
In Bochum arbeitet eine bundeseigene GmbH an der digitalen Souveränität Deutschlands. Doch die Reaktionen auf ihre ersten Produkte sind gemischt und der Gegner eines der größten Software-Produkte der Welt: Microsoft Office.
Ein Gebäude mit Tradition: Von 1962 bis zur Schließung 2014 saß die Verwaltung des Bochumer Opel-Werks in dem markanten, aus rotem Backstein gebauten Bürogebäude. Heute ist es das Zentrum des modernen Gewerbeparks MARK 51°7, in dem sich viele IT-Unternehmen angesiedelt haben und heißt O-Werk. Im zweiten Stock hat das Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) seinen Sitz. Die bundeseigene GmbH mit 50 Mitarbeitern soll Deutschland unabhängiger von US-Tech-Giganten wie Microsoft machen. Auf der Etage herrscht Start-up-Atmosphäre: genderneutrale Toiletten, ein Kickertisch und moderne Kaffeemaschinen stehen im Kontrast zu den freigelegten Rohrleitungen, die den ruhrgebietstypischen Industriekultur-Habitus verströmen. Hier arbeiten sie an zwei Produkten, die, wie Digitalisierungsminister Carsten Wildberger in seiner Rede auf der re:publica in Berlin, einer Mischung aus Digitalmesse und NGO-Show, sagte, Deutschlands Verwaltungen unabhängiger machen sollen: die Bürosoftware Open Desk und Open Code, eine Plattform, auf die bei Städten, den Ländern und dem Bund beschäftigte Programmierer ihre Software hochladen und für andere bereitstellen können. Geht es nach Wildberger, sollen künftig auch Unternehmen die Software nutzen.
Seit April gehört Leonhard Kugler zur zweiköpfigen ZenDiS-Geschäftsführung. Zuvor verantwortete er vor allem das Projekt Open Code. „Open Desk ist bereits heute eine produktiv einsetzbare Büro- und Kollaborationslösung für Standardanwendungen. Wir selbst arbeiten hier seit zwei Jahren täglich mit der Software“, sagt er. Das System sei keine theoretische Vision mehr, sondern habe bewiesen, dass es sich im Alltag bewährt. Das gelte auch für die Plattform Open Code, die auf allen Ebenen der Verwaltung zum Einsatz kommt.
„Bislang“, sagt Kugler, „war Cybersecurity in der Verwaltung häufig eher ein nachgelagerter Prozess. Es gab einen Vorfall, man lernte daraus und passte einzelne Verfahren an. „Breite Lagebilder liegen bis dato nicht strukturiert vor.“ Das Problem sei, dass bei Tausenden Digitalprojekten die relevanten Sicherheitsinformationen verteilt bei unzähligen Herstellern und Dienstleistern liegen. Wir arbeiten daran, diese Informationen strukturiert auf openCode auswertbar und für Sicherheitslagebilder nutzbar zu machen.“
Zum Angebot von Open Desk gehören Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationssoftware, E-Mail, Cloud-Speicher sowie Anwendungen für Videokonferenzen und Chats. Open Desk läuft im Browser und muss nicht auf dem Rechner installiert werden. „Insgesamt sprechen wir mittlerweile von gut 100.000 Arbeitsplätzen im Livebetrieb“, sagt Kugler.
„Dafür haben wir auf Open Code ein eigenes Analyseprogramm entwickelt – das sogenannte Badge-Programm. Damit können wir Softwareprojekte nach standardisierten Kriterien prüfen und Reports erzeugen. Die Sicherheitsfunktionen auf Open Code entwickeln wir in enger Abstimmung mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.“
Wie auch alles, was auf Open Code veröffentlicht wird, sind die Anwendungen Open Source: Der Quellcode der Software ist öffentlich und jeder kann ihn weiterentwickeln. Das System, das Open Desk auf den Computern der Verwaltungen in Deutschland ersetzen soll, ist ein Gigant: Microsoft Office. Über eine Milliarde Menschen nutzen weltweit die Software.
Doch spätestens seitdem Microsoft wohl auf Druck der US-Regierung einzelnen Nutzern den Zugang kündigte, hat ein Umdenken eingesetzt. Souveränität ist nun keine ideologische Frage mehr, sondern eine praktische: Wer Open-Source-Software nutzt, kann sicher sein, dass sie niemand von außen aus politischen Gründen abschalten kann. Man ist Herr im eigenen digitalen Haus.
