BvB-Fans unter Geißböcken

Mitten im Herzen von Köln-Ehrenfeld steht in einer Seitenstraße eine unscheinbare Eckkneipe. An jedem Wochenende wird das »Klimbim« zum Zufluchtsort für BVB-Fans aus Köln und Umgebung. Die Kneipe ist der Geburtsort des ersten BVB-Fanklubs in Köln. Von unserem Gastautor Dominik Drutschmann.

Fußball macht einsam. Alleine mit einem Pils in der Hand auf der Couch zu sitzen und Fußball zu schauen, ist nicht schön. Während die »La Ola« im Stadion ihre Runden dreht, wird man sich der Einsamkeit bewusst: Niemand ist da, mit dem man über Fußball philosophieren kann. Keiner der die Hasstiraden auf den Schiedsrichter abnickt.

Gerade als Fan von Borussia Dortmund braucht man das Kollektiv, die Glaubensgemeinschaft. Das kennt man so aus der Heimat: An Spieltagen regiert in Dortmund König Fußball. Schon vormittags schwappen schwarz-gelbe Wogen über den Westenhellweg.

Einsam wird es erst, wenn man aus diesem Wohlfühlkosmos heraustritt. Wenn man nicht mehr im Dunstkreis des Lieblingsvereins wohnt. So schwer erträglich diese Einsamkeit in fußballfreien Zonen wie Kiel oder Traunstein sein mag, besonders schlimm wird sie ironischerweise in fussballverrückten Städten wie Köln. Denn die Domstadt hat ihren eigenen Verein. In jeder Kneipe hängt mindestens ein Schal. Hennes, dieser komische Hund mit den Hörnern, schaut dumpf von tausenden Wappen, Fahnen und Aufklebern. Der FC ist ähnlich dominant wie der Karneval in Köln – man muss ihn nicht mögen, aber man kommt auch nicht um ihn herum.

Inmitten dieser Geißbock-Dominanz ist die Kneipe »Klimbim« eine schwarz-gelbe Oase. Die Entstehung dieses 80-Quadratmeter-Fleckchens Ruhrgebiet im Rheinland war purer Zufall. Marvin Derksen, einer der Gründer des Fanklubs »Schwarz-Gelbe DOmborussen«, erzählt, wie er im März dieses Jahres zufällig in die fast leere Kneipe stolperte: »Ich habe dem Wirt ein Angebot gemacht: Wenn Du hier das Dortmund-Spiel zeigst, komm ich gleich mit fünf Leuten vorbei – und die haben alle Durst.«

Vukoman Zarkovic musste nicht lange überlegen. Wolf, wie ihn hier alle nennen, kommt ursprünglich aus Montenegro und betreibt das »Klimbim« seit sieben Jahren. Zuletzt lief die Kneipe  schlecht. Vielleicht liegt es an der ruhigen Lage. Vielleicht an der Kneipe selbst. Ehrenfeld ist das Szene-Viertel Kölns. Öffnet man die Tür des »Klimbim« fallen einem sogar als Dortmunder nur zwei Worte ein: Gelsenkirchener Barock. Die dunkle Holztheke dominiert, die Decken sind niedrig und mit Balken durchzogen. Kurz: die Kneipe ist ein bisschen schäbig und wäre am Dortmunder Borsigplatz besser aufgehoben.

Wenn Wolf hinter der Theke steht und von den Anfängen erzählt, erinnert er mit seiner imposanten Erscheinung und der Lockenpracht ein wenig an eine brünette Ausführung des alten BVB-Haudegens Michael Schulz. Zwischen den Zeilen hört man heraus, wie glücklich er ist, dass die BVB-Jungs in seine Kneipe gestolpert sind. Bei Spitzenspielen gegen Schalke oder Bayern stehen bisweilen 100 BVB-Fans dicht aneinandergedrängt. Das Kölsch fließt in Strömen – und das Geld in die Kassen.

Die Entwicklung der Kneipe zum Mekka für alle BVB-Fans in und um Köln verlief rasend schnell. Im April schauten noch eine Handvoll Leuten das Spiel gegen Bremen. Zu Beginn dieser Saison beim Spiel gegen Kaiserslautern mischte sich unter die gut 60 anwesenden Gäste auch Schauspieler und BVB-Edelfan Joachim Król.

Offensichtlich haben die Macher des Fanklubs um Derksen einen Nerv getroffen. Sascha Köhler, der einzige im Bunde, der aus dem Ruhrgebiet stammt, war schon früh vom Erfolg überzeugt, das Potential war da. »An Spieltagen trifft man im Zug nach Dortmund über 300 Fans aus Köln«, sagt Köhler.

Der Aufbau der Fankneipe aber bedeutete viel Arbeit – Nackenschläge inklusive: Die Dortmunder Fanabteilung antworteten auf eine erste Anfrage lapidar mit dem Vorschlag, man solle sich gemeinsam eine Sky-Box besorgen, um die Spiele im Pay-TV privat zu schauen.

Doch die Macher der »DOmborussen« hatten anderes im Sinn: Die Stimmung von der Südtribüne sollte in die kleine Eckkneipe in Ehrenfeld übertragen werden. Dazu wurden als erstes die privaten Sammlungen angezapft: Mittlerweile schmücken drei Fahnen, sechs Schals und unzählige kleine BVB-Accessoires die Wände und Decken der Kneipe.

Jetzt musste die frohe Kunde der neuen BVB-Stätte nur noch unters Volk gebracht werden. Derksen druckte Flugblätter und hing sie an der Uni aus. Andere kontaktierten über soziale Netzwerke wie Facebook oder Studivz die potentiellen BVB-Fans in und um Köln. Es lief gut an, doch die Sommerpause machte den Betreibern Sorgen. »Wir haben zu einem ungünstigen Zeitpunkt angefangen. Die Saison war in den letzten Zügen und dann stand erst einmal die WM an.«

Ihre Sorge sollte unbegründet bleiben: Zum ersten Pflichtspiel der aktuellen Saison gegen Wacker Burghausen war das »Klimbim« mit 50 Fans gut besucht. Gradmesser sollte das Spiel gegen Schalke am vierten Spieltag sein. »Wolf wurde ein wenig nervös, was ja auch verständlich ist. Wir hatten seiner Kneipe mittlerweile unseren schwarz-gelben Stempel aufgedrückt. Jetzt musste sich sein Entgegenkommen auch auszahlen«, sagt Rafael Narloch, ein weiterer »Domborussen»-Gründer der ersten Stunde.

Und wie es sich bezahlt machte: Beim Spiel gegen den Intimfeind platze das »Klimbim« aus allen Nähten. Wer nicht mindestens eine Stunde vor Spielbeginn da war, der kam erst gar nicht mehr durch die Tür. Schon hundert Meter vor der Kneipe vernahm man die schwarz-gelben Schlachtrufe der Südtribüne.

Seitdem ist das »Klimbim« weiter gewachsen. Der Innenraum wurde an die neuen Anforderungen angepasst: Der Kickertisch und ein Großteil der Bestuhlung steht eingemottet im Keller.  Die teils aggressive Werbung ist nicht mehr nötig; stetig wächst die Fangemeinde des »Klimbim« – die Mundpropaganda ist beachtlich.

Das Ziel, die Stimmung der Südtribüne in die kleine Kneipe in Köln-Ehrenfeld zu übertragen, scheint gelungen. Lange vor Anpfiff ist die Kneipe gut gefüllt. BVB-Lieder trällern aus den Boxen. Kaum einer, der nicht wenigstens ein schwarz-gelbes Stück Stoff am Leibe trägt.

Mittendrin stehen die Gründer des Fanklubs und sind zurecht stolz auf das Erreichte. Nicht nur die Liebe zur Borussia eint den bunt zusammengewürfelten Haufen: Obwohl der Großteil der Fanklub-Macher aus dem Rheinland stammt, tragen sie den Ruhrpott im Herzen. »Ich steh einfach auf die Region. Das Direkte, diese teils schnoddrige Art. Das ist doch einfach nur geil«, sagt Derksen.

Eine einleuchtende Erklärung, warum sie als Rheinländer nicht mit dem FC-Virus infiziert wurden, bleibt aus. Die Faszination der Menschen aus dem Ruhrgebiet für ihren Klub, wird genannt. Das Fansein an sich sei anders: »Beim FC geht es irgendwie auch immer um Karneval, um das Beisammensein. In Dortmund dreht sich alles um den Fußball«, sagt Köhler. Eine These, der FC-Fans sicherlich widersprechen würden. Aber so ist das mit dem Fandasein: Es bleibt eine subjektive Angelegenheit, die Frage nach dem Warum kann letztlich selten geklärt werden.

Klar aber ist, dass in Köln Ehrenfeld für viele BVB-Fans aus dem Rheinland und Exil-Dortmunder ein kleines Stückchen Heimat herangewachsen ist – durch das große Engagement Einzelner und den Wohlwollen eines Wirtes, der seine Felle davonschwimmen sah.

