Qatar, Wokeness und die aktuelle Krise

Hochhäuser in Qatar Foto: Ceslou Lizenz: CC BY-SA 4.0


Manchmal fragt man sich, ob man selbst langsam an Verschwörungserzählungen glaubt. Dann liest man den aktuellen Bericht des US Department of Education über ausländische Geldflüsse an amerikanische Hochschulen – veröffentlicht am 27. Mai 2026 – und merkt: Nein, manches ist schlicht dokumentierte Realität.

Der Bericht zeigt, dass allein 2025 mehr als 5,2 Milliarden Dollar aus dem Ausland an US-Universitäten gemeldet wurden. Insgesamt summieren sich die offengelegten Gelder seit 1986 auf über 67 Milliarden Dollar. Besonders auffällig: die Rolle Katars, das seit Jahren zu den größten Geldgebern amerikanischer Hochschulen gehört. Gleichzeitig kritisiert das Department of Education massive Transparenzprobleme und unzureichende Offenlegungspflichten vieler Universitäten.[1] Das allein beweist natürlich keine große Weltverschwörung. Aber es wirft eine Frage auf, die man lange kaum stellen durfte: Warum entwickelten sich ausgerechnet an vielen westlichen Eliteuniversitäten in den letzten zehn Jahren ideologische Milieus, die gleichzeitig moralisch maximal aufgeladen, akademisch erstaunlich unterkomplex und gegenüber offensichtlichen Widersprüchen bemerkenswert blind waren? Dabei ist wichtig, eines klarzustellen: Nicht alles daran war falsch. Natürlich existieren Diskriminierung, Rassismus und soziale Ungleichheit. Natürlich war es richtig, sensibler gegenüber Minderheiten zu werden. Natürlich mussten reale Probleme angesprochen werden.

Aber nur, weil etwas mit guten Absichten beginnt, ist es nicht automatisch richtig.

Denn aus einem legitimen Anliegen entwickelte sich zunehmend ein ideologisches System, das gesellschaftliche Realität auf simple Machtachsen reduzierte: weiß gegen nicht weiß, männlich gegen weiblich, privilegiert gegen marginalisiert. Klassenfragen verschwanden dabei fast vollständig aus dem Blickfeld. Wer irgendwann fragte, wie eine akademisch erfolgreiche schwarze Absolventin automatisch weniger privilegiert sein solle als ein weißer Flaschensammler ohne Perspektive, wurde nicht argumentativ widerlegt. Meist reagierte das Milieu mit moralischer Empörung. Allein die Frage galt schon als verdächtig.Das Problem war nie, dass man Diskriminierung ernst nahm. Das Problem war die zunehmende Unfähigkeit, komplexe soziale Realität überhaupt noch differenziert zu betrachten.

Hinzu kam ein akademisches Klima, in dem wissenschaftliche Mindeststandards teilweise selbst als Ausdruck von Unterdrückung dargestellt wurden. Objektivität galt plötzlich als „weiß“. Leistungskriterien wurden problematisiert. Wer auf methodische Schwächen oder ideologische Einseitigkeit hinwies, galt schnell selbst als rassistisch, sexistisch oder „toxisch“. Nicht selten wirkte das Ganze weniger wie Wissenschaft als wie ein moralisches Initiationsritual. Pierre Bourdieu hätte darin vermutlich eine besonders moderne Form der Distinktion erkannt: die demonstrative moralische Abgrenzung vom vermeintlich rückständigen „Pöbel“. Das akademische Milieu definierte sich zunehmend nicht mehr über intellektuelle Offenheit, sondern über moralische Überlegenheit. Man zeigte, dass man sensibler, reflektierter und „besser“ war als die gewöhnlichen Menschen draußen, die nun vor allem eines zu sein hatten: rassistisch, sexistisch, problematisch.

Teilweise bekam diese Kultur tatsächlich kultische Züge. Sprache wurde ritualisiert. Abweichungen galten nicht mehr als Irrtum, sondern als moralische Verfehlung. Bestimmte Begriffe und Haltungen entwickelten sakralen Charakter. Widerspruch wurde nicht diskutiert, sondern sanktioniert. Warnzeichen dafür existierten schon lange. Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt beschrieb bereits Jahre vor dem 7. Oktober die Entwicklung einer zunehmend moralisierten und intoleranten Debattenkultur an amerikanischen Hochschulen. In „The Coddling of the American Mind“ argumentierte er gemeinsam mit Greg Lukianoff, dass Universitäten immer stärker dazu übergingen, Studenten vor abweichenden Meinungen zu schützen, statt sie mit ihnen zu konfrontieren.[2]

Und dann kam der 7. Oktober 2023.