Die Stadt Zürich hat im Frühjahr eine Studie veröffentlicht, in der sie Open Desk mit Office 365 verglichen hat. Die Schweizer lobten Open Desk, doch wechseln wollen sie nicht: „Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ein rascher Ersatz von Microsoft 365 durch Open Desk derzeit nicht möglich ist.“ Für die Open Desk-Programme gäbe es keine Apps, sie seien auf Smartphones und Tablets nicht einfach zu nutzen. Besonders problematisch seien die zahlreichen Makros. Diese von Mitarbeitern programmierten Kleinprogramme automatisieren viele Arbeitsabläufe in Word oder Excel. Sie müssten aufwendig angepasst oder neu entwickelt werden. Zudem sei Open Desk in der Nutzung zurzeit teurer als Office 365.
Leonhard Kugler begrüßt es, dass sich Städte wie Zürich so intensiv mit Open Desk auseinandergesetzt hat. Man müsse dabei allerdings auch die Größenverhältnisse betrachten: „Wir sind ein Unternehmen mit rund 50 Mitarbeitern. Natürlich arbeiten auch in den einzelnen Open Desk-Projekten weitere Teams mit, aber der direkte Vergleich mit Microsoft 365 ist trotzdem schwierig. Dort sprechen wir über Produkte, die sich über Jahrzehnte hinweg mit enormen Investitionen entwickelt haben.“ Nicht alles müsse sofort vollständig ersetzt werden. „Manche Bereiche kann man umstellen, andere laufen zunächst nebeneinander weiter.“ Für Wildbergers Idee, die Software für private Nutzer zu öffnen hält Kugler für realistisch: “Private Unternehmen können die Systeme genauso nutzen wie Behörden. Und viele Konzerne stellen sich inzwischen ähnliche Fragen wie die öffentliche Verwaltung.“ Gerade im Finanzsektor gäbe es etwa regulatorische Vorgaben, die verlangen, bestimmte Infrastrukturen innerhalb Europas und ohne externe Zugriffsmöglichkeiten zu betreiben. „Wir sehen aktuell viel Bewegung in diesem Bereich.“
Auch in Nordrhein-Westfalen ist digitale Souveränität ein wichtiges Thema. Zwar nutzen die meisten der von der Welt am Sonntag angefragten Städte Office-Produkte von Microsoft, doch das Interesse an Open Desk ist vorhanden: In Münster gibt es bereits konkrete Planungen, die Software einzusetzen. Köln gibt an, sich verpflichtet zu haben, „bei der Auswahl von Softwareprodukten vorzugsweise auf lizenzkostenfreie und quelloffene Anwendungen zu setzen, wenn sie ihren Ansprüchen genügen“. Essen betrachtet und testet derzeit Alternativen und beobachtet Projekte wie Open Desk sehr genau. Die Landeshauptstadt Düsseldorf hat zwar eine konkrete Testphase für Open Desk noch nicht beschlossen, aber das stehe im Rahmen der Zusammenarbeit mit ihrem technischen Dienstleister ITK-Rheinland an. Auch bei der Landesregierung soll Open Desk künftig eine größere Rolle spielen.
Eine klare Abfuhr kommt hingegen aus Dortmund: „Der Einsatz von stellt derzeit keine geeignete Lösung dar. Die bestehende IT-Landschaft ist stark durch Fachverfahren und langfristig bestehende IT-Systeme geprägt.“ Dortmund ist wie allen anderen befragten Städten digitale Souveränität wichtig, und die Stadt sieht sich als Vorreiter beim Einsatz von Open Source, nur Open Desk ist für sie keine Alternative.
Für Nicolai Krüger, Professor für Verwaltungsdigitalisierung an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen, ist Open Desk eine Chance für die Städte. „Noch immer setzen viele auf Makros, obwohl sie ein echtes Sicherheitsrisiko sind.“ Dass Open Desk die bisherigen Makros nicht unterstütze, sei nicht, wie Zürich es sehe, ein Problem: „Es ist die Gelegenheit, sich von dieser Technik zu trennen. Das hätte schon vor zehn Jahren passieren müssen.“ Sie sollten die Gelegenheit nutzen, und ihre Arbeitsabläufe umstellen und modernisieren.
Die Städte würden allerdings Unterstützung bei der Umsetzung brauchen, die könne schnell teuer werden. In der Pflicht sieht Krüger dabei das Digitalministerium. Vielen Kommunen, gerade in NRW, würden die dafür nötigen Mittel fehlen. Seine Studenten würden Programme mittlerweile automatisch auf Open Code einstellen. „Das werden sie auch noch machen, wenn sie später in Verwaltungen arbeiten.“ Ideal wäre es, wenn Städte ihren Mitarbeitern Freiräume für eigene Programmierprojekte einräumen würden. „Doch das werden sich die wenigsten Städte leisten können.“
Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag
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