Und auch wenn das Heimatgefühl nur für die 90 Minuten jede Woche anhält: Im »Klimbim« lässt  sich vortrefflich über Fußball palavern. Bei den eklatanten Fehlentscheidungen des Schiris sind sich auch alle einig. Und nicht selten schwappt die Laola-Welle von der Südtribüne direkt in die kleine Kneipe in Köln Ehrenfeld.

Adresse Klimbim: Gutenbergstraße 66, 50823 Köln-Ehrenfeld

Fanklub: www.schwarz-gelbe-dom-borussen.de

Meine Kritik an “Der Freitag”

Frau Minister Leyen wurde von Hubertus Heil kürzlich unschön bedacht mit “Warme Worte – kalte Taten”. Übertragen auf Jakob Augstein kann man vielleicht sagen: “Warme Worte – leidenschaftslose Taten”. Von unserer Gastautorin Regina Hoffmann.

Die warmen Worte findet man zum Beispiel im dctp-Interview.

Nun zur fehlenden Leidenschaft: Der Freitag möchte in so vielem anders sein als andere. In Ansätzen gelingt das, und der Versuch der Lesereinbindung hat etwas wirklich Neues an sich. Nur wird zuwenig daraus gemacht.

Entgegen der von Augstein bekundeten Absicht anders, frischer und offener zu sein, leidet der Freitag an einem Übermaß an Vorsicht.

Allzu viele Beiträge scheinen sich dem Leser vorsichtig “antragen” zu wollen. Nur nichts schreiben, was dem Zeitgeist der erstaunlich linientreuen “community” zuwider sein könnte.

In bestimmter Hinsicht typisch ist der aktuelle Beitrag von Jakob Augstein über Wikileaks.

Handwerklich sauber geschrieben und mit hübschen Anekdoten versehen enthält der gesamte Artikel allerdings keinen einzigen Satz, der den Leser zum Nach-Denken anregt. Etwas Neues zu erfahren ist noch kein Nachdenken, es ist nur ein Aufnehmen. Es ist ein Zustimmungsartikel.

Der obrigkeitsskeptische Internet-erfahrene Freitags-Leser wird mehrfach mit leicht verdaulichen linksliberalen Häppchen à la “Das Internet ermöglicht Offenheit und Klarheit, wo vorher Herrschaft und Kontrolle gewaltet haben” gefüttert. Dass es sich bei solchen Aussagen um fragwürdige Behauptungen handelt, darf nicht stören. Immer schön nach dem Motto “Wir hier an der Basis sind in Wahrheit die Klügsten”.

Zuspitzungen wie “Desinformation dagegen ist immer der Feind der Freiheit” legen zur klammheimlichen Freude der Leser nahe, dass wir prinzipiell immer davon ausgehen müssen, nicht informiert, sondern desinformiert zu werden. Der Artikel handelt jedoch von den Wikileaks-Veröffentlichungen. Die jüngsten umfassen 250.000 Dokumente,

Wer sich ein paar der Telegramme der US-Botschaften ansieht, wird schnell feststellen, dass Vieles dem entspricht, was man in den besseren Zeitungen, Journalen oder Blogs ebenfalls lesen kann, zumal in den Telegrammen selbst oft auf Zeitungsbeiträge verwiesen wird. Es ist auch einiges dabei, das man mit Wohlgefallen liest, weil durchaus Vernunft und Zurückhaltung darin liegt. Doch das passt nicht zur Sensationslust.

Diese Scheuklappen-Perspektive Augsteins ist nun entweder Schlamperei – eher nicht -, eine bestimmte politische Haltung – vielleicht, aber das träfe eher auf Chefredakteur Grassmann zu – oder reiner Opportunismus. Das kann man annehmen. Augstein weiß oder glaubt zu wissen, wie er seine Leser bedienen kann.

In einem weiteren Absatz kommt eine kleine Medienschelte gegen die “mürrischen” anderen, wie etwa die Süddeutsche. Dann macht er sich sich ein bisschen lustig über die einfältigen deutschen Poilitiker, die den Amerikanern offenbar alles erzählen. Das kommt immer gut an: die dummen Politiker.

Zum Schluß platziert Augstein das größte Ärgernis. Da man den Politikern nicht trauen könne, forderten die Bürger “Akteneinsicht”. Und das sei gut so.

Das hört sich so aufrichtig basisdemokratisch an, dass man vor lauter linker Solidarität fröhlich glucksen möchte. Ich würde mich als links bezeichnen, aber bei diesem Schulterschluß vergeht mir die Freude.

Denn diese abschliessende Forderung Augsteins ist einfach platt und anbiedernd. Wie soll das aussehen, “Akteneinsicht” für jedermann? Eine offene “Debatte” aller über alles? Da scheint jemand das kleine Einmaleins der Politiktheorie vergessen zu haben. Demokratie war noch nie Kakophonie, denn exakt das wäre das Ergebnis von “Akteneinsicht für alle”, sondern gegenseitige Funktions- und Machtdelegation mündiger Bürger in Verbindung mit Gewaltenteilung und gegenseitiger Kontrolle.

Bitte: Diese Art von texten hat wenig mit Journalismus zu tun als mit Plakatkleberei für die nächste linke Demo.

Man kann den Lesern förmlich dabei zusehen, wie sie Zeile für Zeile befriedigt abnicken im Glück ihrer eigenen Zustimmung: Der berühmte Augstein denkt also genau so wie ich „kleiner“ Leser!

Da wird nichts gegen den Strich gebürstet, nichts von drei Seiten beleuchtet. Augen zu und pseudo-links-anarcho-mainstream durch.

Die zahlreichen Kommentare der “community” geben den geistigen Gleichmarsch im großen und ganzen wieder.

Wie könnte Journalismus langweiliger sein?

Schön, dass die community des Freitag so fest geschmiedet ist. Schade, dass sie deswegen noch lange unter sich bleiben wird.

Statt sich über die Beiträge zum Beispiel der Süddeutschen über Wikileaks zu mockieren, könnte sich der Freitag ein Beispiel daran nehmen. Er könnte dazu lernen. Und ein wenig von seinem hohen Roß herab steigen. Es ist bisher nur ein Schaukelpferd.

Der Homo Sapiens richtet sich auf

Gestern war „Liegen lernen“, heute zählt „Die Kunst stillzusitzen“ Tim Parks ist ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung. Von Unserem Gastautor Ronald Milewski.

Der Journalist Ronald Reng hat ein Buch über seinen Freund Robert Enke, dessen Todestag sich aktuell jährt, geschrieben. Darf man das? Die Professorin für Corporate Communication Miriam Meckel, Lebensgefährtin von Anne Will, hat schon in der Klinik während der eigenen Behandlung begonnen, ein Buch über ihren Burn-out zu schreiben. Soll frau das?  Der Schriftsteller und Übersetzer Tim Parks, hat ein Buch über das Stillsitzen geschrieben: 364 Seiten. Kann man das? Worte machen über das Schweigen?

Tim Parks hat in Cambridge studiert. Tim Parks ist Master of Arts. Tim Parks ist Dozent und lehrt an der Universitá IULM in Mailand. Tim Parks ist ein Pfarrerssohn aus Manchester. Tim Parks hat 20 Romane und Sachbücher veröffentlicht. Tim Parks ist verheiratet und hat drei Kinder. Tim Parks ist ein Meister der Worte. Tim Parks hat die Geschichte der psychologischen Einzelfalldarstellungen um einen höchst interessanten Fall erweitert, um seinen eigenen. Tim Parks hat jahrelang unter Schmerzen, Verspannungen und anderen Symptomen einer typischen Männerkrankheit gelitten. Tim Parks, der Tausendsassa, hat die Bedeutung seines eigenen Ich in Frage gestellt: Sein 21. Buch ist sein persönlichstes.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Die Kunst stillzusitzen“ ist Parks Mitte 50.  Seine Beschwerden beginnen mit Anfang 30. Die Broschüre, die er zu diesem Zeitpunkt von seinem ärztlichen Behandler in die Hand gedrückt bekommt, ist voller unguter Suggestionen. So heißt es darin, eine vollständige Genesung sei bei einer Prostataentzündung äußerst unwahrscheinlich, ja, „de facto ausgeschlossen“. Prostatitis-Patienten seien in der Regel ruhelose und unzufriedene Menschen. Schlussendlich lasse die überwiegende Mehrheit solcher Patienten nach jahrelangem, manchmal jahrzehntelangem Leiden unweigerlich ihre Probleme auf dem Operationstisch zurück, „sobald sie die fünfzig oder sechzig überschritten haben“. Tim Parks ist 51, als ihm ebendiese Empfehlung von einem „Schulmediziner“ gemacht wird.

