Dortmund: Klagen der Ehre wegen

Morgen wird die Dortmunder SPD-Fraktion die Liste der gegen Neuwahlen klagenden Genossen veröffentlichen. Danach geht es in die Fraktionsklausur.

Klar scheint zu sein, dass mehrere SPD-Ratsmitglieder gegen Neuwahlen klagen werden. Der Hauptgrund der meisten, die vor Gericht ziehen werden, ist die Rettung der sozialdemokratischen Ehre, denn die meisten der Klagenden haben wohl einen sicheren Direktwahlbezirk und müssen kaum um ihren Wiedereinzug in den Rat bangen. "Viele", so ein Dortmunder Sozialdemokrat zu den Ruhrbaronen, "sehen sich nicht als Wahlbetrüger und glauben auch nicht, dass eine Wahlwiederholung rechtlich in Ordnung ist. Das Wort "Ehre" fällt im Augenblick sehr oft, wenn es um die Frage der Klage gegen die Neuwahlen geht."

Aber der eigenwilliger Ehrbegriff ist nicht das einzige Motiv – bei einzelnen Ratsmitgliedern spielen auch taktische Überlegungen eine Rolle. Sie gehen davon aus, dass die SPD bei Neuwahlen ein noch schlechteres Ergebnis als im August erzielen würde. Schon im vergangenen Jahr fuhren die Genossen das schlechteste Ergebnis bei einer Kommunalwahl seit dem Krieg ein. Eine Machtverschiebung zu Lasten der SPD könnte zu einem längeren Verlust der Regierungsfähigkeit der Genossen in der Stadt führen – für Sozialdemokraten in der Tat keine angenehme Perspektive. Da ist die Verführung groß, auf ein mangelndes Gedächtnis der Wähler zu setzen und die Krise auszusitzen. Eine Milchmädchenrechnung.

 

Goosen und die Prilblumen: dat Ruhrgebiet im Färnsehn

Man kommt sich immer mehr so vor, als hätten die Europäische Union oder die Weltbank oder Abu Dhabi Millionen bereit gestellt, um Horden von Ethnologen (Volkskundlern) ins Ruhr2010gebiet zu schicken, die uns jetzt staunend entdecken und mal so richtig durchleuchten.

Das fühlt sich eigentlich ganz schön an, muss ich gestehen. An die Wertschätzung des neuen GEO Specials oder des ADAC Reisemagazins haben wir uns ja schon gewöhnt, und täglich filtern ja auch die Ruhrbarone Artikel aus fernen Städten und Ländern über uns heraus. Das ist oft lustig zu lesen, vor allem, weil die Autoren häufig Abtrünnige sind, die es hier nicht gepackt haben und dann nach Hamburg gehen mussten.

Nachdem nun auch die aktuelle ADAC Motorwelt ihre entsprechende Titelstory hat („Ruhr 2010: Revier der Ideen“) und in der ZEIT seit Wochen eine sehr lesenswerte Reihe mit tollen Ruhrgebietssagen auf der Kinderseite läuft (zuletzt: „Emscher Neck und Emscher Nixe“; zuvor u.a. „Der Barbarazweig“ oder „Der Raubritter Joost“, was mich an den Heimatkundeunterricht in meiner Volksschule in Bochum-Riemke erinnert, als wir vom Riesen auf dem Tippelsberg erfuhren), nach all diesen putzigen Annäherungs- und Wertschätzungsversuchen also ist leider die Woche fast wieder um, in der das ARD-Morgenmagazin seine Reporter auf uns hetzt und hier mal untern Teppich kuckt.

Heute morgen (aber da schlafen Ruhrbarone noch) ging es zu Frank Goosen nach Bochum. Der Mann ist nicht nur ein Töfften, der dicke Glatzenmann hat auch erheblich abgenommen, so viel, dass ich mir bei meinen eigenen Diätbemühungen bei diesem Anblick schon sage, dass ich es soo weit nun auch wieder nicht kommen lassen möchte. „Könnte glatt Skispringer werden“, flachste Sportmoderator Peter Großmann aus Dortmund-Bodelschwingh. Anyway, warum das Ganze wirklich witzig und mir zumindest neu war: Die eine Omma vom Goosen ist die „Omma Rathaus“, die offenbar früher eine Dienstwohnung im Rathaus bewohnte; Räume, die heute noch unverändert als Amtsstuben genutzt werden. Dass der kleine Frank in der Schule damit punkten konnte, dass seine Omma im Rathaus wohnte, kennt man aus seinen Geschichten; wie das aber da aussieht, lässt einem dat Härz aufgehen. Astreiner brauner Linoleumboden von Anfang der Siebziger (hatten wir in Dunkelgrün), im hellgelb gekachelten Badezimmer (heute der Kopierraum) noch die eigenhändig von Kinderhand angeklebten Prilblumen, und am Waschbecken sogar noch der orangefarbene Plastik-Rasiererhalter vom Oppa. Dazu die Omma am Tisch, die mit orginal Bochumer rauchiger Eckes-Edelkirsch-Stimme von früher erzählte. Herrlich, ich bin heute mit bester Laune und voller Stolz auf unseren Stamm vom Frühstückstisch aufgestanden. Danke, Frank!

