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40 Jahre Raumplanung an der TU Dortmund

Kaum eine Hochschul-Einrichtung dürfte einen so großen Einfluss auf die Entwicklung der Diskussionen um das Ruhrgebiets gehabt haben wie die Fakultät für Raumplanung der TU Dortmund. In diesem Jahr feiert sie ihr 40-jähriges Jubiläum.

Hans-Heinrich Blotevogel Foto: TU Dortmund

Beinahe immer, wenn über Strukturen und Planung im Ruhrgebiet geredet wird – und das ist traditionell im Ruhrgebiet eigentlich ständig der Fall –, sind Mitarbeiter oder ehemalige Studierende der Fakultät für Raumplanung der TU Dortmund in die Auseinandersetzungen involviert: Die Professoren Stefan Greiving, Carl-Heinz David und Hans-Heinrich Blotevogel bescheinigten im vergangenen Jahr dem regionalen Flächennutzungsplan der Städte, dass er kaum dazu geeignet ist, die Planungsprobleme im Ruhrgebiet zu lösen und Prof. Dr. Benjamin Davy baute gemeinsam mit den Städten die Grundlage für neue Kooperationsmodelle auf die zu genau dem regionalen Flächennutzungsplan führten, der von Blotevogel und Co kritisiert wurde und bei dem ein Absolvent der Raumplanung in Dortmund zu den treibenden Kräften zählte: Auch Ulrich Sierau, OB-Kandidat der Dortmunder SPD und Planungsdezernent der Stadt, hat in Dortmund Raumplanung studiert.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die Fakultät für Raumplanung war der berufliche Startpunkt des Stadtplaners Arnold Voß, des Gelsenkirchener Stadtdirektors Michael von der Mühlen, des Essener Planungsdezernenten Hans-Jürgen Best, des Herner Planungsdezernenten Jan Terhoeven und des Herner Stadtentwicklers Volker Bleikamp, des Lünener Planungsreferenten Dr. Detlev Schiebold und des Dortmund Planungsamtsleiters Ludger Wilde, um nur einige zu nennen. Ulrich Sierau: „Dadurch, dass sich viele von uns kennen, haben wir eine Vertrauensbasis untereinander, die gut für die Zusammenarbeit im Ruhrgebiet ist. Viele Fragen lassen sich so schnell klären und Probleme können schon im Vorfeld gelöst werden. Wir wären mit Projekten wie dem Masterplan Ruhr oder Konzept Ruhr nicht so weit, wenn es dieses Netzwerk nicht geben würde.“
Bei aller Kritik an diesen Projekten, die man sich durchaus immer weiterreichender vorstellen könnte muß daran erinnert werden, das die Vorgängergeneration der Planer in den Rathäusern des Reviers kaum miteinander sprach und sich zum teil noch nicht einmal persönlich kannte.
Wohl kaum eine andere Fakultät hat am gewandelten Selbstbild des Ruhrgebiets einen so großen Anteil wie die Dortmunder Raumplanung: Dass sich das Ruhrgebiet zunehmend als Region und nicht mehr als fast zufällige Ballung einzelner Städte begreift, dass aus dieser Erkenntnis heraus auch das Bewusstsein gewachsen ist, dass Probleme nur gemeinsam gelöst und Chancen nur zusammen ergriffen werden können, ist auch dem in Dortmund für die Region geschärften Blick zu verdanken.
Informationen zu den Veranstaltungen im Jubiläumsjahr unter:
www.raumplanung.uni-dortmund.de/rp/

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„Zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn?

Knapp einen Monat, bevor das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 beginnt, wird am 5. Dezember 2009 auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen-Stoppenberg das Ruhr Museum eröffnet. 7.000 Exponate warten dann – verteilt auf drei Ebenen – auf die Besucher. 1.000 von ihnen sind Leihgaben aus anderen Museen des Reviers.

