Fußball: Dem Mythos sein zu Hause

Wenn sich die Fußball-Berichterstattung via Print, Hörfunk oder TV dem Ruhrgebiet annimmt, sprudeln die Klischees vom „Malocher-Fußball“ gerade so. Blumige Sätze wie „Hier wird Fußball noch gearbeitet“ oder „Das Publikum will die Spieler vor allem kämpfen sehen“ reihen sich aneinander. Mit der  Wirklichkeit hat das oft nichts zu tun. Von unserem Gastautor Ludger Claßen.

Das berühmte Zitat des 2009 verstorbenen Rolf Rüssmann „Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“ gilt dabei fast als regionales Glaubensbekenntnis. In der gesamten Fußballrepublik gilt die Gleichung: „Ruhrgebiet gleich Arbeit gleich Fußball“. Die industrielle Arbeitswelt, so die gängige Auffassung, hat das Ruhrgebiet und den Fußball geformt und beide hervorgebracht. Die Geschichten aus der Geschichte des Revier-Fußballs handeln immer davon, wie der SPIEGEL schrieb, dass „Fußball und Arbeit noch Brüder waren“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Gleichung „Arbeit = Fußball = Ruhrgebiet“ historisch nur teilweise anzuwenden ist und gerade für das erste Viertel des 20. Jahrhunderts nicht zutrifft.

Bürgerliche Fußlümmelei

„Schalke um die Jahrhundertwende: ein Kumpel-Dorf. Rund um die Zeche Consolidation als ‚Brötchengeber‘ kleine, in die Brachwiesen hingeduckte Siedlungshäuser, schmucke Gärten dahinter mit Stallgebäude. Qualm und Ruß in der Luft. Mittagsschicht. Die Frauen mit dem Henkelmann in der Hand – Essen für die Malocher unter Tage. Kohleabbau in den fetten Flö-zen fast 1.000 Meter unter der Erdoberfläche. Wer nicht im Pütt schuftete, malochte am Hochofen oder an der Walzstraße. Das war Heimat. Identität. Fußball – das war ein Stück ‚wirkliches‘ Leben. Das gehörte zum täglichen Einmaleins wie der Qualm aus Schalker Schloten“, entwarfen Hans-Josef Justen und Jörg Loskill in ihrem Buch „Anstoß. Fußball im Ruhrgebiet“ (1985) das Entstehen des Traditionsvereins im Revier als sozial-romantisches Bild. Nur: Auch an Ruhr und Emscher waren es um 1900 vor allem junge Bürgersöhne der Höheren Lehranstalten, Angestellte und Akademiker, die den als „englische Krankheit“ und „Fußlümmelei“ diffamierten neuen Sport huldigten. Der Wittener FC, 1892 aus dem Real-Gymnasium entstanden, ist der älteste Fußballclub der Region. In Herne gründete sich im Jahr 1904 ein distinguierter „Club“, dessen erster Versammlungsort der „Rittersaal eines Schlos-ses“ war. Mit stolzer Brust und in roten Schärpen auf weißer Bluse präsentierten sich die Fußballer des „S.C. Westfalia Herne“ in voller Fußballausrüstung dem Fotografen.

Fußball wurde vor allem zu einem Teil der Angestelltenkultur, und man versuchte, in Habitus, Kleidung und mit Vereinsnamen wie „Borussia“ oder „Westfalia“ die den Angestellten ver-schlossene Welt des studentischen Verbindungswesens zu imitieren. Bis in die 1920er Jahre dominierten im Ruhrgebiet drei Vereine, in denen Arbeiter bestenfalls am Rande eine Rolle spielten: der Duisburger Spielverein (bis 1927 zehnmal Westdeutscher Meister), ETB Schwarz-Weiß Essen und der Duisburger Sport-Club Preußen. Die ersten Hochburgen des Fußballs waren denn auch Dienstleistungszentren wie Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Köln und Frankfurt.

Der Durchbruch zum Massensport

Aber wie entwickelte sich nun der Fußball von der aristokratisch-bürgerlichen Exklusivität hin zum Massenphänomen? Laut einer viel zitierten Studie des Historikers Siegfried Gehr-mann („Fußball – Vereine – Politik. Zur Sportgeschichte des Reviers“, Essen 1988) erklärt sich der Siegeszug des Fußball in der Arbeiterschaft aus einer Veränderungen in der Arbeits-welt: dem Achtstundentag und einem daraus entstehenden ausreichenden Freizeitbudget. Tatsächlich wurde die neue Arbeitszeitregelung jedoch erst 1923 eingeführt, der Siegeszug des Fußballs hingegen setzte direkt nach Ende des Ersten Weltkriegs ein. 1913 hatte der DFB über 160.000 Mitglieder, die sich 1920 auf über 756.000 fast verfünffachten. Auch die Zuschauerzahlen explodierten: Vor 1914 fanden Schlagerspiele vor hunderten von Zuschauern statt, nach 1918 kamen nun zehntausende. Tatsächlich war die Initialzündung für den Siegeszug des Fußballs der Erste Weltkrieg. Besonders folgenreich für seine massenhafte Verbreitung war ein Militär-Turnerlass, der 1910 den Sport in den Ausbildungsplänen der Armee verankerte.

„Die Erfahrung, dass das Fußballspiel bei weitem das beste Bewegungsspiel für die Mannschaften ist, habe ich überall bestätigt gefunden. Neben den Vorzügen, die überhaupt aus dem Sport für Körper und Geist erwachsen, Gelenkigmachen und Kräftigen des Körpers, Steigern der Entschlussfähigkeit und Energie, Konzentrieren der Gedanken auf ein Ziel, hat der Fußballsport noch den großen Vorzug, der gerade in militärischer Hinsicht sehr schätzenswert ist: er zeigt dem Mann die Notwendigkeit der Unterordnung und den Erfolg der Zusammenarbeit“, heißt es in einer Denkschrift des Admiral von Prittwitz-Gaffron. Diese Herkunft kann der Fußball bis heute nicht verleugnen, ist doch seine Sprache von militärischen Begriffen ge-prägt: „Schuss“, „Flanke“, „Deckung“, „Sturm“, „Flügel“, „Feld“, „Schlachtenbummler“ und was es da sonst noch alles gibt.

Und so ist es auch nichts mit der Schwärmerei, der Fußball begann seine Karriere als „subversives Element gegen die Deutschtümelei, den deutschen Militarismus und die deutsche Autoritätsfixiertheit“, denn er verdankt seinen Durchbruch dem Interesse der Reichswehr, die militärischen Produktivkräfte ihrer Soldaten zu verbessern – eine nicht gerade mit Subversion und Antimilitarismus identifizierbare Zielsetzung. Der Gründungsmythos des Fußballs im Ruhrgebiet, das „wilde Kicken“ auf Straßen und Hinterhöfen sei adäquater Ausdruck des Lebensgefühls und habe den Fußball quasi naturwüchsig hervorgebracht, bedarf daher mindestens einer Überprüfung, wenn nicht gar einer Revision.

Fußball und Kommerz

In der Weimarer Republik entwickelte sich der Sport allgemein zum Teil einer populären Massenkultur. Auch der Fußball war erwachsen geworden und mit ihm das Umfeld des Spiels. Zigarettenmarken warben mit dem Bild eines „bekannten Fußballspielers in jeder Packung“, eine Dose Schuhwichse der Firma Erdal enthielt „zwölf Fußballsammelkarten“, Fußballzeitschriften waren massenhaft am Kiosk zu kaufen, Mannschaften aus den Profi-Ligen Englands, Österreichs und Ungarns gastierten im Ruhrgebiet, um ihre Spielkunst vorzuführen. In unmittelbarer Reaktion auf diesen neuen Zuschauerandrang entstanden Stadien wie die „Vestische Kampfbahn in Gladbeck“ (1928), die Kampfbahn „Rote Erde“ in Dortmund (1926), die „Kampfbahn Katzenbusch“ in Herten (1925) oder die „Schwelgern-Kampfbahn“ in Duisburg-Marxloh (1925). Die Vereine kalkulierten mit den Zuschauereinnahmen und konnten schon mal hier und da aus „schwarzen Kassen“ die Spesen einiger Spieler begleichen. Der Fußballsektor entdeckte seine wirtschaftliche Potenz, nur der DFB verharrte auf seiner Position zum Amateurstatus. Eine Haltung, die zu einem guten Teil ideologisch begründet war, da Individualismus und soziale Aufstiegsmöglichkeiten durch den Sport nicht im Sinne der bürgerlichen Funktionärsriege waren, die an einer deutsch-nationalen und wertkonservativen Definition des Fußballs festhielt. Für sie war Fußball körperliche Ertüchtigung eines elitären, nationalen Geistes zum Wohle des Vaterlandes und keine professionelle Spiel-kunst zur Unterhaltung der Massen.

Zu den vielen Geschichten des Ruhrgebietsfußballs gehört die Überlieferung, die Spieler hät-ten früher „für ein Butterbrot“ gespielt. Im Mittelpunkt habe die Fußballbegeisterung gestanden, Geld habe nie eine Rolle gespielt. An dieser Stelle folgt unweigerlich der Hinweis, dass der Kommerz den Fußball kaputt macht. Dabei ist historisch gesehen genau das Gegenteil der Fall: Ohne den entlohnten Fußball hätten die Arbeiterstars von einst nie ihren Aufstieg geschafft. „Mit den Kohlen, die ich gehauen habe, hätte ich noch nicht einmal einen Kessel Wasser heiß gekriegt“, soll die Schalker-Legende Ernst Kuzorra einmal bekannt haben. Er arbeitete auf der Schachtanlage Consolidation am Leseband über Tage und kam als Bremser und Schlepper auch unter Tage vor Kohle. Allerdings malochten oft die Kumpels für ihn, während der Fußballhochbegabte sich ausruhen konnte. Zu den Vergünstigungen am Arbeitsplatz kamen noch die inoffiziellen Zuwendungen des Vereins, die bald zum Konflikt mit dem Westdeutschen Spielverband führten. Im August 1930 wurden nahezu alle Spieler der ersten Mannschaft wegen Annahme überhöhter Handgelder zu „Berufsspielern“ erklärt und aus dem Westdeutschen Fußballverband ausgeschlossen. Eine Maßnahme, die durchaus als „Tätlichkeit“ des bürgerlichen Establishments gegen den aufkommenden und aufmüpfigen Arbeiterverein zu verstehen ist. Die „Schalke-Affäre“ schlug monatelang ungeahnte Protestwellen, und der Verband sah sich gezwungen, die Spieler nach einem Jahr zu begnadigen. Zu spät für den Geschäftsführer Willy Nier. Er beging Selbstmord im Rhein-Herne-Kanal.
Für die damalige Summe illegaler Spielergehälter würde sich heute ein einzelner Bundesligaspieler vermutlich noch nicht einmal umziehen; und dass das Spiel Schalke 04 gegen Arminia Bielefeld im Bundesligaskandal der Saison 1970/71 für insgesamt 40.000 Mark verschoben wurde, wäre als Siegprämie für heutige Bundesligaprofis vermutlich ein zu geringer Anreiz, um ein engagiertes Spiel zu liefern. Die Dimensionen haben sich halt ins Exorbitante verschoben.

Mythos und Marketing

Auch das Aufblühen des Fußball-Westens in den 1950er Jahre ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass das Ruhrgebiet als schwerindustrielles Zentrum wirtschaftliche Stärke mit großer Bevölkerungsdichte vereinte. Der Ballungsraum bot ein ausreichendes Potential an Spielern und Zuschauern. Und die „Kohle“ kam auch nicht nur von den Zuschauern. Vor der Einführung der Bundesliga und des „Profis“ 1963 konnten spielstarke „Vertragsamateure“ nur dann an Vereine gebunden werden, wenn Geld unter der Hand gezahlt wurde und die Spieler über Anstellungsverträge ohne vollen Arbeitseinsatz bei Vereinsmäzenen ein Einkommen erzielten. So wurde die Zeche Nordstern zum „Sponsor“ des STV Horst-Emscher. Als 1949 das Vertragsspielerstatut eingeführt wurde, das erstmals direkte Zuwendungen an die Spieler zuließ, bekamen die Emscher-Husaren im Lohnbüro des Pütts das Geld ausgezahlt. Die Zeche Ewald-Fortsetzung in Oer-Erkenschwick wurde zum Arbeitgeber für die Schwarzroten der SpVgg. Erkenschwick und das Stimberg-Stadion lag direkt gegenüber dem Pütt. Die Spieler zogen sich in der Waschkaue um. Als Stahlarbeitervereine galten Hamborn 07 und die Borussia vom Borsigplatz – sie wurde unterstützt von Thyssen und Hoesch. Der 2008 verstorbene Schriftsteller Hand Dieter Baroth schrieb 1988 „Jungens, euch gehört der Himmel“, in dem er die Verhältnisse und Geschichten der alten Oberliga West rekapitulierte. Als das Buch im Klartext-Verlag auf den Markt kam, mussten die Bestellungen Waschkörbeweise bearbeitet werden. Das Buch erschien genau in einer Phase des Strukturwandels, in der mit dem Ver-schwinden der Schachtanlagen und Bergwerke die Erinnerung an das „alte Ruhrgebiet“ salonfähig wurde. Und der Fußball gehörte dazu, denn gerade die Vereine der Oberliga West symbolisierten eine Einheit von Sport, Arbeit, Stadtteilkultur, Menschen und Identität, die vor dem Hintergrund des damals aus Reviersicht höchst bedrückenden Profifußballs – die 1980er Jahre waren die erfolgloseste Zeit des Reviers seit Einführung der Gauliga 1934 – in vielerlei Hinsicht geradezu idyllisch wirkten.