Doch Parks weigert sich – trotz Schmerzen, Sextaner-Blase, nächtlichen Toilettengängen und Druckverlust beim Urinieren. Er erinnert sich an den postulierten Zusammenhang von Persönlichkeit und Erkrankung. Statt sich unters Messer zu legen wird Tim Parks in der Selbstbehandlung experimentierfreudig und fündig. Er probiert Ayurveda, paradoxe Entspannung und punktgenaue myofasziale Release-Massage, respiratorische Sinusarrhythmie-Atmung zur Vorbereitung auf die paradoxe Entspannung und Shiatsu aus. Die Belohnung ist erste Linderung und eine Empfehlung: Meditation.

Parallel kramt er seine – gefühlt – erste literarische Liebe aus und liest auf der Suche nach eigenen kritischen Persönlichkeitseigenschaften Samuel Taylor Coleridges Beschreibung seines Abstiegs (!) vom Scafell Pike im Lake District im Jahre 1802. Diese kann laut Parks „als der erste schriftliche Bericht von einer Bergbesteigung zum Zwecke der Freizeitgestaltung“ gelten. Sie ist gleichzeitig die Geschichte von einem, der ständig krank und von Schmerzen gepeinigt auszieht, das (Körper-) Empfinden zu lernen. Coleridge verlässt dafür vorübergehend Frau und Kind und berichtet einer Angebeteten von seinen Abenteuern.

Parks Lektüre dieses Berichts nährt seine Zweifel am Segensreichtum eigener Wortmächtigkeit und der Wortmächtigkeit des Vaters. Die eigene und dessen körperliche Verkrampftheit werden zu stillen Zeugen der unguten Wirkung der „Erfindung der Sprache“. Und Parks beginnt an die Weisheit des Körpers zu glauben – und an dessen Überlegenheit über den Geist.

In Entspannungsübungen vor die Aufgabe gestellt, den eigenen Körper zu erleben, vertiefen sich seine Zweifel am eigenen Lebensstil. Er entdeckt in seinem Körper vorrangig Anspannung und ertappt sich bei der ständigen Begier, seine Erfahrungen sprachlich zu kategorisieren. Die „Reinkarnation“ seiner Erfahrungen betreibt er zunächst punktuell in seiner Körpermitte,  am Ort der Beschwerden. Als Orientierungsrahmen dient ihm wiederum ein Buch, David Wise’ „A Headache in the Pelvis“.

Doch Parks macht nicht bei der symptomatischen Behandlung des Beckens und den Übungen im Liegen Halt. Er wird im Meditationszentrum zum Generalisten. Bei der Vipassana-Meditation gerät sein Körper als Ganzes im Schneidersitz in den Fokus des Gewahrseins. Bühne der Handlung ist ein 10tägiges Schweige-Retreat. Werkzeuge zur Begegnung des Geistes mit dem Körper sind die Atemmeditation, der so genante Body-Scan und die Einübung des liebevollen Gewahrseins für den Mitmenschen, die Metta Bhavana.

Mit der Entdeckung der wohltuenden Wirkung des Stillsitzens in der Meditation umtreibt Parks zeitweilig, die Idee zur vollständigen Genesung, dem Sprachprojekt insgesamt abzuschwören:

„Da hatte ich das Gefühl, eine unwiderrufliche Veränderung in meinem Leben nur erzwingen zu können, wenn ich mich von dem Projekt lossagte, das mich seit ich denken kann angespornt, aufgerieben und krank gemacht hat: DAS PROJEKT DER WORTE.“

Tim Parks fühlt sich genesen, von der Erfahrung in der Meditation mit so enormen körperlichen und geistigen Veränderungen bedacht, dass er beginnt die Krankheit als „Glücksfall“ zu bezeichnen. Und er überwindet stillsitzend die Zweifel an Kategorisierungsgewohnheiten seiner neuen Lehrer, die einerseits zur unmittelbaren Erfahrung auffordern und andererseits die „wahnsinnige Vorliebe“ für Numerierungen pflegen, nämlich in „Drei Juwelen“, „fünf edle Wahrheiten“, „fünf Silas“, „sieben Stufen der Läuterung“, „den achtfachen Pfad der Erleuchtung“, „die zehn Betrachtungen, …“. Sie tun dies  laut Parks in typischer Weise als Glaubensgemeinschaft – nicht als Wissenschaft.

Am Ende kategorisiert auch Parks seine Erfahrungen und kehrt so zum Sprachprojekt zurück. Er teilt sie uns in einem Narrativ unter der Überschrift, „Die Kunst stillzusitzen“, mit, so zu sagen in einer Heilsgeschichte. „Ohne dem“ wäre diese  Buchbesprechung nicht möglich gewesen. Tim Parks Prostata sei Dank!

Um indes seine Erfahrungen zu teilen, bedürfte es regelmäßiger Praxis dessen, was Parks an Übungen beschreibt. Er wird doch wohl noch üben?

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e la luna: Was ist Deine „Schwarze Katze“?

Die Berliner Band „…e la luna?“ hat ihr neues Album „La Rosina bella“ herausgebracht: „Ein Muss“ für alle, die Kinder haben, und Italienisch sprechen. Ein reines Vergnügen für alle anderen, die nur gute Musik hören wollen. Von Andreas Lichte.

 

Beim ersten Hören gefiel mir ein Stück gleich besonders gut: „Volevo un gatto nero“. Klasse, was man aus 3 Akkorden machen kann! Aus 2:50 Minuten. Und dann der Gesang von Eva Spagna, der sich so gar nicht nach Kinder-Kram anhört: Eher melancholisch und … böse, böse!

Da bin ich dann doch richtig neugierig geworden, und habe auch den Text gelesen. Ein Kinder-Lied, ganz klar. Ein kluges Spiel mit der kindlichen Phantasie, wo plötzlich alles lebendig wird, wenn man es nur will. Aber nur ein Kinder-Lied?

Was liest ein „Erwachsener“? Eine Frage, die sich jeder früher oder später stellt:

Was ist Deine „Schwarze Katze“?

Wofür würdest Du alles geben, was Du hast, den „ganzen Zoo“?

Helft mir doch bitte, eine Antwort zu finden. Und sagt mir, was eure „Schwarze Katze“ ist.

 

 

Ich wollte eine schwarze Katze

 

Ein echtes Krokodil,

ein echter Alligator:

Ich sagte dir, dass ich ihn habe

und dir gegeben hätte.

 

Die Abmachung war klar:

Das Krokodil für dich,

und du gibst mir

’ne schwarze Katze.

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze

und du gibst mir ’ne weisse

und das mach ich nicht mit

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze:

Weil du ein Lügner bist,

spiel ich nicht mehr mit dir.

 

Es war keine Giraffe

aus Plastik oder Stoff,

ne, echt, aus Fleisch und Blut

und die hätt’ ich dir gegeben.

 

Die Abmachung war klar:

Die Giraffe für dich,

und du gibst mir

’ne schwarze Katze.

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze

und du gibst mir ’ne weisse

und das mach ich nicht mit

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze:

Weil du ein Lügner bist,

spiel ich nicht mehr mit dir.

 

Einen indischen Elefant

mit ganzem Baldachin

hatt’ ich im Garten

und den hätt’ ich dir gegeben.

 

Aber die Abmachung war klar:

Der Elefant für dich,

und du gibst mir

’ne schwarze Katze.

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze

und du gibst mir ’ne weisse

und das mach ich nicht mit

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze:

Weil du ein Lügner bist,

spiel ich nicht mehr mit dir.

 

Die Abmachung war klar:

Der ganze Zoo für dich,

und du gibst mir

’ne schwarze Katze.

 

Ich wollte eine schwarze, schwarze, schwarze Katze

und du gibst mir ’ne weisse

und das mach ich nicht mit

 

Ich wollte eine schwarze Katze

na ja, schwarz oder weiss,

die Katze behalte ich

und du kriegst von mir nichts.

 

 

e la luna: cos’è il tuo „gatto nero“?

 

Il trio berlinese „…e la luna?“ ha pubblicato un nuovo CD-libro „La Rosina bella“: „un must“ per tutti quelli che hanno bambini e parlano l’italiano.

Un vero piacere per tutti gli altri che vogliono ascoltare buona musica.

di Andreas Lichte.

 

Al primo ascolto mi è piaciuto in particolar modo il brano: „Volevo un gatto nero“. Forte cosa si può fare con tre accordi! In 2.50 minuti. E poi la voce di Eva Spagna che non suona come roba per bambini, ma piuttosto malinconica e … cattiva, cattiva!

Quindi mi sono veramente incuriosito ed ho letto il testo. Una canzone per bambini, chiaro. Un gioco intelligente con la fantasia infantile, in cui improvvisamente tutto prende vita, se solo lo si vuole. Ma … solo una canzone per bambini?

Che cosa ci legge un “adulto”? Una domanda che prima o poi uno si pone:

Cos’è il tuo „gatto nero“?