Die Massaker der Hamas hätten eigentlich ein Moment moralischer Klarheit sein müssen: Massenmord, Entführungen, Vergewaltigungen und gezielte Terrorakte gegen Zivilisten. Stattdessen kippte ein Teil jener Milieus, die sich jahrelang als moralische Avantgarde verstanden hatten, in etwas, das man inzwischen durchaus als antisemitische Massenpsychose beschreiben kann. An Universitäten weltweit wurden antisemitische Parolen skandiert. Terrorrelativierung wurde als „Dekolonisierung“ verbrämt. Juden galten plötzlich vielen nicht mehr als schutzwürdige Minderheit, sondern als Teil eines angeblich „weißen“, „kolonialen“ Unterdrückungssystems. Genau hier zeigte sich eine fundamentale Schwäche identitätspolitischer Theoriekonstrukte.

Juden passen nicht sauber in das einfache Unterdrückungsmodell vieler postkolonialer Milieus. Sie sind historisch Opfer extremer Verfolgung – zugleich aber häufig sozial erfolgreich, bildungsnah und in westlichen Gesellschaften oft als „weiß“ wahrgenommen. Damit sprengen sie das simple Schema von privilegierten Tätern und marginalisierten Opfern. Genau deshalb entwickelten Teile dieser Milieus massive Blindstellen gegenüber Antisemitismus.

Sowohl die Bundeszentrale für politische Bildung als auch die Konrad-Adenauer-Stiftung haben inzwischen darauf hingewiesen, dass bestimmte Varianten postkolonialen Denkens antisemitische Dynamiken nur unzureichend erfassen können, weil Israel und Juden primär als „westlich“, „weiß“ oder „mächtig“ interpretiert werden.[3][4] Auch Antisemitismusforscher wie Monika Schwarz-Friesel kritisieren inzwischen offen eine mediale und akademische Kultur, die israelbezogenen Antisemitismus systematisch verharmlost oder relativiert.[5] Besonders bemerkenswert ist dabei das Schweigen vieler jener Akteure, die diese Milieus jahrelang kulturell legitimiert und moralisch gefeiert haben.

Die Kulturbubble schweigt weitgehend.

Die Faktencheckeria schweigt.

Viele Medienvertreter schweigen ebenfalls erstaunlich selektiv.

Während man weiterhin mit maximaler moralischer Intensität über Rassismus – insbesondere antimuslimischen Rassismus – spricht, wirkt der Umgang mit antisemitischen Exzessen oft bemerkenswert defensiv. Ein besonders irritierendes Beispiel war Georg Restle. Der WDR-Journalist schrieb sinngemäß, palästinasolidarische Menschen seien nicht per se antisemitisch und Kritik an Israel dürfe nicht automatisch delegitimiert werden.[6] Formal stimmt das selbstverständlich. Was dabei jedoch häufig ausgeblendet wird: Umfragen des Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) zeigten nach dem 7. Oktober eine erschreckend hohe Zustimmung zum Hamas-Angriff unter palästinensischen Befragten.[7] Gleichzeitig gingen Bilder um die Welt, auf denen jubelnde Menschen in Gaza entführte Israelis feierten oder misshandelte Geiseln öffentlich präsentierten. Diese Szenen erschütterten viele Menschen zutiefst – gerade weil sie zeigten, wie breit antisemitische Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft verankert war.

Gerade deshalb irritierten Restles Aussagen viele Beobachter. Denn ausgerechnet Vertreter eines stark moralisierten Haltungsjournalismus wirkten plötzlich bemerkenswert vorsichtig, sobald antisemitische Dynamiken in aktivistischen Milieus thematisiert wurden. Hintergrund: Dass eben jene, die sie als Rassismusbetroffene sehen, selbst menschenverachtende Ansichten haben können, war für sie unvorstellbar. Dieser Umgang mit kognitiver Dissonanz ist jedenfalls ein sehr schlechter. Denn zu Ende gedacht bedeutet diese Form der Argumentation vor allem eines: den Fokus konsequent auf die Gefahr einer möglichen Überreaktion gegen Israelkritik zu legen – selbst in einem gesellschaftlichen Moment, in dem antisemitische Mobilisierung, Terrorrelativierung und offene Judenfeindlichkeit massiv zunahmen.