Gleichzeitig ist die Gleichung „Krise des Bergbaus und der Montanindustrie = Niedergang des Revierfußballs“ auch zu kurz gegriffen. Der Absturz von Borussia Dortmund und Schalke 04 nach den ersten Jahren der Bundesliga scheint eher hausgemacht. Mitunter wurden die klassischen Ruhrgebietsmythen der Tradition, des sozialen Zusammenhalts, der wirtschaftlich Schwächeren und Gebeutelten von Vereinsführungen und Präsidenten auch als Legitimation des Versagens benutzt. „Wer es bei Versammlungen verstand, diese Mythen zu vertreten, das Gefühl der Anwesenden anzusprechen, sich auf Tradition zu berufen und vage Versprechungen zu machen, konnte genügend Stimmen erhalten – und anschließend im alten Trott weiter machen. Während andernorts neue Wege beschritten wurden, erfolgreiche Trainer über längere Zeit arbeiten konnten und neue Strukturen entstanden, blieb der Ruhrgebietsfußball auf sich bezogen und in seinen Mythen befangen“, liest der Sozialwissenschaftler Franz-Josef Brüggemeier der Vereinspolitik der 1970er und 1980er Jahre die Leviten. Vereine in vergleichbaren industriellen Krisenregionen wie Liverpool und Manchester erlebten während der Zeit eine vollkommen andere Entwicklung.

Vielleicht könnte die Einsicht, dass Fußball immer schon mit Kommerz zu tun hatte, den Blick dafür schärfen, was den Fußball der Gegenwart ausmacht und in welche Richtung sich die „schönste Nebensache der Welt“ bewegt. Der Ruhrgebietsfußball ist ungebrochen lebensfähig. Mythos und Marketing können wirtschaftliche Prosperität und damit sportliche Erfolge wirksam fördern, was man in oder auf Schalke und rund um die Geschäftsstelle des BVB nicht erst seit einigen Jahren beherrscht. Zum Mythos geworden lässt sich das veränderte Ruhrgebiet und auch der Fußball offenbar leichter auf den Begriff bringen – und auch besser vermarkten. Im Jahr 1997 skandierten Bergleute bei einer Demonstration für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze in Bonn lautstark „Ruhrpott“; Anhänger des BVB und des S04 nahmen dies als Schlachtruf bei den Siegen ihrer Vereine im selben Jahr in den europäischen Wettbewerben auf. Der Schlachtruf ertönte nach dem Rückzug von Kohle und Stahl und ist dennoch kein Abgesang auf das untergegangene Ruhrgebiet des Bergbaus und der Schwerindustrie. Die Region bekennt sich vielmehr zu einer historischen Identität und markiert ein neues Selbst-bewusstsein. Mit gänzlich neuen Marketingoptionen.

Ludger Claßen ist Verleger. Schon Ende der 1980er Jahre brachte er in seinem Essener Klartext Verlag Fußball-Bücher heraus, die das Spiel und seine sozialen Verankerungen ernst nahmen, bevor der sinnstiftende Begriff „Fußball-Kultur“ überhaupt von den Feuilletons entdeckt wurde. In seinem historischen Exkurs räumt er mit einigen Mythen zum Ursprung des Fußballs im Ruhrgebiet auf. Der Text ist aus dem Buch Heimspiel B1, das im Klartext Verlag erschienen ist.

Reuters führt Gedankenpolizei ein

Die Nachrichtenagentur Reuters ist eine der ältesten der Welt. Gegründet wurde sie 1850 an der belgischen Grenze, um Börsennachrichten zu verbreiten. Heute sitzt die Agentur als internationaler Konzern in London. Lange war Reuters ein Vorbild für seriösen Journalismus, unabhängig und frei. Doch diese Tage könnten vorbei sein, wie unser Gastautor Paul Julius R. aus Aachen schreibt. Was Konzern-Fremde über privaten Äußerungen von Reuters-Reporter denken, soll über deren Job entscheiden. Hier seine Gedanken zur Einrichtung einer Reuters-Gedankenpolizei:

Reuters, die nach eigenen Worten größte Nachrichtenagentur der Welt, die ihre Integrität und Unabhängigkeit von einer eigenen Stiftung garantieren läßt, legt seine Journalisten an die Kandare: Die Chefredaktion hat die Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass alles, was sie außerhalb ihrer Arbeit sagen oder tun, Folgen für ihr Arbeitsverhältnis haben kann, sollte es aus irgendwelchen Gründen auf Missfallen stoßen.

In einer Email weist Chefredakteur David Schlesinger darauf hin, dass es aufgrund des Internets und sozialer Netzwerke nun wesentlich leichter sei nachzuvollziehen, wes Geistes Kind ein Journalist denn sei – und dass dies ihn durchaus für seinen Job disqualifizieren kann.

Er nennt mehrere Beispiele aus anderen Medienorganisationen, wie z.B. CNN, die eine Mitarbeiterin feuerte, weil diese in einem Tweet einen gestorbenen Angehörigen der Hisbollah als „Giganten“ bezeichnete, den sie „respektiere.“ Oder die Geschichte eines Bloggers der Washington Post, der kündigte, weil er in einer privaten Diskussionsgruppe abfällige Kommentare über die US-amerikanischen Konservativen machte, über die er auch beruflich berichtete.

Ohne sich die Einstellung CNNs oder der Washington Post zu eigen zu machen, sagt Schlesinger, dass im Internet gemacht Kommentare Rückschlüsse zulassen, ob ein Reporter in der Lage ist, seine Arbeit zu machen.

“Wenn man Leuten Grund oder Anlass gibt, seine Fähigkeit anzuzweifeln, ein fairer oder objektiver Journalist zu sein, wird das notwendigerweise Einfluss auf unsere Möglichkeit haben, jemandem Aufträge zu geben oder auf dem Dienst veröffentlichen zu lassen.”

Die Fülle des Nichtgesagten hinter diesen Kommentaren lassen erschrecken. Und dabei muss man nicht einmal die Frage stellen, wieso Schlesinger gar nicht darauf eingeht, warum denn seiner Ansicht nach Journalisten außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit keine Meinungsfreiheit genießen sollen?

Man muss sich nur fragen, warum laut Schlesinger gar nicht im Einzelfall geprüft werden muss, wie denn die private Meinung eines Journalisten tatsächlich Auswirkungen auf seine Arbeit hat? Wieso muss gar nicht dargelegt werden, dass dieser nicht in der Lage war zu trennen zwischen beruflichen Pflichten und persönlicher Einstellung? Wieso reicht eine „unliebsame“ Äußerung aus, das anzunehmen?

Kann denn beispielsweise ein ausgewiesener Marxist nicht gemäß den Richtlinien von Reuters über Aktienunternehmen schreiben? Auch wenn er die Unternehmen ebenso wie das wirtschaftliche System in dem sie operieren ablehnt?

Aber wie Schlesinger selber schreibt, geht es ihm gar nicht darum, es geht ihm – in vorauseilendem Gehorsam – um den Eindruck gegenüber unspezifizierten anderen „Leuten“ – offensichtlich externen Gruppen, vor denen er als Vertreter Reuters‘ enormen Respekt zu haben scheint.

Im Falle der entlassenen CNN Reporterin spielte laut New York Times tatsächlich eine Rolle, dass andere Interessengruppen an das Unternehmen herantraten und diesen Journalisten für untragbar erklärten.

Und das entlarvt vieles: Denn hier zeigt sich deutlich wie selten, wie Journalismus in weiten Teilen eine Vertretung für die Interessen machtvoller Gruppierungen ist, die bestimmen, was in die Öffentlichkeit gehört und was nicht.

Das Internet läßt diesen Sachverhalt nur noch deutlicher zu Tage treten, da es die Medien zwingt nach neuen Wegen zu suchen, Ihre Mitarbeiter zu kontrollieren. Obwohl eigentlich ein Journalist auch Bürger ist und das Recht zu seiner eigenen Meinung hat. Und obwohl es keinen Unterschied machen darf, ob ein Reporter dieses Recht wahrnimmt, indem er seine Meinung weltweit nachvollziehbar in einem „Tweet“ äußert oder auf einer Demonstration oder gegenüber seiner Ehefrau.

Gerade für dieses Recht sollten Medien eigentlich eintreten, denn schließlich ist genau das ihre Existenzgrundlage und eigentlich auch der Grund, warum Menschen Zeitungen kaufen oder Radiosendungen hören.

Doch genau das passiert nicht. Die Unternehmen unterwerfen sich widerspruchlos dem Diktat anderer – im Fall der CNN Reporterin offensichtlich der US-amerikanischen Außenpolitik und damit der Regierung — und räumen diesen Gruppen damit das Recht ein, zu bestimmen, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist und was nicht.

Und zwar in einem enormen Ausmaß, der weit über das hinausgeht, was Schlesinger mit seiner Email eindämmen will: Denn wenn diese Gruppierungen schon solchen Einfluss haben, wenn es um private Äußerungen geht, kann man sich ausmalen, wie groß der Einfluss erst sein muss, wenn es darum geht, was tatsächlich publiziert wird.

Wenn schon für angestellte, gewissermaßen erprobte Journalisten diese Grundsätze gelten, kann man sich auch fragen, welchem Diktat sich erst angehende Journalisten unterwerfen müssen. Wie angepasst muss man denn sein, um überhaupt im Journalismus Fuß zu fassen – und was bedeutet das für das, über das berichtet wird?

Reuters jedenfalls könnte sich Gedanken machen, ob man nicht in Zukunft jedem Artikel den Zusatz hinzufügen könnte, gleich einem Wasserzeichen – „Von der Gedankenpolizei für unbedenklich erklärt.“

A local Hero´s Diary VI: Schnick Schnack Schnucki

Im sechsten Teil seiner Local-Hero-Reihe schreibt unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer über das Wiedersehen mit seiner Lieblingskneipe auf der Autobahn.

Samstag, 17. Juli: Das Telefon klingelt. Hausanschluss. Absolut privat. Ich dreh mich zur Seite und lege mir das Kissen aufs Ohr. Es ist doch erst 11 Uhr, vor drei Stunden bin ich zu Bett gegangen. Wie kann denn das alles nur sein? Das Telefon klingelt. Muss wohl wichtig sein. Ist es auch. Werner ist am anderen Ende der Leitung und gratuliert mir zu meinem großartigen Local-Hero-Tagebuch. Oh, wie mich das freut! Werner ist einer der ganz Großen und dabei völlig smart und easy geblieben. Wir plaudern ein bisschen über Bukowski und den gestrigen Gig. Auch Werner ist ja in den 60ern Liedermacher gewesen, bevor er sich entschieden hatte Journalist und Schriftsteller zu werden. Der Artikel, mit dem er heute den Bochumer Kulturteil aufmacht, liest sich denn auch wie eine Hommage: „Als der Beat durch den Pott klang“. Es geht um die aktuelle Ausstellung im Industriemuseum Zeche Hannover „Kumpel Anton, St. Barbara und die Beatles“. Ausstellungsleiterin Dagmar Kift betont: „das Motto der Kulturhauptstadt Europas im Jahre 2010 WANDEL DURCH KULTUR – KULTUR DURCH WANDEL hätte auch damals gut gepasst.“ Stimmt genau, muss ich denken. „So avancierte Dortmund in den 1950er Jahren zur Jazz-Metropole und Recklinghausen in den 1960er Jahren zum Mekka der Beatbewegung.“ – Ach, da wäre ich gerne dabei gewesen, als die Rickets (Bottrop) und die Blue Flames (Gelsenkirchen) damals die Tanzlokale unsicher machten. Als diese bescheuerten Altnazis über „Negermusik“ schimpften, und ein entspannter Umgang mit Sexualität für viele noch ein Tabu war, da konnte man herrlich polarisieren. Heute ist ja vieles indifferent geworden. Damals sagte man: Das sind rechtskonservative Schmierpisser, für die werde ich niemals schreiben. Heute sagt man: Das sind rechtskonservative Schmierpisser, vielleicht haben die einen Job für mich. Die Existenzangst ist das große Thema. Die meisten Kids wollen (möglichst schnell) ihre Seelen verkaufen, egal an wen, Hauptsache Pappi schimpft nicht. Deshalb begegnet man heutzutage im Nachtleben auch nur noch den Besten, hehe. – Wird wohl der Restalkohol sein.

