Loveparade: Strafanzeigen gegen Ruhr2010-Chef Pleitgen

Fritz Pleitgen Foto: WDR

Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat bestätigt, dass „im Zusammenhang mit der Loveparade mehrere Strafanzeigen eingegangen sind, die sich gegen die Führung der Ruhr.2010 GmbH und dort insbesondere gegen den Geschäftsführer Herrn Pleitgen richten.“ Von unserem Gastautor Uwe Herzog.

Über den Inhalt und die genaue Anzahl der Anzeigen könne derzeit noch nichts gesagt werden.

Laut Oberstaatsanwalt Rolf Haferkamp werden alle gegen Fritz Pleitgen und weitere Mitarbeiter der Ruhr.2010 gerichteten Strafanzeigen derzeit zunächst auf ihre strafrechtliche Relevanz hin geprüft (zum Beispiel „fahrlässige Tötung“) und „fließen dann gegebenfalls in die Ermittlungsarbeit der Sonderkommission der Polizei in Köln ein“.

Zur Frage, ob auch eine Razzia ähnlich wie im Fall der Lopavent bei der Ruhr.2010 geplant sei, sagte Haferkamp: „Wenn sich herausstellen sollte, dass auch von dort Unterlagen für unsere Ermittlungen benötigt werden, werden auch diese selbstverständlich zu beschaffen sein.“

Lyssenko lebt

Lenin-Ordensträger Lyssenkos Lehre lebt – in der Flora verworfen, in der Fauna bestätigt. Von unserem Gastautoren Ronald Milewski.

Am 20. November 1976 starb Trofim Denissowitsch Lyssenko, sowjetischer Agronom und Biologe, siebenfacher Träger des Leninordens, von Stalin gefördert, von Chruschtschow verjagt. Verjagt wegen zahlreicher Missernten, die ihm angelastet wurden, wegen Forschungsergebnissen, die der Fälschung bezichtigt wurden, und wegen seiner Lehre, des Lyssenkoismus, einer späten Form des Lamarckismus. Dieser zur Folge können Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen bestimmt in der Lebenszeit erworbene Eigenschaften vererbt werden. Lyssenko, der einer ukrainischen Bauersfamilie entstammte und erfolglos antrat, die Ernährungsprobleme der frischgebackenen Sowjetrepubliken durch nachhaltige Zuchterfolge an Getreidesorten zu lösen, musste mit ansehen, wie 1934 ausgerechnet ein Kolchosbauer wegen der grassierenden Hungersnöte Schüsse auf den Leichnam Lenins abgab. Sein Forschungsansatz wurde später vor allen Dingen im Westen als ideologisch motiviert verurteilt. Für die Verbannung von Kritikern in Straflager soll er zumindest mitverantwortlich gewesen sein.

Aktuell stehen die Zeichen tief im Westen auf Rehabilitation des Stalingünstlings: Frühkindliche Erlebnisse von Vernachlässigung, körperlicher Gewalt und sexuellem Missbrauch wirken laut Forschungsteams an der Universität Zürich und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich drei Generationen lang. Entsprechende Ergebnisse haben die Forscherteams unlängst in der Zeitschrift „Biological Psychiatry“ veröffentlicht. Die ForscherInnen behaupten, dass traumatische Erlebnisse in Kindheit und Jugend nicht nur zu Verhaltensauffälligkeiten bei der betroffenen Person sondern auch bei deren Nachkommen führen. Wirkmechanismus seien dabei nicht Mutationen auf den Genen sondern die durch Umwelteinflüsse erzeugte Methylierung, die die Aktivität von Genen beeinflusst bzw. Gene, günstigstenfalls solche mit ungünstigem Effekt, ganz abschaltet. Auf diesem Weg prägen den Forschungsergebnissen zur Folge soziale Faktoren aber auch körperliche Aktivität den Genpool . Karma, ein wenig anders als gewohnt, aber immerhin naturwissenschaftlich belegt.

Hatten Lamarck und Lyssenko somit doch Recht mit ihrer Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften? Immerhin werden die bahnbrechenden Forschungsergebnisse eines Cyril Burt, der mit seinen Untersuchungen an Zwillingspaaren parallel zu Lyssenko auf westlicher Seite eindrücklich die Vererblichkeit von Intelligenz und Persönlichkeitszügen belegte und dafür 1946 zu Beginn des Kalten Krieges in den Adelsstand erhoben wurde, spätestens seit seinem Tod 1971 gleichfalls der Fälschung bezichtigt. Alles Ideologie oder was – egal ob diesseits oder jenseits des Eisernen Vorhangs? Auf jeden Fall eine typische Auseinandersetzung in der Moderne, geprägt durch ein Denken, das nur entweder oder, schwarz oder weiß, hopp oder topp kennt.

Ganz anders geriert sich nun Forschung in der Postmoderne. Deren Credo prägt ein wohltuendes sowohl als auch: Gene beeinflussen und können vererblich beeinflusst werden. Dabei helfen schon frische Luft, körperliche Bewegung und eine veränderte Kost. Das Zauberwort heißt Epigenetik. Der SPIEGEL widmete diesem Forschungszweig in der Biologie immerhin seine Titelgeschichte in der Ausgabe 32/2010. Die Argumente folgen neuesten Forschungsergebnissen und lauten:

– Der Lebensstil verändert die Biologie.

– Äußere Einflüsse können Gene chemisch verändern.

– Neben dem Inhalt der Gene trägt das Erbgut eine übergeordnete Ebene von Informationen.

– Die epigenetischen (auf den Genen liegenden und durch Erfahrung beeinflussbaren) Mechanismen steuern das Verhalten der Gene.

– Babys, die von der Mutter (!) liebevoll gestreichelt wurden, sind als Erwachsene gegen Stress gefeit.

– Menschen, die meditieren, verändern die Architektur ihres Gehirns. Heimkinder, die in eine Adoptionsfamilie kommen, blühen auf.

– Eineiige Zwillinge können in ihrem Verhalten grundverschieden sein.

– Epigenetische Informationen werden von den Zellen sogar auf die Tochterzellen weitergegeben – der Körper hat ein Gedächtnis.

– Das Körpergedächtnis kann allerdings verblassen. Epigenetische Inschriften sind löschbar.

Während Lyssenko sich mehr für die Flora interessierte, beziehen sich diese Erkenntnisse auf die Fauna und könnten – ernst genommen – unmittelbar Auswirkungen auf Psychotherapie, Schul- und Bildungspolitik haben. Die Züricher Forschungsergebnisse wurden indes an Mäusen gewonnen. In typischer Weise traumatisierte, nämlich über einen definierten Zeitraum unvorhersehbar von ihrer Mutter (!) getrennte Jungmäuse entwickeln im Erwachsenenalter deutliche Verhaltensänderungen in Richtung depressiver Hilflosigkeit respektive Verlust der Impulskontrolle. Das eigentlich überraschende Ergebnis der Studie ist jedoch, dass die Tiere ihre Verhaltensstörungen an ihre Nachkommen vererben. Stress, so zeigen die Forschungsergebnisse verändern das so genannte Methylierungsprofil bestimmter Gene im Gehirn und in den Spermien männlicher Mäuse.
„Die Symptome, welche die gestörten Mäuse zeigten, sind auch in Borderline- und Depressions-Patienten sehr prominent vorhanden“, sagt Isabelle Mansuy, die Leiterin der Arbeitsgruppen an den Züricher Forschungsinstituten.

„Was tun?“ könnte man nun mit Lenin fragen. Isabelle Mansuy möchte die Untersuchung an Mäusen auf Menschen ausdehnen, um an Hand von „Gewebeproben von Personen und ihren Nachkommen mögliche Methylisierungskandidaten unter den Genen herauszufinden“. Sie ist sich sicher, auch im menschlichen Gewebe Methylierungen zu finden, Methylgruppen bestehend aus einem Kohlenstoff- und drei Wasserstoff-Atomen – angehängt an spezifische Gene.

