Was passiert, wenn nichts passiert?

Am Mittwoch, den 13.10 hat die AG Kritische Kulturhauptstadt zu einer Art Vorab-Bilanz der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 geladen. Von unserem Gastautor Tino Buchholz

Die Kulturhauptstadt geht – wir bleiben“ hieß es und wurde so die Vermarktung und die Selektivität des offiziellen Programms kritisiert und außerplanmäßige Veranstaltungen wie der Euromayday Ruhr oder die Hausbesetzungen in Essen / und Dortmund besonders hervorgehoben. Unter den Anwesenden waren Vertreter lokaler Initiativen, Zentren und städtischer Bewegungen, wie das AZ Mülheim, SZ Bochum, UZ Dortmund und andere.

Am Anfang stand eine Diskussion um das Papier der Veranstalter „Metropolenträume in der Provinz“ welche die Metropolendiskussion im Ruhrgebiet als Marketingkampagne identifiziert, die aber letztlich am Kirchturmdenken widerstreitender lokaler Fürsten scheitert. Das Potential für urbane Veränderung und emanzipatorische Formen der Aneignung dieses Ballungsraums spielen in dem Papier der AG keine ernstzunehmende Rolle.

Der Metropolbegriff ist sicherlich überladen mit außergewöhnlichen Standortfaktoren der Produktivität, Geschichte, Architektur, Tourismus, Kreativität und allerlei ästhetischen Idealen (nicht nur) europäischer Urbanität. Der Metropolbegriff krankt – nicht nur im Ruhrgebiet – vor allem an zwei Merkmalen: an der Idee universeller Konsumierbarkeit (touristisch sowie alltäglich) und an fehlendem commitment (Bekenntnis, Hingabe, Initiative) von Menschen vor Ort, den Begriff inhaltlich anders zu besetzen.

Wenn man den Metropolbegriff ganz nüchtern als Agglomeration von Menschen im Raum nimmt, trifft das für das Ruhrgebiet (5,5 Mio.) so erstmal zu. Was bei Kritikern hier aber sofort mitschwingt, sind die dominanten Bilder etablierter global cities – London, Paris, Berlin – die mit herrschaftlichen Altbauten und prestigeträchtigen Neubauten aus Stahl und Glas die öffentliche Meinung und den Raum dominieren.

Keinen Eintritt zahlt hier keiner mehr. Was die Kritiker dabei zu vergessen scheinen, ist, dass diese Bilder von ebensolchen Marketingstrategen platziert werden, denen sie die Kulturhauptstadt Europas nicht abnehmen wollen. Der Fetisch und Konsumcharakter westlicher Stadtideale zeugt nicht nur von einem ausgeprägten Eurozentrismus, sondern läuft Gefahr, tatsächlich provinziell zu wirken. Der neue Provinzialismus bzw. die neue Engstirnigkeit besteht dann darin, dass global cities einem Schema folgen und letztlich alle Metropolen gleich aussehen. Klar ist der Ruhrpott Metropole, aber was für eine?

Der Stadtentwicklungsdiskurs im Ruhrgebiet mutiert schnell zu einer verkürzten Abhandlung scheinbar naturgegebener unternehmerischer Stadtentwicklung (inkl. Betriebsräte:), wo die arbeitende Bevölkerung außen vor ist und die Verantwortung stets nach oben delegiert wird. Das neue Selbstbewusstsein der noch jungen Recht auf Stadt Bewegung das Recht auf Differenz, Mitbestimmung, Raumaneignung (vor allem in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Dortmund), demokratische Stadtentwicklung in die eigenen Hände zu nehmen, scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben.

Linke Kritik an der Festivalisierung von Stadtpolitik scheint noch immer damit beschäftigt, die Regierbarkeit zu problematisieren/ delegieren, anstatt die Möglichkeiten der Streitkultur in einer Demokratie sowie die Eigeninitiative sozialer Bewegungen – des Protests und Widerstands – auszuschöpfen. Die Frage der Totalität des Kapitalismus und systematische Vereinnahmung steht freilich im Raum, sollte aber kein Totschlagargument gegen städtische Bewegungen sein

Die Vereinnahmung durch die ökonomische Verwertungslogik geht immer nur soweit, wie die Menschen dies passiv zulassen bzw. aktiv reproduzieren.

Das war in Paris, Berlin, Hamburg, Frankfurt der 1970er, 1980er Jahre auch nicht anders. Auch hier hat sich nur etwas bewegt, weil sich Menschen nicht mit ihrer Situation abgefunden haben, sondern neue schufen. Weil sie sich kollektiv organisierten und z.B. der eine Teil des Kollektivs für den anderen mitarbeitete, während diese demonstrierten, oder aber den Laden schlichtweg zumachten. Das commitment zu politischem Handeln im Alltag und vor allem auch zur Stadt, scheint gegenwärtig zu wenig ausgeprägt.

Zu weit fortgeschritten ist das links-liberale, konsumistische Bequemlichkeitsdenken, wo Dienst nach Vorschrift und kreativer Widerstand zusammen gedacht werden und wo sich nach getaner Arbeit, in der alternativen Revoluzzerkneipe gepflegt ausgekotzt wird – and back to work (and holiday… and work again).

Letztendlich ist das kein raumspezifisches Ruhrpott Phänomen, sondern ein Soziales, Ökonomisches, Politisches der (post)modernen Arbeitsgesellschaft, der kreativen Klasse, digitalen Boheme, der mobilen Wohlstandskinder dieser Zeit.

Die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hat das Thema Kreative Arbeit in die Arbeitermetropole eingeführt. Diese Kreativität nun selbstbestimmt zu praktizieren und nach allen Regeln der Kunst & Demokratie durch zu buchstabieren – d.h. die Definition von Arbeit sowie von Stadt neu zu denken – sollte lohnenswert sein. In was für einer Stadt wollen wir leben?

Was passiert, wenn nichts passiert?

Stadt ohne Geld ist das richtige Thema zur richtigen Zeit. Mit der viermonatigen Veranstaltungsreihe geht das Schauspiel Dortmund neue alte Wege – des politischen Theaters – das alltägliche Theater des Städtischen samt marktradikalen Pathos’ im globalen Standortwettbewerb zu dekonstruieren. „Hat schon mal jemand eine Immobilienblase platzen sehen“?

Das Leerstandsargument (Neunte Stadt) ist öffentlich platziert und so wird die Stadt ohne Geld zur Vision – und Geld Teil Problems. Wenn das Spektakel der Kulturhauptstadt am 31.12. endet, ist durchaus einiges an Kreativität und Bewegung in der Arbeitermetropole Ruhr angekommen. Inwiefern sich die städtischen Bewegungen verstetigen, liegt vor allem an ihrem commitment zu einer anderen Stadt, pottzigen Metropole Ruhrpott. Oder sie ziehen weg. Martialische Polizeieinsätze gegen Abweichungen von der Norm (wie am 13.08 in Dortmund // UZDO ) werden auch in Zukunft die Öffentlichkeit irritieren, städtische Interessenskonflikte kennzeichnen und bei gegebener Repression demokratische Legitimationsprobleme für die Stadtpolitik aufwerfen. Die Reihe „Stadt ohne Geld“ des Schauspiels Dortmund endet am 03.02. mit der Kapitulation, wobei noch unklar ist, wer am Ende kapituliert.

Tino Buchholz ist einer der Sprecher der UZDO-Initiative und Stadtsoziologe//University of Groningen ergänzen

Wallraff schreibt Stipendium aus – echte Nachwuchsförderung oder Ghostwritermangel?

Diese PR-Meldung vom heutigen Tag kostete „Die Zeit“ nicht nur ein paar Hundert Euro, sondern sie weckt auch falsche Hoffnungen: „Günter Wallraff fördert Nachwuchsjournalisten mit Stipendium“. Bravo, möchte man rufen. Von unserem Gastautor Uwe Herzog.

Aber dazu fällt mir ein, wie „Die Zeit“ es seinerzeit aufnahm, als 1987 bekannt wurde, dass junge Wallraff-„Ghostwriter“ wie ich es damals war, nicht unwesentlich Anteil am Entstehen von Bestsellern wie „Ganz unten“ hatten. Aber nicht jeder „Nachwuchs“ von Wallraff fand den Mut, offen darüber zu sprechen.

Also rede ich nur für mich und fasse an dieser Stelle noch einmal kurz zusammen, was ich seit 1987 zum Beispiel über das Buch „Ganz unten“ zu sagen habe – ohne dass Wallraff oder sein Verlag mich für diese angeblich „unbewiesenen Behauptungen“ jemals verklagt hätten:

1. Allein meine Texte finden sich auf 40 Seiten im Bestseller „Ganz unten“ wieder.

Bezogen auf die deutsche Erstausgabe handelt es sich dabei um die Seiten 48, 49, 116, 117, 118, 138, 139, 140, 141, 148, 149, 195, 196, 197, 198, 199, 200, 201, 202, 204, 205, 208, 209, 210, 211, 212, 213, 214, 215, 216, 220, 221, 222, 223, 239, 240, 241, 242, 243, 244. Betroffen sind sieben Buchkapitel.