Per che cosa daresti tutto quello che possiedi, il tuo “intero zoo”?

Aiutatemi per favore a trovare una risposta. E ditemi cosa è il vostro “gatto nero” …

 

 

Volevo un gatto nero

 

Un coccodrillo vero,

un vero alligatore

ti ho detto che l’avevo

e l’avrei dato a te.

 

Ma i patti erano chiari:

il coccodrillo a te

e tu dovevi dare

un gatto nero a me.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

mi hai dato un gatto bianco

ed io non ci sto più.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

siccome sei un bugiardo

con te non gioco più.

 

Non era una giraffa

di plastica o di stoffa:

ma una in carne ed ossa

e l’avrei data a te.

 

Ma i patti erano chiari:

una giraffa a te

e tu dovevi dare

un gatto nero a me.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

mi hai dato un gatto bianco

ed io non ci sto più.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

siccome sei un bugiardo

con te non gioco più.

 

Un elefante indiano

con tutto il baldacchino:

l’avevo nel giardino

e l’avrei dato e te.

 

Ma i patti erano chiari:

un elefante a te

e tu dovevi dare

un gatto nero a me.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

mi hai dato un gatto bianco

ed io non ci sto più.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

siccome sei un bugiardo

con te non gioco più.

 

I patti erano chiari:

L’intero zoo per te

e tu dovevi dare

un gatto nero a me.

 

Volevo un gatto nero, nero, nero,

invece è un gatto bianco

quello che hai dato a me.

 

Volevo un gatto nero,

ma insomma nero o bianco

il gatto me lo tengo

e non do niente a te.

 

 

homepage von … e la luna?

 

Releasekonzert von „La Rosina bella“:

Sonntag, 21. November 2010, 15 Uhr, in der Werkstatt der Kulturen

 

Gaza: Bloggerinnen leben gefährlich

Asmaa Alghoul

In Gaza werden Bloggerinn bedroht. Ein Beispiel stellt unsere Gastautorin Annina Schmid vor.


Die Bloggerin und Journalistin Asmaa Alghoul aus Gaza, die ich während des Young Media Summits in Kairo kennengelernt habe, hat eine Morddrohung erhalten: Jemand, der sich ‚Masirek‘ nennt, drohte damit, sie vor den Augen ihres Sohnes zu verbrennen. Lina Ben Mhenni, die ebenfalls Teilnehmerin des Summits war, veröffentlichte einen Post, in dem sie ihre Solidarität mit Asmaa bekundet und Masireks verbale Attacke zu recht verurteilt. Asmaa kämpft gegen sogenannte Ehrenmorde und für die Rechte palästinensischer Frauen. Da sie auf Arabisch bloggt, kann ich leider derzeit nicht sagen, welche ihrer Äußerungen die Morddrohung provozierte. Vielleicht kann jemand helfen?

Drohungen gegen Blogger sind übrigens nicht selten. Es gab auch in Deutschland Fälle schlimmer Schikane, die so weit ging, dass sich die Polizei einmischen musste. Auch in Asmaas Fall wurde die palästinensische Regierung bereits in Kenntnis gesetzt. Es ist wichtig, sich stets darüber im Klaren zu sein, dass Drohungen, auch wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden, erstens strafrechtlich relevant und zweitens eine Form der Misshandlung sind. Auf Girls Can Blog gab es erst neulich einen kurzen Post, der das Thema Verbal Abuse behandelte.

Annina Schmidt ist Herausgeberin des Blogs Girls can Blog. Dort ist der Text auch auf Englisch zu lesen.

TV-Serie Alpha 07: Stranger than Fiction…

Alpha 07 Der Feind in Dir Foto: SWR

Am 14. November startet auf dem SWR und wenig später u.a. auf 3SAT und ARTE die SciFi-Thriller-Serie “Alpha 0.7 – Der Feind in dir”. Die erste transmedial erzählte Serie Deutschlands, zeichnet ein düsteres Zukunftsszenario: Deutschland und die gesamte Europäische Union haben sich 2017 in einen gleichgeschalteten Überwachungsstaat verwandelt, der sogar die Köpfe seiner Bürger kontrolliert.

Die Idee und die Drehbücher zu der Serie stammen von Sebastian Büttner und Oliver Hohengarten, die für Alpha 0.7 als Transmedia-Producer auch die gesamte Internet-Welt entwickelt haben. In einem Gastbeitrag schreibt Sebastian Büttner über sein ungutes Gefühl, dass ihr dunkles Nahe-Zukunft-Szenario weitaus weniger Science Fiction ist, als er zu Beginn der Serienentwicklung angenommen hat…

Ist der Freie Wille des Menschen nur eine Illusion? Lassen sich unsere Entscheidungen mithilfe elektrischer Impulse steuern – wie bei einem Computer? Vor zwei Jahren hätte ich diese Frage noch eindeutig mit „Nein“ beantwortet und sie als verschwörungstheoretischen Unfug abgetan. Mittlerweile, nach über zwei Jahren Arbeit an unserem neuen SciFi-Thriller „Alpha 0.7“, tendiere ich eher zum „Jein“. Denn es gibt einige neurowissenschaftliche Versuche, die das  Modell des „Freien Willens“ auf den ersten Blick ziemlich alt aussehen lassen. So ist es dem deutsch-britischen Kognitionspsychologen John-Dylan Haynes 2008 beispielsweise gelungen, anhand der Aktivität zweier Hirnregionen exakt vorauszusagen, ob Versuchspersonen einen Knopf mit der rechten oder linken Hand drücken werden. Und dies 10 Sekunden bevor den Probanden ihre Entscheidung selbst bewusst wurde.

Natürlich gibt es auch Wissenschaftler, die die Stichhaltigkeit solcher Versuche (zu Recht) anzweifeln. Doch eine Sache lässt sich trotzdem nicht leugnen: die Neurowissenschaften haben begonnen die Funktionweise unserer Gehirne auszulesen, sie zu verstehen. Sie können anhand unserer Gehirnaktivitäten sehen, welche Handlungen wir ausführen – und einige von ihnen glauben sogar noch weitaus mehr in unseren Köpfen erkennen zu können…

Sind Straftäter in Wirklichkeit nur gehirnkrank?

In der Psychiatrischen Universitätsklinik Rostock wurde 2008 begonnen, die Gehirne von verurteilten Gewalttätern zu untersuchen. Gefängnisinsassen, die zu langjährigen Freiheitsstrafen wegen Mordes oder Totschlag verurteilt worden, sowie Patienten aus forensischen Kliniken wurden unter großem Sicherheitsaufwand an die Ostsee gebracht. Das Ziel des Experiments: Die Neurowissenschaftler wollten herausfinden, ob die Täter für ihr verbrecherisches Handeln wirklich selbst verantwortlich sind – oder ob sie in Wirklichkeit selbst Opfer sind, Opfer falscher Strukturen in ihrem Gehirn. Und tatsächlich kamen die Wissenschaftler zu einem überraschenden Ergebnis: Bestimmte Areals in den Gehirnen von Psychopathen sind schlechter durchblutet, als die der „gesunden“ Kontrollgruppe. Darunter auch jene Bereiche, die uns die Konsequenzen unseres Handelns vermitteln.

Demnach würden Mörder gar nicht amoralisch handeln. Sie wären einfach nur „gehirnkrank“. Das Schuldprinzip, eine der wichtigsten Säulen unseres Rechtssystems, würde demzufolge auf einem Irrtum basieren, dem Irrtum, dass der Mensch in seinem Handeln immer und jederzeit frei ist. Wäre es demnach nicht auch nur konsequent unser Rechtssystem sprichwörtlich auf den „Kopf“ zu stellen? Wäre es dann nicht klüger die Gehirne der Straftäter zu „reparieren“, anstatt sie in ein Gefängnis zu sperren und darauf zu hoffen, dass sie hinter Gittern lernen, wie falsch ihre Taten waren?

Der Brainscanner als natürlicher Nachfolger des Nacktscanners?

Wir fragten uns: Was würde geschehen, wenn ein großer Konzern im Jahr 2017 eine Scan-Technologie entwickeln würde, die in der Lage ist, rechtzeitig vor Fehlentwicklungen im menschlichen Gehirn zu warnen? Eine Technik (wir haben sie „Brainscanner“ getauft), die erkennt, ob ein Mensch die Anlage zum Straftäter hat. Könnte diese Technologie nicht Verbrechen verhindern bevor sie geschehen? Und wie würde die Bevölkerung Europas wohl auf diesen technischen Durchbruch reagieren würde? Würden wir uns freiwillig vom Staat in unsere Köpfe schauen lassen? Auch hier, war meine Antwort erst „Nein“ – doch dann wurden während unserer Arbeit an der Serie die Nacktscanner in Deutschland eingeführt…

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde uns endgültig klar, dass wir gar nicht ausschließlich an einer SciFi-Story über die wachsenden Möglichkeiten der Neurowissenschaften arbeiteten, sondern dass es in unserem Stoff um weitaus mehr ging. Der „Freie Wille“ war nur der Ausgangspunkt, der Motor für unsere Geschichte. In Wirklichkeit jedoch waren die „Brainscanner“ – genau wie die Nacktscanner 2010 – doch bloß Platzhalter einer viel größeren Frage. Der Frage danach, in welcher Art von Gesellschaft wir heute und in Zukunft miteinander leben wollen. In einer Gesellschaft, in der der Einzelne, analog zum technischen Fortschritt, immer weiter überwacht, vermessen und kontrolliert wird? In einem Staat der in „dubio contra reo“ in jedem Bürger einen potenziellen Straftäter sieht?