Zu befürchten ist, dass sich auf dieses Forschungsvorhaben nun – komfortabel ausgestattet mit Forschungsgeldern – Heerscharen und Generationen von ForscherInnen stürzen, die alsbald den Ausgangspunkt in der Erkenntnis der Herstellbarkeit von Methylierung durch Umwelteinflüsse vergessen und in herkömmlicher Interpunktion des gewohnten Denkens in Ursache und Wirkung ebendiese methylierten Gene zum Verursacher von Depression, Borderline-Störung und Intelligenz-Defiziten erklären – also einmal mehr beim physiologischen Pol andocken.

„Was tun!“ könnte dagegen frei nach Sloterdijk und seiner aktuellen Programmatik vom sich übenden Menschen ein Forschungs-Credo lauten, das seinen Schwerpunkt auf die Erforschung derjenigen Lebensweisen legt, die die ungünstige Programmierung wieder aufheben oder gar nicht erst aufkommen lassen. In Anlehnung an eine Marxsche Feuerbach-These könnte die Maxime lauten: „Die Physiologen haben die (Mikro-)Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an,
sie zu verändern.“

Bier, Wahnsinn, Scherben

Drei Männer, drei Gitarren und drei Mal ganz gehörig Muffensausen. Drei Perspektiven auf das Leben und eine zerstörte Bühne. Carsten Marc Pfeffer, Malte von Griesgram und Tommy Debone läuten den Start der Singer-Songwriter-Reihe im Bochumer Rottstr5-Theater mit einem echten Knalleffekt ein. Flaschen fliegen, Züge donnern über die Köpfe der Zuhörer hinweg und die erste Veranstaltung der Singer-Songwriter-Reihe hat bewiesen, was für eine großartige Idee die Jungs von der Rottstr5 da hatten. Von unserer Gastautorin Chantal Stauder

Debone, in Jeans und Karohemd betritt garniert mit einem Drei-Tage-Bart die Bühne des Bochumer Off-Theaters. Seine Stimme klingt sympathisch, nach ganz viel Whiskey und noch mehr Zigaretten. Ein Kerl, der locker von Tom Waits sozialisiert worden sein könnte. Schüchtern, solange er spricht, ein Draufgänger, sobald er singt. Irgendwie verwegen, aber merklich nervös. Ein postmoderner Großstadtwestern, gespickt mit lässigem Groove, von mehr als einer komödiantischen Episode unterbrochen. Er ist dankbar für seinen ersten Auftritt in der Rottstr5, weil er den Laden „scheiße geil“ findet. Bevor es losgeht schickt er noch eine letzte Warnung an sein Publikum: „Da müssen wir jetzt beide durch. Also ihr und ich.“ Die Songtexte des Achtundzwanzigjährigen zeugen von einer gewissen Selbstironie, aber auch von reichlich Schwermut. Es ist Musik, die man sich als Soundtrack für die Paarungs-Pirsch in heruntergekommenen Bars wünscht. Debone präsentiert sich noch eckig und kantig. Bei ihm hat noch nicht die sonst so allgegenwärtige Geschmeidigkeit Einzug gehalten, mit der sich geübtere Barden gewöhnlich auf der Bühne bewegen.

Textsymmetrie aus der Phrasenkiste

Malte von Griesgram dagegen setzt auf Textsymmetrie und greift dabei manchmal ein Stück zu tief in die Phrasenkiste. Zur Einleitung gibt es lässige Provokationen: „Die Wenigsten kennen mich und ich kenne die Wenigsten von euch. Es kann also eine hocherotische Angelegenheit werden.“ Die ersten Songs sind treffend, rund und erzählen von Liebe, Frauen und Gefühlen. Von Griesgram weiß, während wir leben, sammeln wir die Bilder für den Abspann. Es geht um schöne Momente und deren Wiederholung. Seine Texte sind ein bunt zusammen gepflückter Strauß rhetorischer Stilblüten, bei denen von Griesgram gern mal in umliegende Kitsch-Pfützen tritt. Manchmal wirkt es ein bisschen wie zuviel Puderzucker auf der süßen Waffel. Es klingt ein bisschen zu pathetisch, zu dick aufgetragen, womit er seine Zuhörer verzaubern möchte. Ein Song, der das Herz nicht berührt, langweilt das Ohr. So können seine Songs am Ende nicht halten, was sie zu Anfang versprachen.

Carsten Marc Pfeffer betritt die Bühne und murmelt dabei selbstvergessen und nervengebündelt vor sich hin. Aufwendig bindet er seine Krawatte, stimmt minutenlang seine Gitarre und tritt dann ans Mikro, um sich in epischer Breite über Hannes Wader und Konstantin Wecker auszukotzen, die gleichzeitig im Bochumer Ruhrkongress ein Konzert spielen. Dass er seine Tiraden im feinsten Cockney-Englisch hält, macht die Situation noch befremdlicher. Er beginnt eine spinnerte Beck-Version von „I was made for loving you“, die er lachend abbricht. Die Irritation im Publikum könnte nicht größer sein. Das macht dem Liedermacher ersichtlich großen Spaß. Er schnippt sich ein Bier auf, zündet sich eine Zigarette an. Dann erst geht es richtig los.

Die Heiligkeit der blöden Kuh

Sofort der erste Song zielt direkt ins Herz. Pfeffer schreibt deutschsprachige Lieder für Frauen, die es eigentlich nicht verdient haben. Das macht er ziemlich gut. Dabei gelingt es ihm immer wieder, den größten Schweinkram mit einer poetischen Aura des Mystischen zu umgeben. Man möchte ihm zustimmen, wenn er bemerkt, dass es für einen Liedermacher beizeiten ganz hilfreich sein kann, wenn einem ab und zu eine blöde Kuh über den Weg läuft. Er singt mit einer Verletzlichkeit und Intensität, die die Welt aus den Angeln hebt. Die Bochumer sind begeistert und fast ein bisschen verliebt, weil sich da einer so sehr verschenkt. Schweißüberströmt und von der Stimmung des Abends ergriffen, zerlegt Pfeffer dann kurzerhand die Bühne der Rottstr5. Requisiten fliegen ins Publikum, eine Frau schreit auf, die Diskokugel klatscht gegen die Theaterwand: Bier, Wahnsinn, Scherben. Verdammt viel Stil hat es aber auch, als sich der Intendant der Rottstr5. von diesem Radau anstecken lässt und die erste Bierflasche höchstpersönlich auf die Bühne wirft. Fight Club: Arne Nobel als Pfeffers Tyler Durden – einfach geil. „Mit dem Pfeffer würde ich überall hingehen“, so Nobel. Pfeffer sagt über sich selbst, dass er im Punk sozialisiert wurde. Er ist das personifizierte Punk-Zitat. Doch sein Thema ist nicht der Hass, sondern die Liebe. Das Zuviel der Liebe.

Als das Publikum nach der zweiten Zugabe immer noch keine Ruhe geben will, zückt Pfeffer den Revolver. „Schnauze“, brüllt er in den Applaus hinein, die Waffe auf das Publikum gerichtet. Doch kann er machen, was er will, der Applaus nimmt eher noch zu. Pfeffer hat sich an diesem Abend Narrenfreiheit erspielt. Bei so einem irren Kerl wie diesem geht den Bochumern einfach das Herz auf. Und noch einmal: einfach geil.

Werbung


Waldorfschule: Lehrer gesucht!

In Zeiten eines dramatischen Lehrermangels suchen auch die Waldorfschulen verzweifelt Nachwuchs an „Erziehungskünstlern“. Der „Bund der Freien Waldorfschulen“ hat die Website „Waldorflehrer werden – Bildung fürs Leben“ geschaffen, um für einen Beruf zu werben, der, Zitat, „eine echte Bereicherung für Ihr Leben sein kann.“ Auch für Ihres? Von unserem Gastautor Andreas Lichte.

 

Als besonderen Service bieten die Ruhrbarone ihren Lesern einen Schnell-Eignungstest an. Sie müssen nur die folgenden Fragen mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten und schon wissen Sie, ob Sie für den Beruf des Waldorflehrers geeignet sind:

– ist Eurythmie Kunst?

– ist Rudolf Steiner ein bedeutender Naturwissenschaftler?