2. Zudem ist ein weiteres Kapitel, nämlich der Höhepunkt des Buches, mit der Überschrift „Der Auftrag“ unmittelbar von meinen Recherchen in der Rolle des „AKW-Abgesandten Hansen“ abhängig.

Diese Rolle konnte nur ich übernehmen, da ich damals zu den wenigen Journalisten gehörte, die wussten, wie ein AKW von innen aussieht und sich bei ihren Recherchen der radioaktiven Gefahr ausgesetzt haben.

Und: Der gesamte Komplex zum Thema „Arbeit in Atomkraftwerken“ im Buch „Ganz unten“ wäre ohne meine Recherchen und meine Urheberschaft nicht in das Buch eingegangen.

Und noch einmal für alle diejenigen, die der damaligen PR-Suggestion von Wallraffs Hausverlag Kiepenheuer&Witsch aufgesessen sind und etwas anderes glauben wollten: Wallraff selbst war für das Buch damals NIE in einem AKW.

Außerdem: Einige Texte, von denen alle Welt glaubt, Wallraff sei ihr Urheber, wurden bereits Monate vor Erscheinen von „Ganz unten“ als Reportagen von der ARD ausgestrahlt – unter meinem Namen und meiner alleinigen Urheberschaft.

3. Bis heute wurden meine Texte in „Ganz unten“ weder durch Wallraff noch durch seinen Verlag entsprechend gekennzeichnet (auch, wenn er damals etwas anderes zugesagt hatte).

Stattdessen wurde ich als junger Autor in eine Vertragsfalle gelockt. Für rund 100.000 DM Honorar sollte ich auf alle „künftigen Ansprüche“ verzichten.

Wallraffs eigene Einnahmen allein aus diesem Buch dürften mehrere Millionen Euro betragen („Die Zeit“ schätzte sein Honorar bereits kurz nach Erscheinen auf „rund acht Millionen Mark“).

Nach einer projektbezogenen Zusammenarbeit von mehr als einem Jahrzehnt kündigte ich Wallraff damals für immer die Mitarbeit auf, denn mir schien die „Wallraff“-Methode mehr und mehr zu einer billigen Geschäftsidee zu verkommen.

Außerdem ließ Wallraff den nötigen Informatenschutz vermissen.

So sprach er etwa die Verwendung von Interviewstatements in vielen Fällen nicht vor Veröffentlichung mit den Betroffenen ab und setzte diese damit der Gefahr aus, erkannt zu werden. Für so manchen ‚illegalen‘ Leiharbeiter bei Thyssen und anderswo bedeutete dies ein nicht kalkulierbares Risiko – möglicher Ärger mit Behörden bis hin zur Gefahr einer Abschiebung. Oder auch eine brutale „Abreibung“ durch einen der rüden Subunternehmer, die bei ihren dreckigen Geschäften in Duisburg und anderswo keine Zeugen gebrauchen konnten.

Zu einem wirklich seriösen und wirkungsvollen Undercover-Journalismus gehört mehr Sorgfaltspflicht und Verantwortungsgefühl als ich es bei Wallraff erlebt habe.

Dies waren also damals – neben den Urheberrechtsverletzungen – meine Gründe, Wallraff adieu zu sagen.

Aus alten Stasi-Akten lässt sich im Rückblick schließen, dass es für diesen Entschluss noch weitere gute Gründe gegeben hätte, von denen ich allerdings damals noch nichts ahnte: Nach heutiger Aktenlage führte die Stasi Wallraff als „IM“ (was er vehement bestreitet) – ich selbst jedoch unterlag einer sogenannten „Operativen Personenkontrolle“ (OPK) der Stasi, wurde von Stasiagenten hier im Westen jahrelang überwacht. Der dafür verantwortliche Major leitete bei der Stasi übrigens ausgerechnet die Abteilung „Nachwuchsförderung“ …

Fazit: Vielleicht sollte ich mich heute bei Wallraffs neuem „Studiengang“ als Dozent bewerben. Immerhin verfüge ich über jede Menge Praxiserfahrung aus der „Firma Wallraff“.

Allerdings könnte ich den Stipendiaten nur dazu raten, lieber etwas Anständiges zu lernen als – wie Wallraff – aus der Not anderer Menschen geschickt Kapital zu schlagen.

Ach ja, fast hätte ich vergessen zu erwähnen, mit welchen klaren Worten „Die Zeit“ noch 1987 kurz nach Erscheinen von „Ganz unten“ die Aktionen ihres heutigen „Star-Reporters“ Wallraff kommentierte. Zitat:

„Die Kampagne gegen die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte ging rasch über in einen Werbefeldzug für das Wallraff-Buch. Immer mehr war dabei von Ali-Wallraffs selbstlosen Taten im Dienste der Humanität die Rede; immer weniger vom Elend der real existierenden Türken (…) Eine echte Wallraff-Geschichte, Überschrift ‚Wie der Entlarver sich selber entlarvt‘. Der moralisierende Millionär, der Böll der Türken, steht plötzlich da wie ein ganz gewöhnlicher Scharlatan.“

Blogs: Censorship in Tunisia – Zensur in Tunesien

Anfang Oktober nahm ich auf Einladung der Deutschen Welle Akademie an der Young Media Summit 2010 in Kairo statt. Auf der Veranstaltung trafen deutsche und arabische Blogger zusammen. Es  waren spannende und schöne Tage. Am Rand der Veranstaltung fragte ich die tunesische Bloggerin Leena, ob sie bereit wäre, einen Gastbeitrag über die Zensur und Verfolgung von Bloggern in Tunesien zu schreiben. Hier ist Leenas  Text. Stefan Laurin
Kommentar bitte nur in Englisch. For this article we ask you to  write your comments  in English.

Starting from the last days of April, an enormous and violent wave of censorship hit the blogosphere and the internet, in general, in Tunisia. Young Tunisian net surfers expressed their anger and disdain in different ways such as launching virtual campaigns against censorship. From our Guest Author Leena Ben Mhenni

Discussions about organizing a demonstration or gathering led to the creation of a mailing list to discuss the matter thoroughly. Progressively a date has been fixed. Two young persons without any political affiliation namely Slim Amamou and Yassine Ayari volunteered to deliver the gathering affidavit to the ministry of interior.

In fact, they drafted the document with the help of some friends with a good mastering of Tunisian laws.

Once in front of the ministry of interior, they were denied the access to the building. So they tried to deliver the document to the general director of national security, but they have known the same fate there and have been referred to the governorate of Tunis. There, the same has happened again.

Therefore, Slim Amamou and Yassine Ayari sent the document to the three institutions listed above with acknowledgement of receipt via post. But, they never received a reply.

After the first trial of the delivery of the document. Yassine and Slim sent a fax with the details of the story that they wrote with the help of Hana and myself , and a copy of the documents to all the Tunisian newspapers. But just one newspaper “Al mawkif”, the piece mouth of a dissident party published an article about the story .

Meanwhile, they consulted an attorney in order to avoid any infringement of the laws. The latter suggested some improvements on the document and advised them to add a third signature to it, to avoid the rejection of the gathering notice. Lina Ben Mhenni( Me) , a Tunisian blogger with no political affiliation signed the document too. The three of us re-sent it to the same three institutions, with acknowledgement of receipt but we never received any replies and we did not know about the fate of the previous documents as we never received the acknowledgements of receipt.

We went to inquire about the matter in the post office and to present a complaint.

According to Tunisian laws an affirmative answer or the absence of reply equals the legitimacy of the gathering.Nevertheless , we decided to record a video , to announce that we never received a reply and to advise people to avoid coming on Saturday .

But before , recording the video Slim and Yassine disappeared. In fact , they had been arrested and forced to make videos to announce that the gathering has been delayed .

Leena Ben Mhenni is the Author of the Blog A Tunisian Girl

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Der Blaue Pfad

Durch Essen führt ein Kulturpfad. Unser Gastautor Tobias Steinfeld ist drübergelaufen. Hier ist sein Bericht:

