
In diesen Tagen kommt man den Toten Hosen kaum noch aus dem Weg. Parallel zur Veröffentlichung ihres offiziell letzten Studioalbums (und dem Abstieg ihrer geliebten Fortuna in die 3. Liga) startet die große Abschiedstournee der Düsseldorfer Punkrock-Institution. Die Marketingmaschinerie läuft auf Hochtouren, die Medien überschlagen sich mit Würdigungen, Rückblicken und Lobeshymnen. Kaum ein Radiosender, kaum eine Talkshow, kaum eine Kulturseite verzichtet derzeit auf einen Beitrag über Campino und seine Mitstreiter.
Das überrascht wenig. Wenn jemand seinen Abschied ankündigt, dominieren meist die positiven Stimmen. Kritik gilt schnell als unangebracht. Doch gerade deshalb lohnt es sich aus meiner Sicht, einen etwas anderen Blick auf die Toten Hosen zu werfen. Einen Blick, der nicht von Nostalgie verklärt ist.
Vom Soundtrack der Jugend zum Auslöser des Wegschaltens
Es gab eine Zeit, da gehörten die Toten Hosen für mich zu den wichtigsten Bands überhaupt. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre waren ihre Alben Pflichtkäufe. Ihre Mischung aus Punk-Attitüde, Humor und Energie traf damals genau meinen Nerv. Ich war auf Konzerten, kaufte die Platten und fieberte neuen Veröffentlichungen entgegen.
Zuletzt sah ich die Band 1993 im Frankfurter Waldstadion, als sie im Vorprogramm von U2 auftrat. Damals hätte ich mir kaum vorstellen können, dass ich eines Tages freiwillig abschalten würde, sobald ihre Musik im Radio läuft.
Doch genau das ist heute der Fall. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Band für mich über viele Jahre hinweg alles verloren hat, was sie einst interessant machte. Die einstigen Rebellen sind in meinen Augen längst zum Teil des Establishments geworden.
Vom Punk zur gefälligen Institution
Natürlich verändern sich Musiker. Das ist normal und oftmals sogar notwendig. Wer über Jahrzehnte hinweg dieselbe Platte aufnimmt, wird irgendwann zur Karikatur seiner selbst. Veränderungen gehören zur Kunst dazu.
Doch bei den Toten Hosen empfinde ich diese Entwicklung seit Mitte der 1990er-Jahre zunehmend als problematisch. Aus der frechen, unangepassten Band wurde Schritt für Schritt eine Institution, die kaum noch aneckt. Die Hosen sind heute überall akzeptiert, überall willkommen und für nahezu jeden gesellschaftlichen Anlass einsetzbar.
Das mag wirtschaftlich ein Erfolg sein. Künstlerisch wirkt es auf mich jedoch oft beliebig. Die Band, die einst gegen den Strom schwamm, scheint heute eher mit ihm zu treiben. Viele Songs der vergangenen zwanzig Jahre klangen austauschbar und vorhersehbar. Die frühere Spontaneität und Unberechenbarkeit gingen verloren.
Die verlorene Spannung
Viele Künstler erleben Höhen und Tiefen. Das gilt auch für zahlreiche Bands, die mich seit Jahrzehnten begleiten. Manche Alben begeistern, andere enttäuschen. Doch selbst schwächere Phasen können spannend sein, wenn Künstler neue Wege ausprobieren oder Risiken eingehen.
Genau diese Spannung habe ich bei den Toten Hosen lange vermisst. Die letzten Alben konnte man oftmals problemlos ignorieren, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben. Statt musikalischer Abenteuer gab es häufig routinierte Veröffentlichungen, die zwar professionell produziert waren, aber kaum bleibenden Eindruck hinterließen.
Interessanterweise klingt das neue und zugleich letzte Album tatsächlich wieder etwas frischer als vieles, was die Band zuletzt veröffentlicht hat. Vielleicht werde ich es mir sogar noch zulegen. Doch selbst wenn es mich positiv überrascht, ändert das wenig an meinem Gesamteindruck der vergangenen Jahrzehnte.
Eine einzelne gelungene Veröffentlichung kann eine Entwicklung von zwanzig Jahren nicht rückgängig machen.
Der Abschied kommt zu spät
Mit dieser Sichtweise stehe ich übrigens keineswegs allein. In meinem persönlichen Umfeld haben viele ehemalige Fans eine ähnliche Entwicklung durchgemacht. Menschen, die einst begeistert zu Konzerten gingen und jede neue Platte kauften, verfolgen die Band heute höchstens noch am Rande.
Natürlich wird es auch weiterhin Millionen Fans geben, die den Abschied feiern und die Bedeutung der Toten Hosen für die deutsche Musikgeschichte hervorheben. Daran gibt es wenig zu rütteln. Ihr Einfluss auf den deutschsprachigen Rock ist unbestritten.
Trotzdem bleibt bei mir das Gefühl, dass die Band den idealen Zeitpunkt für ihren Abschied längst verpasst hat. Vielleicht wäre das Vermächtnis heute noch größer, wenn man bereits vor zwanzig Jahren den Schlussstrich gezogen hätte. Damals wäre der Eindruck der großen, wichtigen Punkband möglicherweise stärker geblieben als der einer Gruppe, die über Jahre hinweg vor allem von ihrer Vergangenheit lebte und im Mainstream unterwegs war.
In diesen Tagen wird man solche Töne nur selten hören. Die öffentliche Stimmung ist von Dankbarkeit, Nostalgie und Bewunderung geprägt. Das ist verständlich. Aber gerade deshalb sollte auch Platz für eine andere Perspektive sein.
Für mich bleiben die frühen Toten Hosen ein wichtiger Teil meiner Jugend. Die heutigen Toten Hosen hingegen lösen vor allem eines aus: den Wunsch, weiterzuschalten.