– ist es Wissenschaft, wenn im Waldorf-Schulgarten Kuhhörner nach dem Mondkalender vergraben werden?

Wer dreimal mit „Ja“ geantwortet hat, sollte unbedingt weiterlesen, um noch mehr über seinen Traumberuf zu erfahren.

„Wie in jeder anderen Schule geht es in Waldorfschulen um die Vermittlung wissenschaftlich gesicherten Wissens …“ schreibt der Bund der Freien Waldorfschulen, vergisst aber darauf hinzuweisen, dass anthroposophische „Geisteswissenschaft“ weit über das übliche universitäre Wissen hinausgeht. Was immer wieder zu Unverständnis führt. So schreibt der SPIEGEL im Artikel „Die Lehre von Atlantis“: „(…) Dass empirische Forschung nichts zählt, steht sogar im »Studienbegleiter« für angehende Waldorflehrer an der anthroposophischen Freien Hochschule Stuttgart. Anfänger müssen am staatlich anerkannten Seminar Steiners Buch »Theosophie« nicht nur lesen, sondern dabei auch eine »geistige Schulung« durchlaufen, bei der »Inhalte nicht kommentiert oder interpretiert« werden. Ziel ist, wortwörtlich, das »allmähliche Hinaufarbeiten zur Ebene eines produktiven Erkennens, das im Gegensatz zu den analytischen Erkenntnismethoden steht«.

In seinem umfangreichen Gesamtwerk fabuliert Steiner von Geistwesen, Äther-, Astral- und physischen »Leibern«, »atlantischen Kulturepochen« eines Erdzeitalters und vor allem von der »Akasha-Chronik«. Aus dieser geheimnisvollen Schrift wollte Steiner seine Erkenntnisse auf hellseherische Weise gewonnen haben. Praktisch, dass dieser sagenumwobene Geistesschatz ihm exklusiv zur Verfügung stand. Nahezu nichts ist im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das wusste Steiner natürlich und beschied Kritiker mit dem Satz: »Schon der Einwand: ich kann auch irren, ist störender Unglaube.« (…)“

Störenden Unglauben zeigte auch das ZDF, Frontal 21, in seinem Beitrag „Kritik an Waldorf-Lehrern – »Wir haben die meiste Zeit gesungen«“. Dort heisst es: „Ein Beleg solcher Qualifikation [als Waldorflehrer] sind Abschlussarbeiten wie diese der Freien Hochschule Stuttgart. Sie lobt ausdrücklich eine Arbeit mit dem Titel: »Verstehen von Pflanzen durch lebendige Begriffe«. Es geht um Primelgewächse, angebliche Erdkräfte und Pflanzencharaktere. Erfüllen solche Diplomschriften wissenschaftliche Maßstäbe? Josef Kraus, Präsident Deutscher Lehrerverband, antwortet: »Die erfüllen nicht mal den Anspruch, der gestellt wird an die Facharbeit eines Zwölft- und Dreizehntklässlers. Ich würde eine solche Arbeit am Gymnasium als Zulassungsarbeit, als Facharbeit zum Abitur nicht annehmen.«“

Der Deutsche Lehrerverband kennt noch mehr Diplomarbeiten, die die staatlich anerkannte „Freie Hochschule Stuttgart“ selber lobte , nachzulesen hier: Schule und Lehrerbildung im Zeichen von Atlantis und Saturn. Um den zukünftigen Waldorflehrern zu zeigen, dass wirklich alles möglich ist, hier noch ein weiteres Beispiel:

„Vom Mai 2006 stammt die Arbeit »Alternative Betrachtungen zum Krankheitsbild AD(H)S«, also zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Eine der zentralen Aussagen lautet: »Es geht hier vor allem um kosmische und irdische Einflüsse.« Anschließend folgen seitenlang Betrachtungen etwa über den Kalender der Maya, das Wassermann-Zeitalter, die Metamorphose vom Geistigen ins Physische und die in Revolutionsjahren (etwa 1789, 1848 und 1917) ausgeprägten Sonnenfleckenmaxima.“

„Sie gestalten Ihre Schule selbst – unabhängig von wechselnden Erlassen und Verordnungen, in voller Selbstverwaltung, gemeinsam mit gleich gesinnten Kollegen“ schreibt der Bund der Freien Waldorfschulen, und betont die Unabhängigkeit der Waldorfschulen von staatlichen Vorgaben. Eine staatliche Schulaufsicht gibt es – de facto – nicht. So berichtet der WDR in seinem Artikel „Wie werden die »Ersatz-Schulen« kontrolliert? – Hinter privaten Schultüren“ über ein Gewaltopfer an der Waldorfschule Schloss Hamborn, Zitat:

„Als er sich daraufhin an die Bezirksregierung Detmold wandte, habe man ihm dort erklärt, dass die Behörde für private Schulen, wie Waldorf- oder auch kirchliche Schulen, nicht zuständig sei. Auch auf eine Petition beim Landtag NRW hin bekam der ehemalige Schüler dieselbe Auskunft. Das »Verhalten der Lehrkraft«, heißt es in einem Antwortschreiben, das WDR.de vorliegt, »konnte keine schulaufsichtliche Maßnahme auslösen«, da die Lehrkraft nicht Bedienstete des Landes Nordrhein-Westfalen war, sondern in einem privatrechtlichen Vertragsverhältnis zum Schulträger stand«.“

„In der Waldorfschule muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“ Aber welche Aufgaben hat denn nun ein Waldorflehrer?

„Als zukünftige Lehrerin“, belehrte mich Herr Klein, „haben Sie die Aufgabe, den Himmel in den Klassenraum zu bringen. Alles andere ist zweitrangig. Auch die Wissensvermittlung“ berichtet Nicole Glocke in ihrem Erfahrungsbericht „Inkarnieren zum Klavier“ aus dem „Seminar für Waldorfpädagogik Berlin“.

„Himmel in den Klassenraum bringen“? Na, das sollte doch für einen „Erziehungskünstler“ kein Problem sein. Und auch nicht für Sie, Sie haben ja schliesslich schon den Ruhrbarone-Eignungstest bestanden.

Info: Die Waldorfschule, Rudolf Steiner, und die Anthroposophie

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart vom Anthroposophen Emil Molt, Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, als Betriebsschule gegründet. Molt beauftragte Rudolf Steiner mit der pädagogische Leitung der neuen „Waldorf“-Schule.

Rudolf Steiner (1861–1925) promovierte 1891 mit der schlechtmöglichsten Note „rite“ in Philosophie; die 1894 versuchte Habilitation scheiterte. Um 1900 kam er in Kontakt mit Helena Petrovna Blavatskys esoterischer „Theosophie“. Von 1902 bis 1912 leitete Steiner die deutsche Sektion der „Theosophischen Gesellschaft“, die er 1912/13 abspaltete und unter dem Namen   „Anthroposophie“ neu gründete.

Steiner ist nach eigener Aussage Hellseher. Er behauptet, in der „Akasha-Chronik“, einem allumfassenden „Geistigen Weltengedächtnis“ im „Äther“lesen zu können. Steiner erklärt: „Erweitert der Mensch auf diese Art [d.h. durch Steiners Anthroposophie] sein Erkenntnisvermögen, dann ist er (…) nicht mehr auf die äußeren Zeugnisse angewiesen. Dann vermag er zu  schauen, was an den Ereignissen nicht sinnlich wahrnehmbar ist (…).“Die Anthroposophie schöpft damit aus esoterischen, okkulten Quellen, die für Nicht-Anthroposophen reine Fiktion sind.

Die Waldorfschule war für Steiner von Beginn an ein wirksames Instrument zur Verbreitung seiner esoterischen Heilslehre „Anthroposophie“. Und die „Anthroposophie“ ist bis heute verbindliche Grundlage des Unterrichts jeder Waldorfschule, Rudolf Steiner deren unangefochtene Autorität. Wie weit die Verehrung geht, mag man am Umfang der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe ermessen: Sie hat zurzeit 354 Bände.