0 Schritte: Montag, 20. September im Jahre der Kulturhauptstadt Essen, 18.06 Uhr. Im Halbkreis stehen wir zusammen: Dutzende Menschen, teils mit roten Fahnen behangen. Davor ein spätgotischer Hallenbau: weiße Wände, schwarzes Dach, Fenster mit Spitzbögen. 1543 wurde die Marktkirche am Flachsmarkt von Bürgern besetzt. Sie schrien nach evangelischen Predigern. Sie setzten sich durch.
Knapp 500 Jahre später: “Offenes Mikro”. Ein Mann namens “Horst” spricht. Über die “Sarrazin-Hetze“, darüber, dass Arbeiter sich länderübergreifend helfen müssen. Der Flachsmarkt ist eine Stätte des Protests. Es ist die 305. Montagsdemo gegen Hartz IV. Ich stehe auf dem ersten Glas-Stein des Kulturpfades. “Klack”, setze den Schrittzähler auf Null. DIE LINKE verteilt Flugblätter. Zwei Polizisten im grünen Bulli hängen gelangweilt in den Sitzen, die Unterarme halb aus den Fenstern gelehnt, die Hoffnung verloren, ihr Einsatz könnte ausgerechnet bei der 305. Auflage verlangt werden. Rechts davon auf einem Podest: Alfred Krupp, der das Geschehen vom besten Platz überwacht. Genau hier am Flachsmarkt kam er zur Welt. Im Haus Nr. 9. 1812 war das. Der größte Waffenhersteller seiner Zeit forderte von seinen Arbeitnehmern Gehorsam, bot dafür aber Gegenleistungen. Er garantierte umfassende Sozialleistungen, wie Krankenversicherung und Rente, sah seine Arbeiter somit gut behandelt. Krupp führte eine Dauerfehde mit der Sozialistischen Arbeiterpartei. Auf seiner schwarzen Liste standen Arbeiter, die zu Demos gingen. Sie wurden entlassen. Türkis und in Stahl gegossen erträgt er nun die Unbeugsamen von 2010.
“Danke Horst” sagt ein Mann mit Rauschebart, der jetzt das Mikro hält. Applaus.
“Studiengebühren abschaffen“, fordert er, kommt dann auf Burschenschaften, floskelt: “Lieber ein Geschwür am After, als ein deutscher Burschenschaftler.” Das sei nicht “politisch gemeint“, soll nur zeigen “was wir von diesem rechten Gesocks halten.” Ich mag Burschenschaften auch nicht, gehe jetzt aber besser los, bevor die Glatzen, die, wie jeden Tag hinter der Marktkirche rumlungern, auf die Idee kommen, den gelangweilten Polizisten im Bulli zu einem unverhofften Einsatz zu verhelfen.
Unmittelbar vor mir sind sechs blaue Steine ins Pflaster eingelassen  Form und Größe einer Ritter-Sport-Tafel. Sie liegen genau in Schrittweite auseinander. Ich gehe, schaue auf den Schrittzähler an meinem Gürtel. Sechs. Stimmt.
Ich folge dem Pfad die Kettwiger Straße hoch, durch eine Douglas-Duftwolke, vorbei an H&M und O2 Shop.

223 Schritte: Links von mir der Essener Münster. Ein hagerer, leicht gebräunter Mann Anfang dreißig steht hier. Er trägt Tarnkleidung. Die Gitarre stört sein Erscheinungsbild, Gewehr würde ihm besser stehen. Ich weiß nicht, was er spielt. So leise. Vor ihm auf dem Boden liegt der Gitarrenkoffer. Leer. Keiner hört ihn.
An der braunen Sandstein-Fassade des Münsters hängen Plakate. “Komm zur Ruhe” steht darauf. Jeden Tag um 12 Uhr wird zur Andacht geladen. Ich vermute, es handelt sich um ein Wortspiel, angelehnt an Grönemeyers gefloppten Song zur Kulturhauptstadt “Komm zur Ruhr” Für Marketing-Gurus ist Ruhr 2010 wie ein Abenteuerspielplatz zum austoben. Statt aufgeschlagenen Knien gibt es andere Wunden: Ruhr-Atoll, Ruhrlights, Ruhrblicke. Eines dieser Ruhrlights erlebe ich in diesem Augenblick. Hallender Disco-Sound. Kommt näher, wird lauter, verschluckt das Geklimper vom Tarn-Mann ganz. Ein Mann kommt vom Kennedy-Platz auf den Münster zu. Der rechte Arm stützt den ausladenden Recorder auf seiner Schulter. Das schwarze T-Shirt steckt in der zu großen Jeans. Von Weitem erinnert sein grooviger Gang an Detlef D! Soost. Aus der Nähe erkennt man unter der weißen, zur Seite gedrehten, Van Dutch-Cap getönte Brillengläser und ein froschliches Gesicht, wie das von Wolfgang Lippert, das Anfang der 90er ein paar mal Wetten Dass ??? moderierte. Es dröhnt wie aus einem aufgemotzten Kadett: “Here we go, hear me say! It´s Revolution in Paradise!” Ein ähnliches Leitmotiv liegt Ruhr 2010 zu Grunde: Wandel durch Kultur  Kultur durch Wandel. Mir wird klar: Heath Hunter war 1996 seiner Zeit voraus. Lippert wandelt die Kettwiger runter, Richtung Demonstranten, Polizisten, Glatzen und Krupp. Die revolutionären Klänge verebben, das Klimpern des Tarnmannes schleicht sich ein. Ich muss weiter.

544 Schritte: Rast an der 1. Dellbrügge vor dem Grillotheater. 1892 wurde hier Lessings Minna von Barnhelm uraufgeführt. Momentan ist Spielpause. Links und rechts hängen Plakate an den Wänden. Eine Frau mit gekochten Spaghetti als Haarpracht und der Schriftzug “Mit Essen spielt man nicht” sind zu sehen. Die Kampagne soll zeigen, dass Kultur auch Lebensmittel ist. Mitten auf der 1. Dellbrügge steht ein älterer Mann. Er spielt Quetschkommode, laut, tanzt von einem Bein aufs andere. La Cucaracha (Die Kakerlake) singt er mit Herzblut und einem Lächeln unter dem schwarzen Schnauzbart. Die Musik ist sein täglich Brot. Die Leute laufen an ihm vorbei, Einkaufstaschen in den Händen, den Kopf nach vorn gerichtet, als hätten sie Kopfhörer auf, müssen zum Bahnhof. Ein Mann, der die Obdachlosenzeitung verkauft, bleibt vor ihm stehen. Sie verneigen sich voreinander. Er geht seines Weges in Richtung des Spaghetti-Plakats. Dass man mit Essen nicht spielt, weiß er. Plötzlich Stille. Kein La Cucaracha mehr. Er blickt aufs Handy und packt die Quetschkommode ein. Essen ist fertig.
Ich gehe weiter. Das Glockenspiel spielt Das Bergmannslied: “Glück auf Glück auf. Der Steiger kommt“. Ein metallenes Quietschen mischt sich in den Spieluhr-Klang. Es ist das Sicherheitstor vom Juwelier Deiter. Der damalige Geschäftsführer versteckte das Glockenspiel während des zweiten Weltkrieges erfolgreich vor den Nazis.

897 Schritte: Ich habe die Fährte verloren. Ein einzelnes Steinchen leuchtet auf dem Willy-Brandt-Platz. Ich laufe kreuz und quer über den Platz am Bahnhof und weiß jetzt wie Hänsel und Gretel sich fühlten, als ihre wegweisenden Brotkrumen von Vögeln gefressen wurden. Mein Blick fällt auf ein riesiges Banner. “Wir sind Kulturhauptstadt”. Das gibt Sicherheit. Einer von uns wird mir sicher helfen auf den rechten Pfad zu gelangen. Wie aus dem nichts taucht er auf. Das Lippert-Double samt Recorder. Es tut gut, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Er scheint unbeschadet durch die Montagsdemo getanzt zu sein und verkündet jetzt eine frohe Botschaft: die “Love Message” zu der sich Scooter, Fun-Factory, E-Rotic und andere Größen 1996 für einen guten Zweck vereinigt hatten. 2010 haben wir uns zusammen getan, um gemeinsam Kulturhauptstadt zu sein. “We are sending out a love message to the world, a love message to the world. Can you hear the message of love?” Die Musik weckt Erinnerungen. Ich schließe die Augen, sehe mich lässig an einem Auto-Scooter stehen. Ich rieche gebrannte Mandeln und Zuckerwatte, dann schales Bier. Ich öffne die Augen. Eine alte Frau schüttet neben mir eine PET-Flasche aus und packt sie in eine der prallen Lidl-Tüten am Fahrradlenker. Lippert kräht den Refrain mit und verschwindet hinter dem Handelshof, in dem einst ein kleiner Junge namens Heinz Rühmann ein und ausging. Die Familie Rühmann führte das Hotel zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.
Ich sehe blaues Licht. Es ist der Pfeil an der Rolltreppe zur U-Bahn. Ich fahre runter. Unten gibt es keine blauen Steine. Ich fahre wieder hoch.
Vor mir stehen Lippert und ein Mann auf dessen Jacke “Ordnungsamt” steht. Der Rekorder ist stumm. Der Ordnungsmann belehrt Lippert, der die Brille abgenommen hat, die schiefe Kappe aufbehält. Viele hätten es anders gemacht, wenn sie seriös wirken wollten, Lippert nicht. Einsichtig und tonlos tanzt er davon  Schritte wie Detlef D! Soost.
Es riecht nach Abgas. Unter der Brücke westlich vom Bahnhof nehme ich meine Fährte wieder auf. Exakt jeder zwölfte Schritt trifft einen blauen Stein.
Ein kleiner Junge steht mit seiner Oma an einer Haltestelle. Er liegt total im Trend des Kulturpfades, trägt Turnschuhe, die bei jedem Schritt blau aufleuchten. Nach Scooter, Heath Hunter und Lippert jetzt auch noch blinkende Sneaker  Der Kulturpfad ist voll Neunziger. Im Dunkeln der Unterführung will ich die Lichtquellen im Stein mal genauer anschauen, werde jetzt von drei Jugendlichen überholt. Einer von ihnen rotzt auf den Stein an dem ich stehe. Ich bin empört: “Was soll der Scheiß?” Die Jungs bleiben stehen: “Wieso?” Ich: “Wisst ihr eigentlich was das ist?” Sie: “Hä? Nö.” Ich: “Der Kulturpfad.” Sie: ”Ach, echt?” Ich: “Ja.” Der Rotzer kommt auf mich zu. “Wusst ich nich. Hier haste ne Kippe. Sorry!” Ich: “Schon gut“. “Wenn se dir nich schmeckt, brich den Filter ab, die hab ich aus Lloret, weißte?” Sie gehen weiter, auf den Pfaden der Kultur, und das Beste: Sie wissen es. Ich folge.

