Was würde John Stuart Mill heute sagen?

Foto: KI-generiert

John Stuart Mill, einer der bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts, hat bereits vor rund 170 Jahren Fragen gestellt, die nichts an Aktualität verloren haben.

„Über die Freiheit“ – der Titel sagt eigentlich schon alles. Wie kann ein freies, selbstbestimmtes Leben gelingen, ohne die Rechte anderer zu verletzen, welche Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders sollen gelten und welche Rolle kommt dem Staat zu? Mit diesen grundlegenden Überlegungen zu einem funktionierenden Zusammenleben legte John Stuart Mill den Finger in so manche Wunden, indem er konsequent die Gedankengänge zu den aufgeworfenen Fragen zu Ende diskutierte. Das 1859 erschienene Buch erscheint beim Lesen erstaunlich aktuell, aber nicht weil Mills Antworten heute noch gelten würden, nein, sondern weil die Fragen, die er stellt, uns heute immer noch bewegen.
Wir diskutieren über Meinungsfreiheit, die Rechtfertigung staatlicher Eingriffe in unser Privatleben, Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen, um festzustellen, dass wir um Antworten auf die Fragen ringen, die John Stuart Mill bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gestellt hat.

Die zentrale Aussage – das „Schadensprinzip“

Grundsätzlich darf jeder Mensch sein Leben so frei gestalten, wie er das möchte, die Gemeinschaft hat jedoch das Recht, sich selbst zu schützen, sobald sie durch das Handeln des Einzelnen geschädigt wird. In diesem Fall hat der Schutz der Gesellschaft Vorrang vor der individuellen Freiheit. Das klingt zunächst vernünftig, wirft aber die Frage nach der Definition des „Schadens“ auf. Was muss passieren, damit wir von einem Schaden sprechen können? John Stuart Mill ist hier sehr klar. Meinungsfreiheit darf unbequem sein, auch extreme Ansichten dürfen geäußert werden, sofern sie nicht zu strafbaren Handlungen aufrufen. Es reicht nicht aus, Meinungen zu unterdrücken oder zu verbieten, nur weil sie nicht der eigenen Ansicht entsprechen.

Die Parallelen zur Gegenwart sind deutlich. Was heute als „Cancel Culture“ oder „Framing“ daherkommt, kritisierte John Stuart Mill bereits mit dem von Alexis de Tocqueville übernommenen Begriff der „Tyrannei der Mehrheit“. Wohlgemerkt, es geht nicht um Kritik an mehrheitlich getroffenen demokratischen Entscheidungen, sondern um Meinungen. Übersetzt in unsere Sprache würden wir uns fragen, warum der Mainstream inzwischen als zunehmend dominant erlebt wird. Auch in diesem Punkt wird John Stuart Mill deutlich: „Die Meinung, die man durch Autorität zu unterdrücken versucht, ist möglicherweise richtig“. Und weiter: „Wenn man sich weigert, eine Meinung anzuhören, weil man sie von vornherein für falsch hält, so bedeutet dies, dass man sich anmaßt, die eigene Gewissheit für eine absolute Gewissheit zu halten.“

Was für eine Aussage! Deutlicher kann man die Selbstgerechtigkeit so mancher „Meinungsbubbles“ kaum beschreiben. John Stuart Mill kritisiert scharf die Selbstgefälligkeit und Intoleranz gegenüber Menschen und deren Meinungen, die unbequem sind, Ansichten vertreten, die den eigenen zuwiderlaufen und dazu geeignet sind, das eigene Weltbild ins Wanken zu bringen.
Damals zu heute kaum ein Unterschied.

„Freiheit“ bedeutet nicht „Egoismus“

Wer aber denkt, John Stuart Mill hätte dem ungezügelten Hedonismus das Wort geredet, irrt. Als soziales Wesen ist der Mensch Mitglied der Gemeinschaft, die für ihre Leistungen im Gegenzug auch Pflichten einfordern darf. Sei es durch das Zahlen von Steuern, um gesamtgesellschaftliche Aufgaben erfüllen zu können, sei es durch das eigene Verhalten, das niemand anderem schaden darf. Die persönliche Freiheit als unverhandelbares Gut ist nicht mit Egoismus gleichzusetzen, sondern muss für eigenverantwortliches Denken und Handeln genutzt werden, um die Gesellschaft in ihrer Entwicklung weiterzubringen. Diese Aussage klingt zunächst sehr theoretisch und auch etwas sperrig. Gemeint ist aber in Anlehnung an die vielzitierte Forderung Kants „Habe Mut, dich eines eigenen Verstandes zu bedienen“ die Aufforderung, durch neue Impulse, Erfindungen oder revolutionäre Denkansätze eingefahrene Gewohnheiten zu hinterfragen. Laut John Stuart Mill ist dies aber nur in einem gesellschaftlichen Klima möglich, das Freiheit im Denken und Handeln zulässt, ohne Sanktionen aufgrund eben dieser Gedanken und Handlungen.

