Biotech: „In Deutschland sind die Bedingungen einfach zu schlecht“

Ludger Weß Foto: Privat Lizenz: Copyright


Gleichzeitig den CO2-Gehalt in der Atmosphäre senken  und Tierfutter produzieren klingt nach einer guten Kombination. Das Unternehmen
350PPM Biotech hat sie entwickelt. Nun baut es seine erste Anlage in Portugal und nicht in Deutschland.  Ludger Weß, der Mitgründer und Chief Science Officer des Unternehmens erklärt warum.


Ruhrbarone:
Herr Weß, 2020 haben sie ein spektakuläres und mit Preisen ausgezeichnetes Buch über Bakterien geschrieben. Aber bei der theoretischen Beschäftigung ist es nicht geblieben. Ihre Forschungen führten zur Gründung eines Biotech-Unternehmens. Womit beschäftigt es sich?

Ludger Weß: Unser Unternehmen nutzt ein Meeresbakterium, dass sich von CO2 und Wasserstoff ernährt. Es braucht keinen Zucker oder sonst welche Nährstoffe, sondern nur gasförmige Nahrung. Im Meer wächst es langsam, aber wenn man ihm viel CO2 und viel Wasserstoff anbietet, vermehrt es sich rasend schnell und bildet eine Biomasse, die sehr reich an Proteinen ist. Man kann also Kohlendioxid aus Menschen gemachten Quellen in große Tanks einleiten, in die man auch Wasserstoff ein leitet, der zum Beispiel mit Windenergie oder Solarstrom in Elektrolyseuren hergestellt wird. In diesen Tanks wachsen unsere Bakterien und wir können die Biomasse ähnlich wie Brauereien, das beim Bier tun, kontinuierlich abtrennen. Diese Biomasse enthält Eiweiß, dass man an Nutztiere verfüttern kann. Möglicherweise eignet es sich auch für die menschliche Ernährung, aber dafür sind noch umfangreiche Tests nötig.

Ruhrbarone: Diese Technologie kann also dabei helfen, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre zu senken und Tierfutter herzustellen? Wann bauen Sie die erste Anlage in Deutschland?

Ludger Weß: Das ist richtig, wir verhindern damit Emissionen und verwandeln sie in Nahrung. Das ist nichts anderes, als was die Landwirtschaft tut. Unsere Technologie kommt allerdings praktisch ohne Landnutzung aus, verbraucht sehr wenig Wasser, ist rückstandsfrei und lässt also die Natur weitestgehend in Ruhe. Wenn man überlegt, dass Europa etwa 70 % seines Eiweißbedarfs durch Importe von Fleisch, Soja, Bohnen und so weiter deckt, könnte unsere Technologie, vorausgesetzt, sie würde in großem Maßstab angewandt, einen Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten und zugleich dafür sorgen, dass weniger Fläche für landwirtschaftliche Produkte genutzt werden muss. Unsere erste Anlage wird jedoch in Portugal stehen. In Deutschland sind die Bedingungen einfach zu schlecht.

Ruhrbarone: Was ist an den Bedingungen in Deutschland denn nach Ihrer Erfahrung so schlecht, dass sie nach Portugal gehen?

Ludger Weß: Wir bekommen in Deutschland auf absehbare Zeit keinen grünen Wasserstoff. Die Hürden sind absurd. In Deutschland gilt Wasserstoff nur dann als grün, wenn er aus Anlagen stammt, die extra zu diesem Zweck gebaut wurden und nicht subventioniert sind. Es ist also verboten, den Überschussstrom, den viele Anlagen produzieren, wenn der Wind sehr stark ist oder die Sonne sehr intensiv scheint, zu nutzen. Meine Vermutung ist, dass große Angst vor Strommangel herrscht und aller Strom, der in Deutschland erzeugt wird, exklusiv der Elektromobilität, den Wärmepumpen und sonstigen Elektrifizierung vorbehalten sein soll. Dafür müsste er gespeichert werden. Diese Speicher gibt es noch nicht in großem Umfang und von daher wäre es sinnvoll, diesen Überschuss Strom für grünen Wasserstoff zu nutzen, aber es ist nicht erlaubt. Hinzukommt, dass Wasserstoff nur dann als grün gilt, wenn er zu 100 % aus Ökostrom produziert wird. Dieser Ökostrom darf nicht gespeichert werden, sondern er muss in der Stunde seine Erzeugung zur Herstellung von Wasserstoff genutzt werden und er muss auch noch aus der Region kommen. Das sind völlig absurde Hürden. Wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint, müsste der Elektrolyseur jeweils abgestellt werden. Man dürfte kein Tesla Pack verwenden.