1301 Schritte: Bereits 19.36 Uhr. Vor mit bauen sie sich auf wie Riesen: RWE, Postbank, Evonik, VodaPhone, ThyssenKrupp. Bevor ich mich hindurch kämpfe, stelle ich mich ans Brückengeländer. Unter mir die A 40, der Ruhrschnellweg. Autos sausen unter mir her, auf ihrem eigenen Kulturpfad. Es dämmert. Ich zünde mir die Zigarette aus Lloret an. Der Wind weht stark, hier über der Autobahn. Qualm zieht in alle Richtungen. Hinter mir steht ein Denkmal für die Bergarbeiter der Stadt Essen. “Steile Lagerung” von Max Kratz: Bergmänner mit Grubenhelmen und -lichtern, eingepfercht in einem engen Stollen. Sie hacken in Kohle. Drahtige Körper, leere Blicke, rußige Lungen. “Freiheit” heißt es hier, wo Essens Skyline über allem wacht. Ich breche den Filter ab und rauche auf. Der Tipp war gut.
Vereinzelt kommen mir Menschen entgegen. Feierabendzeit. Männer mit Aktenkoffern im sicheren Griff. Sie tragen Mäntel  die Frauen Pumps: klackernde Absätze auf dem Bordstein zwischen den Wirtschaftsriesen. Alle gehen Richtung Bahnhof. Sie sind “Vorweggeher“. Das verraten die Plakate und Schilder vor dem RWE-Powergebäude. “Kultur elektrisiert” steht hier auf einem weiteren Plakat. Darauf zu sehen ist ein Künstler mit elektrisiertem Haar und Pinsel in der Hand. Ich schaue auf den Messer: 1374 Schritte Kultur habe ich hinter mir. In der Fensterscheibe prüfe ich meine Frisur: alles platt wie immer. Nix elektrisch. Weiter gehts. Ich warte bis das rote Licht der Ampel dem grünen weicht und folge den blauen Lichtern, in den Stadtgarten hinein. Da ist das Aalto-Theater. Der Verkehrslärm hinter mir verflacht. Die Bäume rauschen. Ich höre leise Musik. Es könnte ein Klavier sein.

1906 Schritte: Ich stehe vor einem erleuchteten Fenster. Im Kellerraum mit weißen Wänden und altem Teppich sitzt ein Mann. Von oben sehe ich sein lichtes Haar, vor ihm ein Notenständer, in seinen Händen Cello und Bogen. Er übt. Aus Angst beobachtet zu werden, bleibe ich nur kurz.

2300 Schritte: Ich setze mich auf einen Begrenzungsstein an der Philharmonie. Es ist dunkel. Ich höre Flugzeuge, schaue hoch, sehe sie nicht, tiefe Wolken am Himmel. Ein Karnickel hoppelt über den Kulturpfad. Ein junges Pärchen verlässt ihn, geht über die Wiese. Die Frau hat Sorge in Hundescheiße zu treten, doch der Mann kann sich durchsetzen. Wenn sie wüsste, dass Sekunden später eine Ratte hier vorbeihuscht  Sie würde das Gemecker einstellen und dankbar sein. Weiß sie aber nicht.
Ein Walker und eine Walkerin kommen, stapfen die Stufen vor der Philharmonie hinauf. “Da sind ja die drei Kollegen” Sie meinen die Statuen “Ganz große Geister” von Thomas Schütte. Baumhohe, Angst einflößende Wesen, zumindest jetzt im Dunkeln. Sie tragen Raumanzüge. Schwer zu sagen, ob sie in Tanzpose oder in Kampfhaltung dastehen. Die Sportler dehnen sich, lehnen an den dicken Beinen der Geister. “Wer sind hier die Geister?“ ist die aufklärerische Frage, die Schütte mit seiner Kunst stellt. Die Frau macht Gymnastik, der Mann zählt stets von 15 runter. Er ist ihr persönlicher Trainer. Jetzt macht sie “die Brücke”, er geht in die Hocke: Fünf Geister der großen Gesten in der Dunkelheit des Stadtgartens.
Er checkt jetzt ihren Puls, singt dabei “Listen to your heart” von Roxette. Sie lacht. Er erzählt von Felix Magath: “Wir können froh sein, dass der nicht Bundestrainer geworden ist. Der war nämlich erster Kandidat“, weiß er. “Aber so erfolglos, wie der gerade ist. Außerdem ist der eh nur n Schleifer.”  Muss er gerade sagen. Mein Hintern wird kalt. Ich stehe auf und geistere weiter auf den Pfaden der Kultur.
Immer mehr Bäume stehen am Rand des Weges. Die blauen Lichter leuchten den Pfad vor mir aus, hunderte Meter, wie die Landebahn am Flugplatz. Aber hier geht es hoch und runter, rechts und links. Alle elf Schritte ein Stein. Die Laternen am Rand leuchten orange, weißlich und gelb  die Glassteine im Boden alle im selben blau.

2665 Schritte: Es riecht nach Seehundbecken. Etwas steht am Wasser. Hüfthoch. Dahinter die rauschende Fontäne. Ich zünde mein Feuerzeug an. Ein bärtiger Kopf blickt mich an. Er gehört H.J. Stefen: Stadtgartendirektor 1883 bis 1907. Stefen erweiterte den Park 1888, als dieser den Besuchermassen nicht mehr genügte. Die Basis für den Stadtgarten entstand 1863: Bürger gründeten die “Essener Gemeinnützige Aktiengesellschaft”. Zu dieser Zeit sehnten sie sich nach einem exklusiven Volksgarten, der Wohlstand demonstrieren und zu gesellschaftlicher Anerkennung führen sollte. Unbemerkt hat sich ein Mann hinter mir auf die Bank gesetzt. Das Licht einer Laterne bescheint den Tetrapack Wein zu seinen Füßen. Gesellschaftliche Anerkennung sucht er hier nicht. Er holt Holz-Stäbchen aus seiner Cord-Jacke, isst Sushi. Ich wünsche guten Appetit. Er bedankt sich. Zufriedene Erschöpfung liegt in seiner Stimme. “Das tut nach der Arbeit immer ganz gut.” Mein Magen knurrt. Auch wenn Kultur Lebensmittel sein soll  ich hätte jetzt gerne ein Brot.

3135 Schritte: Am Ende des Stadtgartens steht ein Wegweiser. Je näher ich dem Folkwang komme, desto gewissenhafter scheint der Weg gewiesen zu werden.
Der Bürgersteig an der Rüttenscheider Straße ist menschenleer. Meine Nase beginnt zu laufen. Es ist kalt geworden.

3581 Schritte: Ich kann das Folkwang sehen. Der kastenartige Komplex wirkt von außen steril. Davor stehen in regelmäßigen Abständen junge Bäume. Das Ganze sieht aus, wie ein Modell in einem Architekturbüro. Ich muss nur noch über die neue Fußgängerbrücke mit ihrem blauen Geländer. Mich beschleicht ein euphorisches Gefühl. Ich wähne mich am Ziel, sehe das Kulturwissenschaftliche Institut, so steht es am Gebäude am Ende der Brücke.

3783 Schritte: Ich stehe wieder auf dem Boden und sehe, dass es weiter geht: Überall blaue Steinchen. Ich laufe einmal um das gefeierte Museum Folkwang. So akkurat und klar seine graue Fassade, so glatt ist auch die Rasenfläche umher gestutzt. So sieht Kulturrasen aus. Vielleicht ist es auch die elektrisierende Wirkung der herausragenden Gemäldesammlung drinnen, die seine Halme streng nach oben zieht. Innen läuft gerade die Sonder-Ausstellung “A star is Born  Fotografie und Rock seit Elvis“. Hieße es “Fotografie und Disco seit Dr. Alban” würde vielleicht auch Lippert kommen. Ich folge der Goethestraße bergab.

4794 Schritte: Montag 20. September im Jahre der Kulturhauptstadt Essen, 20.31 Uhr. Ich stehe auf dem letzten Stein des Kulturpfades  am Ziel.
Vor mir der mächtige neoromanische Bau der Erlöserkirche. Außer ein paar Autos, die vorbei fahren ist hier niemand. Sie ragt in den Himmel, ich bin ein kleiner Punkt auf dem Pflaster. Wir sind beide da.
“Klack”, setze ich den Schrittzähler auf Null.

Gute Gründe für den Glauben

Christuskirchen Foto: Ayla Wessel/Kulturagentür

Aller Aufwand erwies sich letztlich als vergebene Liebesmüh: die groß angelegte Langzeit- und Querschnittsstudie konnte die Existenz Gottes nicht beweisen. Von unserem Gastautor Werner Jurga.

