Der WDR greift die freie Presse an

Katrin Vernau mit Tom Buhrow bei der Wahl zur Intendantin des WDR am 27. Juni 2024 Foto: Superbass Lizenz: CC BY-SA 4.0

Der WDR ist ein Koloss: 1,70 Milliarden Euro groß ist sein Etat im laufenden Jahr, über 3700 fest Beschäftigte und zahlreiche freie Journalisten arbeiten für den Kölner Sender. Und der will sich künftig stärker auf die regionale Berichterstattung konzentrieren. Das sagte WDR-Intendantin Katrin Vernau schon bei ihrem Amtsantritt 2025. Im Februar dieses Jahres stellte der WDR dann klar, in welche Richtung es gehen soll. „Wir wollen die regionale Berichterstattung für die Menschen im Land deutlich ausbauen – unter einem Dach und mit unserer geballten journalistischen Kompetenz. Die Tech-Giganten interessieren sich nicht für Wachtendonk oder Tecklenburg. Aber der WDR tut das. Neues aus und für NRW wird es von uns noch schneller und attraktiver auf allen relevanten Kanälen geben. Damit wollen wir für noch mehr Menschen die digitale Heimat im Westen werden“, verkündete Vernau via Pressemitteilung.

„Der WDR hat in seinen Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben“, lautet der im Gesetz über den „Westdeutschen Rundfunk Köln“ festgeschriebene Programmauftrag des Senders.

Doch das kann zu einem Problem für die privaten lokalen Medien werden. Es mag ja sein, dass sich Meta und Alphabet nicht für Wachtendonk interessieren, aber dafür gibt es vor Ort die Niederrhein Nachrichten. Und über Tecklenburg berichten die Westfälischen Nachrichten. Vernau tritt mit dem WDR also nicht gegen die „Tech-Giganten“ an, sondern gegen regionale, unabhängige Verlage, die ihre Arbeit selbst finanzieren müssen und nicht auf Zwangsgebühren zurückgreifen können.

Und dass der WDR den Begriff regional schon heute weit fasst, kann man auf seiner Webseite sehen, wo sich Nachrichten zu allen Kreisen und kreisfreien Städten finden: Ob Köln oder Bochum, lokale Informationen sind nur einen Klick weit entfernt. Für den WDR ist das kein Problem. Auf Anfrage dieses Blogs teilte der Sender mit: „Nutzerinnen und Nutzern soll es so erleichtert werden, Angebote aus ihrer Region oder ihren Regionen zu finden. Eine solche gebündelte Ausspielung bietet die Seite nicht nur für die zehn größten Städte, sondern auch für alle Kreise und kreisfreien Städte NRWs. Der WDR baut sein Angebot an regionalen Informationen auf digitalen Kanälen aus. Neben den erfolgreichen Angeboten in Radio und Fernsehen wollen wir künftig mehr Menschen mit digitalen Angeboten erreichen, um diesen wichtigen Bestandteil unseres Auftrags weiter zu stärken. Eine zentrale Rolle spielt dabei wdr.de. Im Rahmen dieser Infostrategie verlagert der WDR redaktionelle Aufwände ins Digitale und stärkt damit auch die digitale Audio- und Videoberichterstattung auf WDR.de.“

Das wird nicht auf Kosten von Facebook oder Google erfolgen, sondern auf Kosten der unabhängigen Verlage, die heute schon oft mit dem Rücken an der Wand stehen und um Werbekunden und Abonnenten kämpfen. Der WDR schwächt damit die Pressefreiheit, indem er dazu beiträgt, dass die Luft für private Medien immer dünner wird. Er kann sich das erlauben, weil Politiker und Verbände in seinen Gremien sitzen, die ihm den Rücken stärken und zuschauen, wie die Anstalt zwangsfinanziert gegen die freie Presse antritt.

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8 Comments
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Robin Patzwaldt
Administrator
7 Tage vor

Interessant. Als regelmäßiger Zuschauer der WDR-Lokalzeit im Fernsehen hatte ich zuletzt allerdings den Eindruck, dass der WDR sein Angebot dort eher ausdünnt. Dort werden (zumindest gefühlt) immer mehr Beiträge von ortsfremden Lokalzeiten mit eingebaut, der Anteil wirklich lokaler Berichterstattung eher eingeschränkt, ähnlich wie auch in den Lokalzeitungen. Offenbar gibt es da unterschiedliche Strömungen…

paule t.
paule t.
7 Tage vor

Aha. Hinter Ausdrücken wie „XY greift die freie Presse an“ hatte ich bisher Vorgänge verstanden, bei denen etwa ein autokratischer Herrscher wie Putin aktiv die Tätigkeit von Medien einschränkt oder auch ein Möchtegern-Autokrat wie Trump versucht, mittels Klagen seines hörigen Justizministeriums kritische Presse zum Schweigen zu bringen oder mittels des Einflusses von Milliardärs-Freunden unabhängige Medien unter wohlgesinnte Kontrolle zu bringen, kritische Journalisten feuern zu lassen oder Ähnliches.