Was für ein großartiger Morgen! Mittlerweile hat sich mein Körper an den Alkohol gewöhnt. Das kann ruhig noch ein paar Tage so weiter gehen. Ab nächster Woche heißt es dann wieder: trimm dich. Ich habe ja einen Coach, eine Saunakarte und viel Freizeit. Das lässt sich alles wieder korrigieren. Muss auch. „Ohne Körper geht es nicht“, sagt der Coach. Aber heute ist Bochum Total und die Party muss weiter gehen. Schade nur, dass mir die Sparkasse mein Konto gesperrt hat. Was soll denn das? Die sehen doch am Kontoverlauf, dass ich ziemlich schnell sehr viel Geld verdienen kann. Na ja, auf der anderen Seite sehen sie auch, dass ich ziemlich schnell sehr viel Geld ausgeben kann. Egal, müssen halt die anderen mal zahlen. Und Kibi schimpft erst, wenn der Deckel die 200€-Grenze übersteigt und gestern konnte ich frei saufen, müsste also noch Spielraum sein. Außerdem haut das Ansagemädchen auch gerne mal einen raus. Ich hoffe nur, dass Ayleen heute auch wirklich kellnert.

Meike, warum nur?

Jetzt die SMS von Mondrian: „Pfeffer, du Wichser, nie wieder ein Wort!!!“ – Der kam mir gestern nach dem Gig schon so blöd: Ich hätte in meinem Song „Oh, Mondrian“ zu viel Pikantes über sein Privatleben preisgegeben. – Na und? Ich bin Künstler, womit soll ich denn sonst arbeiten, als mit dem, was ich vor Augen habe? Einfach irgendwas erfinden? Man kann nicht einfach irgendwas erfinden. Und wenn uns die Künstler dies immer wieder glauben machen, dann hat das etwas mit ihrem Handwerk zu tun, aber doch nicht mit ihrer Erfindungskraft. Schöpfungskraft heißt abschöpfen nicht erschaffen. Wie kann man nur so zimperlich sein, Mondrian? Ich wäre stolz, wenn ich in einem deiner Songs vorkommen würde. Ich will doch einfach nur loslabern. Das tut so gut und immer kommt etwas Gescheites dabei raus. Warum nur kommt es immer wieder zu solchen Missverständnissen? Ach Meike, warum hast du mir das alles nur angetan?

Bochum Total ist am Samstag natürlich überlaufen von Menschen, die ansonsten Themenparks besuchen würden. Dazu die Mitglieder dieser Festival-Jugend, die die Einlassbänder von drei Jahren Dixiklo-Kultur an ihren Handgelenken tragen. Schade, dass sich Dr. Schröder wegen einer Konferenz in Toronto für drei Wochen verabschiedet hat. Dem wäre bestimmt etwas Bissiges dazu eingefallen. Schön dagegen, dass man barfuß laufen kann. Ein Hund wäre heute ein treuer Begleiter. Das Glasflaschenverbot war die richtige Entscheidung gewesen. Ich treffe die Jungs und schnorr mich so durch. Esse zu viel gegrilltes Bauchfleisch in einem pappigen Brötchen, das sich langsam auflöst im Saft des Krautsalates. Trinke eine Bowle mit Erdbeere. Trinke eine Bowle mit irgendwas. Auf der Ringbühne jetzt: Reefer Madness. Klingt nach Seeed. Sie spielen „Sei laut“. Der Sänger so: „Ey, Bochum – ey, könnt ihr laut sein?“ Alle: „Yeah!“ Er wieder: „Jau, jau. Wir finden das so geil, dass ihr jedes Jahr dieses Festival hier auf die Beine stellt. Ey, Bochum, ey – jau!“ – Das nervt natürlich schnell. Peter Fox in allen Ehren, aber es hat auch alles seine Grenzen. Danach dann Frida. Das Bochum-Wunder 2010. Ich weiß noch, wie sie im letzten Jahr im Schaufenster von Nastys Vintage-Laden gespielt haben: Off-Programm, die dicken Boxen auf die Brüderstraße, die Band hinter der Scheibe und dann Rawumms. Mir haben sie damit den Auftritt kaputt gemacht. Denn ich spielte im Zacher direkt nebenan und musste ganz leise sein wegen dem Ordnungsamt. Das war schon schlimm genug, aber als dann auch noch alle rausrannten, weil sie wissen wollten, was da draußen los ist, da wusste ich, es ist Zeit für meinen letzten Song. Und jetzt sind Frida eben Popstars mit MTV und so. Wie ich die Sängerin auf der großen Bühne über dem Meer der hochgeworfenen Arme betrachte, denke ich, da könnte jetzt auch die Meike stehen.

Als mir Meike vor ungefähr vier Jahren zum ersten Mal mailte, war ich an kultureller Betätigung nicht interessiert. Ich untersuchte zu dieser Zeit die ökonomischen Prozesse innerhalb der europäischen Literatur seit der Renaissance bis Houellebecq. Was spannend war und schon die Formen einer potentiellen Dissertation in sich trug. Diese Arbeit erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. Meike hatte von mir gehört und wollte, dass ich ein paar meiner Texte auf ihrer Kleinkunstbühne im Riff lese. Dreimal ignorierte ich ihre Anfrage. Dann begann ich rumzuspinnen: wie sieht diese Meike eigentlich aus? Wie mag sich wohl ihre Stimme anhören? So rief ich sie an und sagte zu, um sie näher kennenzulernen. Klar, mir hatte das auch sehr gefallen, wie hartnäckig sie viermal versucht hatte, mich zu buchen. Kleines Leistungsmädchen, tough und gut. Spätestens in diesem Augenblick zerstörte ich meine akademische Karriere endgültig. Meike war zauberhaft. Sie wohnte mit ihrer kleinen Tochter in einer riesigen Wohnung über den Dächern der Stadt. Ich war wahnsinnig verliebt in sie, aber ich versuchte, sie das nicht spüren zu lassen. Denn irgendetwas sagte mir, dass ich in dieser Frau, die gut zehn Jahre jünger war als ich, eine Lehrerin gefunden hatte und keine Geliebte. Auch sie liebte den Schreibtisch, aber nicht so verbiestert wie ich ausgelutschter Schlagmichtot. Nein, sie benutzte ihren Schreibtisch wie einen Flipperautomaten: Text schreiben, Mail raus, Netzwerken, Clip schneiden, einmal alle grüßen, Clip raus. Dann in die Küche: Kaffee kochen, Zigarette drehen, Songs schreiben. Telefonieren, Kaffee trinken, loslabern. Suppe kochen, Kind abholen. – Und da begriff ich, dass ich zu langsam lebte. Das irgendetwas fehlte.

Ruhrwiesen

Nach wie vor weigerte ich mich, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Ich hatte schlechte Erfahrungen damit gemacht. Schon meine erste Karriere hatte ich wegen einer lausigen Punk Band ruiniert. Das sollte mir nicht noch mal passieren. Meike hingegen machte jeden Tag neue Songs. Sie spielte auf Nylon-Saiten, viel Hammering, oft A-moll und E-moll, meine absoluten Lieblingsakkorde. So verging ein schöner Frühling. Eines Tages fuhren wir nach Dahlhausen an die Ruhrwiesen. Wir ließen uns am Ufer nieder und Meike spielte mir ihre neuen Songs vor. Die Schwäne wurden neugierig. Da sagte die Meike, sie müsse sich mal die Hände waschen, legte ihre Gitarre beiseite und ging zum Bootshaus. Zwei Stunden ließ sie mich dort am Ufer warten. Als sie zurück kam, hatte ich drei Songs geschrieben. Und ich war absolut überzeugt von diesen drei Songs, und so dumm sie aus heutiger Sicht auch waren, glaubte ich an sie, weil ein Stück meiner Liebe zu Meike in diese Songs übergegangen war. Seitdem trage ich dieses Feuer in mir. Es zerstört jegliche Aussicht auf Prosperität in meinem Leben. Es lässt mich trotz fortschreitender Vergreisung wie ein Jugendlicher leben und täglich verlangt es alles von mir. Es weckt mich in der Nacht und zieht mich zurück in seine Flammen. Am Tage hält es mich unter einer permanent fordernden Spannung, die Menschen in meinem Alter nur schwer ertragen können. Es stößt mich hinab in tiefste Demut, dann zieht es mich wieder herauf auf den Olymp. Dieses Feuer ist der Rock’n Roll. Er ist mir zur Religion geworden, und auf seinen Altären habe ich alles geopfert, was ich jemals besessen habe. Ich habe das Sonnenlicht gegen die Nacht getauscht, die Karriere gegen die Freundschaft, die Altersvorsorge gegen das Hier und Jetzt. Und so fahre ich über den Ruhrschnellweg direkt bis in die Hölle. Und, verdammt noch mal, ich liebe das.
Irgendetwas war anders geworden als Meike an das Ufer zurückkehrte. Nachdenklich sah sie mich an, auch glaube ich, sie hatte ein bisschen Angst vor mir. 2006 spielten wir zusammen auf Bochum Total. Kurz darauf zog sie nach Berlin, bewarb sich bei DSDS, erreichte den Re-Call und flog mit Dieter Bohlen in die Karibik. Tough, wie sie war, hatte sie natürlich keinen Bock sich vom Produktionsteam alles vorschreiben zu lassen. Sie ging sogar soweit, sich über die Zustände am Set in einem Blog zu beklagen. So wurde sie kurzerhand rausgeschmissen. Ich erfuhr von all dem leider viel zu spät, weil ich gemeinhin auf DSDS einen Fick gebe, aber das wäre meine große Story gewesen…

Das BlackBerry blinkt. Aha, endlich der Ankündigungstext für morgen. 17 Stunden vor dem Auftritt keine Minute zu früh: „Autobahn unplugged: Die Goldkante auf der A40. Bisher hat eure Lieblingskneipe das Kulturhauptstadtjahr schnöde vorbeiziehen lassen. Das dauert einfach, ein neues Zuhause zu errichten. Unser Motto muss in diesem Jahr deshalb sein: Größe statt Quantität. Beim größten Ruhr.2010-Projekt „Still-Leben Ruhrschnellweg“ ist die Goldkante ganz vorne mit dabei. Kilometer 5,6, Block 70, Tisch 12. Ein adäquates Programm fand sich quasi ganz von selbst. Die solidaritätserfahrenen Songwriter Carsten Marc Pfeffer und Unter anderem Max geben sich auf dem Tisch die Ehre und spielen mindestens zwei Songs. Das ist ganz besonders, das ist selten, das ist exquisit. Und findet um 14 Uhr statt. Kommt alle.“ – Lieber Unter anderem Max, bitte lasse deinen Fender-Twin zuhause, muss ich denken. Aber den müsste er ja über die halbe Autobahn schleppen, das macht der bestimmt nicht, hehe. Körperliche Arbeit kennt der doch nur aus dem Fernsehen, hehe. – Hab schon wieder ganz schön einen sitzen. Ich muss unbedingt schlafen, sonst wird das morgen mit dem Gig nichts. Außerdem ist da ja auch noch die Lesung im FKT. Wann war das nochmal? 10:30 Uhr! Wie soll das alles nur funktionieren. Immerhin muss ich doch auch noch zur Weltmeisterschaft. Denn wer dieses Spektakel nicht gesehen, der nie auf Bochum Total gewesen.