Metropolenträume ausgeträumt

RUHR.2010 startet und Häme wäre eine angemessene Reaktion – meinen unsere Gastautoren von der AG Kritische Kulturhauptstadt Viele der geplanten Projekte werden angesichts der Finanzierungsprobleme der Kulturhauptstadt und leerer kommunaler Haushaltskassen nicht realisiert werden.

In Bochum untersagte die Bezirksregierung eine weitere Verschuldung der Stadt, mit der der Bau des geplanten Konzerthauses finanziert werden sollte. Stattdessen soll nun ein umfassendes Sparprogramm helfen, den Haushalt soweit zu sanieren um auch am Bau eines Konzerthauses festhalten zu können. Wie üblich soll dabei besonders im sozialen Bereich an öffentlicher Infrastruktur gespart werden, was zeigt, dass im Ruhrgebiet Kritik und Protest statt Häme auf der Tagesordnung stehen müsste.

Der „Strukturwandel“ zur Kulturhauptstadt wird genauso an der Mehrheit der BewohnerInnen des Ruhrgebiets vorbei gehen wie schon die Technologieparks der 80er und 90er Jahre. Und mehr noch: Die von der Deindustrialisierung zurückgelassenen Menschen spielen für einen „Wandel durch Kultur“ auch keine Rolle.

Die Kulturhauptstadt 2010 agiert mit einem ausgrenzenden und instrumentellen Kulturverständnis. Kultur dient in erster Linie als Werkzeug zur Wirtschaftsförderung, von der nur eine Minderheit profitieren wird. Die Entdeckung der Kreativwirtschaft als trendige Urbanisierungsmaschine, die gefördert werden muss, reduziert Kreativität auf eine Geschäftsidee.

Ein solches Verständnis von Kultur als Standortfaktor kann im Ruhrgebiet nur scheitern. Schadenfreude ist jedoch unangebracht, sondern eher Wut über die Ignoranz gegenüber einer sozialen Alltagskultur, die sich hinter dem Wortgeklingel der Kulturhauptstadt und ihrem bunten Bespaßungsprogramm versteckt.

Was aber könnte „Strukturwandel“ für das Ruhrgebiet jenseits von „Kreativwirtschaft“ und Kulturhauptstadtmarketing bedeuten? Die Suche nach möglichen Anworten sollte sich vom Zwang der unbedingten ökonomischen Verwertbarkeit lösen. Die Milliarden, mit denen das unvermeidliche Sterben des Bergbaus hinausgezögert wurde, hätten sinnvoller eingesetzt werden können.

Eine Basisforderung hat jedoch auch heute noch unbedingte Gültigkeit: Wenn öffentliche Gelder im Ruhrgebiet investiert werden, sollten sie den Menschen zugute kommen, die hier leben. Das bedeutet, dass kulturelle Infrastruktur in erster Linie soziale Infrastruktur sein muss. Dazu gehört die Entwicklung von Bildungsangeboten, die nicht selektieren, sondern fördern, ebenso wie die Finanzierung von Stadtteilzentren, ein schneller bezahlbarer öffentlicher Nahverkehr oder Schwimmbädern.

Denn wer hier lebt, weiß: Das Ruhrgebiet ist keine Metropole und die Kulturhauptstadt keine Chance, sondern ein leeres Versprechen. Daher fordern wir dazu auf, sich ins Kulturhauptstadtspektakel einzumischen, sich Räume zu nehmen und mit den eigenen Wünschen zu füllen, Unsichtbares sichtbar zu machen, Fragen zu stellen und mögliche Antworten zu diskutieren.

AG Kritische Kulturhauptstadt

zwanzig10: Bloggen über die Kulturhauptstadt

Jetzt startet Ruhr2010. Für ein Jahr ist das Ruhrgebiet die Kulturhauptstadt Europas – und wir sind mit dabei.