Heute also die Phrase „freie Presse angreifen“ stattdessen in der Bedeutung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinem gesetzlichen Auftrag besser nachkommen will, indem er einfach – berichtet. Ja, das ist wahrlich ein ganz unerhörter Angriff auf die „freien Medien“.

Warum auch immer in privatem Besitz befindliche Medien, die von den fiananziellen Interessen ihrer Eigentümer und ihrer Werbekunden abhängig sind, „freier“ sein sollen als eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, deren Aufsichtsgremium einerseits von den verschiedenen gewählten Parteien des Landtags (wenn auch nur zu knapp einem Viertel) und andererseits von diversesten gesellschaftlichen Organisationen (die anderen drei Viertel) entsandt wird.

Und populistische Phrasen wie „Zwangsgebühren“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Weil es ja so unglaublich schlimmer Zwang ist, wenn ein demokratischer Staat auf demokratische Weise einen öffentlichen, aber trotzdem einigermaßen staatsfernen Rundfunk einrichtet und dafür eine Finanzierung beschließt, die weder von Kapitalinteressen noch von den Launen der je herrschenden Regierung abhängig ist. So etwas muss im Namen der Freiheit natürlich bekämpft werden. Das weiß auch die … naja, die Partei halt, die das abschaffen will.

Arnold Voss
Gast
Arnold Voss
7 Tage vor

Lieber paule t. Das klingt gut und es wäre auch so, wenn der ÖRR eine Berichterstattung pflegen würde, nach der das Informieren durch die private Medien im Prinzip überflüssig wäre. Aber so wie er z.B. über Israel berichtet, ist er von der Pflicht der ausgewogenen und differenzierten Berichterstattung meilenweit entfernt.Wer über wesentliche Weltkonflikte so berichtet hat jeden Anspruch auf öffentlche Förderung verwirkt.Und Israel ist keineswegs das einzige Beispiel dafür.

paule t.
paule t.
7 Tage vor

Aha. Also weil Sie die Berichterstattung des ÖRR über Israel nicht gut finden, ist eine Verbesserung der Berichterstattung über regionale Themen auch nicht in Ordnung und man könnte den ÖRR gleich ganz abschaffen.
Ja, das ist eine Logik, der ich mich verschließen kann.

Femo
Gast
Femo
7 Tage vor

Der WDR macht keine neutrale Berichterstattung und ihm ist es völlig egal, was in den kleinen , regionalen Bereichen passiert, solange der ÖRR nicht seinen erhobenen Erziehungszeigefinger benutzen kann.

Die gesamte Nachrichtenredaktion macht keinen Journalismus, so wie es früher Usus war, sondern polarisiert, versucht dem Zuschauer seine Meinung aufzudrücken, egal ob im regionalen Bereich oder Überregional ist.

Ich sehe mir schon lange keine Nachrichten oder Berichterstattung im ÖRR an, weil sie nicht neutral und zum Teil auch bewusst verfälscht sind oder gar wichtige Infos, die nicht in das Konzept der Redaktionen passen, einfach nicht gesendet werden.
Wie sagt man so schön auf Neudeutsch…“Sie produzieren Fakenews“

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
6 Tage vor

„Wir wollen die regionale Berichterstattung für die Menschen im Land deutlich ausbauen – unter einem Dach und mit unserer geballten journalistischen Kompetenz.“
Mal wieder.
Wieso irgendjemand annehmen sollte, das klappt diesmal, geht aus dem Artikel nicht hervor. Die Tendez scheint doch bislang eher gegenläufig (s. R. Patzwaldt).

Klar, schon als der ÖRR anfing Textseiten im Internet anzubieten, war das Wehgeschrei der Verlagshäuser groß. Nur fällt es mir sehr schwer zu glauben, daß diese Seiten das Problem der Tageszeitungen sind.
Die sehe ich eher bei einer allgemeinen Boulevardisierung der Medienlandschaft. Auch in der FAZ wird man neuerdings über die richtige Penislänge aufgeklärt. Warum man für den Quatsch ein Abnonnement bezahlen soll erschließt sich mir nicht. Sowas erfahre ich ähnlich kompetent in den „‚Sozialen Medien“ für lau.