Zum Autor: Andreas Lichte ist ausgebildeter Waldorflehrer und Grafiker, lebt in Berlin. Er ist Autor kritischer Artikel zur Waldorfpädagogik und Anthroposophie. Er erstellte für die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) ein Gutachten zur Indizierung zweier Werke Rudolf Steiners, die fortan nur noch in kommentierter Form erscheinen dürfen.

Andreas Lichte bei den Ruhrbaronen:

„Waldorfschule: Vorsicht Steiner“

Interview mit Andreas Lichte

„Kampf bis zur Erleuchtung – Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander“

„Die Waldorfschulen informieren“

 

„Drei Gründe für die Waldorfschule“

Waldorfschule: „Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“

Mieser Mister Blister – Verdammt die Blisterpackung!

Von unserem Gastautor Jo Frank

Blister-Verpackung: macht wahnsinnig
Blister-Verpackung: Macht wahnsinnig

Wenn ich was hasse, sind das diese blöden „Blister-Display-Verpackungen“ – die aus dickem, verschweißten Kunststoff.

Sie sind eigentlich dafür gedacht, im Ladengeschäft kleine Artikel in der Selbstbedienung möglichst groß zu machen, dafür gemacht, daß sie nicht geklaut werden können.

Beispielsweise Nägelschneider, Speicherkarten, Adapterstecker. Und schön sehen soll man halt, was drin ist. Umweltfreundlich? Scheiß drauf. Dickes Plastik – statt dünner Pappe.

Leider gibt es auch im Versandhandel, etwa von Ebay-Händlern, kaum noch was anderes.

Gleichwohl ist es kaum möglich, diese Mistdinger unfallfrei zu öffnen.

Öffnungsalternative Teppichmesser. Mit Teppichmessern ist erstmal Dein Tischtuch zerschnitten und sodann sind Deine Finger abgesäbelt. Was keiner weiß: Darin hat der Witz Fünf Bier für die Männer vom Sägewerk seinen Ursprung.

Öffnungsalternative Schere. Mit Scheren führt der komplizierte Öffnungsvorgang mindestens zu Blutergüssen an den Fingern. Und Du trittst Dir auch noch auf den Fuß vor Zorn.

Blister machen Scheren kaputt
Blister machen auch Scheren kaputt

Und dann ist auch noch die Schere kaputt. Nach dem Öffnen. Verdammt.

Und die Finger sind spätestens zerschnitten und blutig, nachdem kniffeligen Versuch, das Zeugs aus der aufgeschnittenen Blisterverpackung rauszupuhlen.

Ganz kraß war neulich die Eye-Fi-Karte:

„Die erste Wireless-Speicherkarte auf dem Markt. Sie passt in jede Kamera, sieht aus wie jede andere SDHC-Karte und speichert Daten auf dieselbe Weise. Der Clou der Eye-Fi-Karte ist ihre Wi-Fi-Funktion, mit der Sie Fotos und Videos kabellos direkt ins Netzwerk und Internet übertragen können.“

Sie hatten extra eine zweite Fake-Karte in den
Blister gelegt, damit Ladendiebe auf diese reinfallen – und die aus der Verpackung holen.

Ehrliche Käufer allerdings auch – die echte Karte ist gut versteckt.

Warum beläßt man es denn bitte bitte nicht für den Versand bei einer Pappschachtel mit Aufdruck?

Die kann man wenigstens unfallfrei öffnen. Möglicherweise.

Aber die Hersteller bieten auch für Versand nur noch Blisterverpackungen an und
bezeichnen das Mistzeug auch noch als „kundenfreundlich“.

Waldorfschule: Physik vom Hellseher

Schlauer als Steiner: Schrödinger

Wie sorgt man in der Waldorfwelt für Ruhe? Mit „Mundzukleben“? Richtig laut wird es, wenn Detlef Hardorp Waldorfeltern die nobelpreisverdächtigen Leistungen seines Gurus Rudolf Steiner erklärt. Der soll schlauer gewesen sein als viele Physiker.  Von unserem Gastautor Tobias Maier.

Rudolf Steiner soll schon sechs Jahre vor Erwin Schrödinger (Nobelpreis für Physik 1933) die nach ihm benannte Gleichung erfunden haben. Dr. Detlef Hardorp, bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg und Anthroposoph zur Rolle Rudolf Steiners als Wissenschaftler:

„Bemerkenswert ist u.a., daß er (Steiner) in einem dieser Vorträge schon im Jahre 1920 eine Differentialgleichung für Lichtwirkungen entwickelte, die erst drei Jahre später von Erwin Schrödinger »neu« entdeckt wurde. Sie spielte als Grundlage der Quantenphysik in der modernen Naturwissenschaft eine nicht unbedeutende Rolle.“

Hardorps Äußerungen stammen ursprünglich aus der Publikation „Rudolf Steiner and Schrödinger’s equation“ von Detlef Hardorp and Ulrich Pinkall, in „Mathematisch-Physikalische Korrespondenz“, Nr. 201, Johanni 2000. Im Original liest sich das so:

„Thus the third differential equation that Steiner writes down on the 12th of March in the year 1920 is not only »formally equivalent« to Schrödinger’s equation. Apart from the fact that the value of the constant is not specified as a number related to Planck’s constant, it is Schrödinger’s equation.“

Der promovierte Physiker Andreas Krämer hat sich die Steiner-Publikation und deren Interpretation von Hardorp und Pinkall genauer angesehen. Das Fazit seiner Analyse:

„Für den Physiker ist eine mathematische Formel ohne eine klare Beschreibung der enthaltenen Grössen keine Theorie. Nach meinem Verständnis der Grössen in der Steinerschen Formel (Kontext Wärmeleitung/Energieumsatz) wird daraus sogar eine falsche Theorie.“

Beide, Pinkall und Hardorp haben zur Analyse von Andreas Krämer Stellung bezogen.

Prof. Ulrich Pinkall, TU Berlin, rudert zurück:

„Ich selbst habe auch ein etwas ungutes Gefühl dabei, das ganze Thema als Munition in Debatten um die Wissenschaftlichkeit der Waldorf-Pädagogik zu verwenden.“

Dr. Detlef Hardorp schreibt in seiner Steiner-Verblendung:

„[…] Das aber just Steiner eine Gleichung intuitiv an die Tafel schreibt, die einige Jahre später in der Physik zu den bedeutsamsten Gleichungen überhaupt werden wird, erscheint mir symptomatisch für Steiner zu sein. Denn das hat er doch in vielen Bereichen gemacht: von außen betrachtet stochert er unprofessionell in allen möglichen Gebieten herum, und trifft mit unverschämter Sicherheit immer wieder Goldadern, auch wenn er nicht den wissenschaftlichen Apparat bieten kann, mit dem das dann meist später von anderen wesentlich vollständiger gemacht wird.“

Andreas Lichte, intimer Kenner und Kritiker der Anthro-Szene kommt zu folgendem Fazit:

„Wer Steiner richtig zu lesen weiss, findet dort ALLES, Antworten auf alle Fragen, auch die allerletzten. Verhält sich ähnlich wie Nostradamus: man muss nur richtig lesen können …“

Aber das Verdrehen historischer Fakten ist ja eine bekannte und beliebte Strategie der Pseudowissenschaftler, um ihren realitätsfernen Ansichten ein vermeintlich wissenschaftliches Fundament zu verschaffen.

Zum Autor: Der Artikel ist eine überarbeitete Fassung von „Rudolf Steiner und die Schrödingergleichung“, erschienen auf dem blog „WeiterGen“ von Tobias Maier.

Info: Die Waldorfschule, Rudolf Steiner, und die Anthroposophie

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart vom Anthroposophen Emil Molt, Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, als Betriebsschule gegründet. Molt beauftragte Rudolf Steiner mit der pädagogische Leitung der neuen „Waldorf“-Schule.

Rudolf Steiner (1861–1925) promovierte 1891 mit der schlechtmöglichsten Note „rite“ in Philosophie; die 1894 versuchte Habilitation scheiterte. Um 1900 kam er in Kontakt mit Helena Petrovna Blavatskys esoterischer „Theosophie“. Von 1902 bis 1912 leitete Steiner die deutsche Sektion der „Theosophischen Gesellschaft“, die er 1912/13 abspaltete und unter dem Namen   „Anthroposophie“ neu gründete.

