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Corona: Kritik kann Leben retten

Jens Spahn Foto: Stephan Baumann Lizenz: CC BY-SA 3.0


Die Bürger haben das Recht, während der Corona-Pandemie von den Politikern Höchstleistung zu verlangen.

Die Kernregionen des Westen, Europa und die USA sind die Zentren der Coronapandemie. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise sind es die reichen Länder, die am besten durch Krisen kommen. Von der Spanischen-Grippe ab 1918 waren China und Indien zum Beispiel deutlich stärker betroffen als das vom Ersten Weltkrieg gebeutelte Europa. Sicher, bei Corona spielen auch Temperatur und Luftfeuchtigkeit eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung und bieten große Teile der USA und Europas dem Virus die besten Bedingungen, aber daran alleine kann es nicht
liegen. Selbst im Hochsommer, das machte RKI-Chef Lothar Wieler immer wieder deutlich, hatte Deutschland es nicht geschafft, die täglichen Infektionszahlen auf die angestrebten 200 bis 300 Fälle zu drücken. Wie von ihm prognostiziert, rächte sich das hohe Infektionsniveau, als im Herbst die zweiten Welle begann, die sich bis in den Frühling erstrecken wird.

Dramatisch sind auch die Todeszahlen, die mit täglich rund 800 sehr hoch sind. Am Ende der Pandemie könnte es mehrere Hunderttausende Tote durch Covid geben. Die meisten davon werden alte Menschen sein. Ihnen werden die letzten Jahre ihres Lebens genommen, ihren Kindern und Enkeln die Eltern und Oma und Opa.

Angesichts der Katastrophe, die wir erleben, ist es ungewöhnlich ruhig. Die Menschen verzeihen der Politik viel. Zuviel.

Wie kann es sein, dass eines der angeblich hochentwickeltsten Industrieländer seit Wochen in der Pandemie mehr oder weniger blind ist, weil Gesundheitsämter Zahlen nicht melden, am Wochenende geschlossen sind oder nicht über eine digitale Ausstattung und Kompetenz verfügen, die in zahlreichen Kinderzimmern Standard ist? Wo ist der Protest gegen dieses Versagen?

Wieso nimmt man hin, dass die EU-Kommission aus Kostengründen zu wenig von den Impfstoffen von Moderna und Biontech gekauft hat, weshalb die EU-Staaten mit miserablen Impfquoten aufwarten? Und warum lassen es die Europäer ihren Staaten durchgehen, dass sie bis auf Dänemark nicht einmal in der Lage sind, die vorhandenen Vakzine zu verimpfen? Und warum schauen wir uns die ebenfalls mäßigen Leistungen auf diesem Feld der Bundesländer, in denen wir leben, ohne zu murren an?

Die Menschen in den Altenheimen sterben und niemand verlangt von den Städten, sie besser zu schützen und ihre Mittel darauf zu konzentrieren. Wir diskutieren über die Rettung von  Kultureinrichtungen, weil es ohne sie angeblich still wird, und schweigen zum tausendfachen, leisen Tod unserer Eltern und Großeltern.

Auch nach fast einem Jahr Pandemie gibt es kein schlüssiges Konzept für die Schulen fehlt es an Computern und leistungsstarken Internetleitungen. Man lässt es den Verantwortlichen in der Politik und den Verwaltungen durchgehen. Dafür gibt es keinen Grund. In Krisenzeiten muss man eben mehr leisten. Wer das nicht will, kann ja gehen.

Wir haben zugesehen, als im Frühjahr bei Einreisenden an den Flughäfen nicht einmal Fieber gemessen wurde, lassen es zu, dass die Politik dem Robert-Koch-Institut nicht die dringend benötigten Stellen zu seiner Digitalisierung bereitstellt und akzeptieren es, dass wir nicht einmal genau wissen, welche der mittlerweile zahlreichen Mutationen des Virus grassieren, denn in die Möglichkeiten, Viren zu sequenzieren, sind in diesem Land kaum vorhanden.

Die Einschränkungen, unter denen wir leben müssen, machen Sinn und wer nur ein wenig Verantwortungsgefühl hat, hält sich an sie. Aber wer Verantwortungsgefühl hat, muss von der Politik auch Höchstleistung einfordern. Es mag Gründe dafür geben, dass es zu wenig Impfstoff gibt, die Alten sterben und zu wenig geimpft wird – Entschuldigungen gibt es nicht.

