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BASF-Experte schreibt Gutachten im Auftrag von Envio-Angeklagten

Envio-Chef Dirk Neupert (links) vor Gericht

Envio-Chef Dirk Neupert und drei seiner ehemaligen Mitarbeiter stehen in Dortmund wegen Umweltvergehen und Körperverletzung vor Gericht. Ihnen drohen im Fall einer Verurteilung zum Teil mehrjährige Haftstrafen.

Ob und wenn wie hoch sie verurteilt werden, wird aber wohl auch von den Gutachten abhängen, die dem Gericht vorgelegt werden. Bestätigung bekommen die Angeklagten, die die Tatvowürfe in weiten Teilen bestreiten, nun von einem BASF-Mitarbeiter, der sich schon vor fast zwei Jahren nach eigenen Angaben mit dem Fall beschäftigt hat um Envio zu entlasten. Auf Anfrage der Welt am Sonntag bestätigte BASF, das Prof. Dr. Herbert Bender, der Leiter der Einheit Gefahrstoffmanagement der BASF SE, als Gutachter im Auftrag der Angeklagten tätig sein wird: „ Dieses Gutachten steht in keiner Verbindung mit unserem Unternehmen. Es ist von Bender weder im Auftrag der BASF noch in der Arbeitszeit, sondern vielmehr privat im Rahmen seiner nebenberuflich ausgeübten wissenschaftlichen Tätigkeit erbracht worden.“

Pikantes Detail: Bei dem Prozess geht es vor allem um Schäden, die Envio in den Jahren 2004 bis 2010 durch die unsachgemäße Entsorgung von Transformatoren aus der Untertagedeponie Herfa-Neurode verursacht haben soll. Die Deponie gehört zum Unternehmen K+S, an dem BASF bis März 2011 mit zehn Prozent beteiligt war.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag.

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9 Kommentare zu “BASF-Experte schreibt Gutachten im Auftrag von Envio-Angeklagten

  • #1
    Mao aus Duisburg

    Hammer-Geschichte. BASF verteidigt Neupert und will beim Fracking giftige Chemikalien in den Boden treiben. Was für ein Laden….

  • #2
    Klaus Lohmann

    @Stefan: Da mein Kommentar drüben bei der Welt wohl nicht durchkam, dann eben hier:

    Prof. Bender hatte vor zwei Jahren eine Art Stellungnahme zur MAK-Konzentration von PCB auf dem Envio-Gelände abgegeben, in der er nur auf der Basis der noch unvollständigen Akten versuchte, die gefundenen PCB-Emissionen zu relativieren – unter der falschen, von Neupert initiierten Annahme, die Anlagen wären allesamt ohne Einschränkungen genehmigt gewesen.

    Kurz vor der Verwendung dieser Stellungnahme durch Neupert wurde von Florian Weisker, Geschäftsführer der Düsseldorfer PR-Agentur vom Hoff, ausgesuchten Journalisten ein Interview mit Bender angeboten. Weisker und Bender waren beide engagiert in der damaligen „Allianz Pro Industrie und Nachhaltigkeit“ des NRW-Wirtschaftsministeriums und Weisker sagte, gefragt zum Zusammenhang zwischen dieser Allianz und dem Envio-Skandal: „Es gehe bei Envio doch auch um den Standort NRW“.

  • #3
    Ulrike Märkel

    Dass sich die BASF nur halbherzig von ihrem Mitarbeiter Prof. Bender, der die Einheit „Gefahrstoffmangement“ leitet, distanziert, ist bedauerlich. Die BASF gehörte zu den Kunden von ENVIO und lieferte dort Transformatoren an – umso notwendiger wäre eine deutliche Stellungnahme gewesen. Neupert bezog sich bereits im September 2010 in einem Anschreiben an den Oberbürgermeister und die Ratsmitglieder der Stadt Dortmund auf die Aussagen von Prof. Bender und versuchte mit Hilfe dessen verharmlosender Beurteilung der PCB-Werte der Arbeiter Einfluss auf die politische Bewertung des durch ENVIO vorsätzlich verursachten Umweltskandals zu nehmen. Man kann damit rechnen, dass sich Neuperts Anwälte auch im laufenden Strafprozess wegen 51 Fällen vorsätzlicher Körperverletzung des Benderschen Gutachtens bedienen wird.

