
Pakistan ist für viele europäische Beobachter kein zentraler Akteur der internationalen Politik. Umso bemerkenswerter ist seine jüngste Rolle als Vermittler in den Gesprächen zwischen den USA und Iran. Für Islamabad bedeutet dies einen lange angestrebten Erfolg: Sichtbarkeit und Relevanz auf der globalen Bühne. Doch das Scheitern dieser Gespräche wirft eine grundlegendere Frage auf: Ist Pakistan tatsächlich ein geeigneter Vermittler oder eher ein geopolitischer Risikofaktor? Von unserer Gastautorin Paushali Lass.
Ein zentraler Aspekt wird dabei häufig ausgeblendet. Pakistan erkennt Israel nicht an und positioniert sich politisch wie rhetorisch klar gegen den jüdischen Staat. Verteidigungsminister Khawaja Asif bezeichnete Israel kürzlich als „Fluch für die Menschheit“ und als „krebsartigen Staat“. Diese Haltung ist nicht nur symbolisch. Sie stellt die notwendige Neutralität infrage, die jede glaubwürdige Vermittlung voraussetzt, insbesondere in einem Konfliktumfeld, das unmittelbar die Sicherheitsinteressen Israels berührt.
Gleichzeitig verfügt Pakistan über ein geopolitisches Profil, das es für andere globale Mächte attraktiv macht. Das Land unterhält Beziehungen zu den USA, China, Russland, Iran, Saudi-Arabien und der Türkei, eine Kombination, die nur wenige Staaten aufweisen. Gerade diese Vernetzung macht Pakistan aus Sicht Washingtons interessant. Doch das Verhältnis hat sich verändert: Pakistan gilt nicht mehr als verlässlicher Partner, sondern zunehmend als strategisches Instrument, über das indirekter Einfluss ausgeübt werden kann. Vor allem nach dem Abzug aus Afghanistan und angesichts wachsender Konkurrenz aus China und Russland ist dies der Fall.
Auch Pakistans geografische und religiöse Nähe zu Iran steigert seine Attraktivität. Die Grenze zu Iran und eine bedeutende schiitische Bevölkerung eröffnen Einflusskanäle, die vielen westlichen oder Golfstaaten fehlen. Doch der Versuch, rivalisierende Mächte auszubalancieren und sich als „unverzichtbarer Vermittler“ darzustellen, wird zunehmend fragil.
Diese instrumentelle Wahrnehmung zeigt sich in der Widersprüchlichkeit der pakistanischen Außenpolitik. Islamabad kooperiert mit westlichen Staaten, während es gleichzeitig enge Beziehungen zu deren Rivalen pflegt. Es ist wirtschaftlich auf internationale Unterstützung angewiesen, orientiert sich strategisch aber stark an China. Diese Doppelstrategie mag kurzfristig Handlungsspielräume eröffnen, untergräbt jedoch langfristig das Vertrauen, eigentlich eine zentrale Voraussetzung für jede Vermittlerrolle.
Der wirtschaftliche Druck verstärkt dieses Problem zusätzlich. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Pakistan aufgefordert, einen Kredit in Höhe von 3,5 Milliarden US-Dollar zurückzuzahlen. Für ein Land mit ohnehin angespannten Devisenreserven stellt dies eine erhebliche Belastung dar. In diesem Kontext wird internationale Sichtbarkeit auch zu einem Mittel, um sich politische und wirtschaftliche Relevanz zu sichern, selbst dann, wenn dies mit diplomatischen Risiken verbunden ist.
Militärisch bleibt Pakistan ein bedeutender Staat. Mit einem geschätzten Arsenal von rund 170 Atomsprengköpfen gehört es zu den wichtigsten Nuklearmächten der Welt. Seine Doktrin der „vollspektralen Abschreckung“, die auch den möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen einschließt, senkt die Schwelle zur Eskalation in regionalen Konflikten. Hinzu kommt eine belastete Vergangenheit: Das Netzwerk um Abdul Qadeer Khan lieferte über Jahre hinweg Nukleartechnologie an Staaten wie Iran und Nordkorea, ein Vorgang, der bis heute Zweifel an der Kontrolle solcher Art sensibler Technologien aufwirft.
Auch regional bleibt Pakistans Politik konfliktgetrieben. Die Rivalität mit Indien prägt zentrale sicherheitspolitische Entscheidungen. Während Indien seine Zusammenarbeit mit Israel in den Bereichen Verteidigung und Nachrichtendienste weiter ausbaut, vertieft Pakistan seine Beziehungen zur Türkei. Diese Annäherung ist nicht nur strategisch, sondern auch ideologisch geprägt. Beide präsentieren sich als Verteidiger der palästinensischen Sache und verstärken ihre ideologische Opposition gegenüber Israel, begleitet von scharfer Rhetorik bis hin zur Forderung nach dessen „Auslöschung“.
Nach dem Scheitern der Gespräche zwischen den USA und Iran in Islamabad haben Berichte über die Verlegung pakistanischer Kampfjets nach Riad im Rahmen eines Militärabkommens mit Saudi-Arabien zusätzliche Brisanz erzeugt. Ein Angriff auf Saudi-Arabien könnte damit auch Pakistan betreffen, einen nuklear bewaffneten Staat, und die Eskalationsrisiken deutlich erhöhen.
Pakistans Eigeninteresse liegt weniger in regionaler Stabilität als in der Mitgestaltung einer neuen ideologischen Ordnung im Nahen Osten und darüber hinaus. Zugleich signalisiert es aber durch seine Nähe zu den USA auch geopolitische Relevanz für den Westen. Diese doppelte Ausrichtung bleibt langfristig ein riskantes Spiel.
Es zeigen sich jedoch Risse in der Golf-Einheit. Staaten im Umfeld der Vereinigten Arabischen Emirate widersetzen sich Berichten zufolge schärferen anti-israelischen Positionen Pakistans. Ihre Beziehungen zu Indien haben die Emirate jedoch vertieft. Das ist ein Hinweis auf sich verschiebende regionale Allianzen.
Der Widerspruch der Vermittlung
Trotz des Scheiterns der Waffenstillstandsgespräche und des anhaltenden iranischen Atomprogramms bleibt offen, warum Pakistan überhaupt als Vermittler eingesetzt wurde und welche Folgen dies für seine zukünftige geopolitische Rolle hat. Für die USA bleibt Pakistan ein Instrument, um Einfluss in einer instabilen und strategisch relevanten Region auszuüben. Für Israel hingegen sind die von Pakistan ausgehenden Risiken direkter und unmittelbarer.
In den kommenden Monaten wird die Kooperation Israels mit wichtigen Partnern im Osten, insbesondere Indien und zunehmend auch den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Verteidigung und Nachrichtendienst entscheidend sein, um neuen Bedrohungen zu begegnen.
Im Kontext einer sich vertiefenden Türkei-Pakistan-Achse ist mit einer zunehmenden Unsicherheit zu rechnen. Welche Sicherheit besteht, dass Pakistans Weitergabe nuklearer Technologie, einst an Iran und Nordkorea, nicht auch die Türkei erreicht? Es gibt keine Garantie. Genau diese Unsicherheit macht Pakistan nicht zu einem stabilisierenden Vermittler, sondern zu einem Faktor wachsender strategischer Unruhe.