Steiner ist nach eigener Aussage Hellseher. Er behauptet, in der „Akasha-Chronik“, einem allumfassenden „Geistigen Weltengedächtnis“ im „Äther“ lesen zu können. Steiner erklärt: „Erweitert der Mensch auf diese Art [d.h. durch Steiners Anthroposophie] sein Erkenntnisvermögen, dann ist er (…) nicht mehr auf die äußeren Zeugnisse angewiesen. Dann vermag er zu  S C H A U E N , was an den Ereignissen nicht sinnlich wahrnehmbar ist (…).“ Die Anthroposophie schöpft damit aus esoterischen, okkulten Quellen, die für Nicht-Anthroposophen reine Fiktion sind.

Die Waldorfschule war für Steiner von Beginn an ein wirksames Instrument zur Verbreitung seiner esoterischen Heilslehre „Anthroposophie“. Und die „Anthroposophie“ ist bis heute verbindliche Grundlage des Unterrichts jeder Waldorfschule, Rudolf Steiner deren unangefochtene Autorität. Wie weit die Verehrung geht, mag man am Umfang der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe ermessen: Sie hat zurzeit 354 Bände.

Raul und Schalke 04: Deja-vu mit der Filmgeschichte?

„Der Galaktische“ – diese Charakterisierung hört man derzeit in den Sportmedien rauf und runter. Gemeint ist „Rauuuuuuuuuuuuuul“. Von unserem Gastautor Marc Limbach

Die Verpflichtung des Spaniers hat die blau-weißen Herzen auf Schalke in Verzückung gebracht. Ob Saisoneröffnung oder Sponsorenturnier namens LigaTotal, es gibt nur ein Thema. Man könnte glatt meinen, der ehemalige Königliche aus Madrid schießt die Knappen im Alleingang zu Meisterschale, Pokal und Champions League-Titel. Wie viele Versprechungen sich die Königsblauen schon von südländischen Einkäufen machen durften, will ich hier einmal unter den Tisch fallen lassen. Nichtsdestotrotz komme ich angesichts des Hypes um den alternden Stürmerstar nicht drumherum, ein filmisches, jedoch nicht ernst zunehmendes Beispiel zu bemühen: „Fußball ist unser Leben“ mit Uwe Ochsenknecht aus dem Jahr 1999.

Bevor mir ein Schwall von blau-weißen Hasskommentaren entgegen fliegt, will ich eine Sache klarstellen: Ja, ich bin Schalke-Fan. Zwar nicht Schalke-Mitglied, aber nach einigen Verwirrungen (Kaiserslautern, Leverkusen) in der Jugend haben sich Herz und Verstand doch auf Blau-Weiß geeinigt. Und ob ein Vergleich zwischen dem aktuellen Geschehen und einer fiktiven Filmgeschichte nicht die feine englische Art ist, will ich hier nicht beurteilen. Mir geht es auch um etwas ganz anderes bei dieser Assoziation.

Leise kritische Stimmen zum Hype um den alternden Stürmerstar sind nur vereinzelt zu hören oder zu lesen – oder sie entziehen sich meiner Wahrnehmung. Spiegel Online vergleicht den Stürmer etwa mit einem Ferrari älteren Baujahrs. Natürlich ist das aktuelle Geschehen auch ein gefundenes Fressen für die Erbfeinde aus Lüdenscheid-Nord. Da verwundert es auch nicht, dass der Pottblog-Inhaber den Gelsenkirchen-Blog „Der erste kleine Titel“ zum Sieg des Ligatotal-Cups in seinen „Links anne Ruhr“ augenzwinkernd mit den Worten „… und vielleicht auch der letzte?“ kommentiert. Die Bedeutung des Derbys wurde Raul bereits eingeimpft, wie man im „Aktuellen Sportstudio“ betrachten konnte. (Also freut Euch nicht zu früh, Zecken!)

Zurück zum Film: Die Figur „Dios“ spielt bereits bei Schalke und macht eher durch Leistungsverweigerung von sich reden. Als ehemaliger Weltfußballer und alternder Stürmer wird er trotzdem vom Protagonisten Hans Pollak und dessen Fan-Club-Kameraden vergöttert. „Man muss ihn nur ein bisschen motivieren“, so Pollaks Tenor. So makaber es klingt, aber die letzten beide Sätze weisen eine gewisse Nähe auf. Ohne den ganzen Film hier langweilend nachzuerzählen, verweise ich auf den Wikipedia-Artikel.

Gut, Raul hat einiges aufzuholen, nach dem Bankdrücken in Madrid. Fußballerisch ist er ohne Frage ein Juwel. Seine Einsätze beim Sponsorenturnier am letzten Wochenende waren vielversprechend. Ferner ist das Schalke, was die Komödie wiedergibt ein anderes, als das Schalke unter Felix Magath. Kein Parkstadion, kein Yves Eigenrauch, kein kürzlich gewonnener Titel wie damals der UEFA-Cup. Dagegen werden wir wohl im Gegensatz zum Film kein Koksen des Neu-Düsseldorfers oder andere Boulevard-Skandälchen erleben.

Warum mir diese Assoziation zum Film ausgerechnet mit dem Transfer von Raul kommt, kann ich nicht so recht begründen. Es gab in der Vergangenheit einige südländische Sturmhoffnungen im Kader. Eine berechtigte Hoffnung verbinde ich jedoch mit dem Einsatz des Spaniers über 90 Minuten: Das Operettenpublikum auf der Gazprom-Tribüne hat endlich seinen Startenor und braucht nicht mehr 10 Minuten vor Spielende fluchtartig zu seinem Automobil huschen.

Und was wenn die Verpflichtung von Raul auf Schalke keine Früchte in Form von Titeln trägt? Für diesen Fall haben sich die Schalker Fans den entsprechenden Ausruf bei den Anhängern eines früheren spanischen Champions-League-Kontrahenten abgeschaut: „Uiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“

Werbung


Waldorfschule: „Detlef Hardorp, der Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“

Jetzt ist schon wieder was passiert. Nein, keine Sorge. Der „Berlin-Brandenburgische Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“, Detlef Hardorp, hat kein Kind tot gebissen. Obwohl. Beschwören möchte ich das nicht– Von unserem Gastautor Andreas Lichte.

Waldorfschule. So wie „kreativ“. Spiel ganz wichtig:

– Helmut Meisenburg, Waldorflehrer, spielte mit seinen Schülern „Mundzukleben“, wenn es mal zu laut wurde. Kam gut an, sagt er selber.

– Angelika Gilde, ehemalige Leiterin der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung

Alte Ziegelei Rädel, führte als Schulsport Freistil-Ringen ein. Ihre Erfindung: der „Gilde-Griff“. Der Sieger stand schon vorher fest.

– „Kinder spielen im Asbest“. Muss man erst mal drauf kommen. Findet auch die Berliner Morgenpost.

– und der „Bund der Freien Waldorfschulen“ spielt „Monopoly“: Wenn man die Schulnachbarn nicht vor Gericht zum mitspielen bringt, hilft die gut gefüllte Schulkasse.

Manche Eltern natürlich Spielverderber. Dann erklärt ihnen Detlef Hardorp noch mal die Regeln. Seine Freunde, die Anwälte, helfen ihm dabei. Und danach ist wieder Ruhe. Ich persönlich finde ja, Hardorp sollte mal die Mafia coachen, Omertà durchaus noch verbesserungsfähig.

Jetzt hat sich Hardorp erst mal selber zum Schweigen gebracht. Da hatten doch Kommentatoren geschrieben, Hardorp sei „rechts“. Und als Beleg dafür einen Artikel von Hardorp verlinkt: „Unzeitgemäßes Vokabular“. Lieber Leser, klicken sie mal drauf … sorry, ich sage Ihnen jetzt nicht, wo Sie den Artikel doch noch finden können. Nichts gegen Anwälte, aber muss ja nicht sein, dass die Ruhrbarone noch mal die Regeln erklärt bekommen.