Dass das Ruhr Museum das große Heimatmuseum des Ruhrgebiets wird, hört sein Direktor Prof. Dr. Ulrich Borsdorf nicht gerne: „Heimatmuseum klingt mir zu betulich. Wir wollen kein Museum sein, das unkritisch die eigene Heimat feiert, auch wenn das Ruhrgebiet die Heimat des Museums ist. Wir haben uns dafür entschieden, es als Regionalmuseum neuen Typs zu bezeichnen, denn das Ruhr Museum zeigt nicht nur eine große Anzahl an Exponaten, sondern hat auch unter museologischen Gesichtspunkten ein innovatives Konzept.“

Und das geht über das Konzept des Vorgänger-Museums, des ebenfalls vom Historiker Borsdorf geleiteten Essener Ruhrlandmuseums, hinaus, auch wenn es Ähnlichkeiten in den Konzepten gibt: „Wir haben auch im Ruhrlandmuseum versucht, menschliche Kultur-und Naturgeschichte in Bezug zueinander zu setzen. Was dort aber nur in Ansätzen zu erkennen war, werden wir im neuen Haus konsequent umsetzen können.“

Perspektiven Das neue Konzept wurde gemeinsam mit zahlreichen Historikern und Kulturwissenschaftlern auf Konferenzen und Symposien diskutiert und erarbeitet. Borsdorf: „Wir präsentieren die Mythen, Bilder und Phänomene des Ruhrgebiets, die ungeheuren Dimensionen der Erdgeschichte, die lange Geschichte der Industrialisierung ebenso wie deren Folgen und zukünftigen Perspektiven in einem einzigen Museum. Das hat es noch nicht gegeben, aber wenn man die Geschichte des Ruhrgebiets erzählen will, kommt man darum gar nicht herum. Ohne die Kohle, die ihre Ursprünge in der Karbonzeit hatte, hätte es das Ruhrgebiet nie gegeben.“
Trotz der Vielzahl des Exponate wird die Ausstellung Lücken aufweisen: „Es gibt Phasen in der Geschichte des Ruhrgebiets, von denen es außer ein paar Fotos und Zeitungsartikeln wenig gibt, was man zeigen und berühren kann. Der Ruhrkampf oder Phasen in den 20er Jahren, was sehr bedauerlich ist, weil sich erst in dieser Zeit ein Bewusstsein dafür entwickelt hat, dass hier etwas Neues, in seiner Dimension Einzigartiges entstanden ist.“

Gedächtnis
Über drei Ebenen erstreckt sich das Ruhr Museum – und man betritt es in der Gegenwart des Ruhrgebiets: „Die erste Ebene widmet sich dem kommunikativen Gedächtnis der Menschen. Was hier zu sehen ist, kann immer noch von Zeitzeugen erklärt werden.“
Es sind die letzten 90 Jahre, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – hier werden Phänomene des Ruhrgebiets gezeigt, die jeder, der hier lebt, gut kennt. Es geht um die Buden des Ruhrgebiets, die vom Verkauf von Klümpchen, Bier und Kippen leben und denen es wohl aufgrund liberalisierter Ladenschluss-Zeiten in letzter Zeit an Käufern mangelt.
Hier finden sich Exponate aus den Arbeitersiedlungen des Reviers, die nach wie vor die Architektur des Ruhrgebiets in weiten Teilen prägen, aber auch Darstellungen der unterschiedlichen geologischen Zonen der Region. Und natürlich die Industrie-Architektur und
die Versuche, sie mit neuen Inhalten zu füllen – Zollverein selbst ist hierfür in seiner Ambivalenz als öffentlich geförderte Kulturstädte ohne ernsthafte privatwirtschaftliche Perspektive natürlich ein gutes Beispiel.

Moderne
Die zweite Ebene ist dem kulturellen Gedächtnis vorbehalten: „Hier sehen wir die Geschichte des Ruhrgebiets vor dem Ersten Weltkrieg – und vor allem aus der Zeit vor der Industrialisierung.
Die Besucher erfahren, wie das Ruhrgebiet aussah, bevor es das Ruhrgebiet wurde: Die ersten Siedlungsspuren in der Region, die öde Sumpflandschaft des Emschertals, in dem die Wildpferde weideten, sind hier ebenso Thema wie die spannende Geschichte des Ruhrgebiets im Mittelalter
mit seinen Fehden, Klöstern und dem Aufstieg erster Städte zu bedeutenden Zentren.
Auf der dritten Ebene wird dann die Geschichte des modernen Ruhrgebiets gezeigt, sein Aufstieg zum wichtigsten industriellen Zentrum Europas, seine Rolle während der Kriege und auch die Geschichte der Arbeitskämpfe gegen den Niedergang seiner
Industrien. „Wir werden hier Bezüge zwischen den Geschehnissen herstellen. Die Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet stehen in direkter Verbindung zu seiner Rolle als Rüstungszentrum, und die Opfer das Naziregimes sind die direkte Folge der vielen begeisterten Nazis, die es auch im Ruhrgebiet gab,“ erklärt Ulrich Borsdorf das Konzept.