Und heute?

Schlagen wir den Bogen in die Gegenwart. Wie steht es aktuell um individuelles Denken und die Meinungsfreiheit? Kann man, darf man alles sagen, was man denkt? Abgesehen von justiziablen Äußerungen bewegen wir uns auf einem weiten Feld. Der exakt gleiche Wortlaut wird unterschiedlich beurteilt, je nachdem, wo er ausgesprochen wird. Zwischen voller Zustimmung und deutlicher Ablehnung ist die ganze Bandbreite an Reaktionen möglich. Einfacher ausgedrückt: Ich kann alles sagen, muss dann aber mit den Konsequenzen leben.
In Zeiten von Social Media erfolgen diese schnell, unmittelbar und ungefiltert. Manchmal auch harsch und abwertend. Wir tendieren dazu, dieses Verhalten als Fluch unserer ständigen medialen Präsenz zu verurteilen, die Kernaussage ist jedoch damals wie heute dieselbe. Mein Verhalten, meine Aussagen werden be- oder eben auch verurteilt, nur das Medium und das Tempo haben sich geändert. Also im Grunde nichts Neues.

Welche Rolle spielt der Staat?

Selbstverständlich können wir die staatlichen Strukturen Großbritanniens im 19. Jahrhundert nicht mit Deutschland im Jahr 2026 vergleichen. Es geht hier auch nicht um politische Systeme, sondern um die Macht des Staates, Einfluss auf das Leben des Einzelnen zu nehmen und Regulierungen durchzusetzen. Als überzeugter Liberaler, selbst auch politisch aktiv, trat John Stuart Mill für einen möglichst schlanken Staat ein, der die Macht um ihrer selbst willen ablehnt und nur so weit in die individuellen Rechte eingreift, wie es für ein funktionierendes Staatswesen notwendig ist. Er mokierte sich regelrecht über ausufernde Bürokratie, die er in Gefahr sah, zu einer „Pedantokratie“ zu werden.
Aus der Gegenwart betrachtet, mutet diese Aussage geradezu revolutionär an. Während aus dem eher linken politischen Spektrum die Forderung nach „mehr Staat, „mehr Verboten“ und kleinteiliger Regulierungswut zunimmt, richtet John Stuart Mill den Blick auf den Einzelnen: „Der Wert eines Staates ist auf lange Sicht der Wert der Individuen, die ihn bilden“.

John Stuart Mill – ein früher Feminist?

Konsequent in seinem Plädoyer für die Freiheit und die Rechte des Einzelnen schließt Mill auch die Rechte der Frauen in seine Forderungen ein. Zusammen mit seiner späteren Ehefrau Harriet Taylor Mill, die er als Mitautorin von „Über die Freiheit“ nennt, setzt er sich nachdrücklich für die Gleichberechtigung ein. So bezeichnet er die Macht der Männer über Frauen als „despotisch“ und argumentiert, dieser Missstand würde sich von selbst erledigen, sobald Frauen dieselben Rechte hätten wie Männer. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass die verbriefte Gleichberechtigung von Mann und Frau im wirklichen Leben nicht immer stattfindet, die entsprechende Forderung eines Mannes Mitte des 19. Jahrhunderts war tatsächlich revolutionär. Für John Stuart Mill war dieser Gedankengang jedoch rein logisch: Wer als erwachsener Mensch, gebildet und informiert, in der Lage ist, die Konsequenzen seiner Handlung zu tragen, benötigt keinerlei erzieherische Massnahmen, egal, ob Mann oder Frau.

Bevormundung, Einmischung in persönliche Entscheidungen, auch unter Berufung auf das vermeintlich „Beste“ für jeden Einzelnen, lehnt John Stuart Mill entschieden ab. Paternalistisches Regierungshandeln ist seiner Ansicht nach mit der Existenz eines mündigen Bürgers unvereinbar. Im Gegenteil, der Staat hat zu rechtfertigen, aus welchen Gründen er Freiheiten einschränkt und der Bürger entscheidet, in welchem Maße er dem Staat dieses Recht zugesteht. Man kann sich vorstellen, welche Kontroversen Mills Forderungen Mitte des 19. Jahrhunderts ausgelöst haben. Umso erstaunlicher erscheint es heute, dass sich offensichtlich immer mehr Menschen an den politischen Rändern rechts wie links orientieren, die zunehmende staatliche Eingriffe nicht als übergriffig empfinden. Unter dem Vorwand der Fürsorge sehen wir uns heute der durchaus realen Möglichkeit der Entstehung eines „starken Staates“ gegenüber, der den Einzelnen zugunsten der Allgemeinheit benachteiligt.

Im Sinne John Stuart Mills sollte sich jeder Mensch über politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen informieren, um als mündiger Bürger eigenverantwortliche Lebensentscheidungen treffen zu können.

 

 

John Stuart Mill „On Liberty / Über die Freiheit“ Englisch / Deutsch
Reclam-Verlag

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