Auch für ein Leben nach dem Tode konnte kein zweifelsfreier Nachweis erbracht werden. Zahlreiche Indizien ergaben sich jedoch zur Stützung der Hypothese von der Reinkarnation. Die vielen Zeugnisse deuten jedoch darauf hin, dass ausschließlich Menschen höherer Stände in den Genuss einer Wiedergeburt kommen, während für Angehörige des Fußvolkes mit dem letzten Atemzug definitiv Feierabend zu sein scheint. So konnten viele Interviewpartner davon berichten, im Vorleben Kaiser, König, Prinzessin oder Courtisane gewesen zu sein, wohingegen das Forscherteam auf der Suche nach ehemaligen Stallknechten, Waschfrauen oder an von einer Kinderkrankheit hinweg gerafften Straßenkindern nicht fündig geworden ist.

„Ich denke, also bin ich“. Wie kein anderer Satz markiert eben dieser den Beginn der Aufklärung. „Cogito ergo sum” – das war der Beweis. Ergo: das Cogito war der Beweis für das Sum. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Diesem Satz folgt ein seitenlanges Traktat Descartes´, mit dem der Universalgelehrte beabsichtigte, die Existenz Gottes zu beweisen. Diese Absicht ging gründlich in die Hose, die ganze Schrift ist nicht weiter erwähnenswert, ein einziger Unfug. Okay, auch ein Descartes hat mal seine schlechten Tage. Wie wir alle, wenn wir uns Dinge vornehmen, die nicht menschenmöglich sind. Wenn man Gott wäre, vielleicht … – so aber, als Normalsterblicher kann das einfach nicht gut gehen: die Existenz Gottes beweisen. Mal ehrlich: wenn Sie Gott wären, würden Sie dann einer von Ihnen geschaffenen Kreatur erlauben, Ihr Dasein wissenschaftlich zu beweisen?! Na also!

Descartes´ Gottesbeweis: einfach lächerlich. Aber egal: der erste Satz war der Bringer. „Ich denke, also bin ich“ kennt jeder, ein echter Hit. Evergreen. Etwas idealistisch, zugegeben. „Ich bin, also denke ich“ wäre mir plausibler vorgekommen. Aber wir sind halt alle Kinder unserer Zeit. Wir sind aufgeklärt, meinen wir. Descartes leitete die Epoche der Aufklärung ein. Klar: wenn man schon meint, die Existenz Gottes beweisen zu müssen, ist es um selbige schlecht bestellt. Nicht nur, dass man bis dato davon ausgegangen ist, dass sie sich von selbst verstehe. Sondern auch die von Descartes vermutlich nicht bedachte Implikation: heute beweist einer, dass es Gott gibt. Morgen kommt der nächste und beweist das Gegenteil. Übermorgen stellt jemand fest, dass Gott eine Frau ist. Armer Gott!

Nach dem gegenwärtig allgemein anerkannten Schöpfungsmythos stellt ein Urknall den Anfang aller Dinge dar. Gegenüber dem lieben Gott hat die Theorie des Urknalls den unbestreitbaren Vorteil, dass sie zu beweisen ist. Und tatsächlich: sie ist bewiesen. Es hat nachweislich geknallt. Man kann heute noch, wenn man entsprechende Instrumente zur Hand hat, das Rauschen hören. Damit ist die Angelegenheit empirisch belegt. Auch theoretisch erweist sich der Urknall als gut belastbar. Zumindest für die Phase vom Knall bis heute, die Zeit davor – so haben es die Physiker festgelegt – ist „nicht definiert“. „Nicht definiert“, Ende, Aus. Tja, es ist schon geil, wenn man die Definitionsmacht hat.

Fest steht: es hat urig geknallt. Wir wissen halt bloß noch nicht, wo und vor allem warum. Es knallt ja nicht einfach so; es muss doch einen Grund geben, warum es „auf einmal“ so – ich möchte fast sagen: nachhaltig – geknallt hat. Da Sie mir ohnehin nicht glauben würden, wenn ich behauptete, dass es daran gelegen habe, dass der liebe Gott gerade mit Streichhölzern gespielt habe, schlage ich vor, wir einigen uns darauf, dass kein metaphysischer, sondern ein ganz „natürlicher“, also physischer Grund für den Big Bang vorliegen dürfte. In Kürze werden die Physiker auch dieses Rätsel entschlüsselt haben.

Damit wäre dann wirklich das letzte Rätsel entschlüsselt, wenn wir davon absehen, dass es freilich auch für den Auslöser des Urknalls eine Ursache geben muss. Und auch dafür wieder einen Auslöser, eine Ursache, einen Grund. Und so weiter und so fort. Ein Regressum ad infinitum. Unendlichkeit am Anfang, sprich: Anfangslosigkeit. Beweist dies irgendetwas? – Ja. Die Welt / das Universum ist prinzipiell erkennbar, und wir werden die Welt letztlich nicht erkennen können. Denn jede beantwortete Frage wird eine Reihe neuer Fragen auf. Lenin hat Recht, der liebe Gott aber auch. Auch der kritische Rationalist, der sich jenseits leninistischer Ideologen und verbohrter Moraltheologen wähnt, muss damit irgendwie zurecht kommen.

Was bleibt, ist die Ethik. Aber wo kommt die nun wieder her? Fest steht, dass diejenigen, die sich schwerer Verstöße gegen die Ethik schuldig gemacht haben, keinen Monopolanspruch auf Ethik erheben können. Damit sind wir aber bei der Beantwortung der Frage, wo denn wohl die Ethik herkomme, keinen Schritt weiter. Ethik aus einer dem Menschen vermeintlich innewohnenden Vernunft herzuleiten, erscheint abwegig. Einerseits sind Geschichte und Gegenwart voll von Beispielen unethischen – insofern also unvernünftigen – Verhaltens. Zweitens könnte ich etliche Beispiele dafür anführen, dass das – ethisch kaum vertretbare – Ausschalten unliebsamer Konkurrenten ein hohes Maß an Rationalität aufweist. Wer an die Allmacht der Vernunft glaubt, braucht kein Strafgesetzbuch.

Die eingangs erwähnte, groß angelegte Langzeit- und Querschnittsstudie über die Religiosität ist nicht völlig ergebnisfrei abgeschlossen worden. Vielmehr konnte sie nachweisen, dass Menschen, die an Gott glauben, zufriedener, gesünder und auch – am einfachsten zu quantifizieren – länger leben. Ein, wie ich finde, guter Grund, an Gott zu glauben. Das Blöde ist: die Sache funktioniert nur, wenn man auch wirklich an Gott glaubt, und nicht einfach nur so tut, als ob. Man weiß nicht warum. Ob es daran liegt, dass der liebe Gott alles sieht? Oder an bislang unerforschten psycho-neuro-immunologischen Abläufen? Wie gesagt: man weiß es nicht. Dennoch: man muss wirklich glauben und nicht nur so tun, als ob. Scheiße! Wie soll man das denn bloß machen. Das scheint mir ja ein ganz schönes Arschloch zu sein, dieser Gott.

Gute Nachbarschaft

Vor knapp drei Jahren bin ich in ein kleines Appartement in einer netten Gegend gezogen. Ich genoss die Ruhe und den schönen Garten. Wie oft habe ich draußen die Stille des Abends genossen. Von unserer Gastautorin Nina Ryschawy.

Aber zu mir: Ich bin 32 Jahre alt und habe einen Abschluss in Geschichte, Sozialpsychologie und –anthropologie gemacht. Lange Zeit habe ich gedacht, ich könnte mit dem zweiten Teil meines Studiums, besonders mit der Anthropologie, nicht viel anfangen. Und dann geschah das Unvorstellbare.

Ich muss aufgrund der Geschehnisse eine neue paläoanthropologische These aufstellen, die so bahnbrechend wir unglaublich ist. Nach nun etwa zwei Jahren intensiver wie teilweise unfreiwilliger Feldforschung kann ich sie erheben. Die Wissenschaft wird sich auf den Kopf stellen.

Der homo neanderthalensis ist nicht etwa, wie man bisher glaubte, einfach ausgestorben. Er hat sich auch nicht, wie manche Theorien sagen, mit dem homo sapiens vermischt. Nein, er muss sich irgendwo, an einem abgeschiedenen Platz über lange Zeit doch so weit entwickelt haben, dass er sich gerade so an die ihn heute umgebenden Bedingungen angepasst hat.

Und dann ist er nebenan eingezogen.

Eine Gruppe des homo neanderthalensis von variierend fünf bis sieben Individuen. Nur ein ausgewachsenes Individuum ist weiblich.

Beschauen wir noch einmal die gängigen Theorien und vergleichen sie mit den von mir gemachten Beobachtungen aus dem Fenster des zweiten Stock unseres Hauses.