Zukunft
Aber damit wird die Ausstellung nicht aufhören. „Wir wollen einen Blick in die Zukunft
des Ruhrgebiets werfen, und weil wir als Historiker keine Zukunftsforscher sind, werden wir uns den Themen widmen, die heute schon in die Zukunft verweisen,“ kündigt Borsdorf an. Ein Beispiel dafür wird der Emscher Landschaftspark sein.
Auch wenn das Projekt erst im kommenden Jahrzehnt fertig wird, und mit etwas Pech vielleicht sogar noch später, verändern die Arbeiten an ihm schon heute das Gesicht des Ruhrgebiets.
Abwasserkanäle verschwinden in Röhren, neue Klärwerke werden gebaut und in Dortmund ist die Emscher schon wieder fast so etwas wie ein richtiger Fluss.
Als stadtnahes Gewässer, so der Plan der Emscher-Genossenschaft, wird sie zwar nie wieder ein unregulierter Fluss werden, dafür aber sauberes Wasser führen und an ihren Ufern eine hohe Wohn- und Freizeitqualität bieten.

Mythen
„Und dann sind da noch die Mythen des Ruhrgebiets. Ihnen haben wir den Flur gewidmet“, erklärt Borsdorf und weiß: „Mythen gibt es hier viele.“ Der Krupp-Mythos, der heute noch in der Person von Berthold Beitz und der Krupp-Stiftung weiterlebt und immer weniger mit den real existierenden Krupps zu tun hat. Oder der Mythos der harten Arbeit, der das Selbstverständnis des Reviers und seiner Menschen über alle Klassenschranken geprägt hat. Der schöne
Satz „Ein Junge aus dem Revier muss hart arbeiten und hart trinken können“ wäre so in Frankfurt, München oder Stuttgart undenkbar.
Bei uns trifft er immer noch auf Zustimmung. Und das hat mit einem anderen Mythos zu tun, der im Ruhrgebiet präsent ist: Der Männlichkeit. Aus diesen Mythen, zu denen auch der Fußball im Ruhrgebiet und Begriffe wie Feuer, Kohle Solidarität und Heimat gehören, setzt sich das Selbstbewusstsein der Menschen im Ruhrgebiet zusammen – und wie immer bleiben diese Mythen prägend, auch wenn ihre Ursprünge von Jahr zu Jahr weiter in der Vergangenheit
versinken.

Strukturwandel
Borsdorf: „Nicht alle dieser Mythen sind alt. Einer ist wirkungsmächtig und neu: der Mythos des Strukturwandels.“ Dabei, so verkündet das Konzept des Ruhr Museums von Ende 2005, „changiert die Botschaft in einer seltsamen, aber vielleicht für die Mentalität des Ruhrgebietes typischen Ambivalenz zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn: Dem Wunsch nach `endlich so wie überall` und dem Vergleich mit anderen Metropolregionen wie Berlin oder Paris folgt in stereotypischer Regelmäßigkeit die eingeübte Meldung von Rekordzahlen und Superlativen: die dichteste Museumslandschaft Deutschlands, die größte Hochschulregion in Europa und das attraktivste Kulturangebot überhaupt.“
Hier – wie bei anderen Themen auch – zeigt das geplante Ruhr Museum Chancen für eine Selbstreflexion des Ruhrgebiets auf, denn natürlich wird das neue Heimatmuseum selbst auch jenen Mythos des Strukturwandels verkörpern, zum Ausdruck bringen und verstärken, dem es seine eigene Entstehung verdankt.

Fotos: Bilddatenbank Zollverein

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?Wir sind Profis im Wandel?

Der Bochumer Historiker Klaus Tenfelde, Professor für Sozialgeschichte und soziale Bewegungen an der Ruhr-Universität Bochum und zugleich Leiter des Instituts für soziale Bewegungen arbeitet an einer Geschichte des Ruhrgebiets. In diesem Jahr hofft er das Werk abzuschließen.