Während jüdische Studenten eingeschüchtert wurden, Demonstrationen Hamas-Parolen tolerierten und antisemitische Vorfälle explodierten, lautete die zentrale öffentliche Sorge vieler Medienakteure plötzlich nicht: „Wie bekämpfen wir den eskalierenden Antisemitismus?“, sondern: „Wir dürfen aber nicht jede Palästinasolidarität problematisieren.“

Genau diese Schwerpunktverschiebung irritierte viele Menschen zutiefst.

Denn viele Menschen beobachten sehr genau, welche Formen von Menschenfeindlichkeit maximale moralische Aufmerksamkeit erhalten – und bei welchen plötzlich kompliziert relativiert wird. Die gesellschaftlichen Folgen überraschen daher kaum. Das Schweigen und die Relativierungen sind unüberhörbar. Der massive rechte Backlash in vielen westlichen Ländern aktuell ist eine gruselige Entwicklung, doch entstand sie nicht im luftleeren Raum. Er ist auch eine Reaktion auf akademische und kulturelle Milieus, die sich zunehmend moralisch absolut setzten, Widerspruch delegitimierten und reale soziale Spannungen ignorierten. Es gäbe Tausende Beispiele, wo Menschen ignoriert und abgewertet wurden, während man sich gleichzeitig auf abstrakte Positionen im sozialen Raum zurückzog, sobald es konkret wurde. Ein Beispiel:

Wenn männliche Jugendliche jahrelang vor allem hören, sie seien allein aufgrund ihres Geschlechts Teil eines Problems, ohne gleichzeitig positive Identitätsangebote zu erhalten – wem hören sie dann eher zu? Denjenigen, die ihnen sagen, sie seien toxisch und privilegiert? Oder jenen, die sagen: Du bist okay, wie du bist?

Man muss diese Entwicklung nicht gutheißen, um sie zu verstehen.

Viele sogenannte Intellektuelle wirken heute überrascht über Polarisierung, Vertrauensverlust und die Hinwendung junger Menschen zu rechten Positionen. Ich wundere mich kein bisschen. Wenn man über Jahre gesellschaftliche Komplexität durch moralische Vereinfachung ersetzt, wenn man Menschen kollektiv Schuldidentitäten zuschreibt, wenn man Kritik tabuisiert und gleichzeitig offensichtliche Widersprüche verdrängt, dann entsteht irgendwann genau die Gegenreaktion, die wir heute erleben. Es ist eine Krise, in der sich die Glaubwürdigkeit von Hochschulen mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen vermengt. Das ist in weiten Teilen selbst verschuldet, in Teilen wurde eine solche Mentalität durch ausländische Finanzierung zumindest indirekt mitgefördert – von Staaten, die ein offensichtliches Eigeninteresse daran haben, dass westliche Gesellschaften ideologisch destabilisiert und innerlich geschwächt werden. Das Bedürfnis junger Menschen nach moralischer Bedeutsamkeit wurde dabei ebenso bedient wie ihre Sensibilität für Ungerechtigkeiten.

Gewiss: Man kann nicht seriös behaupten, die Woke-Bewegung sei zentral aus Qatar gesteuert worden. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Sehr wohl lässt sich jedoch argumentieren, dass enorme Finanzflüsse, ideologische Partnerschaften und institutionelle Anreizsysteme Milieus förderten, in denen bestimmte identitätspolitische und postkoloniale Narrative besonders stark gedeihen konnten.[1] Der Gipfel von alldem sind nun die Segeltouren Richtung Gaza, die behaupten, Hilfslieferungen zu liefern, aber kaum etwas an Bord haben, was den Menschen in Gaza helfen könnte. Ebenso existierten antisemitische Netzwerke und Akteure, die sich teilweise an diese Bewegungen andockten und deren ideologische Blindstellen gezielt nutzten. Gerade nach dem 7. Oktober wurde sichtbar, wie anschlussfähig manche dieser Milieus für antisemitische Radikalisierung geworden waren.