Wir – dass sind eine ganze Reihe von Blogs die heute zusammen das Portal Zwanzig10.de starten: Coffee And TV, die ständige Reise, Gelsenkirchen Blog, Hattingen Eins, KochplattentellerHometown-Glory, Nur mein Standpunkt, Scudetto, der Zebrastreifenblog und hirnrinde, der Pottblog und die Ruhrbarone.  

Auf Zwanzig10.de laufen ab jetzt unsere Texte zum Thema Kulturhauptstadt zusammen. Weitere Blogs sind eingeladen mitzumachen, egal ob aus dem Revier oder von sonstwo. Interessenten können sich unter mitmachen (at) zwanzig10.de melden.

Was auf der gemeinsamen Seite zu lesen sein wird? Hymnen über die Weisheit der Kulturhauptstadtmacher natürlich! Orgiastische Zustimmung zum Programm!  Lob über den klugen und gerechten Umgang mit den Finanzen! Und natürlich unsere Begeisterung über die sich nun auftuenden Perspektiven für unsere arme, gebeutelte Region, das einstige Rusland, in dem bis gestern der Schnee schwarz wie die Kohle und die Sonnen gelb wie Schwefel war.

Vielleicht wird es aber auch die eine oder andere kleine kritische Anmerkung geben: Über das Programm, den Umgang mit Geld und noch scheiternden Projekten. Ihr werdet es ja sehen – wir auch. Und wie freuen uns: Auf Euch und das gerade begonnene Jahr.

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet.

Ruhr2010: Überraschung – Winter im Januar….Der Westen

Ruhr2010 II: Ey – Kundschaft…Zeit

Ruhr2010 III: Arbeitskreis Kreativquartiere startet…Hometown Glory

Ruhr2010 IV: Köhler will Kälte trotzen…RP Online

Ruhr2010 V: Bochumer Besucherzentrum eröffnet im März…Ruhr Nachrichten

Ruhr2010 VI: Anmelden für A40-Party…RP Online

Iran: Wie das Regime das Netz gegen die Opposition nutzt…Netzpolitik

Dortmund: Der Phönix kämpft mit der Asche…Deutsche Welle

Dortmund II: Wieder Ärger um Haushalt…Ruhr Nachrichten

Duisburg: Philosophieren mit Richard David Precht…Der Westen

Gelsenkirchen: Der Pro-Nachwuchs und das Reich…Indymedia

 Gelsenkirchen II: Lofts in alter Zeche…Der Westen

Wirtschaft: Virtueller Börsenboon?…Weissgarnix

Sicherheit: iNacktscanner…FIXMBR

Bildung: "Liebe NRW School of Governance"…Prospero

DSDS: Wenn das Ziel keinen Wert hat…Gelsenkirchen Blog

 

 

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet.

VRR: 30 Jahre und kein Grund zu feiern…Der Westen

NRW: Rüttgers warnt vor Verlust der Mehrheit…RP Online

NRW II: So rechnen sich CDU-MdLs arm…Der Westen

NRW III: SPD rüttelt an Solidarpakt…Spiegel

Finanzen: Unruhen in den Städten?…Der Westen

Dortmund: Das Ende einer Hochburg…Welt

Ruhr2010: Feiern in der Kälte…Zeit

Ruhr2010 II: Kurz vor dem Start…Hometown Glory

Ruhr2010 III: Wohin? Und mit wem?…Muschelschubserin

Ruhr2010 IV: Kulturauptstadt twittert…Pottblog

Mieten: …sinken…Halterner Zeitung

Medien: Club der toten Dichter…Mediaclinique

Medien II: "Ich bin printo-phil"…Zoom

Hilfe: Sternsinger singen für Commerzbänker…Frontmotor

Darwin Awards: Wenn Dummheit versehentlich tödlich endet…Welt

Gelsenkirchen: Ab in die Mitte…Gelsenkirchen Blog

SPD-Sammelklage gegen Neuwahl in Dortmund?

Noch bis Mitte Januar können Ratsmitglieder und Bezirksvertreter in Dortmund Klage gegen die Neuwahlen einreichen.

