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Barbarei im Hier und Jetzt: Kornél Mundruczós „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“

„Gott, der du bist im Himmel. Dein eigen Fleisch und Blut,
hast du für uns gegeben. Doch wofür war das gut?
Dein Reich kommt nicht und dein Wille geschieht nicht.
Nicht im Himmel und auf Erden sowieso nicht. Nein!
Es ist nicht leicht ein Gott zu sein!…“ (Rammstein)

Die Grundidee von Religion, die Menschheit von „dem Bösen“ zu erlösen, scheitert. Ebenso ging es den totalitären Ideologien, die verschiedene Wege und Abwege für die Entwicklung des Menschen zum Vernunftwesen vorgesehen hatten. Die Sciencefictionwelt hat sich mit dem Thema spielerisch, hypothetisch auseinandergesetzt. Der Blickwinkel, aus dem so mancher Genre-Klassiker in ferne Zukunft blickt, ist ebenfalls längst Geschichte geworden. Der Roman der Brüder Strugatzki „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“, lässt Angehörige einer perfektionierten Zukunft zurück in die überwundene „Gegenwart“ blicken, in ein fernes Szenario archaischer Barbarei.
Der ungarische Autor und Regisseur Kornél Mundruczó hat sich in mehreren Phasen mit Strugatzkis utopischem Stoff befasst. In seiner neuen Theateradaption unter gleichnamigem Titel rückt er eine düstere Gegenwart aufs drastischste in Rampenlicht. Genauer gesagt: Im zugigen, abweisenden Ambiente eines Essener Parkhauses sollte das Premierenpublikum der aktuellen Bühnen-Adaption aus jeder Form von behaglicher Konsumentenrolle heraustreten, sollte hinsehen und Zeuge werden. Und das fiel alles andere als leicht.
Um grenzenlose Abgründe vorzuführen, in denen Menschen das Bestialische mit ihren Artgenossen anzustellen in der Lage sind, braucht man sich nur bei zahllos dokumentierter Gewalt aus jüngerer Geschichte und Gegenwart bedienen – soviel wird deutlich bei der verstörenden Darbietung im Rahmen des – immer wieder ungewöhnlich den Pfad des Gängigen verlassenden – Theater der Welt-Festivals. Mundruczó verortet sein Exempel realexistierender Menschenverachtung in die anonyme Trostlosigkeit eines Sattelschlepper-Aufliegers. Es geht um Menschenhandel, irgendwo im unsichtbaren Niemandsland zwischen dem armen Osten und dem reichen Westen Europas. Verschleppten jungen Frauen wurde die goldene Zukunft in den Konsumhochburgen versprochen. Doch bald folgt Ausbeutung bis zur Versklavung, schließlich Zwangsprostitution, Entrechtung und sadistische Erniedrigung. In Gnadenloser, sadistisch ausgeübter Gewalt weidet sich das Bühnengeschehen im Essener Parkhaus. Die weiblichen Opfer werden von ihren Peinigern mit heißem Wasser verbrüht, lebendig in der Erde verscharrt. Eine der Gefangenen unternimmt verzweifelt-brutale Versuche eines Schwangerschaftsabbruches. Die „härtesten“ Momente sind großprojizierten Filmsequenzen vorbehalten – überhaupt liegt über allem der „Youtube“-Wahn nach filmischer Dokumentation eigener Gewalt-Handlungen. Auf mehreren Ebenen greift dieses harte Extrem-Theater somit reale Zustände ab, lässt jeden einzelnen die Frage stellen, ob solche Brutalität zu zeigen ist oder nicht. Mundruczo bejaht diese Frage eindeutig, wenn er mit Theater für die Wirklichkeit sensibilisieren will.
Der ungarischen Schauspieler-Truppe muss in der so bezwingend lebensnahen Darstellung des Hinzufügens und Erleidens menschlicher Qualen eine beängstigende spielerische Größe, ja –so zynisch das in diesem Zusammenhang klingt – Spielfreude attestiert werden. Verstörende Regieeinfälle geben dem Mahlstrom der Brutalitäten eine gewisse Stringenz, zeugen von der Dialektik zwischen schöner Oberfläche und gnadenloser Wirklichkeit. Da formieren sich Opfer und Täter regelmäßig zum Musikensemble, unterhaltsame Gesangseinlagen aus Pop oder Musical zum besten gebend.
Doch helfen solche Kontrapunkte nicht dem Umstand ab, dass die zugrunde liegende Rahmenhandlung, dieses intellektuelle Gedankenspiel über Moralität und Triebhaftigkeit über weite Strecken im konstruierten Nebulösen stecken bleibt. Ein Arzt, der ursprünglich zu dieser Bande gehört, lässt humane Regungen aufkommen, schafft schließlich gar die Überwältigung der Täter. Am Rande erfährt man, dass die Film-Inszenierungen, zu denen die geschändeten, gefolterten, besudelten Frauen als Menschenmaterial zynisch herhalten müssen, einer medialen Inszenierung dienen – wie der 11. September 2001 auch eine war! Einer der Haupt-Peiniger will damit eine Weltverschwörung herbeiführen, um sich für persönlich Erlittenes zu rächen. Ein stimmiger Bogen zwischen der unbequemen Vorführung realer Gewalt zu Strugatzkis philosophischen Gedankenspielen kommt aber nur bei sehr viel gedanklicher Anstrengung zustande. Und die gelingt wohl kaum einem Zuschauer bzw. „Zeugen“ in diesem Moment.

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