Konkret Sonderheft: Kriegszustand – Israel und die antisemitische Internationale

Wenn man sich schon lange mit dem Nahostkonflikt, Antisemitismus und der Vermischung von beidem in Perspektiven auf Israel befasst, wird man bestimmte Erlebnisse kennen: Diskussionen im Bekanntenkreis, bei denen man merkt, wie viel Halbwissen existiert, Annahmen, die durch Hintergrundrauschen aus Berichten aus Medien, Stellungnahmen von vermeintlich seriösen NGOs entstehen und man selbst muss erst Grundlagenwissen erläutern, das viele zum ersten Mal hören.

Teilweise weiß man auch nicht, wo man bei den ganzen falschen Annahmen beginnen soll. Während man selbst einiges an Literatur zu diesen Themen gelesen hat und danach eigene Fehlannahmen korrigieren musste, wünscht man sich, die Leute hätten zumindest denselben Wissensstand. Da kann man froh sein, dass vergangenen Monat das Sonderheft der linken Politikzeitschrift konkret „Kriegszustand – Israel und die antisemitische Internationale“ erschienen ist. Auf 66 Seiten wird auf die häufigsten Fehlannahmen sowohl zum Begriff des Antisemitismus als auch zum Nahostkonflikt eingegangen, ebenso wie auf Milieus, die man durchaus als antisemitische Superspreader bezeichnen kann.

Das Sonderheft beleuchtet zunächst den Hamas-Angriff auf Israel vom 7. Oktober 2023, dessen Vorgeschichte sowie die politischen und gesellschaftlichen Folgen des anschließenden Krieges. Dabei werden die Ziele und Ideologien der Hamas und anderer palästinensischer Organisationen untersucht sowie deren Verhältnis zu Antisemitismus und Antizionismus analysiert („Vorsicht, Zionismus!“, „Das war ein Massaker“, „Hier ist ein Jude – töte ihn!“, „Von konkret“, „Ihr Kampf“, „Zittere, Zion“).

Im Anschluss steht die Debatte über Israels militärisches Vorgehen im Gazastreifen im Mittelpunkt. Diskutiert werden Vorwürfe des Völkermords, der Apartheid und möglicher Kriegsverbrechen sowie deren völkerrechtliche Bewertung. Dabei werden sowohl die israelische Sicherheitslage als auch die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Konflikts betrachtet („Dies ist nicht Netanjahus Krieg“, „Weder Netanjahu noch Galant wird vor dem Internationalen Strafgerichtshof landen“, „Wo Israel beginnt, hört das Denken auf“, „Ein Gerücht über Israel“, „Die Gewalt war exzessiv“, „Wir oder sie“).

Anschließend richtet sich der Blick auf regionale und internationale Akteure des Nahostkonflikts. Thematisiert werden die antisemitische Ideologie des iranischen Regimes, Proteste gegen die Hamas im Gazastreifen sowie antisemitische Erscheinungsformen im internationalen Kultur- und Politikbetrieb („Soll der Iran brennen“, „Das Schweigen ist entlarvend“, „European Stonk Contest“, „Queers for Gaza“, „Kufija Culture“, „Das Erleichterungsmoment ist ein deutsches“, „Feuer frei“, „Endzeitregression“, „Waffenhilfe“).

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Analyse des modernen Antizionismus. Die Autoren vertreten die Auffassung, dass sich Antisemitismus heute häufig in Form einer Feindschaft gegenüber dem Staat Israel äußert. Untersucht werden insbesondere postkoloniale, linke und identitätspolitische Deutungsmuster sowie deren historische und ideologische Grundlagen („Dekonstruktion, Dekolonisation, Delusion“, „Wer sind die Palästinenser?“, „Rothschild war’s“, „Links gegen dumm“, „Die Realität hat jede Kompromissformel überholt“, „Von Ausnahme-Rechten und Ausnahme-Juden“). Richard Schuberth richtet den Blick dabei auch auf die politische Rechte und arbeitet heraus, dass deren demonstrative Israel-Solidarität häufig weniger aus einer Abkehr vom Antisemitismus als aus der Abgrenzung gegenüber Muslimen resultiert. Er entlarvt damit die Widersprüche und die Heuchelei eines Milieus, das sich zwar proisraelisch gibt, antisemitische Denkweisen jedoch keineswegs vollständig überwunden hat.

Gegen Ende des Heftes befassen sich mehrere Beiträge mit Antisemitismus in Politik, Kultur, Wissenschaft und Medien. Thematisiert werden die Reaktionen deutscher Medien auf den 7. Oktober, antisemitische Tendenzen im Kulturbetrieb, an Hochschulen und innerhalb politischer Parteien sowie die öffentliche Debatte über Antisemitismus und deutsche Staatsräson („Judenhass raus“, „No Jews, no News“, „Only a Fool Would Say That“, „Wenn man uns nicht als Lebende wahrnimmt, wird es übel enden“, „Kultur des Versagens“).

Verfasst wurden die Artikel und Interviews von Journalisten, Wissenschaftlern und Fachleuten aus unterschiedlichen Disziplinen. Zu den Interviewpartnern gehören unter anderem der Politologe Gerald Steinberg (Bar-Ilan University, Jerusalem; Politikwissenschaft und NGO-Forschung), der ehemalige stellvertretende Sicherheitsberater der israelischen Regierung Chuck Freilich, der Völkerrechtler Yuval Shany (Hebrew University of Jerusalem; Hersch-Lauterpacht-Lehrstuhl für Internationales Recht), Stephan Grigat (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Aachen; Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus sowie Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien) sowie die ägyptische Publizistin und Wissenschaftlerin Dalia Ziada. Ergänzt werden diese Perspektiven durch Beiträge weiterer Experten aus den Bereichen Sicherheitspolitik, Antisemitismusforschung, Medienanalyse und Zeitgeschichte.

Tatsächlich schafft es das konkret-Sonderheft, all diese Themen so schlaglichtartig zu beleuchten, dass man auch ohne Vorwissen die Zusammenhänge erkennt und das größere Bild antisemitischer Ideologien und ihrer Erscheinungsformen nachvollziehen kann. Es bleibt daher zu hoffen, dass es besonders jene erreicht, die die Debatten seit dem 7. Oktober mitverfolgen, sich aber in der Flut von Beiträgen in sozialen Medien, teils einseitigen Darstellungen in der Berichterstattung und weitverbreiteten Missverständnissen schwertun, die Ereignisse und ihre Hintergründe einzuordnen. Was die Relevanz des Hefts zudem unterstreicht, ist die Tatsache, dass es in einer derzeit sehr lauten antisemitischen Linken zeigt, dass es weiterhin antisemitismuskritische und israelsolidarische Stimmen gibt, die allzu oft überhört werden

 

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x