Auf eine ernsthafte kritische Aufarbeitung der eigenen Heuchelei wartet man bislang weitgehend vergebens von jenen, die all das wohlwollend aufnahmen. Man will den Leuten keinen Vorwurf dafür machen, dass sie den Kampf gegen Diskriminierung für wichtig hielten; sie haben aber bei allen offensichtlichen Abgründen weggeschaut, weil dieser Kampf für sie wichtiger war.

Vielleicht auch deshalb, weil Milieus, die sich über Jahre als moralische Avantgarde verstanden haben, strukturell kaum in der Lage sind, eigene Fehler offen einzugestehen. Wer sich selbst dauerhaft als die „Guten“, „Sensiblen“ und „Aufgeklärten“ inszeniert, erlebt Kritik nicht als notwendigen Teil intellektueller Redlichkeit, sondern schnell als Angriff auf die eigene moralische Identität. Gerade deshalb fällt vielen dieser Akteure der Umgang mit den offensichtlichen Fehlentwicklungen so schwer: mit antisemitischen Entgleisungen, autoritären Debattenmustern, moralischer Doppelmoral oder der systematischen Verengung gesellschaftlicher Komplexität.

Die eigentliche Krise ist daher nicht nur politisch oder akademisch. Sie ist charakterlich. Denn eine Kultur, die permanent von anderen Selbstkritik verlangt, selbst aber kaum zur Selbstkorrektur fähig ist, verliert irgendwann genau das, was sie am lautesten für sich beansprucht: moralische Glaubwürdigkeit. Und fördert damit ausgerechnet jene Kräfte, die ebenfalls Feinde jeder freien Gesellschaft sind. Ein empörtes „Ja, hallo?! Da bist du aber auf ein rechtes Narrativ reingefallen, wenn du meinst, wir hätten Leute provoziert, AfD zu wählen!“, hilft da auch nicht weiter. Diese Ignoranz macht es nur noch schlimmer.

Quellen

[1] U.S. Department of Education:
https://www.ed.gov/about/news/press-release/us-department-of-education-releases-latest-foreign-funding-disclosures-federally-funded-american-universities

[2] Jonathan Haidt / Greg Lukianoff – The Coddling of the American Mind
https://www.thecoddling.com/

[3] Bundeszentrale für politische Bildung:
„Antisemitismus und Israelfeindlichkeit: Postkolonialismus als Rezeptionskontext“
https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/562335/antisemitismus-und-israelfeindlichkeit-postkolonialismus-als-rezeptionskontext/

[4] Konrad-Adenauer-Stiftung:
„Postkolonialismus, postkoloniales Denken, Antisemitismus“
https://www.kas.de/de/web/geschichtsbewusst/essay/-/content/postkolonialismus-postkoloniales-denken-antisemitismus

[5] Welt / Aussagen von Monika Schwarz-Friesel zu Antisemitismus in Medien und akademischen Milieus
https://www.welt.de/kultur/medien/article690c48c1b035f3184cc839f8/antisemitismus-ein-riesiger-medienskandal-der-monitor-chef-haette-sofort-zuruecktreten-muessen.html

[6] Diskussion um Aussagen von Georg Restle zu Israelkritik und Antisemitismus
https://www.ruhrbarone.de/restle-greift-das-bekannte-redemuster-auf-man-duerfe-israel-nicht-kritisieren/230208/

[7] Palestinian Center for Policy and Survey Research (PCPSR) – Public Opinion Poll No. 90
https://www.pcpsr.org/en/node/961

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DEWFan
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DEWFan
10 Tage vor

Ein schöner Artikel.

„Wer irgendwann fragte, wie eine akademisch erfolgreiche schwarze Absolventin automatisch weniger privilegiert sein solle als ein weißer Flaschensammler ohne Perspektive, wurde nicht argumentativ widerlegt.“

Oder man nehme einen erfolgreichen farbigen Musiker oder Sportler als Beispiel zum Vergleich. Die „Privilegierten“ wählen dann halt rechts.