Schere in Brunnen

Die Schnick-Schnack-Schnuck-Weltmeisterschaft ist seit vielen Jahren der absolute Geheimtipp des Festivals. Sie ist mehr als so ein halbironisches WG-Ding, aber sie hat schon viel Glamour in manche WG gebracht. Ungefähr zweihundert Leute stehen vor dem Intershop. Von außen sieht es aus wie eine Kampfszene aus Fight Club. Es kommt sogar immer wieder vor, dass gewaltbereite Street-Gang-Mitglieder auftauchen, weil sie auf die Schlägerei ihres Lebens hoffen, sich jedoch angewidert abwenden, sobald sie entdeckt (und verstanden) haben, was sich im Auge des Taifuns dieser großen bewegten Masse wirklich abspielt: Schnick, Schnack, Schnuck. Weltmeisterschaft! Es gibt eine Fee, die erhöht auf einem Stromkasten steht und die Gegner für die kommende Runde ermittelt, indem sie Namenskärtchen aus einem großen Pokal hervorzieht. Diese Fee wird sehr verehrt. Viele der Kontrahenten wollen von ihr berührt werden, weil das angeblich Glück bringt; andere preisen sie mit an Fußballchören erinnernden Hymnen. Doch ist der Kult um die Fee nichts anderes als eine „Fickbeziehung ohne Sex“, wie Kurti gerne behauptet. Dafür sorgt allein schon der verhasste Schiedsrichter. „Nicht an die Fee packen!“ – Dieser Typ ist wirklich ein harter Knochen. Was er jedoch auch sein muss, denn während der Weltmeisterschaft verliert diese Disziplin alle Attribute eines harmlosen Kinderspiels. Das ist Psychokrieg, wenn man plötzlich Männern wie Helmut gegenüber steht, die sich mitten im Duell einfach umdrehen und das Spielfeld verlassen, nur um den Gegner zu verunsichern und die johlende Menge weiter anzustacheln. Der Schiedsrichter ist immer kurz vorm Durchdrehen. Im Zentrum des Geschehens: Tommyboy und sein neuer Mitbewohner Mr. Big Bee, einem Grundschullehrer aus Osnabrück. Tommyboy weist ihn gerade in die Geheimnisse des Spiels ein, denn Mr. Big Bee wurde vom Komitee für das Turnier nominiert.

„Am besten ich mach immer Papier.“
„Nein, so darf man gar nicht denken.“
„Klar, weil der Gegner das auch weiß.“
„Eben. Der Gegner weiß, dass du es weißt und jeden Schritt, den du weiter denkst, denkt der Gegner mit.“
„Aber was dann?“
„Du musst eben blitzschnell entlang dieser Endlosschleife vorandenken.“
„Ja, und dann?“
„Keine Ahnung, aber auf jeden Fall kein Papier. Besser Stein, das kommt unerwartet und zeugt von Selbstbewusstsein.“
„Warum nicht Schere?“
„Von mir aus auch Schere, aber der Gegner darf dir das nicht ansehen. Am besten du denkst an Papier und machst dann Schere.“

Da zieht die Fee auch schon seinen Namen aus dem Pokal. Mr. Big Bee muss direkt gegen den mächtigen Helmut antreten. Was für ein Wahnsinn: er schlägt ihn 3:1! Tommyboy und ich liegen uns in den Armen. „Bring Glamour in die WG“, skandiert Mademoiselle Richeux. Der WM-Pokal ist sehr begehrt, denn seine Reputation zählt innerhalb der Szene beinah genauso viel, wie eine offen beglaubigte Affäre mit der Fee. Punkt 0.12 Uhr erreicht Mr. Big Bee das Viertelfinale. Besonders ich tue mich mit wüsten Beschimpfungen der gegnerischen Fans hervor. Um 0.47 Uhr heißt es dann Halbfinale. Was für eine Sensation! Leider fliegt Mr. Big Bee im Halbfinale raus. Aber immerhin ist er jetzt in Bochum angekommen. Sie wissen jetzt, wer wir sind. Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken.

Vertrauen

Ich sollte jetzt schleunigst ins Bett. Nein, nicht noch saufen mit My Baby Wants To Eat Your Pussy. Unbedingt brauche ich ein bisschen Schlaf, denn morgen gibt es viel zu tun. Vor meiner Wohnungstür hat jemand eine Flasche Jacquart hinterlassen. Wirklich sweet, aber auch gefährlich. Noch ein Schluck und ich würde morgen auf der Autobahn tot umfallen. So liege ich im Bett und kann nicht schlafen. Meine Nerven sind so überdreht, dass ich kein Auge zubekomme. Immer wieder schrecke ich beim Gedanken an die morgige Lesung auf. Aus purer Gehässigkeit hatte mich Tommyboy noch heute ganz großartig in der Tageszeitung angekündigt: „Carsten Marc Pfeffer liest Gedichte aus seinem Amsterdam-Zyklus“. Dabei weiß er genauso so gut wie ich, dass ich überhaupt keine Gedichte geschrieben habe. Ich wollte welche schreiben. Ja, das ist richtig. Ich war auch mehrere Wochen in Amsterdam, um den Beat einzufangen. Aber als ich zuletzt in meinen Entwürfen blätterte, hätte ich weinen können. Da stand nur Mist. „Wer brachte das Feuer? Heute ist es Rauch!“ – Fürchterlich. Das Gedicht über den Elektroschuppen Korsakow an der Lijnbaansgracht 161 könnte vielleicht noch gehen. Besonders der Epilog:

glockengiebel cruise grachten
langgestreckte leidsestraat
matzerazzi gegen planke
50 cent und schiebedach
jugend war jugend bleibt
blutsturz ecke prinzengracht
aspirin statt etikette
eine letzte zigarette
die atmung verflacht

Das geht doch schon ganz gut an, aber für eine Überarbeitung letzter Hand bedürfte es mehrerer Tage. Gedichte sind Arbeit. Aber Absagen will ich die Lesung auch nicht. Das sind so nette Leute beim FKT. Außerdem gibt es einen Brunch, und da ich eh nichts mehr zu essen im Haus habe und auch ansonsten total abgebrannt bin, könnte ich mich dort schadlos halten. Aber ohne Text geht das natürlich nicht. Also los jetzt. Raus aus dem Bett, den Champagner aufgemacht und noch einmal kurz an den Schreibtisch. Hab Vertrauen. Irgendetwas fällt dir immer ein.
Ich beginne einen Text, der in verschlungenen Prosaschleifen die Entwicklungsphasen meiner letzten Jahre thematisiert: „gegen darstellung“. So war es halt schon immer. Seit meiner Kindheit muss ich dauernd irgendwelche Geschichten erzählen. Und weil ich eben immer älter werde, fallen mir immer bessere Geschichten ein. Es ist perfekt. Besonders die Passage über Meike ist mir ausgesprochen allegorisch gelungen: „Ihre Finger brachen an meinem Glöckchen. Doch einmal hatte es geschlagen“, hehe. Immer wieder schichte ich nun die Phasen übereinander, bis der Verdichtungsgrad der beiden Seiten Prosa hoch genug ist, um als Gedicht durchzugehen. Dann erst spanne ich das Netz der Leitmotive. Schließlich rhythmisiere ich das Ganze noch, so gut ich kann und schraub ein bisschen an den Vokalen rum. Fertig. Als ich aufblicke ist es 9:30 Uhr. Sonntagmorgen. Prima. Dann kann es ja sofort weitergehen.

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Kunst in Essen

Die Besetzung und gleichzeitige kulturelle Nutzung des Essener DGB-Hauses an der Schützenbahn ist gescheitert. Verwunderlich ist dieser verzweifelte Versuch, Raum für junge Kunst zu schaffen, nicht. In Essen mangelt es an Möglichkeiten und die Stadt schaut im Kulturhauptstadtjahr zu. Von unserem Gastautor Marc Limbach

Sucht man auf den städtischen Internetseiten im Bereich Kultur nach Hinweisen für Förderungsmöglichkeiten oder Ausstellungsmöglichkeiten, trifft man nach langem Suchen auf eine einzige Datei, die auflistet, was es in Sachen Bildender Kunst gibt. Von der reinen Quantität könnte der junge Künstler erfreut sein. Spätestens nach dem glücklosen Klinken-Putzen dürfte er ernüchtert sein. Solche kreativen, urbanen Nutzungsmodelle im Kollektiv, wie sie die „Freiräumer2010“ umsetzen wollten, scheinen nicht in das Strickmuster zu passen.

Wer Künstler in Essen ist, hat meist ein Atelier in einer der Randlagen. Oder er ist in einer Atelier-Gemeinschaft, das macht die Miete erschwinglicher. In den wenigen, städtischen Ateliers ist kein Platz mehr – vorausgesetzt sie existieren in Zukunft überhaupt noch, da Gutachter einige in einem umstrittenen Bericht auf die Abschussliste gesetzt haben. Fazit: Wer in kleinen Dimensionen arbeitet und sich die Miete leisten kann, sollte fündig werden. Ein Punkt, der die jungen Künstler wohl vor Schwierigkeiten stellt, da ein Verkaufsdruck wohl kaum zu vermeiden ist. Außer man ist Hobby-Künstler, Lehrer oder Hausfrau mit solventem Ehemann.

Schwieriger sieht es beim Thema Ausstellung oder Galerie aus. Die bereits bestehende freie Szene mit entsprechenden Räumlichkeiten zeichnet sich eher durch personelle Konstanz, was die lokalen Teilnehmer ihrer Ausstellungen betrifft, als durch Neuerungen aus. Wer nicht mit qualitativen, will sagen verkaufsträchtigen Arbeiten bei Essener Galeristen vorstellig wird und als Arbeitsort Essen angibt, dürfte gegen Windmühlen ankämpfen. Im Programm der Galerien, wie es der aktuelle Gallery-Guide zeigt, sind wenige Beispiele mit Lokalkolorit zu entdecken. Für junge Künstler könnte diese Broschüre eine Argumentationshilfe darstellen, wenn sie hören sollten, es sei kein Geld zur Unterstützung dar. Zur Hälfte hat das Kulturbüro den oben genannten Guide für die Galeristen mitfinanziert. Die Kritik aus den Reihen freier, städtischer Kulturträger, die sich über ihre Nichterwähnung bzw. -berücksichtigung mokierten, verhallte ungehört.

Ein weiteres Beispiel ist das Forum Kunst und Architektur am Kopstadtplatz, das die Vereine „Ruhrländischer Künstlerbund“, „Werkkreis bildender Künstler“, „Bund Deutscher Architekten“ und „Kunstverein Ruhr“ bespielen. Die beiden Erstgenannten sind Künstlervereine. Sie rühmen sich mit der Wahrung von Folkwang‘schen Traditionen. Ihre Attraktivität für junge Künstler ist durch die altbackenen Strukturen und ihre wenig nachvollziehbare Qualitätsdoktrin eher zu verneinen. Kehrseite der Medaille: Wer bei ihnen Mitglied ist, kann sich präsentieren. Sei es bei Vereinsausstellungen im Forum, städtischen Künstleraustauschprogrammen oder ähnlichen Projekten. Freie Künstler gucken in dem Fall in die Röhre. Eine Beteiligung erhält man hier nicht nur über Qualität, sondern über die Vereinszugehörigkeit. Ausschreibungen sucht man vergeblich. Ein repräsentatives Abbild städtischen Kunsttreibens sieht anders aus.

Kommen wir zurück zu „Freiraum2010“. Für ihre Aktion haben sie sich ein vortreffliches Viertel ausgewählt. Die nördliche Innenstadt, die bedingt durch die Pläne des Investors Wolff vor Aufbruchsstimmung geradezu überläuft, leidet an vielen Leerständen. Das DGB-Haus an der Schützenbahn ist darunter eine große Örtlichkeit unter vielen. Auch die Stadt hat in der Nähe eine leere Immobilie, das ehemalige Gesundheitsamt. Weitere, schon länger leer stehende Gebäude ließen sich problemlos im Stadtgebiet finden. Diese „Filetstückchen“ hat die städtische Immobilienverwaltung GVE bis dato nicht an den Mann bekommen. Vielleicht sollten die „jungen Wilden“ einmal den Essener Kulturdezernenten Andreas Bomheuer behelligen. Oder sie warten bis August. Dann soll im Rahmen der „Unprojekte 2010“ die nördliche Innenstadt belebt werden. Temporäre Bespielung einiger, leerer Ladenlokale steht dabei auch auf dem Programm und die Vermieter haben dem sogar zugestimmt. Die Federführung dafür hat übrigens die Kreisgruppe Essen des Bundes Deutscher Architekten inne.