Ein paar Bezirksvertreter haben schon klar gestellt, gegen die Neuwahlen klagen zu wollen, aber nun gibt es Hinweise, dass eine größerer Zahl von SPD-Ratsmitgliedern  dabei ist, eine Sammelklage zu organisieren. "In den letzten Tagen haben sich viele Sozialdemokraten aus Dortmund auf den Weg nach Essen gemacht, um sich bei der Kanzlei Heinemann & Partner über ihre Klagemöglichkeiten informieren zu lassen," so ein Kenner der Dortmunder Lokalpolitik zu den Ruhrbaronen. Die Kanzlei, die vom ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann (SPD) gegründet wurde und als SPD-nah gilt, erklärte auf Anfrage, man beantworte Fragen zu Mandanten grundsätzlich nicht.

Würden SPD-Ratsfrakionsmitglieder gegen die Neuwahl klagen, wäre das eine weitere Bürde für den SPD-OB Kandidaten Sierau und SPD-Chef Drabig. Der von beiden erklärte Politikwechsel hin zu mehr Transparenz würde ein weiteres Mal von SPD-Fraktionsmitgiedern konterkarriert werden.     

Exklusiv: Was das iTablet alles kann

Am 26. oder 27. Januar wird Apple im Yerba Buena Center in San Francisco das neue iTbalet vorstellen, das natürlich auch iBook oder ISlate heißen könnte. Uns gelang vorab ein Blick in die Geheimpläne Apples – das Leben der Apfeljünger wird sich verändern.

Foto: Adam Benton – www.kromekat.com

 Das iTablet wird die Welt verändern – und das Leben zahlreicher Apple-Kunden, denn was der Computerpionier aus Cuppertino in San Franzisco vorstellen wird ist ein revolutionäres Gerät. Das liegt nicht nur an dem Fehlen der Tastatur, ohne es ja kein Tablet-Mac wäre, sondern an den unterschiedlichsten Apps, die das iTablet einzigartig machen und – wieder einmal – die Industrie verändern werden.

Cloud-Computing ist natürlich auch für Apple ein großes Thema – Textverarbeitung exklusiv mit einer speziellen iWorks-Version, die nur über einen zusätzlich zu bezahlenen MobilMe-Account funktionieren wird, ist ein selbstverstänbliches Feature. Aber Apple wird in neue Dimensionen vordringen – Stichwort Cloud-Cash: Die Nutzer stellen Apple ihr Konto zur Verfügung  und können so sicher gehen, dass sie kein neues Gerät verpassen: Apple wird automatisch abbuchen und die Geräte verschicken. "Steve möchte nicht, dass die Menschen weiterhin unglücklich sind, weil sie sich zu spät den neuesten iPod gekauft haben und in ihrem Freundeskreis als Looser stigmatisiert werden", so ein initimer Apple-Kenner zu den Ruhrbaronen.

Auch um die Gesundheit seiner Kunden ist Apple besorgt –  und ergfreift beherzt die Initiative: Nachdem Raucher-Rechner nicht mehr zur Reparatur angenommen werden, geht man beim iTablet einen Schritt weiter: Ein spezieller Sensor erkennt wenn der Benutzer sich eine Zigarette ansteckt. Das iTablet fährt dann automatisch runter – vorher wird der Tabakjunkie aber noch von Steve Jobs mittels einem kleinem Video an die Gefahren des Rauchens erinnert.

Da Apple das iTablet weltweit erfolgreich vermarkten will, hat es in vertrauensvoller Zusammenarbeit – Vorbild Google – mit lokalen Behörden in die Textverarbeitung ein Modul integriert, dass das Schreiben nicht gern gesehener Texte verhindert. Wer in China beispielsweise versucht "Demokratiebewegung" zu schreiben oder in Saudi Arabien "Bikini" wird mit beruhigen feststellen, dass ihn Apple daran hindert, Ärger zu bekommen. Auch das Zeichnen von Mohammed- oder Steve Jobs-Karikaturen wird mit dem iTablet nicht möglich sein. "Apple respektiert die kulturelle Vielfalt auf unserem Planeten", wurde uns unter dem Siegel der Verschwiegenheit erklärt.

Es gibt also viele gute Gründe sich auf den 26. oder 27. Januar zu freuen – Apple wird den Planeten rocken!

 

 

 

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Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet.

