bekommen, Mitgliedschaften aufzubauen und Spenden zu akquirieren.

Manchmal helfen die Galerien bei der Finanzierung von Installationen. No Longer Empty hat auch schon Prints angeboten, weil einer der Künstler das gern wollte. Zwei sind über den Tisch gegangen. „Wir sind im Einzelhandel noch nicht sehr gut“, sagt Manon Slome und lacht. „Aber ich würde natürlich gerne etwas aufbauen.“ T-Shirts hatten sie schon, jetzt denkt sie an limitierte Auflagen, einen kleinen No Longer Empty-Store.

Nur eines kann sie sich nicht vorstellen: einen festen Raum für Ausstellungen. „In dem Moment, wo man eigene Räume hat mit ihren Fixkosten, ist man an eine bestimmte Art von Arbeiten gebunden. Und ich liebe die Ortsbezüglichkeit. Ich würde die Herausforderungen vermissen, die dieser Ansatz mit sich bringt.“

Petra Engelke  lebt in New York – und schreibt darüber in ihrem Blog Moment: ny.p.eng.de.

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Zwischennutzungen und Kreativquartiere Ruhr

Wer hat an der Uhr gedreht? Warum laufen plötzlich alle in die gleiche Richtung? Kreativwirtschaft und Zwischennutzungen sind DER Trend aktueller Stadtentwicklungspolitik. Und dies von oben wie von unten. Unserer Gastautorin Svenja Noltemeyer ist eine der Sprecherinnen der Initiative für ein Unabhängiges Zentrum in Dortmund und sitzt für die Grünen im dortigen Rat.

Unter den Stichworten europäische, offene, soziale und kreative Stadtentwicklung findet man das Thema Zwischennutzungen in vielen Städten der Republik. Die Wächterhauser aus Leipzig, die Hamburger Gängeviertelinitiative und die Zwischenzeitzentrale in Bremen sind gute Beispiele wie Stadtplanung heute gemanaged werden kann. Nämlich in aktiver Einbeziehung der Arbeits- und Kreativkraft der Bürger und ausgelegt auf Besinnung und Belebung stadtbaukulturell interessanter und identitätsbehafteter Leerstandsimmobilien, die für den konventionellen Vermarktungsprozess nicht mehr attraktiv sind. Auch Freiflächen, die aus Gründen des demografisch bedingten Schrumpfungsprozesses durch Rückbau nicht mehr benötigter Industrie-, Gewerbe und Wohngebäuden entstehen, sind Potenzial für Zwischennutzungen.

Im Ruhrgebiet hat durch die Aktivitäten, Netzwerke und Themenfelder, die durch die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 entstanden sind, die kreative Raumaneignung städtischer Möglichkeitsräume begonnen. Neben den Planungen der großen Kreativquartiere wie beispielsweise das Dortmunder U, die Zeche Zollverein in Essen und die Zeche Lohberg in Dinslaken durch ECCE, die Wirtschaftsförderungen, Kultur- und Stadtplanungsämter, gibt es Bürgerinitiativen, die diese Idee für sich interpretieren.

Das t.a.i.b. und die Marienkirche in Bochum beispielsweise sind Orte im bestehenden Kreativquartier Viktoria rund um das Bermudadreieck, die von Kreativen selbst genutzt und organisiert werden. Durch eine temporäre architektonische Intervention auf der Freifläche beim ehemaligen Güterbahnhof, dem t.a.i.b., hat sich bereits beim Aufbau eine Gruppe gebildet, die Raum für kulturelle Projekte sucht. Die konstante Bespielung des Areals sowie die regelmäßigen Gruppenplenar zu langfristigen Nutzungsmöglichkeiten der interessanten Fläche (viel Freiraum in innerstädtischer Lage), die auch von Akteuren der Stadtverwaltung und ECCE begleitet wurden, führten zu neuen Kommunikations- und Planungsstrukturen im Kreativquartier Viktoria. Dem Ziel der Stadt „Belebung ungenutzten Raums“ steht nun eine kreative Nutzergruppe als Ansprech- und Umsetzungspartner zur Verfügung, die Raum und Kultur/Kunst/Kreativität zusammenführt. Wenn die Stadtverwaltung nun intensiv nach kreativen Lösungen sucht, solche (Zwischen)nutzungen formal möglich zu machen (Brandschutz, Sicherheitsaspekte etc.), werden weitere Projekte zukünftig umgesetzt werden können und damit eine kreative, offene und soziale Stadtentwicklung sichtbar.