Wir haben das Recht, von der Politik und den Verwaltungen exzellente Leistung zu fordern und sie ständig zu kritisieren und zu hinterfragen, damit sie besser werden. Kritik kann Leben retten – auch in der Pandemie.

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8 Kommentare zu “Corona: Kritik kann Leben retten

  • #1
    Wolfram Obermanns

    Ja, wir verzeihen der Politik zuviel, da stimme ich zu.
    Ich würde den Fokus des Versagens aber anders setzen.

    Wieso diskutieren wir den Umstand, daß Düsseldorf Köln ein Ausscheren aus der Impfstrategie untersagt, aber nicht, wieso Köln bei der Umsetzung dieser Strategie in einer Weise versagt, wie kaum eine andere Stadt?
    Wieso diskutieren wir nicht, wieso das RKI noch im Frühjahr das Tragen von Alltagsmasken ablehnte, obwohl dies
    1. in Fernost schon längst bewährte Praxis war und
    2. mit rudimentären physikalischen Kenntnissen als Hilfsmittel zur Senkung der Ausbreitungsgeschwindigkeit gelten musste?
    Wieso diskutieren wir nicht, wieso die Strategieempfehlung der STIKO mit einigen Goldstandards des Katastrophenschutzes bricht? Auch wenn das gut begründet sein mag: wieso wird dies als eine Art Gottesurteil gehandhabt? Hallo! Kritische Öffentlichkeit! Ist da jemand?
    Wieso beschweren wir uns bei der Bundes- und Landespolitik, wenn die Leiter der Gesundheitsämter im Winter 2020 darüber jammern, wie Sie selbst die Digitalisierung, die EU-weit verpflichtend schon längst abgeschlossen sein sollte, verpennt haben und über die Sommerpause hinweg keinen Millimeter weitergekommen zu sein scheinen?
    Wieso gibt es kein Echo wenn das Bundesinnenministerium an Bundesbeamte in korrumpierender Weise Boni auszahlt, weil sie in der Krise arbeiten?

    Kurz gesagt,
    wieso lassen wir der Politik eine umfassende Schlafmützigkeit bei der Dienstaufsicht auf allen Ebenen, Bund, Land und Stadt durchgehen?

    Da wird gerne das Dienstrecht vorgeschoben, aber selbst in einer Mittelstadt wie Witten kann ich Behörden identifizieren die wirklich effektiv und arbeitsfähig sind und welche die sich eher im Arbeitsboykott befinden.
    Auch zwischen den Städten lassen sich notorisch abgehängte und umsetzungsstarke identifizieren.
    Es gibt Schulen, die können Lehrplanänderungen umsetzen und andere die das aussitzen, genauso wie es Schulen gibt, die den Coronastreß bewältigen und andere, die außer Heulen nichts zuwege bringen.
    Wenn das jeweils ganze Ämter und ganze Anstalten betrifft, sind das Leitungsprobleme und da muß Politik endlich mal ran.

    Aber he, wir fordern wissenschaftliche Untersuchungen dazu, wie "rechts" die Polizei wohl sein mag, anstatt zu fragen warum nur Reul das Dienstrecht in der Frage konsequent anwendet und dazu auch Unterstützung bei der Polizei findet? Wir applaudieren bei einer Ausweichstrategie und beschweren uns über die Folgen, nämlich die Aufdeckung der Netzwerke, konsequenten Handelns?
    Wie plemplem ist die "kritische" Öffentlichkeit in Deutschland eigentlich inzwischen?
    Wir sind eher für eine ABM für möchtegern-Wissenschaftler mit im zweifelsfall ideologisch gefestigtem Weltbild als für eine effektive Sachpolitik. Was nebenbei den Vorteil hat, nicht den Antisemitismus dieser Milieus mal wissenschaftlich untersuchen zu müssen (Stichwort BDS) und sich nicht dem sich langsam herauschälenden echten Neofaschismus (das was wir Neofaschisten nennen, sind doch wohl eher Retrofaschisten) dieser identitären Szene mit sozioökoomisch oligarchischem Hintergrund und ebensolchen Ansprüchen stellen zu müssen.
    Besteht zwischen "plemplem" und ökonomischen Interesse der die Diskussion prägenden "kritischen" Öffentlichkeit ein Sachzusammenhang?