Foto: Klaus Tenfelde

Die Geschichte des Ruhrgebiets begann in Kalkriese. Dort, im Osnabrücker Land, fand im September des Jahres 9 nach der damals von niemand beachteten Geburt Christi die Schlacht zwischen einem Heer aus verschiedenen germanischen Stämmen und drei römischen Legionen statt. Die Gegenspieler: Arminius, ein Cheruskerhäuptling, der Jahrhunderte später zu Hermann dem Cherusker verklärt werden sollte, und der römische Senator Publius Quinctilius Varus. Die Schlacht endete mit einer verheerenden Niederlage der Römer. Und die hatte Konsequenzen: Die Großmacht gab ihre östlich des Rheins gelegenen Stellungen wie Haltern an der Lippe auf. Der Rhein wurde für Jahrhunderte zu einem Grenzfluss.

Geschichtswerk
Mit der Errichtung dieser römischen Grenze begann die Geschichte des Ruhrgebiets, auch wenn sich die Region damals nicht von anderen Landstrichen unter germanischer Herrschaft unterschied. „In dem Text Über Ursprung und Leben der Germanen von Tacitus finden wir die erste schriftliche Erwähnung der Region, die später einmal das Ruhrgebiet werden sollte“, erklärt Professor Dr. Klaus Tenfelde. „Und mit schriftlichen Dokumenten beginnt die Geschichte, alles davor ist Archäologie.“

Tenfelde ist Professor für Sozialgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und Direktor des Instituts für soziale Bewegungen. Im kommenden Jahr wird er sein Buch über die Geschichte des Ruhrgebiets veröffentlichen. Zwölf Kapitel auf 600 Seiten wird das Werk umfassen. Zusätzlich gibt Tenfelde das Historische Lesebuch Ruhrgebiet heraus mit einem Umfang von 18 Kapiteln und 900 Seiten in zwei Bänden. Noch nie wurde die Geschichte des Ruhrgebiets in ihrer Gänze so umfassend wissenschaftlich über alle Epochen hinweg beschrieben. Beide Werke sind nicht nur von regionalhistorischem Interesse – dafür ist die Bedeutung des Ruhrgebiets für die deutsche Geschichte zu groß. Was im Ruhrgebiet geschah, hatte spätestens seit der Mitte des vorletzten Jahrhunderts mindestens deutschland- und oft europaweite Bedeutung.

Grenzland
Davon war das Ruhrgebiet in seinen Anfängen allerdings weit entfernt. Erst einmal war es Grenzland – und die wichtigen Entwicklungen geschahen auf der anderen Seite. Mit dem Toleranzedikt von Nikomedia, das die Christenverfolgung im römischen Reich beendete, begann sich westlich des Rheins ab 311 die Christianisierung zu beschleunigen.
Trier und Köln waren schon Bistümer, Mainz wurde es kurz darauf. Doch mit dem Ende des weströmischen Reiches zu Beginn des fünften Jahrhunderts endete in Germanien die Christianisierung – zumindest vorübergehend.
Erst im achten Jahrhundert wurde auch östlich des Rheins und damit auch im Ruhrgebiet mit militärischer Unterstützung des Frankenkönigs Karls des Großen massiv missioniert.
Um 800 gründete Liudger in Werden das erste Kloster der Region. Kurz darauf folgte die Gründung des Bistums Münster.
Unter dem Schutz der Franken weitete sich das Christentum aus. Tenfelde: „Die heutige Trennung Nordrhein-Westfalens in die beiden Landschaftsverbände Rheinland
und Westfalen geht auf die Antike zurück, auch wenn die heutigen Grenzen den damaligen
nicht ganz entsprechen.
Das Rheinland ist das ehemalige römische Herrschaftsgebiet, das heutige Westfalen der Raum, in dem die germanischen Stämme herrschten, über die wir noch immer kaum etwas wissen, weil sie keine Texte hinterlassen haben und weil die Römer sich nur wenig Mühe gaben, sie differenziert
zu betrachten. Für sie waren das alles nur Barbaren.“