Opel: Sanierungskozept am 15. Januar?…Der Westen

Ruhr2010: TV-Gala in Gelsenkirchen…Gelsenkirchen Blog

Stadion: Bauen RWE und RWO gemeinsam?…Der Westen

Ruhr2010 II: Tim Isfort Orchester…RP Online

Ruhr2010 III: Vom Kohlenpott zum Kulturrevier…Freie Presse

Online: Weltweit mehr Internetzensur…Netzpolitik

Unis: Akademisere…Muschelschubserin

Gesundheitscampus: Gestaltungswettbwerb startet…Ruhr Nachrichten

Film: Steampunk Kurzfilm Festival in Second Life…Kueperpunk

Ruhr2010 IV: Auf Kohle folgt Kultur…Deutsch Welle

Ruhr2010 V: Duisburger Kulturdezernent fordert Nachhaltigkeit…Der Westen

Rap: Lak was willst du machen…Hometown Glory

Google Wave: Kein Ersatz für Wiki…Patje

 

„Immer wieder Rückfälle ins Kirchturmsdenken“

Die Zusammenarbeit der StädteRegion Aachen gilt in NRW als Vorbild für die Zusammenarbeit von Städten. Wir sprachen mit Gisela Nacken, der Beigeordnete für Umwelt und Verkehr der Stadt Aachen über die Kooperation der Städte.

Wieso haben sich Aachen und seine Nachbarstädte zur StädteRegion Aachen zusammen geschlossen?
 
Bei Stadt und Kreis Aachen handelt es sich um die typische Situation eines Oberzentrums mit einem Mantelkreis. Umwelt- und Verkehrsprobleme machen an diesen Verwaltungsgrenzen nicht Halt und auch Fragen wie die Ausweisung von Flächen für Einzelhandel, Gewerbe oder Wohnen regelt man sinnvoller Weise für rund 500.000 Menschen (Stadt Aachen rund 250.000 Einwohner, Kreis Aachen 270.000) gemeinsam und nicht in Konkurrenz. Das ist sogar ökonomisch effizienter. Damit hatten wir bereits Erfahrungen gesammelt: ein gemeinsames Straßenverkehrsamt in der Trägerschaft eines Zweckverbands.
In Aachen kommt die Besonderheit der Grenzlage dazu. Früher haben die Kommunen auf deutscher, niederländischer und belgischer Seite eher mit dem Rücken zueinander gestanden. Heute haben sie begriffen, dass sie die negativen Auswirkungen ihrer nationalen Randlage besser gemeinsam meistern können. Eine solche Zusammenarbeit funktioniert aber nur zwischen demokratisch legitimierten größeren Enheiten und nicht mit den vielen einzelnen Kommunen im Grenzraum. Das ist zu aufwendig und langsam, wenn in rund 20 Kommunalparlamenten über Projekte und Themen abgestimmt werden muß.   

Welche Aufgaben werden gemeinsam erledigt, welche Kompetenzen liegen noch bei den Städten?
 
Gemeinsam erledigt werden alle Aufgaben, die der Kreis bisher schon per Kreisordnung für seine kreisangehörigen Kommunen übernommen hatte: Sozial-, Gesundheits-, Ausländeramt, Verbraucherschutz, Straßenverkehrsamt und Tourismus, Kataster- und Vermessungsamt, Wohnraumförderung und regionales Bildungsbüro. Der Rest liegt bei den Städten.
Fast noch wichtiger sind uns aber die Aufgaben, die wir zusammen freiwillig angehen. Die Landesregierung hat unserem Wunsch nicht entsprochen, der Städteregion auch die Kompetenz für die Regionalentwicklung zu geben. Daher haben wir erfolgreich ein Einzelhandelskonzept entwickelt und in allen Räten beschlossen und gehen diesen Weg nun auch mit Gewerbeflächenausweisungen und im Verkehrsbereich mit einem gemeinsamen Verkehrsmodell. Sinnvoll wäre auch ein Wohnflächenkonzept udn last but not least eine gemeinsame Wirtschaftsförderung. Damit könnten Konkurrenzen zwischen den Kommunen vermieden und Flächen sinnvoll und sparsam entwickelt werden. Auch ein regionales Klimaschutzkonezpt ist in Arbeit.

Haben die Kommunen keine Angst ihre Eigenständigkeit zu verlieren?
 

Doch natürlich. Und es gibt immer wieder Rückfälle in altes Kirchturmsdenken, gerade im Bereich der Wirtschaftsföderung, was jeder Bürgermeister und politische Mehrheit als ihre ureigenste Aufgabe ansieht. Es ist noch ein langer Weg, bis diese Angst veschwunden sein wird und wird von gemeinsamen Erfolgen abhängen.

Wie lange hat der Prozess von der Idee bis zur Umsetzung gedauer?

