Deutschland-Ungarn: Das beschissenste Spiel der Geschichte

Allianz-Arena Foto: Richard Bartz, Munich aka Makro Freak Lizenz: CC BY-SA 2.5

Die Erwartungen an das Spiel Deutschland gegen Ungarn waren hoch. Fußballerisch, da nach dem Spiel gegen Portugal der Knoten geplatzt schien und Ungarn gegen Frankreich eine überzeugende Vorstellung ablieferte. Emotional, da es wohl in der Geschichte der Europameisterschaft nie zu so intensiven Debatten kam.

Was schlussendlich abgeliefert wurde, dürfte als Tiefpunkt in die Geschichte der Europameisterschaft eingehen. Die ungarische Mannschaft konnte einem hierbei regelrecht leidtun. Vermutlich wollten sie einfach nur Fußball spielen, praktisch wurden sie sowohl von der eigenen Regierung als auch den ungarischen und deutschen Fans instrumentalisiert. Dass ein Flitzer mit einer Regenbogenflagge vor der ungarischen Mannschaft protestiert hat, war schon ein erster, peinlicher Höhepunkt des Abends. Allgemein schienen gestern viele vergessen zu haben, dass nicht ein einziger ungarischer Spieler das absurde Gesetz der Regierung Orban zu verantworten hat. Um vor den ungarischen Fans zu protestieren, die mit homophoben Gesängen und pseudo-martialischem Auftreten genau das lieferten, was auch erwartet wurde, reichte der Mut dann doch nicht. Immerhin: Der traditionell bei Shitshows so wichtige Hitlergruß kam diesmal nicht von einem Deutschen.

Die deutsche Elf zeigte nachfolgend über 90 Minuten den wohl schlechtesten Auftritt seit langer Zeit. Fahrig, gelangweilt, mit einer unfassbaren Menge individueller Fehler. Es passte ins Bild, dass selbst der ansonsten nahezu unfehlbare Manuel Neuer unsicher wirkte und İlkay Gündoğan wohl die schlechteste Leistung seiner Nationalmannschaftskarriere zeigte. Man konnte zeitweise den Eindruck gewinnen, die deutschen Spieler hätten vergessen, dass die Mannschaft zum Erreichen des Achtelfinals aus eigener Kraft noch wenigstens einen Punkt benötigte. Die einzigen echten Lichtblicke auf dem Feld waren Goretzka und der gerade 18 Jahre alte Musiala. Löw-typisch wurde der ambitionierte und motivierte Youngster so spät eingewechselt, dass ihm kaum noch Zeit blieb das Spiel zu beeinflussen. Der absolute sportliche Tiefpunkt war erreicht, als die deutsche Elf nach dem 2:2 in ein wirklich unerträgliches Zeitspiel verfiel, anstatt auf das vorentscheidende 3:2 zu spielen. Nach der dritten, kurz ausgeführten Ecke hintereinander und einem an die Kreisliga erinnernden Ballblockierens war man fast geneigt, der ungarischen Elf noch einen Siegtreffer zu wünschen. Einfach aus Prinzip, weil es so unsportlich war. Es passte ins Bild, dass sich ZDF Kommentator Oliver Schmidt zwischenzeitlich einen französischen Sieg wünschte, damit Deutschland auch im Falle einer Niederlage das Achtelfinale erreicht hätte. Es war der Schlusspunkt eines wirklich kaum zu ertragenden Fußballspiels, das am Ende zu einer langweiligen Randnotiz wurde.

Abgerundet wurde dieses obskure Spektakel von den Qatar-Airways Werbebanden. Der Airline jenes Emirates, in dem im kommenden Jahr auf den Leichen von Gastarbeitern Fußball gespielt werden soll. Mit Spannung wird auch erwartet, wie sich die weltoffene und tolerante UEFA sowie die zahllosen, jetzt mit erheblichen Portionen Gratismut betankten, internationalen Fans öffentlichkeitswirksam in Szene setzen werden.

Anstatt Applaus im Stadion und Facebook-Likes drohen Homosexuellen in der gesamten Region traditionell Strafen zwischen Peitschenhieben und einem Strick am Baukran. Bei der Vergabe des Turniers empfand man so unangenehme Details offenbar als weniger störend.

Es ist immer richtig, sich für Menschenrechte einzusetzen und schlussendlich dürfte das schizophrene Verhalten der UEFA für mehr Aufmerksamkeit gesorgt haben, als es jede Stadionbeleuchtung jemals getan hätte. Es ist aber vor allem festzuhalten, dass dies möglich war, da alle Beteiligten genau wussten, dass ihnen in Deutschland keinerlei Probleme drohen. Den besten Kommentar des Abends lieferte schließlich der geoutete Thomas Hitzlsperger. Völlig unaufgeregt und gewohnt ruhig fasste der ehemalige Stuttgarter Mittelfeldakteur zusammen, dass Homosexuelle in Deutschland sicher sind und man auf die gesamte Entwicklung in unserem Land „ziemlich stolz sein kann“.

Vielleicht bleibt ja wenigstens diese zentrale Erkenntnis, wenn man wieder irgendwer versucht zu erklären, wie übel diskriminierend und böse der Westen und insbesondere Deutschland ist.

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ccarlton
ccarlton
3 Jahre zuvor

Zum Fremdschämen. Wegen der Innenpolitik der ungarischen Regierung werden ungarische Fussballer ausgebuht. Das sollte den einen oder anderen hier bekannt vorkommen. Vor dem ungarischen Konsulat in München scheint es dagegen keine Proteste gegeben zu haben.

thomas weigle
thomas weigle
3 Jahre zuvor

Eines können der DFB, deutsche Fußballer und ihre Fans gut: Peinlich sein. Da kann ihnen keiner was vormachen, da sind sie schon Europameister.

Bochumer
Bochumer
3 Jahre zuvor

Im Kommentar vermisse ich ein Wort zur Spielweise der Ungarn: 5er Kette und 30 Prozent Ballbesitz. Das erinnert an Energie Cottbus in Liga 2 und zeigt, wie unsinnig die Aufblähung des Spielbetriebs ist. Die Spieler haben zudem viel zu viele Partien im Jahr, was Qualität der großen Turniere unter Null drückt. Dazu passt das Zeitspiel der deutschen Mannschaft, dass man ihr nicht vorwerfen kann.
Allerdings lässt sie Mal hinterfragen, wie.diw Ticketvergabe an die Ungarn lief? Nazis und Pissnelken zuerst…?

Yilmaz
Yilmaz
3 Jahre zuvor

Für mich war es bereits in der ersten Halbzeit vollkommen unverständlich warum Löw diesen Spieler Sane nicht auswechselt hat. Solche Fehler, die dieser sonst hoch gelobte Spieler fabriziert hat, waren unverzeihlich.

DAVBUB
DAVBUB
3 Jahre zuvor

Ein Spieler, dem der Bundestrainer seit Jahren kein Vertrauen entgegenbringt, soll dann die Lücke füllen, die Müller hinterlassen hat? Dadurch hat Löw Sané einem unglaublichen Druck in dessen erstem Länderspiel seit wievielenJahren ausgesetzt. Das kann dann auch mal schief gehen; dann liegt da aber am Trainer mehr als am Spieler. Natürlich war Sanés Leistung unterdurchschnittlich. Aber da war er weder der einzige, noch m.M. noch der einzig Verantwortliche. Immer stinkt der Fisch vom Kopf, und der mault schwäbisch.

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