Stadtlandschaft
Im Heberegister des Klosters Werden werden erstmals Ruhrgebietsstädte wie Throtmanni (Dortmund), Altenbochum und Hernes (Herne) erwähnt.
Doch die Mönche des Klosters, deren zum Teil auch weltliche Macht bis ins 19. Jahrhundert andauerte, waren nicht die einzige Macht im späteren Ruhrgebiet, das damals, so Tenfelde, begann eine Stadtlandschaft zu werden. Aus den kleinstädtischen Strukturen ragte schon früh Dortmund heraus. Dortmund war Freie Reichsstadt, und die Verfassung, die sich seine Bürger im Hochmittelalter gaben, war Vorbild für etliche andere Städte. Die große Zeit Dortmunds endete erst mit dem 30-jährigen Krieg: „Von diesen Zerstörungen hat sich die Stadt bis zur Industrialisierung nicht mehr erholt. 80 Prozent der Einwohner starben, die Stadt wurde mehrmals verwüstet“, erklärt Tenfelde.
Auch nach dem 30-jährigen Krieg hörten die Feldzüge nicht auf, aber Geschichte fand woanders statt. Zwar war das Ruhrgebiet eine relativ besiedelte Region mit zahlreichen kleineren Städten, aber mit der Bedeutung süddeutscher Stadtregionen konnte man nicht mithalten. Daran änderte auch der Abbau von Kohle nichts, der schon für das 13. Jahrhundert nachgewiesen werden kann. Kohle wurde nur in geringen Mengen gefördert und war als Brennstoff auch längst noch nicht begehrt. So probierten die Kölner Bäcker zwar in der frühen Neuzeit Kohle zur Befeuerung ihrer Backöfen aus, setzten dann aber wegen der Geruchsbelästigung oft wieder auf Holzkohle.

Kohleförderung
„Die Kohleförderung im Mittelalter dürfen wir uns nicht so vorstellen wie in der Zeit der Industrialisierung. Es wurden nur geringe Mengen Kohle benötigt und entsprechend wenig wurde vor allem im Tagebau und in sehr kleinen Stollen abgebaut. Es fehlten die Abnehmer für die Steinkohle.
Das änderte sich mit zwei Erfindungen, die wie ein Katalysator für die Industrialisierung waren und eng zusammenhingen: Die Dampfmaschine und die Eisenbahn. „Die Eisenbahn führte zu einer großen Nachfrage-Steigerung an Stahl für Schienen. Das sorgte wiederum für eine Steigerung der Kohleproduktion, denn Kohle brauchte man für die industrielle Stahlproduktion.
Und auch die Züge benötigten Kohle. Im Vergleich mit England kam die Industrialisierung
in Deutschland mit erheblicher Verzögerung in Gang, doch sie sorgte dafür, dass das Ruhrgebiet entstand, das wir heute kennen.“ Noch Anfang des 19 Jahrhunderts wohnten im heutigen Ruhrgebiet kaum mehr als 200.000 Menschen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ihre Zahl auf mehr als vier Millionen gestiegen. In den alten Kernstädten des Ruhrgebiets waren die Veränderungen anfangs kaum zu spüren.
Tenfelde: „Die neuen, großen Industriegebiete entstanden nicht innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern von Dortmund, Essen oder Duisburg, sondern vor deren Stadttoren: In Hörde, Altendorf, Stahlhausen oder Marxloh entstanden die ersten großen Stahlwerke und Zechen.
Kleine Orte wie Gladbeck wuchsen von Dörfern mit wenigen hundert zu Städten mit 80.000 Einwohnern heran.

Zuwanderung
An den Sozialstrukturen änderte sich jedoch zuerst wenig: „Die alten Eliten behielten lange Zeit das Ruder in der Hand. Zwar änderten sich innerhalb sehr kurzer Zeit die Lebensumstände, aber als Ansässige profitierten sie von der Industrialisierung.
Wer Grund und Boden besaß, konnte sehr schnell reich werden. Zum einen stiegen die Grundstückspreise, zum anderen erweiterte sich der Markt für die Händler und Handwerker. Politisch konnten sie ihre Macht durch das preußische Drei-Klassen-Wahlrecht erhalten. Die meisten Zugewanderten durften nicht wählen – erst ab etwa 1900 verdiente ein Arbeiter so viel, dass er steuerpflichtig und damit auch wahlberechtigt wurde.“
Mit der Industrialisierung begann sich das Ruhrgebiet von seiner Umgebung zu unterscheiden, es entstand ein Ballungsraum mit Millionen von Menschen, die begannen, ein neues Kapitel in der Geschichte der Region zu schreiben. Die alten Bezüge Westfalen und Rheinland fingen an, ihre Bedeutung zu verlieren. Etwas Neues war dabei, zu entstehen. Doch die Zuwanderung in das Ruhrgebiet verlief nicht linear: Boomphasen wurden von Krisen wie der Rezession von 1874 abgelöst. Und längst nicht alle, die kamen, blieben: Millionen arbeiteten für eine kurze Zeit im Revier und verließen es wieder. Eine Familie zu gründen, war nicht einfach: In Essen kamen um 1860 auf 100 Männer im heiratsfähigen Alter kaum 60 Frauen.