Ist Sicherheit die bessere Freiheit?

Keiner von uns hatte sich zuvor näher mit dem Thema „Überwachungsstaat“ beschäftigt. Klar: wir verfolgten den Ausbau der Maßnahmen zur Inneren Sicherheit seit dem 11. September 2001 genauso kritisch wie die meisten anderen in unseren eher linksliberalen Freundeskreisen. Aber lebten wir nicht trotzdem immer noch in einer Demokratie? Waren die zunehmenden Überwachungsmaßnahmen nicht bloß ein vorübergehender Trend, den man nach ein paar Jahren wieder abwählen konnte?

Inzwischen wissen wir, wie naiv wir damals waren: Ob  Raumortung, Gesichterkennung, Überwachung von Zahlungsvorgängen… Das Maß an Überwachung, das es 2010 schon im Alltag gibt, ließ uns wirklich frösteln. Vor allem der Blick nach Großbritannien erschrak uns immer wieder. Die Art und Weise, wie auf der Insel in den vergangenen Jahren die Bürgerrechte abgebaut wurden, fanden wir ungeheuerlich. Ungeheuerlich finden wir allerdings auch, das sich zunehmend Politiker in Deutschland das Vereinigte Königreich, das Land der Überwachungskameras, zum Vorbild nehmen – immer unter dem Gesichtspunkt mehr Sicherheit erreichen zu wollen. In Großbritannien wird die sicherheitspolitische Debatte von der angeblichen Sorge vor terroristischen Anschlägen dominiert. In Deutschland ist das anders. Hier ist die Angst vor Kinderpornografie das große Thema, mit dem man die Bürgerrechte aushebeln will. Die Spielräume des Einzelnen, die sich gerade in den vergangenen Jahren durch das Internet vergrößert hatten, sollen wieder massiv eingeschränkt werden.

Doch wäre dies wirklich der richtige Weg? Ist die Angst vor dem „Schlimmstmöglichen“ tatsächlich der beste Ratgeber für unsere politischen Entscheidungen? Opfern wir mit unserem Bestreben nach immer mehr vermeintlicher Sicherheit nicht vor allem eine der wichtigsten Errungenschaften unserer westlichen Zivilisation: die Freiheit?

Die Arbeit an „Alpha 0.7 – Der Feind in dir“, unsere Recherchen und Gespräche mit unschuldigen Opfern staatlicher Überwachungsmaßnahmen, haben unseren Blick auf unsere Gesellschaft nachhaltig verändert – ihn geschärft. Mittlerweile sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir nicht wirklich eines Tages in einem Land aufwachen, in dem tatsächlich Brainscanner installiert werden. Zur Sicherheit. Um Verbrechen zu verhindern, bevor sie geschehen. Aber: Wollen wir das wirklich?  Es liegt an uns allen, zu entscheiden, ob wir es so weit kommen lassen wollen.

Disclosure: Stefan Laurin betreut die Blogs der Serie und hat einen Großteil der Online-Texte verfasst.

Sind „Bürgernähe“ und „Kinderfreundlichkeit“ in Waltrop nur Fremdworte?

Ein Erfahrungsbericht über vier Jahre Kontakt zur Stadtverwaltung Waltrop. Von unserem Gastautor Robin Patzwaldt.

Der Kauf einer Eigentumswohnung ist für viele Familien ein echtes Highlight im Leben. So war es auch bei uns, als meine Familie 2005 eine noch zu errichtende Wohnung in einem Mehrfamilienneubau in der ‚Parksiedlung Messingfeld’ in Waltrop erwarb.

Die Vorfreude war groß, doch die Realität entwickelte sich alsbald in eine Art Albtraum, aus dem wir noch immer nicht wirklich erwacht sind.

Aber der Reihe nach: Bei Bezug des Hauses im Sommer 2006 bemerkten wir rasch, dass das Haus vom Bauträger mit einigen ‚Mängeln’ errichtet wurde. Nach einem Gespräch mit einem Fachanwalt trennten wir rasch privatrechtliche Probleme, von öffentlich-rechtlichen Punkten, welche wir laut Tipp unseres Anwalts einfach über die Waltroper Bauaufsicht weiterverfolgen sollten, da diese in den Punkten von öffentlich-rechtlichem Interesse dann kostenlos als unsern‚ Partner’ an seiner Stelle unsere Interessen wahrnehmen würde.

Gesagt, getan.

Ende 2006 informierten wir, zusammen mit einigen Miteigentümern, die lokale Bauaufsicht über die unserer Meinung nach fehlende Kleinkinderspielplatzfläche, die noch Bestandteil der Baugenehmigung war, und einige andere Dinge, die hier offenkundig nicht den baurechtlichen Bestimmungen genügten.

Null Ergebnisse in der Stadtverwaltung

In Erwartung einer baldigen Lösung ließen wir die Dinge bis zum Frühjahr 2007 erst einmal laufen. Als bis März`07 aber noch gar nichts passiert war, fragten wir erstmalig nach.

Erst bei der Bauaufsicht, dann bei der Bürgermeisterin und dem Stadtjuristen Stefan Schlarb.

Ergebnis gleich Null.

Im Herbst 2007, und etliche Nachfragen später, schrieben wir dann der Oberen Bauaufsicht des Kreises, und informierten auch diese über die hiesigen Zustände. Bis zum Erlass der entsprechenden Ordnungsverfügungen hier in Waltrop dauerte es dann trotzdem noch bis Ende Februar 2008. Inzwischen waren also bereits gut 15 Monate relativ ereignislos verstrichen.

Die Anzahl der urlaubs- und krankheitsbedingten Aufschübe, der nicht erfolgten Rückrufe usw. seitens der Stadtverwaltung Waltrop ging in der Zwischenzeit in den deutlich zweistelligen Bereich. Mitarbeiter gingen in Rente, Neue kamen, gingen dann nach kurzer Zeit offenbar auch wieder. Es war mehr als nervig.

Warten auf die Insolvenz

Auch ein Gespräch mit der Bürgermeisterin Anne Heck-Guthe Anfang 2008, das Klärung bringen sollte, wurde erst zweimal verschoben, dann fehlten beim Treffen trotzdem wichtige Mitarbeiter der Stadt, sodass es erneut bei Absichtsbekundungen und Mitleidsbezeugungen seitens der Waltroper Verwaltung blieb. Man musste den Eindruck gewinnen, die Stadt hätte es nun wahrlich nicht eilig. Als die Ordnungsverfügung dann im Frühjahr 2009 endlich in ein inzwischen rechtskräftiges Urteil gegen den Bauträger mündete, ging der Bauträger prompt in die Insolvenz. Klasse! Also, auch heute, im Herbst 2010, inzwischen gut vier Jahre nach Einzug, gibt es noch immer keine Lösung für die monierten Probleme. Die Bauaufsicht hat den Kontakt zu uns vor ein paar Wochen endgültig abgebrochen, will nun nur noch mit dem neuen Hausverwalter direkt sprechen. Auch nicht gerade vertrauensbildend und bürgernah! Da fragt man sich am Ende fast, ob der Bauträger unser ‚Gegner’ im Kampf um unser Recht ist bzw. war oder die örtliche Stadtverwaltung, die ja eigentlich statt eines Anwalts hier unsere (öffentlich-rechtlichen) Interessen wahrnehmen sollte.

Ich bin mal gespannt, ob wir unsere Kleinkinderspielplatzfläche noch irgendwann kriegen. In einer Stadt, in der eine ehemalige Kindergärtnerin an der Spitze der Verwaltung steht, sollte gerade die Anlage der gesetzlich vorgeschriebenen Kleinkinderspielplatzflächen doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, oder?

Bebauungspläne als Papiertiger

Und wenn Sie nun glauben, dies sei ein unglücklicher Einzelfall, dann machen Sie sich doch mal den Spaß und zählen Sie die großen Mehrfamilienhäuser ohne die in den Baugenehmigungen vorgeschriebenen Kleinkinderspielplätze – nicht nur in Waltrop.