A local Hero´s Diary IV: Ganze Tiere grillen

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer schreibt im vierten Teil seines Ruhr2010-Tagebuchs über Bochum Total

Donnerstag, 15. Juli: Fanmail. Liebe Nina, am 14. Juli 2010 um 13:09 mailtest Du: “Drei Akkorde weiter” wäre ich, wenn ich mal in deine songs reinhören könnte: wo? hast du einen link? – Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich Dir antworten könnte. Ich versuche es jetzt einfach mal: Nein, ich habe keinen Link, nicht einer meiner Songs ist im Netz. Warum? Kittler unterscheidet noch zwischen Speicher- und Repräsentationsmedien. Wir müssen das bald nicht mehr tun. Bald werden wir die eine große Wunschbox in unseren Händen halten. Lesen wir doch mal nach bei Aristoteles: die Sache mit dem Krug und wie sich das fortsetzt bei Heidegger und Derrida. Ich finde das super. Aber selbst wenn dieses große Projekt realisiert wurde, werden aus dieser Wunschbox keine Songs von mir ertönen, weil es einfach das falsche Medium ist. Warum im Internet Lieder hören? Ich verstehe das nicht. Aber meine Medienschelte geht weit über das Internet hinaus. Mit der Etablierung der Schallplatte hat sich ein Denkfehler eingeschlichen. Wir sind es gewohnt, ganze Alben zu kaufen, wenn wir bestimmte Songs hören wollen. Mittlerweile liegt der Song nur noch einen Mausklick entfernt. Man kann ihn grabben mit dem iPhone, das App Midomi macht es möglich. Und so benutzerfreundlich das alles auch ist, so ist das Ganze doch grundsätzlich falsch. Denn das Medium des Liedes ist die Stimme. Wenn Du, liebe Nina, also meine Songs hören willst, dann komm zu meinem Gig. Ich will, dass Du meinen Schweiß siehst, meine Unsicherheit spürst und meine Liebe. Deine Anwesenheit wird sich auf mich auswirken und in die Songs mit einfließen. Es werden nicht mehr nur meine Lieder sein, sondern unsere. Das ist doch eine ganz andere Rezeptionsästhetik als sich bei Myspace durchzuklicken. Und so war es eigentlich immer schon. Homers Odyssee wurde doch nicht am Schreibtisch entwickelt, sondern mündlich überliefert. Lange Zeit bevor Homer sie niederschrieb. Odyssee ist Gesang. Homer hat durch seine Niederschrift diesen Gesang zerstört. Klingt seltsam, nicht? Ist aber leider wahr. Nina, wenn Du jetzt vor deinem Bücherregal stehst und soeben die gesammelten Werke von Aristoteles entdeckt hast, dann greif doch mal links daneben zu Platon. Diese großartige Abwehrbewegung gegenüber der Schrift! Phaidros 275a, wenn ich mich recht erinnere: „Ein Pharmakon für das Gedächtnis, nicht für die Besinnung bietest du mir an…“ – Da steht doch schon alles: bis hierhin und keinen Schritt weiter! Nein, ich habe keinen Link, keinen Song im Internet. Und wenn ich jemals eine LP aufnehmen sollte, dann nur unter Protest. Komm doch einfach zum Gig ins Zacher, Nina. Weißt Du, ich brauche an diesem Abend nicht für meine Getränke zu zahlen, und ich teile gerne. Kibi darf natürlich nichts davon mitbekommen. Aber der wird hinter der Theke eh beschäftigt sein. Also komm vorbei, vielleicht können wir ja Freunde sein. Solltest Du es nicht schaffen, dann komm am 15. August ins Rottstr.5-Theater. Bin vorhin im Konkret dem Arne Nobel in die Arme gelaufen und hab mit ihm den Termin abgekaspert.

Vier Tage volles Programm

In der City ist natürlich das große Gewusel ausgebrochen. Bochum Total und so. Verstärkeranlagen werden durch die Stadt geschleppt, Boxentürme aufgebaut. Schon cool, mit einem Gitarrenkoffer durch die Menge zu schreiten. Auch am t.a.i.b. herrscht an diesem Morgen Betriebsamkeit. Eine Vernissage zum Thema Virtuelles Wasser von Naemi Reymann. Ich versteh nur Bahnhof. Muss also gut sein. Überhaupt hat sich das Prinzip Bahnhof in der Kunst ja durchgesetzt. Man muss sich das so vorstellen: da sitzen zwei oder drei stilsicher gekleidete Typen im Büro vom Finanzvorstand, Bein mit Bein gedeckt. Der Finanzvorstand hat vielleicht Gombrich gelesen, aber ansonsten von Kunst naturgemäß keine Ahnung. Die Typen quatschen jetzt zwei Stunden lang von ihrer geplanten audiovisuellen Performance. Schön urban soll es dabei zugehen. Der Finanzvorstand versteht natürlich nur Bahnhof. Doch das ist gut so, denn der Finanzvorstand verlässt sich auf seinen Instinkt. Versteht er Bahnhof, dann weiß er, dass es Kunst ist und sagt: 50.000 Euro, kein Problem, hier bitte sehr, aber machen sie noch mein Logo mit drauf. Tolle Sache, Jungs. Danke, Pappi.

Im Westen heute die Überschrift: Still-Leben A40: „Titel verhöhnt die Anwohner“ – großartig. So langsam juckt es mir auch schon wieder in den Fingern, aber ich will ja nicht mehr so viel Arbeiten, wegen des inneren Gleichgewichtes. Nein, keine Zeitungsartikel bis Montag oder sagen wir: Dienstag. Wie wird das wohl am Sonntag auf der Autobahn? Es gibt keinen übersichtlichen Programmplan. Außerdem hört man viel von Verboten. Grillverbot. Glasflaschenverbot. Fahrverbot da ja, da nein. Hui-Buh, Public Relation geht aber anders. Geschenkt. Unter anderem Max und ich werden die Gitarren auspacken und fertig. An den muss ich jetzt eh denken, da sein Gesicht auf dem Display meines BlackBerrys erscheint. Wat willste? Er spiele heute im FKT und fragt, ob ich Lust hätte in seinem Set ein paar meiner Lieder zu spielen, aber nicht mehr als zwei. Abgemacht. So verpasse ich jedoch den Auftakt von Bochum Total. Ich entscheide mich, meine Agenten zu schicken. DAS GEZEICHNETE ICH, 19:30 Uhr, WAZ-Bühne. Der beste Artikel wird veröffentlich. Alles klar.

Ein Lied gegen den Krieg

Das Konzert mit Unter anderem Max ist natürlich fürchterlich. Ich mein, wann kauft der sich mal eine richtige Verstärkeranlage? Ein Auto kann er sich ja auch leisten. Aber so laufen Gitarre und Gesang über einen halbdefekten Fender-Twin. „Herzlich willkommen zu Bochum Marginal“, begrüßt er die zwölf erschienen Gäste. Ich stürze ein erstes Bier. Besonders die melancholische Coverversion von Highway to Hell gelingt ihm sehr genial. Ich hingegen habe nur Pech. Ich betrete die Bühne und Max so von oben herab: aber nur zwei Songs, verstanden? Dafür hätte ich ihn eigentlich schon eins mit der Gitarre überbügeln müssen. So wie damals bei den Sex Pistols. Aber man ist ja Kulturmensch. Außerdem ist Tommyboy im Publikum und ich will seinem widerlichen Zynismus nicht auch noch Futter geben. Ich singe ein Lied über die Freundschaft. Applaus. Ich singe ein Lied gegen den Krieg in Afghanistan. Betretenes Schweigen. Entnervt zieht mich Tommyboy zur Seite.

„Bist du verrückt geworden, diese Liedermacherpose aus den 60ern anzunehmen?“
„Aber ich bin wirklich gegen diesen Krieg.“
„Das hat damit doch gar nichts zu tun, du Idiot!“
„Was dann?“
„Das war Kabarett und Kabarett ist out, out out.“
„Idiot!“
„Hehe.“

Mittlerweile trudeln die ersten Artikel der Agenten ein. Hier der Gewinnertext, eingesendet von einem Dozenten am germanistischen Institut der Ruhr-Universität: „Hier wie versprochen ein paar Worte zu Das Gezeichnete Ich: Mit was für ner Erwartungshaltung nähert man sich einem Künstler, der sich hinter einem Pseudonym versteckt, das direkt Gottfried Benns Gedicht NUR ZWEI DINGE entlehnt ist und der als Inspiration gleich Wagner, Mahler und Mozart und Grönemeyer ins Rund wirft? Hirnnovellen meets Klassik meets Genie und Wahn? Meets CURRYWURST? Meets Übergroßes Ego und elitärer Habitus? Nix da: stattdessen Einmannorchester hinter einer schimmernden Trutzburg aus silbernen Dreiecken plus zugekleisterten Pophymnen, dass man laut aufschreien möchte: Mach es mir bitte unplugged, sofort jetzt. Weniger ist manchmal mehr: Das nächste Mal entweder gleich mit hundertköpfigen Orchester oder einfach nur mit Flügel. Grüße, Dr. T.“

Die Nacht verwöhnt uns. Die Kopfhörerparty ist im Zacher in vollem Gange. Aber auch davor. Auf der gesamten Brüderstraße tanzen Menschen mit Kopfhörern in der Stille. Die Fernsehteams kommen. Dann hat auch noch der DJ Renate von Rosen Geburtstag, dem wir all das zu verdanken haben. Ich gebe ihm einen Zungenkuss. Er schmeckt nach Sambuca, einfach genial. Wir kommen alle ins Fernsehen. Kibi haut die Biere raus, comme vache qui pisse, wie Mademoiselle Richeux bemerkt. Komm, einen noch. Tommyboy gibt ne Runde aus und bekommt es selbst gar nicht mit. Bitte alles auf die 41 bongen. Herrlich. Dann die Schöne im schwarzweiß-gekringelten Twiggy-Kleid. Ich würde sie gerne ansprechen, aber ich bin schon zu besoffen, als dass ich jetzt noch reden könnte. Morgen vielleicht. Aber direkt nach dem Gig wäre das auch blöd. Da muss ich ja dann Aufmerksamkeitsökonomien walten lassen. Außerdem bestünde die Gefahr, dass sich das Ganze in so einer bescheuerten Popstar-Pose verliert. Verflixt, wie dreh ich das bloß? Aus dem Kopfhörer jetzt: „You have to show them that you’re really not scared. You’re playin’ with your life, this ain’t no truth or dare. They’ll kick you, then they beat you, then they’ll tell you it’s fair. So beat it, but you wanna be bad. Just beat it, beat it, beat it, beat it. No one wants to be defeated. Showin’ how funky and strong is your fight. It doesn’t matter who’s wrong or right.”

Was bisher geschah – A local Hero´s Diary:
I: Drei Akkorde weiter…Klack

II: Alles in vollem Gange…Klack

III: Sex, Drogen & Godard…Klack

A local Hero´s Diary III: Sex, Drogen & Godard

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet auch im dritten Teil wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Mittwoch, 14 Juli: Eine Ahnung von frisch aufgetragenem Chanel Nr. 5 kommt aus dem Bad. Sie ist also schon aufgestanden. Wenn sie zu Bett geht, dann sagt sie: „Ich mag keinen Kapitalismus, weil er mich ins Bett schickt, obwohl ich noch gar nicht müde bin.“ Jetzt ist sie wach und wuselt durch meine Wohnung, schon halb im Job. „Das ist alles deine Schuld“, hör ich sie rufen. Diesmal also nicht der Kapitalismus. Manchmal frag ich mich, ob ihr Kommunarden-Slang nicht bloß Fake ist. Immerhin hat sie sich in eine der reichsten Familien der Stadt eingeheiratet. Es gibt Orte, an denen bin ich für sie nur ein Schatten. So wie sie wiederum viele dunkle Stellen in meinen Songs markiert. Ein Hinweis, der vielleicht diese Indiskretion entschuldigt.

Mittlerweile habe ich mich auf die Couch begeben und lese ein wenig in Tender Bar von J.R. Moehringer. Ein großartiges Buch, sehr filmisch. Es erzählt meine Geschichte – aber das denke ich immer, wenn ich ein Buch lese. Manchmal sogar, wenn ich einen Film sehe. In der Küche wird ein Laptop heruntergefahren. Jetzt kommt sie rein und schaut mich mitleidig an. Leicht gelangweilt, aber ansprechbar.

„Kommst du Freitag zum Gig?“
„Wir sind doch bis Montag auf…“
„Dann Dienstag?“
„Dienstag.“

Irgendwie scheint die Local Hero Woche in Bochum heute eine Auszeit zu nehmen. Ich überfliege das heutige Kulturprogramm in der Tageszeitung und erkenne den Schwindel. Heute passiert nichts, was nicht auch sonst passiert wäre. Was natürlich nicht stimmt, weil ein imposantes Programm zusammengeschustert wurde, das auch einige Überraschungen bereithält. Doch fehlt zwischen Semesterkonzert und Fiege-Kino-Open-Air der besondere Kick. Herbert Grönemeyer mit Westerngitarre vor dem Bratwursthäuschen – das wär doch mal was. Da fallen mir gleich zwölf Überschriften zu ein. Doch es sieht so aus, als würden die Local Heroes einen Tag lang ihre Kraft sparen wollen, für das, was da noch kommt. Auch ich sollte mich etwas schonen und entscheide mich, bis Montag keine Pressejobs mehr anzunehmen. Immer wieder falle ich zurück in so nölige Phasen, besonders wenn ich Bahn fahre. Das muss an dem vielen Arbeiten liegen. Immer auf der Suche nach einem Thema, und immer wieder muss die größte Skrupellosigkeit mobilisiert werden, um all das zu Papier zu bringen. Dazu dieser nervennagende Zweifel, weil man weiß, dass man von dem Ganzen überhaupt keine Ahnung hat und nur ein Ignorant und ein Wahnsinniger ist. Dabei hatte ich mir doch für meine Songs das Nervenkostüm so sonderbar verzärtelt… – Es wird auch ohne Jobs gehen.