In Nachbarschaft zum t.a.i.b. steht die Marienkirche, für die auch im Rahmen der Kulturhauptstadtaktivitäten lange Zeit mögliche Nachnutzungen gesucht wurden. Sie ist heute offener Proberaum für Urbanatix. Dort konnte die showproduzierende Streetartszene begünstigt durch das Kulturhauptstadtsiegel Kontakt zum Probst aufnehmen, der den Sportambitionen und sozialen Bestrebungen der Gruppe aufgeschlossen war. Durch die zwei Projekte gewinnt das Kreativquartier Viktoria, auch ohne Konzerthaus, enorm an Fahrt.

Nebenan in Dortmund zeichnet sich rund um den U-Turm, speziell im Stadtumbaugebiet Rheinische Straße eine ähnliche Entwicklung kreativer Stadtplanung ab. Mittelpunkt und Anlaufstelle für Kreative und junge Gründer ist hier der Union Gewerbehof an der Huckarder Straße. Früher durch Besetzung vorm Abriss gerettet, gilt der Gewerbehof heute als gewachsenes Kreativquartier, das seit Jahrzehnten viele kreativwirtschaftlich tätige Kleinstunternehmer beherbergt und auch Austragungsort der Kreativen Klasse in Dortmund ist. Das Quartier Rheinische Straße hat großes Entwicklungspotenzial (viel Altbau, viele Freiflächen, viel Leerstand, bunte Bewohnerschaft) und in den letzten Jahren gute Kommunikationsstrukturen geschaffen, um als Anziehungs- und Vermittlungspunkt für Kreative zu funktionieren. Die Unternehmensberatung FunDo kümmert sich beispielsweise um Raum Suchende und entwickelt mit dem Blauen Haus e.V. ein Zwischennutzungsprojekt gegenüber dem ehemaligen Lokal Donnerschlag, langjähriger Treffpunkt der Dortmunder Nazis an der Rheinischen Straße. Hier wird, durch private Mittel des Eigentümers ermöglicht, im Rahmen von Beschäftigungs- und Fortbildungsmaßnahmen der ARGE durch Arbeitslose ein stark sanierungsbedürftiges Haus wiederbelebt und für kreative Nutzungen geöffnet.

Im Konsultationskreis Rheinische Straße kommen seit Beginn des Stadtumbaus regelmäßig Politiker und Bürger aus dem Bezirk Innenstadt-West zusammen und besprechen direkt mit der Verwaltung, wo es im Quartier noch hapert und geben Ideen weiter, wie das Wohnumfeld konkret verbessert werden kann. Aus diesem Kreis hat sich gleich zu Beginn aus engagierten Anwohnern der Rheinische Straße e.V. gegründet, der in enger Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement eine regelmäßig erscheinende Quartierszeitung erstellt und in thematischen Arbeitsgemeinschaften (Kultur, Westpark etc.) konkrete Projekte initiiert.
Neben den vielen neuen Gründern, die es auch in Eigeninitiative in den attraktiven Stadtteil (günstig, zentral, gute Infrastruktur) gelockt hat und diesen nun beleben, wie zum Beispiel dem Künstlerkollektiv Salon Atelier, gibt es weitere Entwicklungspläne der Kreativen selbst. Das sogenannte Amt für neue Ordnung soll hier entstehen, ein Coworking Space, in dem Kreative ihren einsamen Heimschreibtisch günstig gegen einen Platz in einem bunt besetzen Grossraumbüro tauschen können. In der Umnutzung des ehemaligen Ordnungsamts (daher der Name..) können in der Kaffeepause oder im Hausflur Kontakte zu potenziellen Auftragspartnern aufgebaut und verschiedene Raumangebote (beispielsweise einen Besprechungsraum, in dem man mit Auftraggebern verhandeln kann) genutzt werden.

