Lesen und Selbsterkenntnis

Lesen bildet, Reisen auch – eine kleine Kulturgeschichte vom Lesen und der Selbsterkenntnis. Von unserem Gastautoren Ronald Milewski.

Wenn die Ferienzeit um ist gilt: Wer eine Reise getan hat, hat was zu (v-)erzählen. Mitunter das, was er im Urlaub gelesen hat. Reiserfahrung ist häufig Leseerfahrung. Wir lesen im Urlaub Bücher aus und über die Region, in die wir reisen, Bestseller oder, dazu neige ich, endlich die Fachbücher, zu deren Lektüre wir zu Hause nicht gekommen sind. Schon Augustinus sah sich zu der Metapher genötigt: „Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon?“  Mancher Urlaubsreisende kriegt vor lauter Bücherlesen die Welt am Urlaubsort kaum mit. Andererseits steckt im Lesen die Chance zur inneren Einkehr. Im Urlaub ist endlich Zeit dazu. Was aber wird aus diesen besinnlichen Stunden, wenn wir mittels neuer Möglichkeiten in Bälde ganze Bibliotheken mit uns führen bzw. auf diese Zugriff haben?

Essen, August 2010, die Bostoner Lese- und Bildungsforscherin Maryanne Wolf erklärt im Interview, dass jedes Schriftsystem unterschiedliche Hirnschaltkreise enerviere. Die WAZ berichtete darüber. Bei Chinesen werde beim Lesen auch das motorische Gedächtnis in Anspruch genommen, Nachvollzug der Schreibbewegungen. Wolf treibt die Befürchtung um, dass die neuen Medien aktuell ein „digitales Gehirn“ produzieren. Ein Gehirn, das nicht lernt, zu fokussieren und sich zu konzentrieren. Sie verweist auf Sokrates, der schon in der Antike der Verschriftlichung unterstellte, dem Menschen lediglich das Gefühl zu geben, etwas zu wissen, und zu verhindern, im Gespräch ein Problem in der Tiefe zu behandeln. Darüber hinaus, so vermutet die amerikanische Professorin, gehe Kindern mit dem Buch ein positiver emotionaler Raum verloren. Einem Kleinkind wiederum fehle mit dem etwaigen Verlust des Vorlesens der Berührungspunkt zu den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der anderen.

Mich hat der Bericht über dieses Interview insofern elektrisiert, als meine Sommerlektüre sich einer ähnlichen Thematik widmete. Es handelte sich dabei in der Tat um ein Sachbuch nämlich Ivan Illichs „Im Weinberg des Textes“. Illich, Philosoph und Theologe, Ex-Priester, prominenter Kritiker des Medizin- und Bildungssystems, Autor zahlreiche Streitschriften, Sympathisant der Befreiungstheologie, hat mich bereits im vergangenen Winter posthum mit einem faszinierenden Titel und einem ansprechenden Einband als Leser eingefangen. Oder war es der Verlag? Der damalige Titel hieß „In den Flüssen nördlich der Zukunft“,  ist so zu sagen Illichs Vermächtnis und basierend auf zahlreichen Interviews mit David Cayley. Er hielt, was er versprach. Beworben wurde er mit der Ankündigung,  Illich weise in den Gesprächen der westlichen Gesellschaft Korruption der christlichen Botschaft nach.

Vom „Weinberg“ wusste ich vor der Lektüre ein wenig mehr als zuvor über die „Flüsse nördlich der Zukunft“. Mir war bekannt, dass der Essay im Grunde eine Buchbesprechung ist, nämlich die des „Didascalicon“ von Hugo von St. Viktor, einem Autor aus dem frühen 12. Jahrhundert. Ich hatte gelesen, dass es sich um eine Handanweisung zur Kunst des Lesens handelt, die an Traditionen der klassischen Antike anknüpft. Aufgrund gelesener Rezensionen wusste ich, dass sich  der Vorsteher der Schule der Augustiner-Chorherren von St. Victor bei Paris zudem durch Gedanken zur „Entstehung des Selbst“ verdient gemacht hatte.  Mir war somit bewusst, dass ich mich auf eine Zeitreise begab und dass es galt, „schweren Tobak“ zu konsumieren: Lektüre für den Sommer zu Hause.

Illich verortet die eigene Studie des mittelalterlichen Textes in den Untertiteln nüchtern-sachlich in die „Zeit, als das Schriftbild der Moderne entstand“. Die weitere Einordnung als „Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘ “ wirkt eher freundschaftlich-vertraulich. Die Einleitung beginnt er mit den Worten: „Dieses Buch erinnert an die Aufkunft des scholastischen Denkens“. Was trieb den Geistesvirtuosen Illich vor 20 Jahren, knapp 10 Jahre vor seinem Tod zu diesem Unterfangen? Oberflächlich gesehen sein Interesse an der Geschichte des Alphabets. Doch Illich wäre nicht Illich, wenn dies alles wäre. Denn Illich kann zumindest vom Anspruch her auch reißerisch-romantisch sein: „Was als Studie einer Technologie begonnen hatte, endete schließlich als neuer Einblick in die Geschichte des Herzens.“

Und diesen Einblick hatte sich Illich zum Zeitpunkt des Erscheinens des „Weinbergs“ bereits 40 Jahre lang gegönnt. Von wegen also vorrangig technisches Interesse an dem „Zeitpunkt, zu dem sich die Buchseite verwandelte und aus der Partitur für fromme Murmler der optisch planmäßig aufgebaute Text für logisch Denkende  wurde“, wie es auf dem Buchrücken heißt.