Bezüglich des Körperbaus lassen sich fast keine Unterschiede zu den bisher bekannten Theorien feststellen. Sie sind alle relativ klein, wirken gedrungen und sind muskulös. Die Hände sind zu einem Präzisionsgriff fähig, was ich immer wieder beobachten konnte, wenn eines der Individuen nach einer Bierflasche griff. Während die männlichen Individuen der Gruppe die bekannte Schädelform aufweisen (dominanter Kiefer und Überbaugeschwülste), wirken die weiblichen eher zierlich. Alle weisen einen kräftigen Kauapparat auf.

Zum Thema Sprache muss ich die bisherige Theorie an dieser Stelle fortführen. Wir wissen, dass man in den 1980ern das Zungenbein eines Neandertalers fand, womit die anatomischen  Voraussetzungen zur Sprache gegeben sind. Die Isolierung des FOXP2-Gens bei einem anderen Fund, weist ebenso auf die Fähigkeit zur Sprache hin, denn das Gen wird für die Entwicklung der Sprache als bedeutend erachtet. Bisher konnte man jedoch keine triftigen Beweise für Sprache bei den Neandertalern finden. Ich habe sie. Sie verständigen sich in einer äußerst simplen und verkürzten Sprache, die zwar minimale Grundzüge der Sprache des homo sapiens aufweist, aber dennoch nicht zu vergleichen ist.

Die männlichen Individuen verständigen sich durch relativ einfache, allgemeine Grunzlaute und Worte. „Bier, Schlafen, Essen, Nein, Ja, Ey Alter“, sind von mir schon gehört und aufgezeichnet worden.  Die Sprache des weiblichen Individuums ist beschränkter als die der männlichen. Sie gibt auch keine Grunzlaute von sich, sondern eher ein Gekreisch, das noch immer an den Menschenaffen erinnert. Bisher gehört wurden Laute wie: „Chantal, Kiki, Essen, Nein, Schluss.“

Währen die männlichen Individuen eine einfache Vorstufe von Kleidung tragen, stellt das weibliche Individuum seine Vorzüge offen zur Schau. Damit folgt sie wohl einem angeborenen Locktrieb. Die Gruppe scheint sich aus Gründen des Überlebens und der Fortpflanzung zusammengeschlossen zu haben.  Das Sexualverhalten variiert in der Gruppe, Monogamie scheint es nicht zu geben. Außerdem werden sexuelle Handlungen  recht offensichtlich und öffentlich durchgeführt.

Die männlichen Individuen sind für das Beschaffen von Nahrung verantwortlich, die sie täglich auf einem offenen Feuer innerhalb ihres Territoriums zubereiten. Hauptsächlich nehmen sie Fleisch zu sich. Ihr angestammtes Territorium verlassen sie nur zum Sammeln und Jagen. Das weibliche Individuum ist mit der Aufzucht der Kinder beschäftigt.

Kommen wir zu kultischen Handlungen, die oft zu beobachten waren. Die Männchen sind bereits ab Mittag auf dem Territorium sichtbar, während das weibliche Individuum immer erst später mit der Nachkommenschaft hinzukommt. Es wird gekreischt und gegrunzt und eine Mange Alkohol konsumiert. Das schätze ich als eine kultische Handlung ein. Es ist bekannt dass bei den Neandertalern eine Vorstufe der Emergenz von Religion vorhanden war. Und der Alkoholkonsum ist für mich eine Huldigung der Ahnen, die wahrscheinlich auch immer blau waren. Sobald die Sonne untergeht, wird noch mehr Alkohol konsumiert und das verbale Verhalten lauter. Das lässt auf eine Angst vor der Dunkelheit schließen, gegen die sie sich wappnen und die sie außerdem mit Gekreisch und Gegrunze zu vertreiben suchen. Damit haben sie, wie der homo sapiens weiß, keinen Erfolg und ziehen sich dann in ihre Höhlen zurück.

Erstaunlicher Weise gibt es einige schüchterne Versuche ihrerseits, Kontakt zur Gattung des homo sapiens aufzunehmen, was aber immer wieder an den doch sehr großen Unterschieden scheitert.

Nun gut, ich werde weiterhin meine Feldforschung betreiben, mich vielleicht noch genauer mit den kultischen Handlungen beschäftigen und dann ein Buch oder Filmsequenzen herausbringen. Dank meiner Nachbarn hat mein Studium also doch einen Sinn gehabt. Aber wer hat schon das Glück solche Nachbarn zu haben?

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Politisches Marketing: Ruhr.2010, Duisburg, Loveparade

Loveparade 2010

Marketing ist alles. Auch dann, wenn das angepriesene Produkt gar nicht vorweisbar ist? Von unserem Gastautor Reinhard Matern.

Typische Metropolen wie New York, London, Paris haben nicht nur viele Einwohner, sie ziehen nicht bloß Wirtschaft, Kultur und Touristen an. Die Städte wurden und werden auch gestaltet. Metropolen waren und sind eigenständige politische Räume. Als Metropoleregion gelten hingegen Verflechtungsgebiete mit wenigstens einer Metropole. Typische Beispiele für solche Regionen sind Tokyo-Yokohama, Berlin-Brandenburg. Im Ruhrgebiet ist man auf die Idee gekommen, dass es auch anders geht. Im Vorfeld und Rahmen der Events zur europäischen Kulturhauptstadt ist aus dem Ballungsraum eine Metropole geworden, die auch ohne eigenständigen politischen Raum auskommt.

Dem Vorgehen stehen Defizite gegenüber, die dem Bemühen diametral entgegenstehen. Das Ruhrgebiet war in der Zeit von Kohle und Stahl eine hochgradig politisierte Region. Die Mitgliedschaft und das Engagement in einer Partei, nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend in der SPD, gehörte zum Alltag der Menschen. Die Einflussmöglichkeiten reichten jedoch nur bis zu den jeweiligen Stadt- und Gemeindegrenzen. Das Leben gestaltete sich primär im Ortsteil. Privater Hort war der Schrebergarten, die Laube. Die Region ist bis heute kein politischer Raum. Eine Identifikation mit dem Ruhrgebiet fehlt. Die Region ist drei verschiedenen Bezirksregierungen zugeordnet, die allesamt außerhalb des Ruhrgebiets liegen: in Düsseldorf, Münster und Arnsberg. Diese noch aus preussischer Zeit (1816) stammenden unterschiedlichen Zuständigkeiten haben eine Metropolenbildung wirksam unterbunden.

2003 formulierten acht Großstädte Ziele für eine Kooperation: im ‘Stadtregionalen Kontrakt’. Inzwischen gelten diese Ziele als Grundlage aller Städte und Gemeinden, die im Regionalverband Ruhr, dem Zweckverband der Kommunen, vertreten sind. Doch beschränken sich diese Vorgaben auf Flächenplanungen und ein Standortmarketing. Seit Herbst 2009 obliegt dem Zweckverband die Koordinierung der Flächennutzungspläne als hoheitliche Aufgabe. Für die Schaffung eines gemeinsamen Regierungsbezirks, obwohl seit den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts immer wieder darüber diskutiert wurde, war und ist bis heute keine Einigung aller Beteiligten zu erzielen. Die notwendige Verwaltungsreform beträfe nicht bloß die Region, sondern ganz Nordrhein-Westfalen. Ebenso gibt es derzeit keine Pläne, dem Regionalverband der Kommunen weitere hoheitliche Aufgaben der verschiedenen Bezirksregierungen zukommen zu lassen. Anstatt dem Ruhrgebiet die geeigneten Rahmenbedingungen bereitzustellen, um eine Entwicklung zur Metropole zu ermöglichen, eine, die dem gesamten Bundesland neue Impulse geben könnte, gefällt man sich darin, die Region faktisch als Provinz zu erhalten.

Die regionale Moibilität ist rückständig. Der Nahverkehr, der die überlasteten ‘Stadtautobahnen’ A40 und A42 wirksam entlasten könnte, lässt Fahrten innerhalb des Ruhrgebiets unter Umständen länger dauern als eine Zugfahrt nach Frankfurt. Jede Großstadt hat ihre eigene Verkehrsgesellschaft, die Fahrpläne sind schlecht abgestimmt, nicht bloß untereinander, auch mit der Deutschen Bahn. Der Nahverkehr befördert nur 11% des regionalen Personenverkehrs. In Berlin sind es gut 25%. Während der Vorbereitungen zum Jahr der Kulturhauptstadt, eingedenk der erhofften auswärtigen Besucher, sah man sich genötigt, übergangsweise den Eindruck von regionaler Mobiltät vermitteln zu müssen und investierte punktuell in den Nahverkehr. Eine Lösung des strukturellen Problems sähe anders aus. Die zur Verfügung stehenden Verkehrsverbindungen werden den Einwohnern und der regional notwenigen wirtschaftlichen Entwicklung kaum gerecht.