Was sagt Hardorp in „Unzeitgemäßes Vokabular“? Darf ich das jetzt ausplaudern? Fange ich doch mal mit dem SPIEGEL an, der SPIEGEL kennt bestimmt die Regeln, Zitat:

„Der umtriebige Steiner (1861 bis 1925) hat die umstrittene Anthroposophie erdacht, jene »Weisheit vom Menschen«, auf der die Waldorfpädagogik gründet. Vorwürfe, der Guru der Bewegung verbreite auch Rassismus, hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Dass sich nun aber die Bundesprüfstelle der Kritik annimmt, zeigt, dass die Waldorfanhänger zu lange in der Defensive verharrten und die Vorwürfe herunterspielten. Detlef Hardorp etwa, deutscher Vertreter beim »European Council for Steiner Waldorf Education«, kann im Werk des Ahnherrn höchstens »unzeitgemäßes Vokabular« entdecken.

Dabei spricht die Diktion für sich selbst: »Die Menschen, welche ihr Ich-Gefühl zu gering ausgebildet hatten, wanderten nach dem Osten, und die übriggebliebenen Reste von diesen Menschen sind die nachherige Negerbevölkerung Afrikas geworden«, schreibt Steiner in der »Geisteswissenschaftlichen Menschenkunde«, die nun auf den Index soll. Darin schwadroniert er auch von der »passiven Negerseele«, die »völlig ihrer Umgebung, der äußeren Physis hingegeben« sei. Die »kaukasische Rasse« dagegen soll »den Weg machen durch die Sinne zum Geistigen, denn sie ist auf die Sinne hin organisiert«.“

Was will uns der SPIEGEL damit sagen? In seinem Artikel „Unzeitgemäßes Vokabular“ bemängelt Hardorp Steiners Wortwahl, findet aber Steiners Ideen nach wie vor zeitgemäss und „interessant“. Mich erinnert das an das Politikersprech: „Wir haben unsere Ziele nicht klar genug kommuniziert.“ Ich finde ja auch, Ziele sollten so klar wie möglich formuliert werden:

„Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse.” Rudolf Steiner

P.S.: Lieber Leser, ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich nicht deutlicher geworden bin. Hoffe aber auf Ihr Verständnis. Ich hab‘ schon Respekt vor dem „Berlin-Brandenburgischen Bullterrier der anthroposophischen Öffentlichkeitsarbeit“, Detlef Hardorp. Ich hätte mich auch nie getraut, den „Bildungspolitischen Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg“ „Bullterrier“ zu nennen. Aber das ist ein Zitat des Anthroposophen Christian Grauer, hier. Da darf ich das doch, oder? Mal sehen, was mein Anwalt sagt.

Info: Die Waldorfschule, Rudolf Steiner, und die Anthroposophie

Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart vom Anthroposophen Emil Molt, Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, als Betriebsschule gegründet. Molt beauftragte Rudolf Steiner mit der pädagogische Leitung der neuen „Waldorf“-Schule.

Rudolf Steiner (1861–1925) promovierte 1891 mit der schlechtmöglichsten Note „rite“ in Philosophie; die 1894 versuchte Habilitation scheiterte. Um 1900 kam er in Kontakt mit Helena Petrovna Blavatskys esoterischer „Theosophie“. Von 1902 bis 1912 leitete Steiner die deutsche Sektion der „Theosophischen Gesellschaft“, die er 1912/13 abspaltete und unter dem Namen   „Anthroposophie“ neu gründete.

Steiner ist nach eigener Aussage Hellseher. Er behauptet, in der „Akasha-Chronik“, einem allumfassenden „Geistigen Weltengedächtnis“ im „Äther“ lesen zu können. Steiner erklärt: „Erweitert der Mensch auf diese Art [d.h. durch Steiners Anthroposophie] sein Erkenntnisvermögen, dann ist er (…) nicht mehr auf die äußeren Zeugnisse angewiesen. Dann vermag er zu  S C H A U E N , was an den Ereignissen nicht sinnlich wahrnehmbar ist (…).“ Die Anthroposophie schöpft damit aus esoterischen, okkulten Quellen, die für Nicht-Anthroposophen reine Fiktion sind.

Die Waldorfschule war für Steiner von Beginn an ein wirksames Instrument zur Verbreitung seiner esoterischen Heilslehre „Anthroposophie“. Und die „Anthroposophie“ ist bis heute verbindliche Grundlage des Unterrichts jeder Waldorfschule, Rudolf Steiner deren unangefochtene Autorität. Wie weit die Verehrung geht, mag man am Umfang der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe ermessen: Sie hat zurzeit 354 Bände.

Zum Autor: Andreas Lichte ist ausgebildeter Waldorflehrer und Grafiker, lebt in Berlin. Er ist Autor kritischer Artikel zur Waldorfpädagogik und Anthroposophie. Er erstellte für die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) ein Gutachten zur Indizierung zweier Werke Rudolf Steiners, die fortan nur noch in kommentierter Form erscheinen dürfen.

Andreas Lichte bei den Ruhrbaronen:

„Waldorfschule: Vorsicht Steiner“

Interview mit Andreas Lichte

„Kampf bis zur Erleuchtung – Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander“

„Die Waldorfschulen informieren“

„Drei Gründe für die Waldorfschule“

Dortmund wird zur Gastro- Steppe

Diesen Sommer erlebe ich in Dortmund meinen Sommer der Langeweile. Dortmund hat es geschafft, das jede Gastronomie, die ich als Lofibos bisher besucht habe, geschlossen ist. Ein Leidensbericht von unserem Gastautor Thorsten Stumm.

Auf dem ehemaligen Thiergelände hat eine Shoppingmall , die Sixpm, das Mendoza und die Liquid Lounge planiert. Die Livestation ist dem Bahnhofsumbau zum Opfer gefallen. Gut, habe ich mir gedacht, gehst Du erstmal nicht mehr feiern. Ausserdem ist mit der Eröffnung des FZW da eine gewisse Entlastung geschaffen.

Allerdings kommt es diesen Sommer knüppeldick. Das Solendo, mein Strand, geschlossen. Im Brückstrassenviertel haben in Juli das CHill’Ar und die Q-Bar endgültig geschlossen.

Nun schliesst auch mein letztes Refugium. Das Edwards in der Berswordthalle macht zum 31.07. zu. Nicht wegen wirtschaftlichem Misserfolg sondern der Besitzer Holger Lente gibt entnervt vom Kleinkrieg mit der Stadt Dortmund auf. Die Liste der Ärgernisse ist lang. Mal sperrt die Stadt einfach die Berswordthalle und damit alle Zugänge zum Edwards. Oder verweigert eine notwendige Sanierung der Abwasserrohre.

Als ich Bochumer in den 90’er nach Dortmund zog, war ich anfangs entsetzt über die Szenewüste Dortmund. Der Mettbrötchen-Stammtisch-Durch-und-Korn-Stösschen-Steppe entzog ich mich und fuhr öfter nach Bochum. Anfang des 21. Jahrhunderts schien es auch in Dortmund so zu sein, das sich immer mehr Menschen mit der Langeweile in Dortmund nicht abfinden wollten.
Passe, die Mettbrötchen haben gewonnen.

Fußball: Dem Mythos sein zu Hause

Wenn sich die Fußball-Berichterstattung via Print, Hörfunk oder TV dem Ruhrgebiet annimmt, sprudeln die Klischees vom „Malocher-Fußball“ gerade so. Blumige Sätze wie „Hier wird Fußball noch gearbeitet“ oder „Das Publikum will die Spieler vor allem kämpfen sehen“ reihen sich aneinander. Mit der  Wirklichkeit hat das oft nichts zu tun. Von unserem Gastautor Ludger Claßen.

Das berühmte Zitat des 2009 verstorbenen Rolf Rüssmann „Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt“ gilt dabei fast als regionales Glaubensbekenntnis. In der gesamten Fußballrepublik gilt die Gleichung: „Ruhrgebiet gleich Arbeit gleich Fußball“. Die industrielle Arbeitswelt, so die gängige Auffassung, hat das Ruhrgebiet und den Fußball geformt und beide hervorgebracht. Die Geschichten aus der Geschichte des Revier-Fußballs handeln immer davon, wie der SPIEGEL schrieb, dass „Fußball und Arbeit noch Brüder waren“. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Gleichung „Arbeit = Fußball = Ruhrgebiet“ historisch nur teilweise anzuwenden ist und gerade für das erste Viertel des 20. Jahrhunderts nicht zutrifft.