 
Der mit der letzten Kommunalwahl ausgeschiedene Oberbürgermeister der Stadt Aachen, Dr. Jürgen Linden, und der Landrat, Karl Meulenberg waren diejenigen, die für die Idee geworben und gekämpft haben. Der Beginn der Diskussion liegt in der Legislaturperiode 1999-2004. In 2004 wurde als Vorläufer der Zweckverband Städteregion gegründet, mit weit weniger Zuständigkeiten als die heutige Städteregion und einem nicht direkt gewählten Parlament. Alle Gebietskörperschaften haben Mitglieder dorthin entsandt. Die gesamte Legislaturperiode von 2004-2009 war dann nötig, um von der Idee zur Umsetzung zu kommen.

Welche rechtlichen Hürden mussten auf Kommunaler und Landesebene genommen werden?

Auf der Kommunalen Ebene mußten die Gebietskörperschaften überzeugt werden, dass es Sinn macht, Zuständigkeiten abzugeben, dass darin letztlich ein Vorteil für alle liegt. Aber auch die Landesebene war sehr skeptisch. Sie hatte Angst vor einem Flächenbrand. Sie wollte nicht, dass das Aachener Modell Schule macht. Ich glaube, das war auch letztlich der Grund, die Zuständigkeit der Städteregion zu beschränken und ihr z.B. nicht die Verantwortung für die Regionalplanung zu übertragen. Eine Vielzahl von Gutachten und Gesprächen auf allen Ebenen war erforderlich. Letztlich hat der Landtag per Landesrecht (Aachen Gesetz) die Städteregion Aachen als neuen Kommunalverband besonderer Art als Rechtsnachfolger des Kreises Aachen zum 21.Oktober 2009 beschlossen.

Gab es Widerstände gegen die Kooperation?

Ja, wie bei allen Veränderungen, gibt es Ängste, vor allem bei den MitarbeiterInnen. Was kommt da auf uns zu? Was wird sich für mich ändern? Aber auch die Bürgermeister und die Politik hatten Angst vor Kompetenzverlust, Verlust von Gestaltungsmöglichkeiten. Am stärksten war aus meiner Sicht, der Streit über die Feuerwehr und gerade der zeigt für mich, dass es gerade auch emotionale Gründe waren, sich gegen die Städteregion zu positionieren. Das sagt sich natürlich leicht, als Frau, die keine Nähe zu diesem Fachbereich hat.
Hilfreich war im Prozess sicherlich, dass die beiden obersten Verwaltungschefs eindeutig für diese Veränderung waren und vehement dafür auf allen Ebenen geworben haben. Ohne diese beiden, wäre der Prozess sicherlich zum Stillstand gekommen.
 
Wie sind die Erfahrungen durch die Zusammenarbeit? Was hat sich für Sie als Dezernentin geändert?
 
Ich glaube, für diese Frage ist es noch etwas zu früh. Darüber müßten wir in einem halben bis Jahr noch einmal reden. Von den MitarbeiterInnen der Stadt die zur Städteregion gewechselt sind, höre ich aber durchaus Positives, will heißen, die Ängste waren unbegründet. Und in meinem Bereich, der nicht übertragen wurde, stelle ich fest, dass es eine große Bereitschaft gibt, freiwillig zusammen zu arbeiten. Vielleicht können wir durch positive, freiwillige Projekte im Verkehrs- und Planungsbereich, ich nannte sie schon oder durch ein regionales Klimaschutzkonzept die Landesregierung doch noch davon überzeugen, dass es auch in der Regionalplanung "gemeinsam besser geht", so das Motto unserer Städteregion.

Kann die StädteRegion Aachen eine Modell für andere Regionen wie das Ruhrgebiet sein?

 
Ich denke schon, vielleicht nicht für das Ruhrgebiet, da es dort schon ein organisierte Zusammenarbeit gibt und sogar im Bereich der Regionalplanung von der Landesregierung zugelassen wurde. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass gerade die immer schwieriger werdende finanzielle Situation der Kommunen dazu führen wird, zu gucken, was man mit Nachbarkommunen effizienter und dennoch im Sinne der BürgerInnen gemeinsam erledigen kann. Und wenn man das organisieren will, ist man ganz schnell beim Modell der Städteregion Aachen. Es macht ja wenig Sinn, gerade ökonomisch, für jede gemeinsam abgewickelte kommunale Aufgabe einen eigenen Zweckverband zu gründen, so wie wir das zunächst mit unserem Straßenverkehrsamt gemacht haben. Und wichtig finde ich auch die direkte demokratische Legitimation per Wahl durch die Bürger und Bürgerinnen.