Das nächste Problem ist die Strompreisbremse. Sie verhindert günstige Direktverträge. Die Erzeugerpreise für Ökostrom sind nach wie vor gering, aber an der Börse wird Strom teuer gehandelt. Die Differenz gilt als Übergewinn und wird zu 90 % abgeschöpft. D.h. wenn wir einen Direktvertrag mit einer Windenergieanlage abschließen würden, sagen wir für 0,15 € pro Kilowattstunde, dann müsste der Betreiber der Anlage die Differenz zum Börsenpreis als Übergewinn ausweisen und circa 90 % davon an den Staat abgeben. Im Endeffekt würde er bei einem solchen Liefervertrag draufzahlen. Das führt schon jetzt zu der Situation, dass zum Beispiel eine Elektrolyseanlage, die im September 1922 in Wunsiedel eröffnet wurde, jetzt schon möglicherweise wieder schließen muss, weil sie vollkommen unrentabel ist. Das konterkariert das Ziel im Koalitionsvertrag, zügig viele Elektrolyseanlagen zu bauen. Es gibt ein Gutachten, der Dechema, wonach im Juni 2022 nicht einmal halb so viele Projekte mit einem Installationstermin vor 2030 in der Projektdatenbank verzeichnet sind wie politisch angekündigt.

Bislang gibt es nur kleinen Anlagen, wir bräuchten aber riesige Anlagen, die rund um die Uhr Wasserstoff erzeugen. Stattdessen werden jetzt gerade hektisch Wasserstofflieferverträge mit Kanada und Norwegen abgeschlossen, wirtschaftlich komplett unsinnig, weil die Transportkosten und die entsprechenden Verluste dabei enorm sind. Ich habe den Verdacht, dass es der Koalition schon längst klar ist, dass es mit der Erzeugung von Wasserstoff in Deutschland vorerst nichts werden wird, weil an allen Ecken und Enden Strom fehlt.

Ludger Weß: Hinzukommt die mangelnde Förderung. Es gibt inzwischen zahlreiche Firmen, wie die unsere, die mithilfe von Mikroorganismen, Kohlendioxid, Methan oder Abfallstoffe aus der Industrie in großen Tanks, die man Fermenter nennt, in nützliche Stoffe verwandeln. Es gibt aber viel zu wenige, dieser Fermenter. In den USA wird die Erzeugung von Wertstoffen und Nahrung in diesen großen Tanks von der Regierung mit 2,2 Milliarden € gefördert, in der EU umfasst das Förderprogramm nicht einmal 20 Millionen Stattdessen haben wir ein Landwirtschaftsministerium, dass auf mehr Biolandbau, Fleisch verzichtet und weniger Nahrungsverschwendung setzt, und moderne Methoden zur Nahrungserzeugung komplett ignoriert.

Ruhrbarone: Warum setzet die EU nicht in demselben Maße auf Biotech wie die USA?

Ludger Weß: Die EU scheint die Dimension des Problems nicht begriffen zu haben und setzt wie Deutschland auf mehr Biolandbau und Fleischverzicht. Biolandbau ist aber leider durch den 30 % höheren Flächenbedarf sehr unproduktiv und man benötigt dann entsprechend 50 % mehr Anbaufläche, wenn man die Minderproduktion durch Bio ausgleichen will. Allerdings kursieren in Brüssel auch merkwürdige Vorstellung über die Rolle Europas bei der Welt Ernährung. Kürzlich war zu hören, Europa solle der Feinkostladen der Welt werden, d.h. Europa verabschiedet sich aus der Verantwortung für die Welternährung und möchte nur noch Luxusprodukte für die Reichen dieser Welt herstellen und exportieren.

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