Bürgerliche Fußlümmelei

„Schalke um die Jahrhundertwende: ein Kumpel-Dorf. Rund um die Zeche Consolidation als ‚Brötchengeber‘ kleine, in die Brachwiesen hingeduckte Siedlungshäuser, schmucke Gärten dahinter mit Stallgebäude. Qualm und Ruß in der Luft. Mittagsschicht. Die Frauen mit dem Henkelmann in der Hand – Essen für die Malocher unter Tage. Kohleabbau in den fetten Flö-zen fast 1.000 Meter unter der Erdoberfläche. Wer nicht im Pütt schuftete, malochte am Hochofen oder an der Walzstraße. Das war Heimat. Identität. Fußball – das war ein Stück ‚wirkliches‘ Leben. Das gehörte zum täglichen Einmaleins wie der Qualm aus Schalker Schloten“, entwarfen Hans-Josef Justen und Jörg Loskill in ihrem Buch „Anstoß. Fußball im Ruhrgebiet“ (1985) das Entstehen des Traditionsvereins im Revier als sozial-romantisches Bild. Nur: Auch an Ruhr und Emscher waren es um 1900 vor allem junge Bürgersöhne der Höheren Lehranstalten, Angestellte und Akademiker, die den als „englische Krankheit“ und „Fußlümmelei“ diffamierten neuen Sport huldigten. Der Wittener FC, 1892 aus dem Real-Gymnasium entstanden, ist der älteste Fußballclub der Region. In Herne gründete sich im Jahr 1904 ein distinguierter „Club“, dessen erster Versammlungsort der „Rittersaal eines Schlos-ses“ war. Mit stolzer Brust und in roten Schärpen auf weißer Bluse präsentierten sich die Fußballer des „S.C. Westfalia Herne“ in voller Fußballausrüstung dem Fotografen.

Fußball wurde vor allem zu einem Teil der Angestelltenkultur, und man versuchte, in Habitus, Kleidung und mit Vereinsnamen wie „Borussia“ oder „Westfalia“ die den Angestellten ver-schlossene Welt des studentischen Verbindungswesens zu imitieren. Bis in die 1920er Jahre dominierten im Ruhrgebiet drei Vereine, in denen Arbeiter bestenfalls am Rande eine Rolle spielten: der Duisburger Spielverein (bis 1927 zehnmal Westdeutscher Meister), ETB Schwarz-Weiß Essen und der Duisburger Sport-Club Preußen. Die ersten Hochburgen des Fußballs waren denn auch Dienstleistungszentren wie Berlin, Hamburg, Hannover, Leipzig, Dresden, Düsseldorf, Köln und Frankfurt.

Der Durchbruch zum Massensport

Aber wie entwickelte sich nun der Fußball von der aristokratisch-bürgerlichen Exklusivität hin zum Massenphänomen? Laut einer viel zitierten Studie des Historikers Siegfried Gehr-mann („Fußball – Vereine – Politik. Zur Sportgeschichte des Reviers“, Essen 1988) erklärt sich der Siegeszug des Fußball in der Arbeiterschaft aus einer Veränderungen in der Arbeits-welt: dem Achtstundentag und einem daraus entstehenden ausreichenden Freizeitbudget. Tatsächlich wurde die neue Arbeitszeitregelung jedoch erst 1923 eingeführt, der Siegeszug des Fußballs hingegen setzte direkt nach Ende des Ersten Weltkriegs ein. 1913 hatte der DFB über 160.000 Mitglieder, die sich 1920 auf über 756.000 fast verfünffachten. Auch die Zuschauerzahlen explodierten: Vor 1914 fanden Schlagerspiele vor hunderten von Zuschauern statt, nach 1918 kamen nun zehntausende. Tatsächlich war die Initialzündung für den Siegeszug des Fußballs der Erste Weltkrieg. Besonders folgenreich für seine massenhafte Verbreitung war ein Militär-Turnerlass, der 1910 den Sport in den Ausbildungsplänen der Armee verankerte.

„Die Erfahrung, dass das Fußballspiel bei weitem das beste Bewegungsspiel für die Mannschaften ist, habe ich überall bestätigt gefunden. Neben den Vorzügen, die überhaupt aus dem Sport für Körper und Geist erwachsen, Gelenkigmachen und Kräftigen des Körpers, Steigern der Entschlussfähigkeit und Energie, Konzentrieren der Gedanken auf ein Ziel, hat der Fußballsport noch den großen Vorzug, der gerade in militärischer Hinsicht sehr schätzenswert ist: er zeigt dem Mann die Notwendigkeit der Unterordnung und den Erfolg der Zusammenarbeit“, heißt es in einer Denkschrift des Admiral von Prittwitz-Gaffron. Diese Herkunft kann der Fußball bis heute nicht verleugnen, ist doch seine Sprache von militärischen Begriffen ge-prägt: „Schuss“, „Flanke“, „Deckung“, „Sturm“, „Flügel“, „Feld“, „Schlachtenbummler“ und was es da sonst noch alles gibt.

Und so ist es auch nichts mit der Schwärmerei, der Fußball begann seine Karriere als „subversives Element gegen die Deutschtümelei, den deutschen Militarismus und die deutsche Autoritätsfixiertheit“, denn er verdankt seinen Durchbruch dem Interesse der Reichswehr, die militärischen Produktivkräfte ihrer Soldaten zu verbessern – eine nicht gerade mit Subversion und Antimilitarismus identifizierbare Zielsetzung. Der Gründungsmythos des Fußballs im Ruhrgebiet, das „wilde Kicken“ auf Straßen und Hinterhöfen sei adäquater Ausdruck des Lebensgefühls und habe den Fußball quasi naturwüchsig hervorgebracht, bedarf daher mindestens einer Überprüfung, wenn nicht gar einer Revision.

Fußball und Kommerz

In der Weimarer Republik entwickelte sich der Sport allgemein zum Teil einer populären Massenkultur. Auch der Fußball war erwachsen geworden und mit ihm das Umfeld des Spiels. Zigarettenmarken warben mit dem Bild eines „bekannten Fußballspielers in jeder Packung“, eine Dose Schuhwichse der Firma Erdal enthielt „zwölf Fußballsammelkarten“, Fußballzeitschriften waren massenhaft am Kiosk zu kaufen, Mannschaften aus den Profi-Ligen Englands, Österreichs und Ungarns gastierten im Ruhrgebiet, um ihre Spielkunst vorzuführen. In unmittelbarer Reaktion auf diesen neuen Zuschauerandrang entstanden Stadien wie die „Vestische Kampfbahn in Gladbeck“ (1928), die Kampfbahn „Rote Erde“ in Dortmund (1926), die „Kampfbahn Katzenbusch“ in Herten (1925) oder die „Schwelgern-Kampfbahn“ in Duisburg-Marxloh (1925). Die Vereine kalkulierten mit den Zuschauereinnahmen und konnten schon mal hier und da aus „schwarzen Kassen“ die Spesen einiger Spieler begleichen. Der Fußballsektor entdeckte seine wirtschaftliche Potenz, nur der DFB verharrte auf seiner Position zum Amateurstatus. Eine Haltung, die zu einem guten Teil ideologisch begründet war, da Individualismus und soziale Aufstiegsmöglichkeiten durch den Sport nicht im Sinne der bürgerlichen Funktionärsriege waren, die an einer deutsch-nationalen und wertkonservativen Definition des Fußballs festhielt. Für sie war Fußball körperliche Ertüchtigung eines elitären, nationalen Geistes zum Wohle des Vaterlandes und keine professionelle Spiel-kunst zur Unterhaltung der Massen.