Oder zählen Sie mal die Häuser, die nicht das in den Bebauungsplänen größtenteils vorgeschriebene wasserdurchlässige Parkplatzpflaster liegen haben. Sie werden überrascht sein … Für mich steht seit einiger Zeit unumstößlich fest: ‚Bürgernähe’ und ‚Kinderfreundlichkeit’ sind für die Waltroper Stadtverwaltung leider offenbar keine wichtigen Werte, eher hohle Phrasen! Schade drum!

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Das Königsblog geht nach Hause

Das Königsblog wird geschlossen – ein Nachruf von unserem Gastautor Trainer Baade.

Enthusiasmus ist jener Bestandteil am Fußball, der ihn überhaupt erst zu dem macht, was er in unseren Breiten ist. Ohne Enthusiasmus gäbe es den ganzen Rummel um diese Sportart nicht, die streng genommen nur ein Spiel ist und die wir doch so ernst nehmen. Natürlich wissen wir, dass wir das Spiel nicht zu ernst nehmen dürfen — aber könnten wir uns noch so intensiv damit beschäftigen, wenn wir es nicht mehr ernst nähmen, lohnte es die Beschäftigung dann überhaupt noch? Zu ernst aber, das wäre ein Problem.

Ein Problem, welches sich langsam in den Alltag fräße und zu viel Zeit einnähme, so dass man sein eigenes Leben nicht mehr genießen könnte. Auf dass die Menschen drumherum darunter litten, egal, ob 30 Jahre älter oder 30 Jahre jünger. Aus diesem Grund entschloss sich wohl Torsten Wieland, der Betreiber des Schalker Königsblogs, dass der Fußball und sein Schreiben darüber zu viel Zeit in seinem Leben einnähmen, weshalb er genau diesen Zustand nun beendete. Königsblog ist tot, oder um es weniger dramatisch zu formulieren: Eins der besten Fußballblogs in Deutschland hat seinen Betrieb eingestellt.

Dahinter liegen sicher Gründe, die langfristig dazu führen, dass der Betreiber des Königsblogs sein Schalke-Sein besser wird genießen können. Allein, das fällt den Tausenden an Lesern seines Blogs heute schwer zu glauben. Völlig unerwartet kam die gestrige Nachricht von Torsten Wieland, dass er sein Blog einstelle. Insbesondere die Tatsache, dass sein Blog von vielen Nicht-Schalkern gelesen wurde, zeigt, welchen Stellenwert eine objektive, wohltuend analytische und gleichzeitig von Leidenschaft geprägte Herangehensweise an einen Fußballclub bundesweit haben kann. Nicht zuletzt sind Blogs, und der Enthusiasmus, aus dem sie entstehen, ein Baustein des heutigen Fanseins.

Über das besagte Schalke-Fansein hinaus war das Königsblog stets mehr als nur ein Vereins-Blog. Die vielen Hinweise auf Podcasts oder andere hörens- und lesenswerte Stücke drückten immer eine umfassendere Liebhaberei zum Fußball aus. Auf welche wir von nun an verzichten werden müssen. Jedenfalls beim täglichen Rundumgang durch die Blogs des Landes. Nicht aber verzichten müssen wir auf Torsten Wieland und seine Schalke-Liebe. Er ist ja weiterhin bei Twitter aktiv und wird sich im Netz äußern. „Schade“, ist das Wort der Stunde, und auch der FC Schalke sollte das nun sagen. Er verliert einen vorzüglichen Fürsprecher im Internet. Und alle Fußball-Anhänger eine lesenswerte Lektüre.

„Paroles, Paroles“. Nacht-Ausgabe.

„C’est étrange, je ne sais pas ce qui m’arrive ce soir.“ Das ist seltsam, ich weiss nicht, was mir heute Nacht passiert. Von unserem Mann in Berlin.

Und dann mach’ ich den Fehler, und schau’ doch noch Harald Schmidt. Eigentlich ja müde und die Sendung plätschert vor sich hin.

Harald gibt eine kleine Lesestunde und sagt: „Weißt du, von wem ich das mal hören möchte? Von Ben Becker. Wirklich! Von Ben Becker. Und Becker ist ja nicht nur ein s-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l-e-r Schauspieler, sondern die Frauen liegen ihm zu Füssen. Jetzt hat er sich geangelt …“

Vicky Leandros!

Vicky Leandros im Duett mit Ben Becker, Ben Becker als schmierige Kopie von Alain Delon.

Harald Schmidt, als Ben Becker: „Und oft kommt das Playback früher als man glaubt.“

fsk 88, ja, 88, unbedingt: „Verstehen Sie Spass?“ hat auch noch den Original Alain Delon für einen Zombie-Cameo-Auftritt ausgegraben.

Aber was singen die da? Das ist doch „Paroles, Paroles“!

Von Dalida und Alain Delon, oder im Italienischen Original, MINA und Alberto Lupo.

„Gerede, Gerede“ bei Ben und Vicky.

Bei mir: „Du redest und redest“. Denn dazu hatte ich auch schon mal einen Text geschrieben. Fragt mich M. zu einer anderen deutschen Cover-Version:

„Für E.?“

„Nein, keine Chance. E. ist nachtragend. Was ja auch o.k. ist. Blöd nur, wenn es ihr selber schadet …“

Denn welcher Deutsche versteht schon Italienische Texte? Wer will da mitsingen?

„Wir treten auch lieber in kleinen Clubs auf“, hat E. aber noch nicht gesagt, obwohl …

Blöd! Blöd! blöd! Wieder so eine verpasste Chance! Und ich weiss, dass ich jetzt nicht schlafen werde. Was macht man da? Gut, dass ich rauche: erst mal Zigaretten holen.

Als ich zur Shell-Tanke sprinte, bringt mich der Audi aus dem Konzept: Will der jetzt tanken, oder weiter geradeaus fahren, mich doch lieber überfahren? Entschlossen sieht das nicht aus …  dann fährt er nicht zur Zapfsäule, sondern zum Staubsauger, um ein Uhr nachts. „C’est étrange …“ Höre ich Stimmen? Der Fahrer beugt sich wild gestikulierend zur Beifahrerseite rüber …

Ich fragt ich: „Muss ich jetzt den Helden geben?“

Antwort: „Besser schläfst du nicht, wenn du denkst, dass du gerade dabei zugeschaut hast, wie eine Frau verprügelt wird.“

Ich hat aber gute Argumente! Also mache ich mich auf den Weg zum Audi.

Das Fenster geht auf. Ichs Bauch-Bass fragt:

„Alles in Ordnung?“

„Ja“, antwortet er.

„Schön!“

Und schon ist die Beifahrer-Tür offen.

„Ich fahre nicht nach Hause!“ und sie läuft weg. Er hinterher. Zu Fuss.

Und jetzt? Was ist da noch zu tun? Ich hole mir meine Zigaretten. Auf dem Heimweg sehe ich die beiden. Sieht aus, als ob er sich selber schlägt. „C’est étrange …“

Johan Galtung – Integrationsdebatte vom Kopf auf die Füße gestellt

Johann Galtung Foto: David Lisbona/cc/Wikipedia

Johan Galtung, ein Großer der Friedenswissenschaften, blickt auf 80 Lebensjahre zurück. Von unserem Gastautor Ronald Milewski.

Am 24. Oktober dieses Jahres vollendete Johan Galtung, einer der Begründer der modernen Friedens- und Konfliktforschung, sein 80. Lebensjahr. Während Galtung seinen Jubeltag feiert und Thilo Sarrazin in aller Munde ist, wird zeitlich parallel in Hagen das Institut für Frieden und Demokratie an der Fern-Universität, dem der norwegische Jubilar lange Jahre Mentor war, in ziemlicher Stille „abgewickelt“. Prof Dr. Hajo Schmidt, Direktor des Instituts geht in Rente und mit ihm nach aller Wahrscheinlichkeit das Institut, das er 1995 mitbegründet hat. Friedenswissenschaften gehören nicht zum Grundfächerangebot einer deutschen Universität. Die FernUniversität hat sich zu einer „Nicht-Weiterführung“ der Studienangebote entschlossen. In der Hoffnung, dass mehr als der Geist des Instituts weiterwirkt, haben dessen Mitarbeiter daraufhin Anfang dieses Monats zu einer „Bilanztagung“ eingeladen.

Johan versus Thilo

Galtung, norwegischer Weltenbummler in Sachen Friedensforschung und -stiftung, ist der Ruhrregion seit nunmehr 15 Jahren durch sein Engagement am Institut für Frieden und Demokratie der FernUni Hagen verbunden. Einerseits indem er für die Studiengänge dort einen umfassenden Studienbrief mit dem Titel „Frieden mit friedlichen Mitteln“ verfasst hat, andererseits  indem er regelmäßig zu Präsensseminaren zur Einführung Studierender in die von ihm entwickelte „Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung“ herkommt. Zudem feiert der Norweger seine besonderen Geburtstage im Rahmen von Tagungen in Iserlohn oder Schwerte nach oder nahm, wie im Jahre 2001 geschehen, die Ehrendoktorwürde der FernUni entgegen. Die Liste der Auszeichnungen, Vermittlungsmissionen und Veröffentlichungen, Gast- und Honorarprofessuren des 1930 in Oslo geborenen Mathematikers und Soziologen ist lang. Dennoch sind ihm und seinem Ansatz bei Wikipedia lediglich drei Seiten gewidmet, Thilo Sarrazin derer neun. Johan: trois points, Thilo: neuf points. Dabei hätte Johan einiges mehr als Thilo zum Thema Integration zu sagen. Was ist da falsch gelaufen?