Agenten im Raucherkino

Um mich auf dem Laufenden zu halten, gehe ich ins Konkret. Ich hätte auch ins Tucholsky gehen können; ein Café um die frühe Mittagszeit ist der beste Platz für einen Journalisten. Die Leute wissen, dass man von der Presse ist und erzählen einem alles. Ein verstörender Trend. Aber vielleicht gibt es ein kollektives Verlangen zu beichten. Wie im Fernsehen. Vielleicht. Größer ist allerdings das Verlangen zu petzen. Was auch mir lieber ist, denn nichts schreibt sich besser als Aufreger. Da erscheint auch schon mein Informant. „Soll schwer was los gewesen sein, gestern beim Leo“, beginnt er. „Alles, was Rang und Namen hat in der FIFA hat auf seiner Dachterrasse gefeiert.“ So, so. Aber für solch einen Klamauk hatte ich ihn nicht ins Café bestellt. Nun schweigt er, als gelte es einen Wettkampf zu gewinnen. Für einen kurzen Augenblick muss an etwas ganz anderes denken, dann komme ich zurück zum Thema.

„Was ist mit der Liste?“
„Welche Liste?“
„Na, die Liste!“
„War schwer ranzukommen?“
„Wieviel?“
„War ‘ne Menge Arbeit.“
„Wieviel?“
„Meinen Deckel im Oblomow.“

In Ordnung. Die Liste ist es wert. Sie ist die Inkunabel einer Epoche, die wir alle nicht verstanden haben werden. Es ist der Cateringrider von Revolverheld, Stand 02.2010. Erst gestern hatten die Jungs im Rahmen der FIFA U-20-Frauen-WM ein Konzert auf dem Konrad-Adenauer-Platz gegeben. Hot. Ich liebe diese Liste. Sie ist zwei Seiten lang und besteht ausschließlich aus pointierten Schnullibulli-Wünschen. Ein Parceforceritt: „ab morgens bitte Salat – sehr gerne Antipasti – Rohkost – hochwertiger Käse (Comte, Allgäuer Bergkäse) – 2 Kisten 0,5 Liter EVIAN (Alternativ Vittel, Volvie, etc, wichtig: NULL Kohlensäure) – Abendessen: Grundsätzlich bitte so viel wie möglich Vollwertkost & aus biologischem Anbau! Danke! – 25 Vollkornsandwiches mit Käse und/oder Schinken inkl. Salatblatt (die Hälfte der Sandwiches bitte vegetarisch)“. Wunderbar. Mit der Ernährung fängt es an. Askese für das Ego. Was ist eigentlich aus dem guten alten Rock’n Roll geworden? Wie konnte da bloß die Diskurshoheit verloren gehen. Ich weiß noch, wie Andreas „Bär“ Läsker zur letzten DSDS-Staffel erklärte, dass das wilde Leben im Showbizz nur ein Gerücht sei. Schließlich, so der ehemalige Fanta4-Manager, erfordere es viel Leistungsbereitschaft, ein Popstar zu werden. Er wirkte so unglaublich sympathisch dabei. Das Mantra von Eigenverantwortung, Fleiß und Anpassungsfähigkeit – wer schaltet zuerst die Kiste aus? Wie kann man den Kids nur so einen Scheiß erzählen? Wo bleibt denn da die Verantwortung? Lasst sie doch saufen, kiffen und rumvögeln, verdammt noch mal! Popkultur ist Umbauplan. Muss man denn die letzten Nischen der Freizügigkeit den Parametern der Verwertbarkeit unterziehen? Es verschenkt sich doch von selbst! Es ist flauschig und will gedrückt werden. Auch ich sage mir jeden Tag: Carsten, du solltest mehr Drogen nehmen und dadurch dein gesamtes Bewusstsein verändern. Vielleicht könntest du so dein Herz öffnen und jemanden herein lassen. Dieses ganze Lokalmatador-Tagebuch bekäme den Sound eines brillanten Turbonegro-Songs. Allein, ich bin nicht so. Zog ich vor zehn Jahren noch mit meiner Old-School-Band kreuz und quer durch das Land, so bin ich heute ein alter, müder Mann. Natürlich nicht ganz so alt und müde, wie viele andere Männer in meinem Alter, aber auch kein Jungspund mehr. Was natürlich wunderbar ist. Vieles erübrigt sich in diesem Alter einfach. Das macht den Kopf frei für Wesentlicheres. Ich könnte jetzt beispielsweise eine Karriere starten. Abschlüsse sind vorhanden, die Empfehlungsschreiben anerkannter Professoren liegen vor, aber ach: wozu all das? Alles was ich im Augenblick wirklich will, das ist ein Slush Puppie mit Waldmeistergeschmack. ICE BLAST. Vielleicht schaffe ich mir einen Hund an. Wer weiß das schon? Frauen tragen T-Shirts, auf denen steht „I (Herz) N.Y.“ Dazu Soleil de Sicile, Resette Mediteranee, Perlier und der für Bochum so typische Baustellenlärm. Es ist ein wunderschöner Tag. Ein Hund wäre wirklich super. Ich liebe dieses Leben, und ich liebe den Beat dieser Stadt. Das einzige, was ich bedauere, ist, dass aus mir kein homosexueller Mann geworden ist. Die Homosexualität würde vieles in meinem Leben vereinfachen und außerdem viel besser zu meinem Lifestyle passen. Alles wäre ein großer starker Fluss. Doch so bleibt es kompliziert. Was schade ist. Aber letztendlich immer wieder handhabbar.

Zuhause bei Godard @ Kracauer

Warum sind die Gedanken da? Weil sie uns mitunter einen Spaß bereiten und uns einen magischen Schutz gewähren vor jeglicher Unbill des Lebens; die Hinführung zur ewigen Seligkeit und Amen. – Wenn ich mich jetzt beeile, dann schaffe ich es noch in mein Godard-Seminar. Irre. Ich bin seit Tagen so überdreht, dass mir schwindelt. Ein bisschen so wie Michael Douglas in WonderBoys. Nur ist meine Performanz kantiger, mehr ruhriger. Gleichsam muss ich irgendetwas an mir haben, dass es die Leute so stark zu mir hinzieht. Es ist schon sonderbar, wie sich alles bemüht ist, Wohlklang und Gefälligkeit in meiner Gegenwart auszuströmen. Ich habe das sehr gerne. Und so grüße ich nach links, lächele nach rechts, umarme ein Gauloises-PR-Mädchen und federe mit einem Hopsasa in das baufällige GB-Gebäude. Zum Schaden meiner Kniescheiben. Meine Güte, in zwei Tagen ist der Gig und ich bin gefangen in einem geriatrischen Körper. Wie macht das eigentlich Boris Gott? Ach ja, der ist ja jünger. Komisch, als ich ihn damals in der Dortmunder Nordstadt kennenlernte, wirkte er älter. Das muss ungefähr vor sieben Jahren gewesen sein, ich hatte mich gerade von Sylvia getrennt. Die schöne Zeit mit den Mountain Boys. Dieser Videoklipp, in dem ich einen schwulen Cowboy spiele, schade, dass er niemals ausgestrahlt wurde. Selbst Donata war ja damals noch in Dortmund, bevor sie die Bühne wechselte, um am Köpenicker Stadttheater zu spielen. Boris, weißt du noch? Neujahr, als sich Donata von dir in einem ALDI-Einkaufswagen durch die Nordstadt kutschieren ließ. Martin war dabei. Wer noch? Ich kam, glaube ich, erst gegen Mittag. Oder die Geburtstagparty bei Donata, die ich zu dieser Zeit schon Dolores nannte. Die Polizei hatte uns dreimal verwarnt, danach bekamen wir alle Hausverbot. Los, runter auf die Straße. Und was taten wir? Wir gingen einfach zwei Häuser weiter zu Daniel, wo ich bis in die Mittagsstunden aus Ilma Rakusas Love after love vertrug, bis ich mich schlafend gesungen hatte. Warst du da überhaupt dabei? Ich erinnere mich nicht mehr. Alles liegt übereinander und feilscht um Realpräsenz. Das Ganze hat einen gewissen Rhythmus und ergibt durchaus einen Sinn. Nur komme ich nicht mehr drauf, es fehlt die Tonspur. Die Stimme als Bild des Bewusstseins. Als fehlt der Kommentar von Godard, denkt ein Überleitungs-Junkie und drückt die Türklinke zum Seminarraum. Klopfen geht gar nicht, wenn man zu spät kommt. Auch sollte man sich nicht groß entschuldigen. Das stört nur den Flow. Ganz zu arrogant sollte man sich allerdings auch nicht gebärden, sondern durchaus ein bisschen Schuldgefühl durchblicken lassen und sich still auf seinen Platz setzen. Weitere Eskapaden, wie beispielsweise einen Apfel zu essen oder unter vorgetäuschter Notdurft den Raum zu verlassen, um eine Selbstgedrehte zu rauchen, sollten erst nach mehreren erfolgreichen Wortbeiträgen gewagt werden, wenn das Vertrauen wieder hergestellt ist. Logo, reinpoltern, die Anwesenheitsliste unterschreiben und beim Rausgehen zum Abschied die Tür knallen, ist auch beliebt. Aber nicht mein Niveau. Es ist halt alles eine Formfrage.

Die Kunst der Montage

Nehmen Sie Sergei Michailowitsch Eistenstein, beispielsweise Bronenosec Potemkin: „Kontrast auf allen Ebenen, vom Konflikt der graphischen Linien, Flächen und Bewegungen in der Abfolge der Einstellungen bis zu topologischen und ideologischen Gegenüberstellung“ (Metzler Filmlexikon). Dazu extreme Nahaufnahmen und eine Kamera, die die Gegensätzlichkeit von oben und unten überwinden will, und gerade deshalb diese immer wieder thematisiert. Allein diese Herangehensweise wäre für die Darstellung der Bochumer Local Hero Woche großartig. Aber es macht noch zu viel klick und klack. Alles ist hintereinander montiert. Die Heiligkeit der Bilder. Nehmen Sie dagegen Jean-Luc Godards Histoire(s) du cinema und sagen Sie mit Deleuze einmal „Zeitkristall“. Es geht hier um Transsubstantion. Ist doch klar, dass Godard von André Bazin beeinflusst war. Und der konnte seinen Katholizismus eben nie ganz überwinden. Bilder: Spur nicht Zeichen. Aber eben auch immer Realpräsens, Turiner Grabtuch und so weiter. Godard flappt nun alles synkopisch übereinander. Na und? – Im Kino stellt sich das Ereignis in seiner Zeitigkeit eben selbst dar. Da darf man am Schneidetisch auch mal ‘ne Nase nehmen und die großen Register ziehen. So wird das Unsagbare sichtbar. Warum Kausalkomplexe pushen? Weltgeist kaputt. Nein, wir wollen keine Opfer übergehen. Hegel war ein Idiot. Schauen Sie sich das ruhig mal an. Hier können Sie was lernen.

Ansonsten lasse ich heute alles ausfallen. Keinen Bock das Set zu proben. Die Songs sind noch nicht fertig und werden es auch nicht. Es ist mir egal. Egal, ob ich mich verspiele, den Text vergesse und mich aufführe wie ein weinerliches Kind. Mir ist nie irgendetwas peinlich. Ich kann überhaupt nicht so denken. Ich will einfach nur dabei sein, wenn es passiert. Ich und Boris Gott, Freitag ab 19:30 im Zacher. Fucking Hell. Ach Boris, du weißt, dass ich nicht Gitarre spielen kann, dass ich nicht singen kann, und dass es mit mir immer ein Abendteuer ist, weil meine Launen sehr stark sein können. Weshalb mache ich das alles überhaupt? Wegen dir, Boris. Ich möchte, dass du in der Brüderstraße ankommst und dich wohl fühlst. Weil wir Freunde sind. Seit Tagen dudel ich deine LPs rauf und runter. Alles deine Songs kenne ich auswendig. Natürlich frage ich mich, wie aus dir so ein großer Liedermacher werden konnte, während ich ein Vormittagsphantast geblieben bin. Aber ich frage mich das ohne Neid. Weil ich dich liebe. Weil ich deine Freundin liebe. Und weil ich die Dortmunder Nordstadt liebe. Boris, sieh doch nur, wie die Sonne untergeht. Die ganze Stadt verwandelt sich in einen Café cortado leche y leche. Ich will doch einfach nur in deiner Nähe sein, wenn du singst: „Engel wie wir sind keine Engel. Große Fresse und schon zu viel Scheiß gebaut. Wir weinen heimlich nur im Kino. Wir haben dickes Fell, darunter dünne Haut.“

Wir werden das alles ganz neu erfinden müssen. Es geht auch nicht mehr mit unseren Wohnungen. Wie kann man nur so leben? Seit Amsterdam habe ich nicht mehr gespült, dazu die Haufen aus Wäsche, CDs und Büchern, die sich in der ganzen Wohnung verteilen. Ein Plakat von Ian Curtis über dem Bett in zweifacher Ausführung, Seriation und so. Ich schaue in den Spiegel und mache Bäh. Dann rufe ich sie nochmal an. Vielleicht kann sie sich ja für einen Augenblick davonstehlen. Unsere Stimmen – ein Flügelschlag: War ein böser Tag heute, ja? Bin ich ein böser Mann, ja? – Komm mach mich müde, Kleines. Komm erzähl mir aus deinem Leben.