Rationalisierung
Besonders hoch war die Fluktuation unter den Polen. 450.000 von ihnen lebten zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 im Ruhrgebiet.
Sie kamen aus dem preußischen Teil Polens, das als Staat erst 1919 wieder gegründet wurde. „Die Polen hatten nach dem Versailler Vertrag drei Möglichkeiten: Sie konnten im Ruhrgebiet bleiben, sich in Europa einen neuen Wohnort suchen oder nach Polen zurückkehren.“ Sie entschieden sich zu gleichen Teilen für die verschiedenen Optionen.
In den 20er Jahren wuchs das Ruhrgebiet weiter – und wurde immer wieder von Krisen wie dem Ruhrkampf 1920 und der Ruhrbesetzung 1923 erschüttert.
Als sich Deutschland Mitte der 20er Jahre dem Weltmarkt öffnete, begann eine erste Entlassungswelle im Bergbau. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, schlossen die Bergbau-Unternehmen nicht nur zahlreiche kleinere Zechen, sie rationalisierten auch massiv in den großen Bergwerken. Am ständigen Anwachsen der Bevölkerung änderte das jedoch nichts.

Benachteiligung
Unter den Nazis litt das Ruhrgebiet stark. Die Strukturen der Arbeiterbewegung, egal ob sozialdemokratisch, kommunistisch, anarchistisch oder katholisch, wurden brutal zerschlagen. Tausende von Oppositionellen starben in den Konzentrationslagern.
Im Krieg war das Ruhrgebiet als eines der wichtigsten Zentren der Rüstungsindustrie Ziel der alliierten Bomberverbände. Wie alle deutschen Ballungsgebiete wurde es zum größten Teil zerstört.
Nach dem Krieg konnte die Industrie jedoch schnell wieder aufgebaut werden. Der wirtschaftliche Wiederaufstieg des Ruhrgebiets begann – bis in den 50er Jahren die Krise des Bergbaus begann.
„Die war zwar ein großer Einschnitt, aber bis in die 80er Jahre hinein war die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet kaum höher als im Bundesdurchschnitt und die Produktivität des Ruhrgebiets sogar überdurchschnittlich.
Erst seit der Wiedervereinigung geht es mit der Region bergab.“ Das ist kein Zufall, sagt Tenfelde, denn auch die öffentlichen Investitionen fließen seitdem verstärkt in den Osten und nicht ins Ruhrgebiet: „Wir haben eine strukturelle Benachteiligung, das muss sich ändern, um einen Kurswechsel im Ruhrgebiet zu erreichen.“

Wandel
Die Veränderungen seien nicht das größte Problem: „Wir sind den Wandel von Strukturen
gewohnt wie keine zweite Region. Wir können damit umgehen.“ An seinen Problemen, so Tenfelde, sei das Ruhrgebiet zum Teil selbst schuld: „Lange Zeit war es politisch nicht gewollt, dass Wohneigentum entsteht. Der Mieter war das Ideal. So hat das Ruhrgebiet über viele Jahrzehnte die Aufsteiger aus dem Facharbeiter-Milieu, die es gebraucht hätte, an sein Umland verloren.“
Aber im Alter, da ist sich Tenfelde sicher, werden sie zurückkommen: „Der nächste Wandel, der auf das Ruhrgebiet wartet, ist der demografische Wandel. Hier haben wir eine Vorreiterfunktion innerhalb der traditionellen Industrieländer. Wir sollten das nicht als Katastrophe sehen, die auf
uns zukommt, sondern als eine Chance, die wir ergreifen müssen. Aber wir werden das schaffen. Im Wandel sind wir Profis.“

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