An der Fähigkeit zu polarisieren kann es bei der Minderpräsens im Online-Portal kaum liegen. Auch Galtung, Arztsohn aus gutem Hause, ist dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und Tacheles zu reden. In einem Interview mit Spiegel Online acht Tage nach den Angriffen auf das World Trade Center fordert er  bereits 2001, in Afghanistan auch mit den Taliban, wie er es selbst zuvor als Vermittler getan hatte, zu reden, nennt Huntingtons Buch über den „Clash der Kulturen“ einen Etikettenschwindel, den globalen Konflikt stattdessen einen Klassenkonflikt zwischen armen und reichen Ländern, Henry Kissinger den „Bin Laden Chiles“ und Joschka Fischer einen Nationalisten. – alles in einem Abwasch. Gleichzeitig warnt der Träger des Alternativen Nobelpreises und des Gandhi-Preises einmal in Fahrt gekommen vor einer kriegerischen Intervention in Afghanistan, entwirft einen Alternativplan am Verhandlungstisch und erinnert daran, dass auch Extremisten Gründe für ihr Verhalten haben. Ökonomen, einen schönen Gruß an Herrn Sarrazin, bezeichnet der Interviewte umgekehrt als Fundamentalisten, wenn sie „monochromatisch denken, also einem Text oder einer Lehre hörig sind“ und vermutet, dass westliche Ökonomen durch ihre Lehre mehr Menschen demütigen oder sogar töten „als die so genannten islamischen Fundamentalisten“.

Galtung als Prognostiker

Keilt Galtung im Gegensatz zu Thilo in die falsche Richtung aus? Ist er zu undiplomatisch für einen Friedenforscher, um ausführlicher Erwähnung zu finden? Als Wahrsager hat er sich immerhin insofern bewährt, als er 1980 für 1990 den Fall der Mauer vorhersagte und das sich anschließende Ende der Sowjetunion. Für den Fall des Eisernen Vorhangs sagte er obendrein mit immerhin 50prozentiger Trefferquote als neues Feindbild den Islam bzw. die Grünen voraus. Ich selbst durfte auf einer der Veranstaltungen, bei denen ich Mitte der Dekade Galtung in der Evangelischen Akademie Iserlohn erlebte, die Korrektur einer anderen seiner Vorhersagen life erleben. Galtung korrigierte seine im Jahr 2000 gemachte Prognose für den Untergang des US-Imperiums aufgrund der Präsidentschaft von George W. Bush von „2020 bis 2025“ auf „vor 2020“. Der Gast aus Norwegen, der sich seit Jahrzehnten theoretisch und praktisch um das Konzept des „Friedensjournalismus“ kümmert, bewies wieder einmal, für eine markige Schlagzeile gut zu sein. Dennoch machen Journaille und Talk-Shows aktuell einen Bogen um den Jubilar und stürzen sich auf Thilo.

Direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt

Vielleicht liegt es auch an Galtungs Lebenswerk. Vielleicht ist es zu umfangreich, zu kompliziert, birgt zu wenig einfache Erklärungen? Galtung hat über mehr als fünf Dekaden verteilt zahlreiche innovatorische Konzepte entwickelt. Zöge man sie heran, könnten diese die aktuelle Integrationsdebatte befruchten,  so z. B.:

–       die Unterscheidung zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt als Ursachenfaktoren von Konflikten und das Aufzeigen der Zusammenhänge zwischen diesen Dimensionen;

–       die Unterscheidung zwischen Penetration, Segmentierung, Marginalisierung und Fragmentierung zur Kennzeichnung struktureller Gewalt;

–       die Unterscheidung von vier menschlichen Bedürfnisklassen nämlich Überlebens-, Wohlbefindens-, Identitäts-, Freiheitsbedürfnissen, die bei Frustrierung zu Gewaltausbrüchen führen;

–       die Unterscheidung zwischen uns allen als menschlicher Spezies gemeinsamen Universalia, z. B. der physiologischen Basis des Verstandes, und „tiefenkulturell“ geprägten Partikularia, die weitgehend un(ter-)bewusst Einstellung, Annahmen und Verhalten von Menschen verschiedener Kulturen in unterschiedlicher Weise prägen.

Wer es einfacher haben will bei seinen Erklärungen, greife halt zu Thilo. Immerhin stellen die genannten Konzepte nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt aus einem erheblich größeren Instrumentarium zur Analyse von Konflikten und Gewaltausbrüchen dar.  Dazu liefert die Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung dem Berater das Handwerkszeug zum Umgang mit Konflikten. Den Anwendungsbereich für die Methode sieht Galtung umfassend sowohl im „Mikrobereich des inneren Menschen und der Familie“, im „Mesobereich der Gesellschaft“ und im „Makrobereich zwischengesellschaftlicher und überregionaler Konflikte“.

Globalisierung, Migration, Integration

Doch bleiben wir auf der mittleren Ebene und bei der Integrationsdebatte. Bereits 1997 beschäftigt sich Galtung mit den Konsequenzen dr Globalisierung und veröffentlicht seine Überlegungen in dem Buch „der Preis der Modernisierung“. Ein zentrales Anliegen ist ihm darin die soziologische Analyse innergesellschaftlicher Prozesse, die die Betrachtung der Bedeutung von  Migrationsbewegungen einschließt. Diese sieht Galtung als potentiell geeignet den Übergang von der modernen zur postmodern geprägten Gesellschaft mit den Folgen soziale Desintegration, Atomie, sprich Auflösung von Strukturen, und Anomie, sprich Verlust von Normen und Werten, zu beschleunigen.

Wie gewohnt belässt es der Norweger nicht bei der Analyse, sondern schlägt gleich die Therapie vor, nämlich sich in Auflösung befindende hierachische Strukturen zu rekonstituieren („some big is necessary“) und durch horizontale Beziehungsnetzwerke in Arbeit und Freizeit („small is beautiful“) zu humanisieren. Um die Kulturbildung zu fördern und die Entkulturalisierung umzukehren, schlägt er zudem vor, „immanente und transzendente Religionen zu fördern“. Seinem Misstrauen gegenüber den Buch-Religion und seiner Sympathie für den Buddhismus ist die Ergänzung zu verdanken, „die sanfteren Aspekte der Religionen zu fördern und die härteren zurückzudrängen“. Wie gesagt, dieses hier äußerst grob umrissene Programm zum innergesellschaftlichen Umgang mit Globalisierungs- und Migrationsfolgen ist 13 Jahre alt. Daran gemessen räumt Angela Merkel mit ihrem apokalyptischen Fazit vom 16.10.2010, die Multikulti-Gesellschaft sei „absolut gescheitert“, nach 5 Jahren Kanzlerschaft vor allen Dingen das eigene Scheitern ein, Integrationsmechanismen auf den Weg zu bringen.

Dabei hatte Galtung 1997 noch den Konservativen die bessere Diagnose der Situation attestiert – wegen deren Augenmerks für strukturelle und kulturelle Komponenten. „Liberale, Marxisten und Grünen“ hatte er dagegen davor gewarnt, sich auf Fragen der Distribution von Rechten und Pflichten, Macht und Privilegien zu konzentrieren, und den „Linken“ ausdrücklich empfohlen, Kultur, Ethos und Religion ernster zu nehmen:

„Nichts von alldem wird sich von selbst ergeben, und in Krisenzeiten mag es geschehen, dass sich die Menschen auch den härteren Aspekten der Religionen mit ihren Botschaften der Abgrenzung … zuwenden.“ (aus: Johan Galtung: Der Preis der Modernisierung)

„Zentrale Korsettstange“ und „eierlegendes Wollmilchschwein

Galtung schaut inzwischen auf mehr als 50 Jahre aktive Friedensarbeit und –forschung zurück: Nach Kriegsdienstverweigerung und Gefängnis gründete er bereits 1959 das Internationale Friedenforschungsinstitut PRIO in Oslo, 1964 das Journal of Peace Research. Bereits Ende der 60’er Jahre wurde er dann auf einen Lehrstuhl für Friedensforschung an der Universität Oslo berufen, einen der ersten auf der Welt. Seit 1992 ist er zudem Direktor des von ihm gegründeten Transcend-Netzwerks für Frieden, Entwicklung und Umwelt, dessen zentrale Aufgabe in der praktischen Konfliktmediation nach der Transcend-Methode liegt.