A local Hero´s Diary II: Alles in vollem Gange

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Dienstag, 13. Juli Nun ist es amtlich: das wird meine große Woche. Da ist nicht nur mein Bochum-Total-Gig mit Boris Gott am Freitagabend im Zacher. Nein, am Sonntagmorgen werde ich zudem im Freien Kunst Territorium an der Diekampstraße einige Gedichte aus meinem Amsterdam-Zyklus vortragen. Außerdem hat die Goldkante angerufen. Die beliebte Wohnzimmerbar befindet sich gegenwärtig in der Renovierung, gleichwohl haben die Betreiber einen Tisch für Sonntag auf der A40 zum Still-Leben Ruhrschnellweg gemietet und lassen nun höflich anfragen, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, auf der Autobahn ein paar Songs zu spielen. Ehrensache. Vielleicht zusammen mit dem Liedermacher Unter anderem Max? Von mir aus gerne. Ich rufe Max an und wir verabreden uns für Sonntag um 13.30 Uhr am Tisch der Goldkante. Das läuft doch gut an.

Naturgemäß habe ich verschlafen und nicht die größten Ambitionen, einen Teller sowie ein Messer zu spülen, um mir ein Frühstück zu bereiten. So gehe zu El Toro und gönne mir ein Entrecôte. Was sind schon 20 €, wenn man mit 800 € im Dispo steckt? (Man kann es wenden, wie man will, er bleiben 20 €.) Nach der Hochrippe des Rindes bricht sich der Schweiß seinen Bann. Die ganze Stadt ist in Bewegung. Von überall strömen junge weibliche Fußballfans mit Trikot und Schminkset Deutschland herbei. Selbst die Vuvuzelas (auf Setswana auch gerne Lepatata genannt) ertönen wieder. Was ist hier los? Richtig, die FIFA U-20-Frauen-WM hat begonnen. 22.000 Menschen strömen in das Bochumer Stadium an der Castroper Straße und erleben ein fulminantes 4:2 im Auftaktspiel Deutschland-Costa Rica. Zudem spielen Revolverheld schon heute Abend ihr inoffizielles Eröffnungskonzert für Bochum Total am Konrad Adenauer Platz, wo bereits seit den frühen Mittagstunden die ersten Fans am Bühnenrand ausharren. Wohlfeil wird das Ganze von der Stadt unter dem Logo der Bochumer Local Heroes Woche präsentiert. Logo drauf und fertig. Das ist das Problem. Die Stadt ist pleite und hängt sich in dieser Woche an alles, was auch nur nach Kultur riechen könnte. Die Ordnung des Diskurses parasitär betrieben. Aber irgendwie auch sympathisch. Die Stadt ist pleite, ich bin pleite, beide reden wir über Kultur – so viel Nähe war selten. Es funktioniert. „Wegen des Gesamtpakets“, wie mir Tommyboy aus dem Medienhaus smst.
Schlimm dagegen, wie ich rumlaufe. Ich kann mir das gar nicht erklären. Im letzten Jahr bin ich fast ausschließlich in Anzügen aufgetreten, gerne auch mit Krawatte. Ja, ich hatte sogar einen kleinen Fetisch für Manschettenknöpfe entwickelt. Heute dagegen schleppe ich mich durch die City wie ein Waldschrat. Ich will gar nicht wieder von meinem Schamhaarbart anfangen. Es ist diese bescheuerte Cargo-Hose, die ich trage. Diese albernden Adidas-Sportschuhe mit Good-Year-Sohle. Diese völlig sinnentleerte Tätowierung auf meinem Unterarm sowie meine verfranzten und vom Sonnenlicht gebleichten Haare. Ich sehe aus wie ein Berufsjugendlicher. Ich könnte weinen. Ich trage ein T-Shirt von Nike, nicht von Fortuna. Bereits vor vier Tagen hatte ich es getragen. Ich bemerke es erst in der U-Bahn am Geruch. Da hilft auch kein Axe-Alaska mehr. Warum dauert Bahnfahren eigentlich immer so lange? Und warum kann ich auf meinem BlackBerry immer noch keine Mails empfangen? „Bei Kleist kippt es und bei Kafka fällt es um“, pflegte meine Deutschlehrerin zu sagen. Entnervt erreiche ich das Büro der BSZ.

Konsensorientierte Redaktionskultur

„Ich brauche unbedingt 6.000 Zeichen und ein Foto zur Bochumer Local Heroes Woche. Am besten die ganze Seite 4“, so platze ich mit einen kleinen Verspätung in die Redaktionskonferenz. “Gibt es nicht. Nächste Woche ist das Thema durch und außerdem ist das eh alles Murks“, entgegnet mir der Genosse Hauptsetzer. Um in diesem Klima einer konsensorientierten Redaktionskultur mein Thema doch noch durchboxen zu können, bedürfte es eines längeren Vortrages über die Hintergründe meines Begehrens. Ich habe die Energie und bekomme schließlich 4.500 Zeichen auf Seite 3. Okey dokey. Jetzt aber schnell nach Hause und das Set geprobt. Zuvor noch kurz ins Zacher, den Deckel von letzter Nacht zahlen.

Hier finden sich am frühen Nachmittag so langsam alle wieder ein. Der DJ Renate von Rosen steht am Tresen und speist Audio-CDs in sein Laptop ein. „Schon mal Playlist machen, für die Kopfhörer-Party“, erklärt er. Kibi plant den Einkauf für das Wochenende und Tommyboy trinkt voller Wehmut einen Almdudler. Dr. Love schimpft über das Wetter. „Affenhitze!“ Schweigendes Einverständnis. „Von wem war noch mal Pogo in Togo?“, will Renate wissen. „United Balls, du Spacko“, hör ich mich sagen. Er tippt es in die Playlist. So langsam kommt Leben in die Bude. Renate erzählt, dass er und Dr. Love gestern im t.a.i.b. gewesen wären. In dieser „komischen Raupe vor dem Riff-Gelände“. Mit dieser Bambuskonstruktion sei dem Architekten Jonathan Haehn ein großes Symbol gelungen, so Tommyboy ohne von seinem Amldudler aufzublicken. „Langweilig!“, brüllt Dr. Love und kratzt sich am Bauch. Ich bestelle einen ersten Pastis. Allgemeines Kopfschütteln der Anwesenden. „Wir war es denn im t.a.i.b.?“ „Na ja“, fährt Renate fort, „viel Elektro-Gebrutze und leichtbekleidete Mädchen.“ „Dafür waren die Getränke auf Spendenbasis, hehe“, ergänzt Dr. Love. Der Ventilator zerhackt das Licht der Dachluke. Es hat sich etwas abgekühlt und langsam wird es Zeit, dass wir alle nochmal an die Arbeit gehen. Wir alle haben unsere besten Jahre verschenkt. Aber in dieser Woche sollte ein Local Hero fleißig sein.

Die Einsamkeit der Schildkröte

Die City scheint nun wirklich auseinanderbersten zu wollen. Sehr viele Touristen für einen Dienstag und überall passiert etwas. Als ich am Kurt-Schumacher-Platz vorbeikomme, empfangen mich vertraute Gospelgesänge, krawattentragende Schlauberger präsentieren direkt daneben irgendwelche Automobilmodelle. Charakterpanzer. Fürchterlich. Aber anscheinend unvermeidbar. Egal, ich muss nach Hause, das Set proben, an die Pforte klopfen. Doch heute generiert es sich mühsam. Vielleicht hätte ich den Pastis nicht trinken sollen. Kann mich kaum konzentrieren, fühle mich schrecklich einsam und verbraucht. Wie konnte mein Ausdruck nur so weinerlich werden? Wann war ich das letzte Mal verliebt? Warum kann ich nicht besser für mich sorgen? Blablabla. – Ich nehme jetzt diesen ganzen Seelenmüll und packe ihn in meinen Song. Egal ob C-Dur oder A-moll. Ein letzter Zweifel und dann singe ich: „Spürst du nicht auch diese Wut in dir? Sag, könnten wir das nicht transportieren. Ich würd dich so gern einmal kennenlernen. Ach komm, trockne meine Tränen in der Dunkelheit, schau dort stürzt der Turm jetzt ein. Und der Wecker klingelt um sieben.“

Die Greifhand schmerzt. Ich weiß noch, wie erschrocken Dr. Schröder nach der heutigen Redaktionskonferenz auf den Zustand meiner Fingerkuppen reagierte. „Das sieht aus wie abgefräst“, sagte er. „Einfach nur krank!“ Ich aber vergewisserte ihm, dass das ganz normal sei, wenn man viel probe. Schließlich spiele ich ja auf Stahlsaiten. Die Kunst verlange halt nach einem Einsatz, und wenn mir am Abend die Hand schmerzt und ich ganz in meinem sehnsüchtigen Verlangen nach Liebe aufgegangen bin, dann war es ein guter Tag. Für die Kunst. Vielleicht.

Teil I: Drei Akkorde weiter…Klick

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A local Hero´s Diary I: Drei Akkorde weiter

Unser Gastautor Carsten Marc Pfeffer berichtet wie seine Local Hero Woche in Bochum gelaufen ist.

Montag, 12. Juli Die Woche der Local Heroes beginnt mit einem Kaffee, einer Selbstgedrehten und der druckfrischen Tageszeitung. Tommyboy hat die Bochumer Kultur mit Dieter Gorny aufgemacht. Die Kreativwirtschaft und die temporäre architektonische Intervention in der Baulücke (t.a.i.b.), kurz: „die Neubausituation City-Tor-Süd“ – wie immer flockig runtergeschrieben. Darunter folgt ein Artikel von mir. „Tenöre wie im Klangteppich verwoben.“ Ich hatte versucht für das Unsagbare in einer Komposition Krzysztof Pendereckis synästhetische Bilder zu finden. Von „pseudointellektuell“ bis „geht gar nicht“, verspotteten mich meine Kritiker. Aus Angst vor einer noch größeren Blamage hatte Tommyboy in meinem Artikel sämtliche Assoziationen relativiert. Daher sind die Tenöre nun auch „wie“ im Klangteppich verwoben. Eine Ungeheuerlichkeit. Ich lege die Zeitung beiseite, koche neuen Kaffee und dreh mir eine weitere Zigarette. Heute geht es zur Konkurrenz.