Illich will die Geschichte eines Umbruchs der Lesekultur erzählen, vom Beginn einer Epoche berichten, deren nahes Ende er wähnt. Dies verrät gleichfalls der Buchrücken. Die eigenen Studien sieht er als Teil eines akademischen Abenteuers. Dieses scheint dazu angetan, das Buch vor dem Bildschirm zu retten. Will er damit auch unsere Herzen retten? Das passende Forschungsprogramm beschreibt er wie folgt: „Und unser Nachdenken über das Überleben dieser Form des Lesens unter der Ägide des ans Buch gebundenen Textes brachte uns darauf, eine Studie der Askese zu beginnen, die der Bedrohung durch die Computer-Literalität ins Auge schaut.“

Was mag unseren Herzen aus seiner Sicht drohen, wenn wir uns der Bildschirm-Literalität hingeben? Die bange Frage sei erlaubt, denn immerhin hatte nach Illich das bibliophile Lesen Katholiken, Protestanten und assimilierte Juden, Kleriker und aufgeklärte Antikleriker zusammengebracht und Humanisten und Naturwissenschaftlern ein gemeinsames Grundverhalten ermöglicht. Zur Kultur des Buches habe – so zu sagen – das Motto ‚Lesen und Lesen lassen’ gehört. Illich wagt für die Ehrenrettung des in Buchform geschriebenen Wortes einen Sprung über 900 Jahre. Für ihn wiederholt sich in unserer Zeit etwas, was sich bereits vergleichbar ereignete, nämlich die Loslösung des Textes von der physischen Realität der Buchseite. Die Technologie dazu liefern ihm zufolge im zwölften Jahrhundert Papier und Alphabet. Das Buch wird tragbar, in den westlichen Schreibstuben werden 300 Jahre vor der Entdeckung der Buchdruckerkunst das Ordnen von Schlüsselwörtern nach dem Alphabet, das Sachregister und eine neuartige Gestaltung der Buchseite erfunden. Das neue Seitenbild, die Kapiteleinteilung, Distinktionen, das konsequente Durchnummerieren von Kapitel und Vers, die neue Inhaltsangabe für das ganze Buch, die Übersichten zu Beginn eines Kapitels, die dessen Untertitel benennen, die Einführungen, in denen der Autor erklärt, wie er seine Darlegungen aufbauen wird, sie alle sind nach Illich Ausdruck eines neuen Ordnungswillens. Doch nicht nur das. Illich interessiert sich zudem für den Einfluss, den die neuen Technologien auf die Geistesverfassung der Menschen hatten. Und er ist dem auf der Spur, was hinter diesen Veränderungen steckte, dem kulturellen Impuls und dem geistigen Zweck. Für ihn ist der Einfluss der Technologie nirgends so gut zu beobachten wie in der Erschaffung von alphabetischen Registern. Mit der „Aufkunft“ des Textes als sorgsam geordnetem Gegenstand werde in der Sozialgeschichte des Alphabets die Gebirgskette zwischen vortextlichem und textgeprägtem Lesen, Schreiben, Sprechen und Denken überwunden

Im Referenzzeitraum, dem ausklingenden zwölften Jahrhundert gehen laut Illich eingedenk der beschriebenen technischen Neuerungen alle anderen Verwandlungen rasend schnell: Das „Hörbuch“ verliert an Boden. Wer lesen kann, liest zunehmend leise. Sofortiger Zugang und sichtbare Anordnung fördern das visuell orientierte Verständnis. Aus dem monastischen Lesen wird das scholastische. Das fromme Leiern und Murmeln während des Lesens verstummt und mit ihm geht ein sozialer Hörraum verloren. Die Ohren des Lesers hören auf, das aufzufangen, was der eigene Mund äußert. Lippen und Zunge halten beim Lesen endlich still. Es ist Schluss mit der unmittelbaren Umwandlung der Buchstabenfolge in Körperbewegungen. Lesen ist nicht länger körperliche Höchstleistung, Inkorporation, leibliche Tätigkeit. Noch Hugos frommes Motto hatte  dagegen gelautet: „Lies die heilige Schrift und trachte, leibhaftig zu erfahren, was sie sagt.“

Wenig später ist individuelles Entziffern angesagt. Schleichend beginnt das, was Illich die Veränderung der Geistesverfassung nennt. Und schon bald wird der Leser seinen eigenen Verstand in Analogie zu einem Manuskript wahrnehmen. Das Lesen wird zu einem Hin und Her zwischen einem Selbst und einer Seite. Das Buch ist nicht länger Weinberg, Garten oder Landschaft einer abenteuerlichen Pilgerreise, sondern Schatzkammer, Mine, Vorratskammer, untersuchbarer Text.

