„Dann kommt auch der Sandmann …“

Ein Beitrag von unserem Gastautor Andreas Lichte zur „Integrationsdebatte“.

 

„Dann kommt auch der Sandmann …“

und sofort ist da dieser Blick … der „Sandmann“?

„Hilfe! Wie soll ich Xinying das jetzt erklären? Natürlich ist der »Sandmann« in China unbekannt!“ denke ich, zu spät, das hätte mir auch vorher auffallen können.

„Der Sandmann ist eine Märchengestalt. Er bringt die Kinder zum Schlafen. Dazu streut er ihnen Sand in die Augen“, sage ich, und diesmal schaue ICH ungläubig, über meine eigenen Worte: „Sand in die Augen streuen, zum Einschlafen?“ Das ist doch Folter!

Und richtig, als ich es später bei wikipedia nachschaue, lese ich: „E.T.A. Hoffmanns Schauernovelle „Der Sandmann“ entwirft mit der Sandmanngestalt eine typische traditionelle Kinderschreckfigur, deren Auftreten Furcht und Schrecken verbreitet. Sie setzt den Sand als eine für die Augen gefährliche und verletzende Waffe ein.“

Das sage ich Xinying natürlich nicht. Zweifel unerwünscht. Ich möchte doch, dass Xinying „La Le Lu“ singt. Als Ausspracheübung. Und das kam so. Ich rufe Prof. Klaus Prange an, frage: „Wie bringe ich einer Chinesin Deutsch bei? Wie schaffe ich es, dass sie die Angst vor der Aussprache verliert, vor dem bösen »r«?“ „Da gibt es doch Bücher für Schauspieler …“ sagt der Pädagoge. „Grossartig! Eine Freundin ist Professorin an der Schauspielschule.“ Und da ist er, „Der kleine Hey. Die Kunst des Sprechens“. Aber: alles viel zu schwierig, bekomm’ ich ja kaum selber hin. Also alles wieder auf Anfang. Fangen wir doch mal mit etwas an, dass JEDER kann … ein Kinderlied, Wiegenlied?

Und nun hat Youtube wirklich VIELE Zugriffe. Das gefällt mir alles nicht. Das würde ich nie selber singen, mir nie selber glauben. Aber dann kommt Heinz Rühmanns grosser Auftritt: „La Le Lu“ … Heinz Rühmann, ausgerechnet, den fand ich früher immer doof.

Aber als ich mir die Begleitung für die Gitarre zusammenbastele, werde ich selber wieder zum Kind:

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

La Le Lu

vor dem Bettchen stehn zwei Schuh

und die sind genau so müde

gehn jetzt zur Ruh.

 

Dann kommt auch der Sandmann

leis tritt er ins Haus

sucht aus seinen Träumen

dir den schönsten aus.

 

La Le Lu

nur der Mann im Mond schaut zu

wenn die kleinen Babys schlafen

drum schlaf auch du.

 

Jetzt nicht lesen. Singen! Und dran glauben!

Ich weiss nicht, ob mir Xinying geglaubt hat, aber sie hat „La Le Lu“ gesungen. Und ich – ich –habe dazugelernt. Nicht nur, wer der Sandmann wirklich ist. 

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3 Kommentare

  1. #1 | Stefan Laurin sagt am 9. September 2010 um 10:37 Uhr

    Sehr schöner Text. Was soll ich sagen? Er hat mein Herz berührt.

  2. #2 | Andreas Lichte sagt am 24. November 2010 um 13:22 Uhr

    Wer statt Deutsch lieber Italienisch lernen möchte (sowieso viel schöner …):

    https://www.ruhrbarone.de/singen-mit-mina-ein-melancholischer-vokalkurs/

    „Singen mit Mina – Ein melancholischer Vokalkurs

    Was geht auf Deutsch, und was geht nicht? Fragt sich Gastautor Andreas Lichte. Ein Sprach- und Vokal-Kurs für Deutsche. Mit einem Lied von Mina (…)“

  3. #3 | „Die Menschen geben um jeden Preis für die Liebe auf“ | Ruhrbarone sagt am 16. Januar 2011 um 16:15 Uhr

    […] Xinying hat ein Gedicht gelesen. Unten ihre Inhaltsangabe der Legende, die im Gedicht erzählt wird. Wie heisst das Gedicht? […]

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