Die Produktion der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung könnte an diesem Montag nicht enervierender sein. Das Philosophische Institut an der Ruhr-Universität soll aufgeteilt werden. Ein Skandal!, wettert der Mittelbau. Vom Ende der Geisteswissenschaften wird gesprochen. An allem sei nur der Rektor schuld. Persönlich zitiert werden möchte aber keiner. Da ist man als Journalist machtlos. Ich plädiere dafür, weiter an der Gerüchteschraube zu drehen, um das Thema aufzublasen. Zum wiederholten Male werde ich an diesem Morgen als „Spinner“ bezeichnet. Mein Artikel über die wieder erhältlichen Memoiren Tana Schanzaras wird hingegen wohlwollend aufgenommen. Es ist schon eine besondere Ehre, Mitglied der „ältesten kontinuierlich erscheinenden Studierendenzeitung im deutschsprachigen Raum“ (so der offizielle Titel auf Wikipedia) sein zu dürfen. Ich mag auch das Gender-Gap. Ich finde das alles super.
Gegen Mittag wird der Kater unerträglich. Warum musste ich auch bei Helmut und Marita wieder mit den Rabauken bechern? WM-Finale oder nicht, meine Bauspeicheldrüse gibt Pfötchen. Ab heute werde ich mich vegetarisch ernähren, versprochen. Ich entscheide mich in der Mensa für Tofu mit Mozzarella und Brunnenkressesauce. Dr. Schröder tut es mir gleich. Wieder viel zu heiß heute, aber ein Gewitter zieht auf. So, so. Noch Seite 4 setzen und ein letztes Mal Korrektur lesen, dann wird es Zeit für den Feierabend. Die Online-Redaktion muss heute ohne mich auskommen. „Kommt jemand Freitag zu meinem Gig mit Boris Gott?“ – „Vielleicht.“

Habitus des Disparaten

In der U35 gerate ich ins Grübeln. Seit drei Wochen lasse ich mir einen Bart wachsen. Warum? Ich weiß es nicht, aber irgendetwas sagt mir, dass ich mich gegenwärtig in meiner persönlichen Bart-Phase befinde. Ich sehe die Musiker der Prog-Rock-Phase der 70er vor mir. Alle mit Bart. Sie lachen so dionysisch und sind dabei ganz versunken in den Flow ihrer ekstatischen Musik. Aber was hat das mit mir zu tun? Nullkommanix. Ein Bart juckt, man schwitzt mehr und der Habitus verirrt sich im Disparaten. Doch was noch schlimmer ist: mir wächst überhaupt kein richtiger Bart. Die Härchen sind viel zu weich und wie sie sich auf meiner Backe kräuseln, sehen sie eher aus wie Schamhaar. Das irritiert nicht nur mich. Wobei festgestellt werden muss, dass die Frauen in meiner unmittelbaren Umgebung mitleidender auf mich reagieren, die Männer hingegen aggressiver. Ein Dilemma. Aber ich sollte nicht über so einen Scheiß nachdenken, sondern mich um meine Songs kümmern.

Auch in der Wohnung ist es viel zu heiß. Das Gewitter hatte nur für eine vorübergehende Abkühlung gesorgt. Nun ist alles sumpfig. Mein T-Shirt hat sich vom Brustbein aus mit Schweiß vollgesogen und klebt nun beengend an meiner Haut. Runter damit. Ich bin zuhaus. „Kratze den Mann aus dir raus. Verrate die Länder der Väter. Keine Arme, keine Beine, keine Ohren – nur Gefieder“, schallt es aus der Anlage. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal eine Pressemeldung über Hans Unstern gemailt bekam. Wegen des Namens „Unstern“ hatte ich gedacht, es würde sich um irgend so ein überflüssiges Gothic-Projekt handeln und die Mail ungelesen in den Papierkorb befördert. Als ich Unsterns Debüt dann zu hören bekam, schämte ich mich schrecklich. Heute zählt Hans zu den treuesten Copiloten meiner Tagtraumreisen. Aber zu viel Fremdeinfluss ist natürlich auch nicht gut, wenn die eigenen Songs noch nicht fertig sind. Immerhin ist Freitag bereits der Auftritt.

So geht es nun schon seit vielen Jahren. Zu Bochum Total spiele ich ein kleines Liedermacher-Set im Zacher in der Brüderstraße. Stets ist es mir ein Pläsir. Besonders weil das Ganze so unambitioniert daherkommt. Im Frühling schreibe ich ein paar Songs und im Sommer trage ich sie auf dem Festival vor. Vielleicht folgt im Herbst noch ein weiterer Gig in einer Szenekneipe meiner Wahl, aber im Winter kommt die Gitarre ganz sicher wieder auf den Dachboden. Mehr nicht. Einmal begleitet mich ein Pianist von der Folkwangschule, ein andermal ein Gitarrist aus der lokalen Punk-Band. Mehr braucht es nicht zum Glücklichsein. Und jedes Jahr tun es mir mehr Musiker und Kleinkünstler aus Bochum gleich. Man darf getrost behaupten, dass ich das Off-Programm des Festivals erfunden habe. Das besondere an 2010 ist, dass Bochum Total in diesem Jahr in die Local-Heroes-Woche eingebunden worden ist, wegen Kulturhauptstadt und so. Und irgendwie spricht mich das an. Irgendwie freut mich das, denn ich bin gerne unter Freunden. Doch bin ich kein Freund von Patriotismus, worunter gemeinhin auch der Lokalpatriotismus fällt. Ich lebe hier gerne, wenn es multikulturell, kreativ und unabhängig zugeht. Aber ich habe nicht das Gefühl, hier wirklich verwurzelt zu sein. Doch was hatte ich über die Lieder von Tana Schanzara geschrieben? „Das ist der Sound von Ürdinger und Bierschaum, von Lohntüten und Schrebergartenidyll. Diese Lieder waren wichtig für die kulturelle Identifikationsleistung der Bewohner_innen einer Dorfgemeinschaft namens Ruhrgebiet. Sie sind die Leuchtpfade hin zu einer Kulturmetropole.“ – Da hatte mich wohl wieder der Pathosteufel geritten. Aber vielleicht könnte es so gehen. Letztendlich müssen die Lieder darüber entscheiden. Die Lieder und der Einsatz. Also ran an die Arbeit.

Die Aufhebung der Ökonomie

Die neuen Songs sind in diesem Sommer sehr ausdrucksstark geworden. Der Einfluss von Gisbert zu Knyphausen ließ die früheren Einflüsse von Tom Liwa oder sogar Götz Wiedmann zurücktreten. Keine Frivolitäten mehr! Nur noch ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Hören wir doch endlich auf damit, so zu tun, als hätte es Ulla Meinecke und Stefan Sulke nie gegeben. Die Verschichtungen fließen, und ich jedenfalls will mich nur noch verschenken. Ich will auch keine Gage. Lediglich eine zarte Aufhebung der Ökonomie.

Die Probe: schwitzend auf dem Bett. Sechs Stunden später sind die Finger wund gespielt und meine Stimme ist nur noch ein schmerzhaftes Kratzen. Von nun an werde ich jede Stunde eine Ipalat-Halspastille einnehmen und versuchen, mich abzulenken. Was schwierig ist, wenn man das Pony erst mal wachgerüttelt hat. Alles ist jetzt Schall und Rhythmus, hat eine Eigendynamik entwickelt, lässt mich nicht zu Ruhe kommen. Alles schreit nach einem Drink.

Tommyboy ruft an und wir lassen den Tag im Zacher ausklingen. Es ist eine wundervolle friedliche Nacht. Selbst das Klima ist nun erträglich geworden. Vom Bahnhof aus trotten junge Menschen mit ihren Koffern Richtung Jugendherberge. Sambuca oder Grasovka? Wir nehmen einen. Nach zwei weiteren gesellen sich die Mädchen zu uns. Wir scherzen und trinken und planen einen Ausflug an den Silbersee in Haltern. Ich bestelle mir ein Kotelett – aber nur wegen der sagenhaften Panade, wie ich versichere. Dann beginne ich mit Tommyboy über die theoretischen Vorzüge Robert Connells gegenüber Judith Buttler zu streiten. Gerade war es noch Mitternacht, nun ist es schon halb drei. Ein bisschen Schlaf sollte schon sein, immerhin gibt es bis Freitag noch viel zu tun.

Größte deutsche Banane vor dem Aussterben?

Hamborn liegt im Duisburger Norden und dort gibt es, direkt an der A 42, in Sichtweite der IKEA, einen hundertjährigen Botanischen Garten mit einem Tropenhaus. Von unserem Gastautoren Helmut Junge

Das Tropenhaus selbst ist nur etwa 40 Jahre alt, und ist wegen der Finanzkrise der Stadt Duisburg, und den, laut Umweltdezernenten Peter Greulich, viel zu hohen Renovierungs- beziehungsweise Unterhaltskosten stark Schließungsgefährdet. Zwar gibt es einen Ratsbeschluss vom März dieses Jahres, der dieses Tropenhaus als erhaltenswert betrachtet, aber die Stadt Duisburg kann längst nicht mehr souverän über ihren Haushalt entscheiden und am 7. Juli gibt es ein Gespräch mit dem Regierungspräsidenten, wobei dieser noch einmal mit darüber entscheidet, was die Stadt Duisburg mit ihrem Geld tun darf, und was sie nicht damit tun darf.
Kürzlich hat der Umweltdezernent Dr. Peter Greulich in einem Interview mit der WAZ die Heiz-und Personalkosten als unverhältnismäßig hoch, gegenüber dem Nutzen für die Bürger bezeichnet. Er hätte in der Vergangenheit die Örtlichkeit häufiger besichtigt, aber niemals einen Besucher angetroffen. Angesichts der geringen Resonanz müsste ernsthaft über den Erhalt des Tropenhauses nachgedacht werden, zumal das Dach, wie er sagte „abgängig“ sei. Die WAZ Duisburg-Nord schrieb vor ein paar Tagen einen Artikel darüber, der allerdings nur im kleinen Lokalteil DU-Nord zu lesen war!

Nun ist es in der Tat so, dass dieser botanischen Garten kaum über die Grenzen Hamborn hinaus bekannt ist! Aber daß das Tropenhaus gar nicht frequentiert wird, das stimmt nach meinem eigenen Beobachtungen nicht, denn in den 20 Minuten, in denen ich heute meine Fotos geschossen habe, waren außer mir noch vier Besucher gleichzeitig dort. Aufs ganze Jahr hochgerechnet würde das bedeuten, dass etwa jeder Hamborner Bürger einmal im Jahr das Tropenhaus besichtigt.

Ich halte das für eine akzeptable Resonanz, denke aber, da ist tatsächlich noch einiges an Werbung zu leisten. Dazu kommt noch, daß sich die Bevölkerungszusammensetzung in den letzten Jahrzehnten durch den Zuzug von Menschen aus dem mediterranen Ländern stark verändert hat.
Bei diesen Neubürgern ist nach meiner Beobachtung noch nicht so viel Symphatie für eine Dschungelatmosphäre gewachsen.
Diese Bevölkerungsgruppen wären aber sicher interessiert an Pflanzen, die aus ihrer Heimat stammen. Da wäre eine Sonderausstellung mediteraner Pflanzen sicher keine schlechte Werbeidee.

Nebenbei bin überzeugt davon, dass dieses Tropenhaus eine Attraktion auch für die Bewohner der Nachbarstädte werden könnte. Aber nicht mal im nur wenige Kilometer entfernten Oberhausen weiß jemand, daß dort einige echt attraktive Raritäten zu besichtigen sind.

Da ist also insgesamt, tatsächlich noch einiges an Werbung zu leisten.
Was gibt es denn da zu sehen?
Dort stehen die größten Bananenpflanzen Deutschlands, und die größte deutsche Banane trägt zur Zeit Früchte!
Dort steht ein 8 Meter hoher Ficus, und unzählige mittelgroße und kleinere Pflanzen erzeugen den Eindruck, dass sich der Besucher in einem fantastischen Tropenwald befindet.
Das Haus verfügt über riesige Sortenvielfalt von Fuchsien, vielleicht die größte im großen Umkreis. Die Vegetation im Inneren des Tropenhauses ist also bemerkenswert, und läßt sich, falls das Tropenhaus abgerissen würde, nicht mehr wiederherstellen.
Wie stehen die politischen Parteien in Duisburg dazu?
SPD und CDU haben jeweils bereits mit interessierten Bürgern Ortsbesichtigungen durchgeführt. Auf telefonische Nachfrage hat mir für die Duisburger Grünen deren Fraktionsgeschäftsführer Ralf Krumpholz gesagt, dass seine Fraktion im März für den Erhalt des Tropenhauses gestimmt hätte, und diese Beschlußlage noch gilt.
Die Position der Duisburger Linkspartei zu erfragen war etwas schwieriger, weil deren Geschäftsstelle erst nicht besetzt war und ich dann über die Telefonnummer der Ortsgruppe Hamborn deren Fraktionsvorsitzenden Hermann Dierkes persönlich am Apparat hatte. Der war grad nicht in Sachen Weltpolitik unterwegs, und erklärte mir, daß die Linkspartei das Konzept der Stadtverwaltung zur Stilllegung des Tropenhauses abgelehnt hat, und sich auch in Zukunft für den Erhalt dieses Tropenhaus einsetzen will. Der Regierungspräsident könnte seiner Meinung nach aber im Juli den gesamten Haushaltsentwurf der Stadt Duisburg noch kippen.

Ausblick: Das Tropenhaus ist technisch intakt, und könnte nach Ausbessern von ein paar Dachscheiben noch 20 Jahre ohne größere Kosten eine überregionale Bedeutung bekommen, wenn etwas Phantasie in zusätzliche Events gesteckt würde. Sonderausstellungen z.B. zur mediterranen Pflanzenwelt, oder attraktive Einzelpflanzen einfügen.
Also Werbung machen. Dann kann man vielleicht sogar Eintrittskarten verkaufen, denn bisher ist der Besuch kostenlos.