    Darüber hinaus verwendete Neupert die Stellungnahme von Prof. Bender in einer Pressemitteilung, um sich zu rechtfertigen: „Gemäß seiner gutachterlichen Stellungnahme liegen selbst die höchsten bei Envio-Mitarbeitern festgestellten PCB-Belastungen um ein Mehrfaches unter den Werten, die bei Einhaltung der Maximalen Arbeitsplatzkonzentration zu erwarten sind.“ – Bis zu 25.000fach erhöhte PCB-Blutwerte als „Einhaltung der MAK-Werte“ zu bezeichnen kann wohl kaum im Sinnes des Bundesarbeitsministeriums sein, für das Herr Prof. Bender im Bereich „Arbeitsschutz“ tätig ist.

    Ich finde es bemerkenswert, dass Bender weiterhin unbeschadet seiner wissenschaftlichen Reputation ausgerechnet im „Ausschuss für Gefahrstoffe“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sitzt (Stand: 12. Juni 2012). Der Auschuss berät das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in allen Fragen des Arbeitsschutzes zu Gefahrstoffen. Benders unwissenschaftliches Gutachten zum Gefahrstoff PCB, das zur Entlastung der Verantwortlichen von ENVIO diente, hat also scheinbar nicht zum „Angekratztsein“ der eigenen Reputation geführt hat. Vielmehr berät Herr Bender weiterhin im Fachgebiet „Arbeitsschutz“ das Ministerium – obwohl er öffentlich für jemanden eintrat, der den Arbeitsschutz auf Kosten der Gesundheit seiner Mitarbeiter mit Füßen getreten hat. Es ist auch nicht bekannt, dass Prof. Bender sein Gutachten revidiert hätte, beispielsweise weil ihm zum damaligen Zeitpunkt falsche oder unvollständige Daten vorgelegen haben.

    Schade auch, dass sich das Fachreferat „Gefahrstoffe und biologische Arbeitsstoffe“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Dortmund von Bender nicht distanzierte, sondern in einer Stellungnahme zur Einladung Benders als Vortragender ausgerechnet bei der Preisverleihung 2010 zum Thema „Deutscher Arbeitsschutzpreis – Aber sicher!“ nur feststellte: „Herr Prof. Dr. Bender hat sich im Ausschuss und seinen Untergremien seit Jahren stark engagiert und unbestritten wertvolle Beiträge zur Weiterentwicklung des Arbeitsschutzes bei Tätigkeiten mit Gefahrstoffen geleistet. Er genießt deshalb eine hohe Reputation in Fachkreisen. Vor dem Hintergrund dieser hohen fachlichen Reputation hat die BAuA Herrn Prof. Dr. Bender als Referenten für die Veranstaltung eingeladen. Sein Vortrag stand in keinem Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Gutachter oder der Firma Envio. Vielmehr hat er über den Aufbau eines Arbeitschutzsystems in einem weltweit tätigen Konzern berichtet.“

    Die Kenntnis darüber, dass Prof. Bender sein Wissen und seine Reputation ausgerechnet im Kontext „Arbeitsschutz und Tätigkeiten mit Gefahrstoffen“ einem kriminell handelnden Unternehmer entlastend zur Verfügung gestellt hat, sollte beim Bundesarbeitsministerium, beim Gefahrstoffausschuß BAuA und bei der BASF zu Konsequenzen in Bezug auf die Funktionen Benders führen – sollte dieser nicht seine vielleicht etwas vorschnelle Stellungnahme revidieren. Höchste Zeit dafür wäre es.

    http://www.envio-group.com/presse/pressemitteilungen-detailseite/article/envio-stellt-expertengutachten-vor/207.html

  • #4
    Klaus Lohmann

    Liebe Frau Märkel, Prof. Bender hatte damals kein „Gutachten“ erstellt, das wurde nur von Neupert großspurig behauptet. Und diese „gutachterliche Stellungnahme“ sollte lt. Neupert als Artikel „demnächst“ in einer Fachzeitschrift erscheinen, was m.W. dann nicht mehr geschah.