Die Ankündigung jdes WDR dürfte in die Kategorie „Pfeifen im Wald“ gehören. Mit der behaupteten Regionalisierung möchte man sich als Gegenentwurf zu den Tech-Giganten inszenieren und hofft auf politische Unterstützung bei der Verteidigung der Pfründe.
Teuer ist der WDR. Preiswert ist der WDR nicht.
Die überschaubaren Kompetenzen der leitenden Redakteure lässt diese Gurkentruppe kaum als ernsthafte Konkurenz von qualitätsbewußten Lokalblättern erscheinen.
Latent antisemitistisch (vermutlich ein Antisemitismus 2. Ordnung, purer Bräsigkeit geschuldet), bei Corona im Lockdown (zur Ablenkung von dieser Arbeitsverweigerung erklärt man eine 8% Sterberate bei rasender Verbreitung zu einer Verharmlosung, dabei war man zu faul und feige mit der Rheinbahn nach Bonn zum Streeck zufahren), die Ahr wird in NRW verortet (zumindest wurde die Ahrkatastrophe 21 immer mit Laschet verknüpft), Euskirchen hingegen kannte man nicht, Trallala auf allen Frequenzen, wenn Stürme und Unwetter durch das Land rauschen selbst, wenn die Vorhersage die Unglücke ankündigte… (Man soll ja für den Katastrophenfall eine Kurbelradio vorhalten, um wichtige Informationen erhalten zu können. Als ob der WDR im Katastrophenfall noch senden würde. Lol!)
Die Liste der Totalaussetzter des WDR bei den zentralen Aufgaben ist jedenfalls lang.

Liebe Verleger, kümmert Euch um Eure Mitarbeiter, macht einen guten Job, bringt hin und wieder eine WDR-Satire und Ihr bleibt im Markt.

paule t.
paule t.
6 Tage vor

@ Wolfram Obermanns: Natürlich macht der WDR auch Fehler; natürlich ist inhaltliche Kritik sinnvoll; und natürlich ist es nicht falsch, wenn es private Konkurrenz zum öffentlich-rechtlich organisierten Rundfunk gibt. Auch deswegen, weil es selbstverständlich auch in öffentlich-rechtlichen Strukturen Abhängigkeiten gibt, derentwegen es gut ist, wenn es auch Medien mit anderen Strukturen gibt (wobei ich die schlichte Abhängigkeit von privatem Kapital insgesamt schon als bedeutsamer sehe als die im Grundsatz vielfältig besetzten Kontrollstrukturen im ÖRR).

Aber gerade diese Konkurrenz zwischen den verschiedenen Systemen, die Sie loben und bei der Ihrer Meinung nach die privaten Medien gute Chancen haben, will der Autor ja nicht, sondern er attackiert den WDR, weil der seinem Auftrag besser nachkommen will.

Und, sorry, ein bisschen lachen muss ich schon, wenn Sie von „qualitätsbewußten Lokalblättern“ sprechern. Was meinen Sie denn damit? Die Funke-Medien, die ihre Überschriften grundsätzlich nach Clickbait-System basteln? Das Gratis-Anzeige-Blättchen für den Niederrhein, über dessen wirtschaftliche Chancen der Autor barmt?

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
6 Tage vor

@ paule t.
„Und, sorry, ein bisschen lachen muss ich schon, wenn Sie von „qualitätsbewußten Lokalblättern“ sprechern. Was meinen Sie denn damit?“
Da sprach das Prinzip Hoffnung aus mir.

Falls Sie aber meinen fehlendes Qualitätsbewußtsein wäre allein ein Defizit von Lokalmedien, habe Sie sich geschnitten.
Beispiel: Spreche ich heute im interreligiösen Dialog mit Kollegen und die Frage, welche nicht antisemitischen Medien wir in Deutschland haben, folgt ein peinliche Pause, bis jemand „Welt“ murmelt. Dann wird aus Gründen der Ausgewogenheit noch „manche Autoren beim Spiegel“ hinterhergeschoben.
Die Penislängendiskussion bei der FAZ hatte ich schon erwähnt. Realsatire ist auch ein ziemlich akuteller Artikel bei ZON „Wenn Angst die Demokratie zerstört“ bei dem die Redaktion offensichtich sich keine Gedanken gemacht hat, Was man selber so alles Wie veröffentlicht hat, sich nun aber doch in den Leserreaktionen dort deutlich spiegelt.
Und nein, der WDR macht nicht einfach Fehler, der Sender ist ein aufgeblähtes disfunktionales Bürokratiemonster und Selbstbedienungsladen für einen Klüngel, der über weite Strecken seinen Kernauftrag schon auf Grund vielfältiger intellektueller Hürden nicht (mehr) erfüllen kann. Für den Laden sollten auch 170 Millionen reichen, erst recht wenn man bedenkt, die Hauptarbeit machen freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in prekären Beschäftigungsverhältnissen und genau die sollen wohl laut Vernau mehr werden.

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