Auch die Wirtschaftsförderung ist primär lokal angesiedelt. Seit 2007 ergänzt eine aus dem Zweckverband entstandene Einrichtung die separaten, in Konkurrenz ausgetragenen Bemühungen der Städte und Gemeinden. In dieser Kooperation hat man ‘Kompetenzfelder’ der ansässigen Wirtschaft ausgewählt, sowohl Branchen-Cluster als auch Branchen-Konzentrationen, um die Region im nationalen und internationalen Vergleich zu positionieren. Die Cluster Energie, Logistik und Chemie werden von der ansässigen Großindustrie dominiert. Die Gesundheitswirtschaft besteht primär aus den Kliniken in der Region, die in hoher Konzentration vorzufinden sind. Zusätzlich geförderte Zweige stehen überwiegend in einem direkten Zusammenhang mit den neu entstandenen Technologie- und Wissenschaftszentren. Mit diesem ‘Kompetenzfeldmarketing’ erhofft man sich den Ausbau von Clusterbildungen und ein weiteres Fortschreiten der Konzentrationen. Es ist schon einmal geschehen, dass sich die Wirtschaft im Ruhrgebiet zu sehr an den Großbetrieben orientiert hat. Der Mittelstand war schwach und einseitig auf die herrschende Kohle- und Stahlindustrie bezogen, wie in der ‘Regionalkunde’ des Verbandes betont wird. In einer politischen Diskussion hätte die Frage nach dem Mittelstand öffentlich aufgeworfen werden können und auch müssen.

Das Fehlen einer regionalen Politik hat jüngst zu einer kaum ermessbaren Katastrophe beigetragen. In Duisburg sind durch die Loveparade vom 24. Juli 2010 einundzwanzig Menschen zu Tode gekommen und über fünfhundert zum Teil schwer verletzt worden. Der Plan, die Loveparade im Jahr der europäischen Kulturhauptstadt und im Zusammenhang mit der Kampagne ‘Metropole Ruhr’ in Duisburg stattfinden zu lassen, hat zu einem Sicherheitskonzept geführt, das den ungeeigneten Bedingungen angepasst worden ist. Sowohl die Ruhr.2010 GmbH, Betreiber der Kampagne ‘Metropole Ruhr’, als auch die ehemalige Landesregierung haben auf eine Durchführung gedrungen. Für die Sicherheit zu sorgen, lag fraglos bei der Duisburger Genehmigungsbehörde und dem privaten Veranstalter: Diese Verantwortung ist ihnen nicht zu nehmen. Zu den Rahmenbedingungen der Loveparade gehörte jedoch auch ein von außen produziertes Drängen. Fritz Pleitgen sah sich als Geschäftführer der Ruhr.2010 GmbH veranlasst, seine moralische Mitschuld öffentlich (ZDF, 29.07.10) einzugestehen. Eine regionale Planung der Loveparade hätte völlig anders verlaufen können: Duisburg wäre aufgrund der ungeeigneten Bedingungen als Ausrichtungsort kaum in Betracht gezogen worden, unabhängig von einem lokal herrschenden Ehrgeiz. Alternativen hätte es in der Region gegeben.

Das Ruhrgebiet benötigt sowohl für die weitere Entwicklung als auch zur Vermeidung zukünftiger Katastrophen einen politischen Raum. Ohne ein gemeinsames politisches Planen und Gestalten würde die Region ein in sich zerrissener Ballungsraum bleiben, der den gestellten Aufgaben nicht gerecht wird. Die Frage nach einer Metropole ist hingegen nachrangig. Zwei Wege, eine regionale Politik betreiben zu können, sind bislang angedacht worden: 1. Eine Verwaltungreform, die das gesamte Bundesland beträfe, 2. die Überantwortung von Aufgaben und Ressourcen der verschiedenen Bezirksregierungen auf den Regionalverband. Der zweite Weg ist unter den derzeitigen Bedingungen leichter zu beschreiten. Auf diesem Weg wäre allerdings zu erörtern, ob die neu zu schaffende politische Institution nicht einer gesonderten politischen Legitimität durch die Bürger der Region bedarf. Als Kommunalverband besonderer Art wäre eine solche Möglichkeit durchaus gegeben. Das Versammlungsgremium des Regionalvebandes nennt sich bereits ‘Ruhrparlament’. Warum nicht ein echtes Parlament entstehen lassen?

Der Text ist aus der aktuellen Ausgabe des  politischen Kulturmagazins Gazette.


Singen mit Mina – Ein melancholischer Vokalkurs

 

„Was geht auf Deutsch, und was geht nicht?“ fragt sich Andreas Lichte. Ein Sprach- und Vokal-Kurs mit einem Lied von Mina.

Vokale geschrieben (fast!) wie gesungen, Text wörtlich übersetzt, Wortstellung wie im Italienischen:

 

Non Credere

Nicht glauben

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo,

Nein, Nein, Nein

No-oooo, non crederleeeeee

Nein, nicht glauben ihr

non gettare nel ventooooooo

nicht werfen in den Wind

in un solo momentoooooo

in einem einzigen Moment

quel che esiste fra noi-iii

das, was existiert zwischen uns

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo

Nein, Nein, nein

n-oooo ascoltamiiiiiiiii

nein, hör zu mir

tu per lei-ii sei un giocattolooooooo,

du für sie bist ein Spielzeug

il capriccio di un attimooooooo

die Laune von einem Augenblick

e per me sei sei la vi-itaaaaaa.

und für mich du bist das Leben

 

Se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

saprei soffrire ed anche morire

ich würde wissen leiden und auch sterben

pensando a teeeeeeeeee.

denkend an dich

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt, nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Noooooo, nooooooo, noooooooo,

Nein, Nein, Nein

No-oooo, non crederleeeeee

Nein, nicht glauben ihr

non gettare nel ventooooooo

nicht werfen in den Wind

in un solo momentoooooo

in einem einzigen Moment

quel che esiste fra noi-iii

das, was existiert zwischen uns

 

Se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

se lei ti amasse, i-iooooooo,

Wenn sie dich liebte, ich

saprei soffrire ed anche morire

ich würde wissen leiden und auch sterben

pensando a teeeeeeeeee.

denkend an dich

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt. nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Ma non ti ama, noooooooo,

Aber nicht dich sie liebt, nein

lei non ti ama, noooooooo,

sie nicht dich liebt. nein

ed io non voglio vederti morire,

und ich nicht will sehen dich sterben

morire per leiiiiii.

sterben für sie.

 

Abenteuer Ruhrpott – Ein Leben zwischen Orient und Okzident

Heute ist Mittwoch. Markttag. Der Tag in der Woche, an dem etwas mehr los ist, im Herz von Gelsenkirchen-Hassel. Man kommt zusammen, redet miteinander über wichtige und unwichtige Dinge des Lebens. Irgendwann dann, am Stand mit den Blumen, stehen sie neben mir. Frauen, eingehüllt in schwarze Tüchern. Zu sehen ist nur das blasse Gesicht, das aus den Tüchern herausschaut. Die Tücher sind der so genannte „Tschador“, der vor allen Dingen im Iran getragen wird. Von unserem Gastautor Malte Trösken.

Der Rest der muslimischen Frauen auf dem Markt trägt Kopftuch oder Hidschab. Der „Koran“ hat den Frauen Freiheit gebracht, sagen muslimische Männer und Frauen mir oft. Und dass muslimische Männer ihre Frauen ehren. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Seit 4 Jahren lebe ich hier im Gelsenkirchener Norden. Als ich hier hin zog,  glaubte ich zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ich war auch mal einer, der daran geglaubt hat, das „Multi-Kulti“ funktioniert und es hier ganz toll wird. Ein Ruhrpott-Abenteuer zwischen Orient und Okzident. Weit gefehlt.

In Hassel, im Norden von Gelsenkirchen, gibt es drei „offizielle“ Moscheen. Das urbane Leben hier ist sehr stark durch Muslime geprägt. Das ist seit vielen Jahren so. Aber seit zwei Jahren etwa verändert sich hier alles. Viele Geschäfte wurden geschlossen. Schon bald werden sie von muslimischen Geschäftsleuten übernommen. Dasselbe gilt für Häuser die frei werden, oder Wohnungen.

Die Grundstimmung in Hassel ist schlecht. Deswegen gehen viele Geschäftsleute, ziehen  weg. Denn auch hier gibt es Unterdrückungen seitens der türkischen Community gegenüber den Deutschen. Vor allen Dingen in den Schulen. Aber auch auf der Straße. Dort wird die Abneigung gegen Juden und auch Christen auch schon mal recht deutlich zum Ausdruck gebracht.

Wir alle in Hassel geben uns Mühe, über dieses Dinge hinweg zu sehen, aufeinander zu zugehen. Veranstalten interreligiöse Gottesdienste und Feste. Doch es funktioniert nicht. Veranstaltet der Stadtteil ein „Straßenfest“, bleiben die Muslime meist weg. Veranstalten diese wiederum ein Straßen bzw. Gemeindefest, bleiben die „Deutschen“ weg. Interreligiöse Gottesdienste weisen ein Ungleichgewicht auf, wenn viele Christen und wenige Muslime den Worten von Pfarrer und Imam lauschen.

Wie sollte es auch funktionieren, in einem Stadtteil in dem kleine Kinder täglich verschleiert in die Koranschule gehen. Später dann besuchen sie  einen Kindergarten, in dem sie größtenteils unter sich sind, wie, wieder später, in der Schule auch. Kontakt zu „Deutschen“ wird zwar, meist oberflächlich, gepflegt, aber eigentlich braucht man den nicht, wofür auch? Hier in den Geschäften gibt es alles, was man braucht und, man spricht türkisch oder arabisch. Auch wenn zumindest die Mitarbeiter deutsch sprechen können.