    Wir lassen uns über weite Strecken vom Theater gesteuerter Fakenews ablenken und interessieren uns einen Sch—?dreck für die tatsächlichen Ergebnisse politischen Handelns.

  • #2
    DAVBUB

    @1: Das Interesse und die Kritik sind ja vorhanden. Aberdurch geschicktes Framing des politisch-medialen Komplexes sowie der ihm folgsam nachplappernden Bürger-wie sich auch in der Kommentarfunktion dieses Blogs beobachten läßt- wird inhaltliche Kritik, egal zu welchem Thema, gerne durch persönliche Herabsetzung (übliche Verdächtige, AFD-Freund, Rechter, Impfnationalist, umstrittene Äußerungen, Corona-, Klima-, Wasweißich-Leugner etc.) abgebügelt: Dann muß man sich nicht mit dem Thema auseinandersetzen.
    Das Untertanentum in D hat ein Ausmaß angenommen, das ich mir vor dreißig Jahren in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen hätte können.
    Und solange in unseren Parteien vornehmlich Beamte und MA des ÖD sitzen, wird sich an der Bräsigkeit in den Behörden nichts ändern: Eine Krähe hackt nun mal der anderen kein Auge aus.

  • #3
  • #4
    Bochumer

    Das Schlimmste ist meiner Ansicht nach das Regieren per Notverordnung. Es gibt keine anständigen Gesetze durch das Parlament – und so sieht das Gewurste auch aus.

    Gibt es irgendwo eine Übersicht zum Impfstart in verschiedenen EU-Ländern? Oder beruhen die Aussagen auf dem Facebook-Kanal des Verfassers?

  • #5
    DAVBUB

    @ Moderator: Der Kommentar von "Bochumer" erscheint in der Seitenleiste, aber nicht unter dem Artikel.

  • #6
  • #7
    ccarlton

    Bürger, die von den Politikern Höchstleistung in der Corona-Pandemie verlangen, haben total unrealistische Erwartungen.

    Seit etwas über einem Jahr treffen Politiker eine Fehlentscheidung nach der anderen und eine Ende ist nicht in Sicht. M.A. weil sie sich auf die Nibelungentreue der Medien verlassen können, die jegliche Kritik an der Obrigkeit aktiv bekämpft haben. Wer für Fehler keine Verantwortung übernehmen muß macht munter weiter welche.

    Die nicht-Fiebermessung bei Einreisenden aus Risikogebieten ist ein gutes Beispiel. Das wurde nicht gemacht, weil Corona damals offiziell als harmlos galt, der Regierung und ihrer Presse. Wer anderer Meinung war, galt als Verschwörungstheoretiker oder Rechtspopulist, der Corona nur instrumentalisieren will:

    https://youtu.be/EnR2_1r9Trk

  • #8
    DAVBUB

    @3: Sie funktioniert ja auch nicht in D. Bei jedem "Bürgerdialog" sitzen sprachlich gut ausgebildete Plappertaschen mit vorformulierten Sprachhülsen, die mit vielen Worten wenig verbindliches sagen, Bürgern gegenüber, die irgendwann entnervt den Versuch aufgeben, in einen wirklichen Dialog zu treten. Diese Sprachregelungen werden vorher in vielen Arbeitsstunden erarbeitet, um jedwede Kritik abzubügeln. Im Zweifelsfall hilft die "das ist Rechts"-Keule, früher mußte noch "Rechtsextrem" herhalten. Im WDR wurde z.B. die Frage, warum Asylbewerber einen Platz ganz oben auf der Prioritätenliste der Stiko erhalten haben (noch vor "systemrelevanten" Gruppen), von vornherein von jeder Diskussion ausgeschlossen. Weil das ja "…eine häßliche Frage wäre…" Solche Diskussionen werden gar nicht erst zugelassen. Wer diese Fragen dennoch stellt, ist ein Nörgler oder ekliger Impfnationalist, rechts sowieso.
    Und das hat dann auch Folgen: Ein nicht unwesentlicher Teil der Bevölkerung paßt seine Aussagen mittlerweile an das Umfeld an, in dem er sich bewegt. Kritische Äußerungen zur Politik werden in den privaten Raum verschoben. Hier bestätigt sich die Theorie der Schweigespirale.
    Das ist vermutlich auch der Grund, warum viele Mnschen unter Nicknames kommentieren: Angst vor Konsequenzen z.B. im geschäftlichen Leben u.Ä.

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