Maßgeblichen Anteil an Galtungs Lehrtätigkeit am Institut für Frieden und Demokratie in Hagen hatte seit Gründung des Instituts 1996 der Hagener Philosophieprofessor und Direktor de Instituts Hajo Schmidt, der gleichzeitig  Leiter der an der FernUniversität angesiedelten Arbeitsgemeinschaft Friedenswissenschaft in NRW (LAG). Zur Bedeutung Galtungs für das Institut befragt nennt Schmidt diesen„eine zentrale Korsettstange unseres Lehrprojekts“.  Zwar habe das Institut immer auch konkurrierende Theorien studienverbindlich gemacht, doch habe sich Galtung stets dadurch hervorgetan, dass sich an ihm „eine ganz ungewöhnlich effiziente und glaubwürdige, für einen deutschen Professor fast unmögliche Verbindung von Theorie und Praxis belegen ließ“. Zudem habe Galtung in nicht unerheblichem Maße als Scharnier zwischen der deutschsprachigen und der internationalen Community und Diskussion fungiert.

Der Haken an der ganzen Sache: Galtung wird nun 80 und Schmidt geht in Rente. Anfang Oktober hieß es daher: „Was bleibt!? Bilanztagung der Hagener Friedenslehre“. Das Team des Instituts für Frieden und Demokratie lud alle diejenigen, „die das friedenswissenschaftliche Studienprogramm mit aufgebaut und durchgeführt haben, die es in der einen oder anderen Weise inhaltlich qualifiziert haben, und vor allem diejenigen, die an dem einen oder anderen Programm als Studierende teilgenommen haben“ in die Evangelischen Akademie Villigst ein. Spätestens im März 2012 sollen nun die letzten Masterstudierenden in Friedenswissenschaften ihren Studiengang beendet haben. Die FernUniversität will das Projekt aus studienorganisatorischen Gründen nicht weiterführen. Bezweifelt wird zudem die ökonomische Überlebensfähigkeit der Studienangebote und die Chance ein ähnlich universal einsetzbares „eierlegendes Wollmilchschwein“ (Originalton Hajo Schmidt) für die Nachfolge zu gewinnen.

Inzwischen bieten andere Universitäten vergleichbare friedenswissenschaftliche Angebote an. Doch Hagen ist und war insofern etwas Besonderes, als es sich bei den Studierenden um Postgraduierte, ‚in the field’ Tätige handelte, die um wissenschaftliche fundierte Reflexion und Optimierung der eigenen Praxis bemüht auf das Fernstudium angewiesen waren. Die Mitarbeiter haben letztlich zu einer „Bilanztagung“ eingeladen, weil es weiterhin Bemühungen gibt, das Institut an einer anderen Universität oder im außeruniversitären institutionellen Rahmen anzusiedeln.

Stuttgart 21 statt Ostermarsch?

In jedem Fall bleibt, maßgeblich von einem zweiten wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts, Lutz Schrader, gefördert, ein unter dem Namen „Transcend Netzwerk für Konflikttransformation und Friedensförderung“ gegründeter eingetragener Verein. Dieser hat inzwischen mehr als 40 Mitglieder und sich u. a.  die Ausbildung zum Konfliktberater bzw. Trainer in der Galtungschen Transcend-Methode der Konfliktbearbeitung zur Aufgabe gemacht. Der deutsche Transcend-Ableger ist Teil des internationalen Transcend-Netzwerkes aus 350 WissenschaftlerInnen, TrainerInnen und AktivistInnen in über 80 Ländern. Diese leisten zurzeit konkrete Friedens- und Entwicklungsarbeit auf dem Westbalkan, im Kaukasus, in Sri Lanka, Uganda, Ecuador und im Nahen Osten tätig sind. Das Transcend-Verfahren ist gleichermaßen für die internationale Konfliktbearbeitung und die Bearbeitung innergesellschaftlicher Konflikte geeignet.

An der FernUniversität bleibt andererseits ein formal vergleichbar angelegter Weiterbildungs-Studiengang, nämlich der in den Umweltwissenschaften, erhalten. In diesem Zusammenhang sei ein knappes Dutzend Jahre nach dem historischen rot-grünen „Sündenfall“ im Kosovo und angesichts wahrlich zu respektierenden Bürgerprotests, siehe „Stuttgart 21“,  eine ketzerische Bemerkung erlaubt: Ist uns inzwischen, um es mit Galtungs Worten zu sagen, das Engagement gegen „Gewalt gegen die  Natur“ soviel wichtiger als das gegen „Gewalt gegen Menschen“, dass ein potenter Anbieter von Weiterbildung wie die FernUni Hagen die Ware Umweltwissenschaften für profitabler als die Ware Friedenswissenschaften hält? Immerhin „boomen“ mit der Rückkehr bewaffneter Konflikte auf den europäischen Kontinent die Entwicklung von Konzepten zur Traumatherapie und von sich offenbar rechnende Angeboten zur Ausbildung von TraumatherapeutInnen: „Honi soit qui mal y pense?

Kritiker

Zurück aber zu Johan Galtung, Im Rahmen der Abschlussveranstaltung der derzeitigen Transcend-Weiterbildung findet im Dezember in der Evangelischen Akademie Villigst ein Symposium zu dessen 80. Geburtstag statt. Und natürlich hat Galtung auch seine Kritiker, mich zum Beispiel. Ich tue mich in seinem multidisziplinären Ansatz besonders mit den Anleihen bei den Medizinwissenschaften und der Utilisierung psychoanalytischer Modelle schwer.  Daraus resultieren m. E. fragwürdige Tendenzen in der Theorie Galtungs, nämlich Nationen als „krank“ zu bezeichnen und ganzen Staatsgebilden „Syndrome“ zu unterstellen. Wer setzt sich schon „krank“ an den Verhandlungstisch?

Die aus diesen Anleihen resultierende Metaphorik führt Galtung gar in Sarrazins Nähe, wenn Galtung von einem sozio-kulturellen Code spricht, der dem genetischen Code vergleichbar sei:

„Die Kosmologie einer Zivilisation ist auch der sozio-kulturelle Code dieser Zivilisation, der die wesentlichen Botschaften transportiert, wie die Wirklichkeit zu konstruieren ist. Die biogenetische Parallele zum genetischen Code ist offensichtlich und beabsichtigt.“(aus: Johan Galtung, Frieden mit friedlichen Mitteln)

An dieser Stelle zeigt sich m. E. die Missverständlichkeit und  Gefährlichkeit der Anleihe bei medizinischen Modellen in der Darstellung großer Systeme. Suggeriert wird die in einem klassischen Verständnis von Genetik unbeeinflussbare Partikularität von Kulturen. Mit dem gewählten Sprachspiel gerät Galtung in die Nähe einfacher Erklärungsmuster Sarrazinscher Prägung.

„Karma“ statt „Trauma“?

Umgekehrt suggerieren die Anleihen bei tiefenpsychologischen Modellen deren universale Gültigkeit und erheben westliche Modelle zum Maßstab, dem sich alle anderen Zivilisationen zu beugen haben. Somit hätten wir das gleiche Problem, das wir seit der Verkündung der universellen Gültigkeit westlich geprägter Menschenrechte haben. Es ist psychoanalytisch gesprochen mit Widerstand derjenigen zu rechnen, die aus einer anderen Tradition heraus andere Erklärungsmuster für menschliches Verhalten gebrauchen: „Karma“ statt „Trauma“, „Thanatos“ oder „Unbehagen in der Kultur“.

Immerhin sollen „die, mit dem Karma-Glauben“ pauschal gesehen die friedlichsten Erdenbürger sein und stehen statistisch gesehen aktuell in der Bundesrepublik beim Integrationserfolg trotz der weitesten Anfahrt an Platz drei, auch wenn noch keiner in der deutschen Fußballnationalmannschaft angekommen ist.

Fazit

Die Eingangsfrage, nämlich, was Thilo Sarrazins besondere Öffentlichkeitswirksamkeit ausmacht, bleibt bis hierher unbeantwortet. Wir dürfen sie meines Erachtens getrost unbeantwortet lassen, denn sie lenkt ab. Sie richtet die Aufmerksamkeit weg von der Sache hin auf Thilo Sarrazins Person. Dessen Verdienst liegt jedoch darin, die Integrationsdebatte beschleunigt zu haben, nicht darin, sonderlich zu Lösungen beizutragen. Die sinnvolle Auseinsandersetzung mit dem Thema Integration sollte von daher  nicht allzu viel Aufhebens um seine Person und sein Buch machen und sich differenzierteren und breiter angelegten Positionen zuwenden. Im besten Fall könnte diese  Kehrtwende zu mehr Konfliktfähigkeit und Friedfertigkeit im buchstäblichen Sinne des Wortes führen.