„Das akademische Milieu definierte sich zunehmend nicht mehr über intellektuelle Offenheit, sondern über moralische Überlegenheit.“

Ach was. Der Mensch fühlt sich gerne überlegen: ob rassisch/biologisch, religiös/kulturell oder moralisch – da ist für jeden was dabei.

Marie Frueh
Gast
Marie Frueh
7 Tage vor

Besten Dank für diesen sehr guten Artikel, dem nur leider ein Aspekt fehlt, dessen negative Auswirkungen mehr als die Hälfte der Gesellschaft betreffen: die Transgenderrechtsbewegung, der die woke Ampelregierung mit dem sog. Selbstbestimmungsgesetz den Einzug in unser Rechtssystem ermöglichte.
Seitdem werden Menschen gezwungen, die obskursten männlichen Gestalten, als Frauen anzuerkennen, bloß weil diese woman facing betreiben. Würde „black facing“ betrieben, nicht nur der Aufschrei der woken comunity wäre sofort da. Auch die Medien, die sich bei woman facing still verhalten, würden berichten.

Schade, dass der Autor dieses Artikels nichts dazu sagt.

paule t.
paule t.
7 Tage vor

In dem Artikel wird einfach zu viel zusammengeworfen (in den meisten Fällen, ohne den behaupteten Zusammenhang sinnvoll zu begründen), um auf den Artikel eine geschlossene Antwort zu schreiben: Es lässt sich vieles schnell dahinbehaupten, was differenziert zu beantworten eine kaum leistbare Arbeit wäre.
Deshalb nur ein paar Einzelaspekte:

Wer irgendwann fragte, wie eine akademisch erfolgreiche schwarze Absolventin automatisch weniger privilegiert sein solle als ein weißer Flaschensammler ohne Perspektive, wurde nicht argumentativ widerlegt.

Ich hätte zuerst einmal gerne gewusst, wer einen solchen offensichtlichen Unsinn denn überhaupt tatsächlich vertritt. Ich halte das vielmehr für einen extrem abgedroschenen Strohmann, den noch jeder Anti-„Woke“-Kulturkämpfer gerne selbst bastelt und dann unter allgemeiner Zustimmung seiner Blase abfackelt, der aber keinen wesentlichen Anhalt in der Realität hat.

Die weiße Mehrheitsbevölkerung ist gegenüber Schwarzen privilegiert (in unserer Gesellschaft, mehr noch in den USA) – das ist einfach eine korrekte Feststellung. Das so zu verstehen, dass jede:r einzelne Weiße gegenüber jeder:m einzelnen Schwarzen in seiner gesellschaftlichen Position unabhängig von allen weiteren Umständen insgesamt privilegiert wäre, ist dagegen ein Unsinn, den ich noch nirgendwo als reale Position gehört oder gelesen habe, dafür aber immer wieder als Zuschreibungen in Artikeln wie diesem hier.

Die Feststellung bedeutet vielmehr: Schwarze Menschen sind in vielen Situationen gegenüber weißen Menschen in ansonsten vergleichbarer gesellschaftlicher Position benachteiligt: Sie finden bei ansonsten gleichem sozialen Hintergrund oft schlechter eine Wohnung; sie werden bei ansonsten gleichen Umständen öfter mit Misstrauen betrachtet; sie werden in ansonsten gleichen Situationen öfter als nicht zugehörig betrachtet; usw.
Dass dagegen bei ansonsten völlig unterschiedlichen Umständen eine konkrete schwarze Person gegenüber einer konkreten weißen Person insgesamt privilegiert sein kann – wie in der hier konstruierten Gegenüberstellung schwarze Absolventin/ weißer Flaschensammler -, ist absolut banal und wird m.E. von praktisch niemandem bestritten.

die Woke-Bewegung

Diesen Dummschwätz-Begriff zu benutzen, sollte bei ernsthaften Diskussionen eh schon als inhaltliche Disqualifikation gelten. Was soll das für eine Bewegung sein? Es gibt die antrassistische Bewegung, die Frauenbewegung, die LGBTQ-Bewegung und noch viele weitere Bewegungen – alle mit konkreten Organisationen, benennbaren aktiven Personen, Veranstaltungen, Medien, formulierbaren Zielen. Anhand solcher Dinge kann man eine „Bewegung“ beschreiben; wobei sich aber immer auch herausstellen wird, dass alle diese Bewegungen intern vielfältig und widersprüchlich sind. Und ja, sicher gibt es zwischen manchen Bewegungen Überschneidungen – aber eben auch Widersprüche. Deswegen: Eine übergreifende „Woke-Bewegung“gibt es nur in der Phantasie von Kulturkämpfern in der Gegnerkonstruktion. Oder worin soll die sich manifestieren?