Zu den vielen Geschichten des Ruhrgebietsfußballs gehört die Überlieferung, die Spieler hät-ten früher „für ein Butterbrot“ gespielt. Im Mittelpunkt habe die Fußballbegeisterung gestanden, Geld habe nie eine Rolle gespielt. An dieser Stelle folgt unweigerlich der Hinweis, dass der Kommerz den Fußball kaputt macht. Dabei ist historisch gesehen genau das Gegenteil der Fall: Ohne den entlohnten Fußball hätten die Arbeiterstars von einst nie ihren Aufstieg geschafft. „Mit den Kohlen, die ich gehauen habe, hätte ich noch nicht einmal einen Kessel Wasser heiß gekriegt“, soll die Schalker-Legende Ernst Kuzorra einmal bekannt haben. Er arbeitete auf der Schachtanlage Consolidation am Leseband über Tage und kam als Bremser und Schlepper auch unter Tage vor Kohle. Allerdings malochten oft die Kumpels für ihn, während der Fußballhochbegabte sich ausruhen konnte. Zu den Vergünstigungen am Arbeitsplatz kamen noch die inoffiziellen Zuwendungen des Vereins, die bald zum Konflikt mit dem Westdeutschen Spielverband führten. Im August 1930 wurden nahezu alle Spieler der ersten Mannschaft wegen Annahme überhöhter Handgelder zu „Berufsspielern“ erklärt und aus dem Westdeutschen Fußballverband ausgeschlossen. Eine Maßnahme, die durchaus als „Tätlichkeit“ des bürgerlichen Establishments gegen den aufkommenden und aufmüpfigen Arbeiterverein zu verstehen ist. Die „Schalke-Affäre“ schlug monatelang ungeahnte Protestwellen, und der Verband sah sich gezwungen, die Spieler nach einem Jahr zu begnadigen. Zu spät für den Geschäftsführer Willy Nier. Er beging Selbstmord im Rhein-Herne-Kanal.
Für die damalige Summe illegaler Spielergehälter würde sich heute ein einzelner Bundesligaspieler vermutlich noch nicht einmal umziehen; und dass das Spiel Schalke 04 gegen Arminia Bielefeld im Bundesligaskandal der Saison 1970/71 für insgesamt 40.000 Mark verschoben wurde, wäre als Siegprämie für heutige Bundesligaprofis vermutlich ein zu geringer Anreiz, um ein engagiertes Spiel zu liefern. Die Dimensionen haben sich halt ins Exorbitante verschoben.

Mythos und Marketing

Auch das Aufblühen des Fußball-Westens in den 1950er Jahre ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass das Ruhrgebiet als schwerindustrielles Zentrum wirtschaftliche Stärke mit großer Bevölkerungsdichte vereinte. Der Ballungsraum bot ein ausreichendes Potential an Spielern und Zuschauern. Und die „Kohle“ kam auch nicht nur von den Zuschauern. Vor der Einführung der Bundesliga und des „Profis“ 1963 konnten spielstarke „Vertragsamateure“ nur dann an Vereine gebunden werden, wenn Geld unter der Hand gezahlt wurde und die Spieler über Anstellungsverträge ohne vollen Arbeitseinsatz bei Vereinsmäzenen ein Einkommen erzielten. So wurde die Zeche Nordstern zum „Sponsor“ des STV Horst-Emscher. Als 1949 das Vertragsspielerstatut eingeführt wurde, das erstmals direkte Zuwendungen an die Spieler zuließ, bekamen die Emscher-Husaren im Lohnbüro des Pütts das Geld ausgezahlt. Die Zeche Ewald-Fortsetzung in Oer-Erkenschwick wurde zum Arbeitgeber für die Schwarzroten der SpVgg. Erkenschwick und das Stimberg-Stadion lag direkt gegenüber dem Pütt. Die Spieler zogen sich in der Waschkaue um. Als Stahlarbeitervereine galten Hamborn 07 und die Borussia vom Borsigplatz – sie wurde unterstützt von Thyssen und Hoesch. Der 2008 verstorbene Schriftsteller Hand Dieter Baroth schrieb 1988 „Jungens, euch gehört der Himmel“, in dem er die Verhältnisse und Geschichten der alten Oberliga West rekapitulierte. Als das Buch im Klartext-Verlag auf den Markt kam, mussten die Bestellungen Waschkörbeweise bearbeitet werden. Das Buch erschien genau in einer Phase des Strukturwandels, in der mit dem Ver-schwinden der Schachtanlagen und Bergwerke die Erinnerung an das „alte Ruhrgebiet“ salonfähig wurde. Und der Fußball gehörte dazu, denn gerade die Vereine der Oberliga West symbolisierten eine Einheit von Sport, Arbeit, Stadtteilkultur, Menschen und Identität, die vor dem Hintergrund des damals aus Reviersicht höchst bedrückenden Profifußballs – die 1980er Jahre waren die erfolgloseste Zeit des Reviers seit Einführung der Gauliga 1934 – in vielerlei Hinsicht geradezu idyllisch wirkten.

Gleichzeitig ist die Gleichung „Krise des Bergbaus und der Montanindustrie = Niedergang des Revierfußballs“ auch zu kurz gegriffen. Der Absturz von Borussia Dortmund und Schalke 04 nach den ersten Jahren der Bundesliga scheint eher hausgemacht. Mitunter wurden die klassischen Ruhrgebietsmythen der Tradition, des sozialen Zusammenhalts, der wirtschaftlich Schwächeren und Gebeutelten von Vereinsführungen und Präsidenten auch als Legitimation des Versagens benutzt. „Wer es bei Versammlungen verstand, diese Mythen zu vertreten, das Gefühl der Anwesenden anzusprechen, sich auf Tradition zu berufen und vage Versprechungen zu machen, konnte genügend Stimmen erhalten – und anschließend im alten Trott weiter machen. Während andernorts neue Wege beschritten wurden, erfolgreiche Trainer über längere Zeit arbeiten konnten und neue Strukturen entstanden, blieb der Ruhrgebietsfußball auf sich bezogen und in seinen Mythen befangen“, liest der Sozialwissenschaftler Franz-Josef Brüggemeier der Vereinspolitik der 1970er und 1980er Jahre die Leviten. Vereine in vergleichbaren industriellen Krisenregionen wie Liverpool und Manchester erlebten während der Zeit eine vollkommen andere Entwicklung.

Vielleicht könnte die Einsicht, dass Fußball immer schon mit Kommerz zu tun hatte, den Blick dafür schärfen, was den Fußball der Gegenwart ausmacht und in welche Richtung sich die „schönste Nebensache der Welt“ bewegt. Der Ruhrgebietsfußball ist ungebrochen lebensfähig. Mythos und Marketing können wirtschaftliche Prosperität und damit sportliche Erfolge wirksam fördern, was man in oder auf Schalke und rund um die Geschäftsstelle des BVB nicht erst seit einigen Jahren beherrscht. Zum Mythos geworden lässt sich das veränderte Ruhrgebiet und auch der Fußball offenbar leichter auf den Begriff bringen – und auch besser vermarkten. Im Jahr 1997 skandierten Bergleute bei einer Demonstration für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze in Bonn lautstark „Ruhrpott“; Anhänger des BVB und des S04 nahmen dies als Schlachtruf bei den Siegen ihrer Vereine im selben Jahr in den europäischen Wettbewerben auf. Der Schlachtruf ertönte nach dem Rückzug von Kohle und Stahl und ist dennoch kein Abgesang auf das untergegangene Ruhrgebiet des Bergbaus und der Schwerindustrie. Die Region bekennt sich vielmehr zu einer historischen Identität und markiert ein neues Selbst-bewusstsein. Mit gänzlich neuen Marketingoptionen.

Ludger Claßen ist Verleger. Schon Ende der 1980er Jahre brachte er in seinem Essener Klartext Verlag Fußball-Bücher heraus, die das Spiel und seine sozialen Verankerungen ernst nahmen, bevor der sinnstiftende Begriff „Fußball-Kultur“ überhaupt von den Feuilletons entdeckt wurde. In seinem historischen Exkurs räumt er mit einigen Mythen zum Ursprung des Fußballs im Ruhrgebiet auf. Der Text ist aus dem Buch Heimspiel B1, das im Klartext Verlag erschienen ist.