    Ihr Link enthält daher auch nur auf eine von Envio/Neupert selbst verfasste „Zusammenfassung“ eines Artikels, der anscheinend nie erschien. Passt zu Neupert’s bisheriger Verteidigung, die sich von Anfang an falsche Thesen aus unzulänglichen Gutachten zusammenschraubte.

    PS: Dass die *MAK*-Konzentration nicht überschritten wurde, ist übrigens sehr wohl möglich, da in der Definition nur von Konzentration in der Atemluft die Rede ist und nicht von Kontamination durch Staubniederschlag oder Flüssigkeiten. Da sollten Politiker, die Medien und die Anklage also nicht voreilig lospoltern und Bender als Idioten oder BASF-Schergen brandmarken.

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Klaus Lohmann: Ein Vorentwurf des von Bender nie veröffentlichten Textes liegt mir seit 2010 vor.

  • #6
    Ulrike Märkel

    Hallo Herr Lohmann,

    die Raumluftmessung (d.h. das Airtoxgerät) war bei ENVIO manipuliert. Die Raumuft war aufgrund der spezifischen Arbeitsweise PCB-haltig und betraf damit auch die Atemluft, da die Arbeiter lediglich unzureichende Baumarktmasken ohne geeigneten Filter trugen. Flüssigkeiten waren bei ENVIO weniger das Problem, vielmehr aber die Bindemittel, mit denen die in den in der K+S Deponie Herfa-Neurode ehemals gelagerten UTD-Transformatoren befüllt waren. Diese Bindemittel waren PCB-haltig, da sie mit dem Trafo-Öl vollgesogen waren. Beim Ziehen der Kupferspulen aus dem Transformatoren rieselte der Staub heraus und gelangte mangels Arbeitsschutz (Masken und Schutzanzüge) über den Haut- und Lungenweg in den Organismus der betroffenen Arbeiter.

    Ein von Envio platzierter Artikel mit Bezug auf das Bender-Gutachten ist dann tatsächlich nur in einer Recyclingfachzeitung erschienen.

    Im übrigen brandmarke ich niemanden sondern stelle fest, dass jemand sein Fachwissen in unzulänglicher Weise den Falschen zur Verfügung gestellt hat und für ein Minsterium arbeitet, dass für den Arbeitsschutz zuständig ist.

  • #7
    Klaus Lohmann

    @Stefan: Klar, Deinen WamS-Artikel aus 2010 kenne ich;-)

    Noch ein wenig Hintergrund: Diese MAK-Konzentrationen, auf die sich Bender und vor allem Envio immer wieder bezogen hatten, werden durch Benders Arbeitskreis in der „Technischen Regel für Gefahrstoffe“ (TRGS) Nr. 900 definiert. Und dort heißt es ganz vorne: „Das Einhalten der Arbeitsplatzgrenzwerte dient dem Schutz der Gesundheit von Beschäftigten vor einer Gefährdung durch das Einatmen von Stoffen. Die Einhaltung des Arbeitsplatzgrenzwertes entbindet nicht von den sonstigen Regelungen der GefStoffV.“ Und gegen die sonstigen GefStoffV-Regeln hat Envio massiv verstoßen.

    @Ulrike Märkel: Ich kenne die Fakten. Ich weise nur darauf hin, dass ein mediales „Einschlagen“ auf Prof. Bender das Gericht wohl nicht beeindrucken wird, auch wenn er als Industrieschützer und Envio-„Fan“ völlig irrelevante Sachverhalte begutachtet. In *seiner* Argumentation mag er eben Recht haben, aber man muss halt deutlich machen, dass diese für den konkreten Envio-Skandal keine Rolle spielt.

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