Als nichtmuslimische Frau ist es hier gar nicht ratsam, nach Einbruch der Dunkelheit allein über die Straße zu laufen. Es ist dann nicht mehr sicher, wie man so schön sagt.  Um nur mal ein Beispiel zu nennen, wenn meine Liebste mal allein abends vor die Tür geht, wird sie oft „angepöbelt“. Weil sie dunkle Haare hat, nennen muslimische Halbwüchsige sie „Sarah“.

Raubüberfälle. Einbrüche. Körperverletzungen. Meist steht in solchen Zeitungsmeldungen einen Hasseler Adresse. Tags und nachts geschieht so etwas. Wenn die Täter mal geschnappt werden, sind es meist Menschen mit Migrationshintergrund. Wenn es nur um die Kriminalstatistik geht, müsste jeder Polizist in Gelsenkirchen Pro-NRW recht geben, was sie in Teilen auch tun, nur halt nicht öffentlich! Viele junge Männer aus dem Stadtteil haben den Gerichtssaal mehr als einmal von innen gesehen. Und sei es nur, weil ältere gegenüber jüngeren körperliche Züchtigungen getätigt haben, um diese zu „erziehen“. Eine harte Hand, die hier an einigen Stellen völlig normal ist.

Was mich in letzter Zeit sehr stark bewegt ist, dass ich an mir selbst eine Veränderung festgestellt habe. Schleichend entwickelt sich eine Abneigung gegen diese Menschen, die unsere Grundrechte nicht achten. Und das, obwohl ich viele von denen mag. Aber ich stelle auch fest, dass sie einfach zu wenig tun, um gänzlich in unserer deutschen Gesellschaft aufgenommen zu werden. Und viele von ihnen wollen das auch gar nicht. Egal ob sie jetzt einen deutschen Pass haben oder nicht, sie sind und bleiben Türken, Araber oder Libanesen.

Das alles macht nachdenklich, traurig. Gerade wenn man sieht, wie die Stadt sehr viel Geld investiert um diese Situation zu ändern. Bei Gesprächen mit den Menschen, die denselben Hintergrund haben, aber es geschafft haben sich zu integrieren, ohne ihre eigene Identität zu verlieren, höre ich immer raus, dass die ihre eigenen  „Landsleute“ nicht verstehen. Eine sagte mal zu mir, dass sie schon versucht habe, über Gespräche etwas zu ändern, dass sie da nicht mehr rankommt. Denn sie sei schon zu westlich, zu „angepasst“, als dass diese Menschen auf sie hören würden.

Die momentan laufende „Integrationsdebatte“ interessiert hier viele nicht. Ich bin mir fast sicher, dass ein Thilo Sarrazin durch Hassel laufen könnte, ohne Probleme zu bekommen. Denn entweder wird er nicht erkannt, weil hier ohnehin keiner eine Zeitung liest. Und wenn, dann ist es „Hürriyet“. Oder den Migranten hier ist es einfach scheißegal, was der sagt. So egal, wie Pro-NRW, die können hier in den Straßen und auch direkt vor türkischen Läden ihre „Propaganda-Plakate“ aufhängen, ohne dass einer der Betroffenen reagiert, während wir für deren rechte auf die Straße gehen.

Überhaupt regen mich viele sehr scheinheilig geführte Diskussion zum Thema Islam ziemlich auf, denn schaut euch an, was da passiert.  Während man als Christ in Deutschland vielfach belächelt, ja sogar gegängelt wird, soll auf einmal alles Muslimische und der Koran „ganz toll“ sein und das Essen „halal“, also rein?  Und „wir“ haben die „Pflicht“, diese Menschen zu integrieren. Wir?

Wenn ich ins Ausland fahre, muss ich doch die Sitten und Gesetze des jeweiligen Landes achten. Und wenn ich dort leben möchte, umso mehr. Bevor jemand fragt, ja, ich war schon in der Türkei, in Tunesien oder Marokko. Abgesehen von Istanbul ist das alles nun mal arabisch/islamisch geprägt. Und jetzt sollen wir, weil einige nicht bereit sind sich anzupassen, ganze Stadtteile aufgeben? Also unsere Identität, die Deutsche oder meinetwegen auch Europäische, aufgeben, weil Deutschland ja ein „Einwanderungsland“ ist? Panislamismus im Kleinen  zulassen, im eigenen Land, nur damit Ruhe herrscht?

Das ist paradox. Diese  Menschen kommen ja vielfach gerade wegen dem, vermeintlichen, Reichtum hier hin, wegen der Demokratie und der Freiheit. Auch der der Religion. Ich erinnere mich an die Dokumentation  über eine Schule in Gelsenkirchen, in der eine junge Muslimin sagte „Wenn alle Deutschen für einen Tag verschwinden, das würde nicht auffallen“. Schön zu hören, wenn man für all seine Anstrengungen den entsprechenden Dank bekommt!

Und was sagt die Regierung dazu, natürlich dass „wir“ uns noch mehr anstrengen müssen. Dass „wir“ noch mehr Geld in integrative Projekte stecken müssen. Aber warum „wir“, warum nicht die Muslime, die dritte Säule des Islams, die Spenden, wäre doch zumindest mal eine finanzielle Quelle um all diese Projekte zu finanzieren, ein Ansatz?

Wohin eigentlich soll das führen, wenn die Formel hierzulande schon heißt „Christ =Pädophil“ und „Konservativ = Nazi“? Ich für meinen Teil bin weder rassistisch oder  islamophob noch fremdenfeindlich. Trotzdem ist es schon so weit gekommen, dass ich meine Meinung nicht laut aussprechen darf. Das ist, so traurig das klingt, gefährlich.

Ömer, ein guter Bekannter, lebt seit Anfang der 70’er Jahre in Deutschland. Ömer lebt seit vielen Jahren mit einer deutschen Frau zusammen. Die beiden haben zwei Kinder. Er kam mit dem Abitur in der Tasche, wollte damals eigentlich Lehramt studieren. Das ging aber in den 70’ern nicht. Er machte  eine Ausbildung zum Schlosser. Auf dem Pütt. Seit einigen Jahren ist Ömer selbstständig. Zum Thema „Integration“ hat er seine ganz eigene Meinung,  er sagt, dass diejenigen die die „Integration“ strikt verweigern, dieses Land auch wieder verlassen sollten. Er, als Türke, darf das sagen!

Grundsätzlich kann man sagen, dass früher tatsächlich alles besser war. Früher hatten wir noch die Kohle und Stahl Industrie. Deutsche, Italiener, Polen, Türken, Jugoslawen usw. arbeiteten zusammen „unter Tage“.  Sie waren aufeinander angewiesen. Zumindest unten, in der Grube. Da waren sie Kumpel. Auch im übertragenen Sinne. Jeder musste auf den anderen aufpassen, das hat die Menschen zusammengeschweißt. Mit dem Ende der großen Stahl und Kohleindustrie haben wir es verpasst, diesen Zusammenhalt auch weiter zu tragen und mit in die Zukunft zu nehmen. Die Zeit der Kumpel ist vorbei. Jetzt haben wir das Zeitalter des Nebeneinanders. Im besten Fall.

In sterbenden Stadteilen blieben meist die Türken, die muslimischen Mitbürger zurück, oft arbeitslos, oft hoffnungslos. Die Regierung hat jahrzehntelang dabei zugesehen, wie sich z.B. in Berlin Neukölln, Duisburg Marxloh oder halt Hassel eine Parallelgesellschaft entwickelt, die von deutschem Recht oder deutscher Kultur nur sehr wenig hält. Dazwischen leben nur noch Hartz IV Empfänger. Und die Alten. Die gehen nicht mehr. Die halten durch. Die geblieben sind, stammen oft selbst aus bildungsfernen Schichten. Das zumindest verbindet sie mit vielen Migranten. Kultur, das ist hier ein gutes Essen, der kleine Garten, die Religion. Intelektuelles Leben geht nur von ein paar wenigen Einrichtungen aus. Und deren Aktionsradius ist einfach begrenzt.

Jetzt sollen wir, also wir Bürger, gefälligst mal ein wenig toleranter sein und das kitten, was die Politiker in Jahrzehnten versaut haben. Weil sie weggeschaut haben. Weil sie die unangenehmen Diskussionen nicht führen wollten. Dabei sind sie heute noch viel schlimmer. Politische Extreme konnten sich nur ausbilden, weil die Probleme nicht auf den Tisch kamen. Der Protest der Menschen formierte sich in Gruppierungen wie Pro NRW.

Es wird nicht funktionieren, der echte Austausch, das sich befruchtende Miteinander. Da bin ich mir sicher. Ich selbst werde bald aus dem Hassel wegziehen. Nicht nur weil ich eine neue Bleibe brauche. Nein. Auch weil ich einfach Abstand brauche von diesem tollen multikulturellem Leben hier. Vom Schmelztiegel, der ein Pulverfass ist. Denn auf Dauer ist das einfach zu heiß.

Malte Trösken betreibt das Blog Hometown-Glory