Neben diesen Aktivitäten von unten gibt es auch Pläne von oben in Dortmund. So soll demnächst ein Kreativwirtschaftszentrum den Park der Ideen unter dem U-Turm bereichern und als attraktiver Standort für die Kreativwirtschaft dienen. In wie fern dieser eigentlich sinnvoll und nötig ist, müssen Verwaltung und Politik entscheiden. Hauptsache bleibt, dass die Initiativen und Projekte von den Bewohnern selbst ebenso, wenn nicht sogar stärker, gewertschätzt und unterstützt werden wie die großen Pläne von oben. Da jedoch die Bedeutung von Zwischennutzungen und kreativen Entwicklungen erkannt wurde (siehe Kreativquartierstypologie von ECCE) und sich aktuell die Dortmunder Verwaltung und Politik ins Zeug legt, den aktuellen Forderungen der Kreativszene nach einem unabhängigen Zentrum (UZ Dortmund) nachzukommen, ist zu erwarten, dass sich dieses Denken fortsetzt. Vielleicht auch eine Antwort auf die schwierige Haushaltssituation. Aber wenn dies auf die verstärkte Umsetzung des Rechts auf Stadt der Bürger hinausführt und die aktive Bürgerschaft Ihre Stadtentwicklungsziele und Projekte tatsächlich durch breite Unterstützung umsetzen kann, umso besser.

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Pleitgen zum Sprachpanscher des Jahres gekürt

Fritz Pleitgen Foto: WDR

„Sprachpanscher 2010“ – diese  Auszeichnung erhielt Ruhr.2010-Chef Fritz Pleitgen heute vom Verein Deutsche Sprache (VDS) in Dortmund. Der Grund: Der öffentliche Auftritt der Kulturhauptstadt-Macher strotze vor Anglizismen, genauer gesagt „denglischen Imponiervokabeln“. Von unserem Gastautor Uwe Herzog.

Besonders stieß den Juroren der Begriff „Volunteers“ anstelle von „Praktikanten“ auf: „Hier hätte Pleitgen seine Autorität mehr in den Dienst der deutschen Sprache stellen können,“ so der VDS in einem Zeitungsbericht.

Nun, Fritz Pleitgen hätte seine „Autorität“ natürlich auch noch dazu nutzen können, sich um die Sicherheit seiner „Volunteers“ bei der Loveparade in Duisburg ein wenig Sorgen zu machen.

Laut einem internen Dokument der Lopavent (Vermerk: „Ausschließlich für den Dienstgebrauch“) waren die Volunteers nämlich damit beauftragt, in dem Gedränge – neben Kondomen und Tattoos – auch 50 000 Kärtchen zu verteilen, auf denen der Lageplan und die Zugangswege zu der Veranstaltung aufgezeichnet waren.

Pleitgen hätte sich ruhig mal eines dieser im Auftrag der Ruhr.2010 entworfenen Kärtchen zeigen lassen sollen – dann hätte er mühelos darauf den Tunnel erkannt, der später zur Todesfalle wurde. Und von dessen Existenz er zuvor absolut nichts gewusst haben will.

Aber vielleicht stand da ja gar nicht „Eingang“ und „Ausgang“ sondern „entrance“ und „exit“ oder beides … jedenfalls nicht „Tunnel“, nicht wahr, Herr Pleitgen?