Besonders deutlich wird das in der Lächerlichkeit des Gedankens, ausgerechnet eine autoritäre, religiöse Erbmonarchie wie Katar könnte „die Wokebewegung“ fördern. Man kann sie richtig vorstellen, wie der Emir seinen Imamen Regenbogenflaggen zum Aufhängen in der Moschee schickt, sie pro Gleichberechtigung predigen lässt, Ausbeutung geißelt und was die „Woken“ sonst noch so tun mögen.

Man kann nicht seriös behaupten, die Woke-Bewegung sei zentral aus Qatar gesteuert worden. Dafür gibt es keine belastbaren Belege. Sehr wohl lässt sich jedoch argumentieren, dass enorme Finanzflüsse, ideologische Partnerschaften und institutionelle Anreizsysteme Milieus förderten, in denen bestimmte identitätspolitische und postkoloniale Narrative besonders stark gedeihen konnten.

Oder mit anderen Worten: Man kann es nicht seriös behaupten, aber das muss einen ja nicht daran hindern, genau das in leicht abgeschwächter Form dann ohne nähere Begründung einfach trotzdem zu machen.

Ich hätte da gerne erst mal gewusst, um welche Gelder es geht, wofür sie gezahlt wurden und vor allem, von wem sie tatsächlich kommen. Sprich: Recherche statt Insinuation. Denn soweit ich was dazu gefunden habe, umfasst die Länderabgabe einfach alles, was irgendwie von Institutionen aus dem jeweiligen Land kommt, ohne nähere Angaben, ob es von der Regierung oder von anderen Akteuren wie Unternehmen kommt, worum es ging, welche Fächer betroffen sind, usw. usf.
Da könnten sich tatsächlich Gelder darunter befinden, mit denen irgendwie bestimmte gesellschaftspolitische Inhalte gefördert werden sollen (wie es der Artikel insinuiert), aber genauso gut – oder wahrscheinlicher – vertragliche Forschungs-Kooperationen mit ausländischen Universitäten oder Firmen oder auch Zahlungen für die Aufnahme von Student:innen aus dem jeweiligen Land. Ohne den genauen Blick auf die konkreten Kooperationen sagen die simplen Zahlen wenig aus.
Dass solche Zahlungen nicht automatisch problematisch sein müssen, könnte man auch daran sehen, dass auf dem dritten Platz der ausländischen Geldgeber an US-Universitäten bereits ein Land steht, das aus unserer Perspektive vielleicht nicht so superverdächtig ist: Deutschland. Komisch, dass das im Artikel nicht erwähnt wird …

Ein weiterer Grund, genauer hinzuschauen: Dagegen, dass ein Land seine Universitäten, soweit staatlich gefördeert, zu Transparenz bezüglich Finanzierung aus dem Ausland verpflichtet, ist wenig einzuwenden. Gleichzeitig sollte man aber nicht vergessen, dass das in diesem Fall von einer Regierung instrumentalisiert wird, die selbst gegen die Freiheit von Forschung und Lehre zu Felde zieht. Man sollte das, was von der Trump-Regierung kommt, also nicht einfach unkritisch übernehmen.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
6 Tage vor

„Ich hätte zuerst einmal gerne gewusst, wer einen solchen offensichtlichen Unsinn denn überhaupt tatsächlich vertritt.“
Berechtigte Frage.
Antwort: Nicht wenige „woke“ Leser im ZON-Forum.
Ich habe mich mal gefragt, ob solche Reaktionen nicht in Wirlichkeit von Putintrollen stammen, die insbesondere „Grüne“ diskreditieren wollen. Aber Grüne im Forum, die sonst durchaus bis zehn zählen können, intervenieren nicht. Also kennen die den Quark von den Kollegen scheinbar schon.

Es gibt keine Blödheit, die man nicht bei einigen Vertretern aus jedwedem politischen Spektrum finden würde.

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