Schon für die Autoren des späten zwölften Jahrhunderts sind Bücher nicht mehr Nahrung für die eigene Erbauung und Meditation, sondern Baustoff für die Errichtung neuer geistiger Gebäude. Der Autor mutiert vom Erzähler einer Geschichte zum Schöpfer eines Textes. „Mit der Lösung des Textes vom physischen Objekt, dem Schriftstück, war die Welt nicht mehr der Gegenstand, der gelesen werden sollte, sondern sie wurde zum Gegenstand, der zu beschreiben war.“ Klartext: Illich.

„Und endlich muss die ganze Welt zur Fremde werden für die, welche vollendet lesen wollen. Wie der Dichter sagt: Heimischer Boden zieht mit besonderem, süßem Gefühl an / Und läßt eingedenk seiner beständig uns sein.“ Originalton: Hugo von St. Viktor. Er formuliert eher vorsichtig, der Philosoph müsse lernen, diesen heimischen Boden zu verlassen. Schon forscher fordert er den Leser schon auf, sich dem Licht, das von der Buchseite ausgeht, auszusetzen. Und zwar, damit er sich selbst erkenne, sein Selbst anerkenne. Im Licht der Weisheit, das die Seiten zum Glühen bringe, werde das Licht des Lesers Feuer fangen und im Feuerschein werde er sich selbst erkennen.

Illich wähnt hierin die Entdeckung dessen, was wir heute „Selbst“ oder „Individuum“ nennen. Mit dem Geist der Selbstdefinition bekomme das Fremdsein einen neuen, positiven Sinn. Insbesondere letzteres scheint fraglich, denn das Bild von der Selbsterkenntnis im Feuerschein soll alsbald buchstäblich wirklich werden. Die Feuer setzen das Fremde jedoch der Vernichtung aus. Es glühen nicht nur Seiten. Hugos Zeitgenosse Bernhard von Clairvaux hat zu den Kreuzzügen aufgerufen, die gemäß Illich in anderer Form, dem Ethos der Selbstentdeckung frönen, nämlich dadurch, dass „Menschen auf allen Ebenen der feudalen Hierarchie …  die gemeinsame Gedankenwelt verlassen, in der Identität dadurch entsteht, wie andere mich benennen und behandeln, und ihr Selbst in der langen Reise entdecken.“

Entdeckung des Selbst und alsbaldige Kreuzzüge. Ist dies ein historischer Zufall? Illich läßt dies unkommentiert. Stattdessen hebt er, eher technologisch betrachtet, eine Übereinstimmung zwischen der Entstehung des Selbst als Person und dem Abheben des Textes von der Seite hervor. Hugo, den „Entdecker des Selbst“ oder sollten wir ihn besser dessen Erfinder nennen, sieht er auf der friedfertigen und bodenständigen Seite. Dieser verlange vom Leser eben nicht, dass er seine Familie und seine gewohnte Umgebung verlasse, um von Ort zu Ort in Richtung Jerusalem oder Santiago zu wandern, sondern erwarte vielmehr, dass sich der Leser ins Exil begebe, um eine Pilgerreise durch die Seiten des Buchs anzutreten, so zu sagen, das Selbst am heimischen Herdfeuer zu entwickeln, lesend, im Kerzenschein statt brandschatzend.

Was gibt diese Analyse her für die Frage, was aus uns wird, wenn wir erst einmal, mit riesigen virtuellen Bibliotheken ausgerüstet, den Bildschirm absuchen – auf der Reise oder zu Hause? Was wird aus unserer Geistesverfassung? Wie aggressiv ist ein sich aus dieser neuen Lesart ergebendes Selbstgefühl? Was droht dem Selbsterleben mit der Vervielfältigung der Möglichkeiten? Was droht anderen von uns? Wie verändert sich unsere leibliche Leseerfahrung? Was tun die Hände, wenn sie keine Seiten mehr zum Anfassen, Umblättern und zum zärtlichen Glattstreifen haben? Was legen wir unters Kopfkissen? Wen oder was stellen wir ins Bücherregal?

Fragen über Fragen. Illich hält sich mit Antworten zurück. Vielleicht habe ich sie überlesen. Immerhin habe ich meinen Urlaub noch vor mir. Ich denke, ich nehme mal „Das lesende Gehirn“ von der Wolf mit. Vielleicht bergen die 350 Seiten Antworten. Voraussetzung ist allerdings, dass ich das Buch noch rechtzeitig kriege. Die Taschenbuchausgabe, die ich vorbestellt habe, sollte Ende August kommen.
Die Auslieferung verzögert sich laut email.
Ebook wär‘ wahrscheinlich schneller gegangen. Was soll‘s? Die Büchertasche ist eh schon fast voll. Die Schuhtasche allerdings auch – zum Wandern.
Ich bin dann mal weg.
Vielleicht lasse ich die Bücher auch zu Hause.
Gerade erfahre ich vom Vermieter des Ferienhauses, dass sich in diesem eine kleine Bibliothek befindet. Mit Romanen und Sachbüchern, die sich mit der umliegenden Gegend befassen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tale?

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