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Das Fassbinder-Biopic ›Enfant Terrible‹ ist ein Meisterwerk

Oliver Masucci spielt Rainer Werner Fassbinder in ›Enfant Terrible‹ von Oskar Roehler | Fotoredit: Weltkino

Oliver Masucci spielt Rainer Werner Fassbinder in ›Enfant Terrible‹ von Oskar Roehler | Fotoredit: Weltkino

Heute läuft in den Kinos ›Enfant Terrible‹ an. Es ist von Regisseur Oskar Roehler der Versuch sich seinem großen Idol Rainer Werner Fassbinder zu nähern. Mit einer kunstvollen Farb- und Lichtdramaturgie, sowie außergewöhnlichen Kammerspiel-Kulissen, nähert sich Roehler dem Fassbinder-Universum und erschafft ein grellbuntes Panoptikum. Episodenhaft erzählt Roehler aus dem Leben des Künstlers und zeigt dabei dessen ganze Bandbreite: vom genialen Regisseur über den verzweifelt nach Liebe Suchenden bis hin zum eifersüchtigen Maniac, der einzelne Personen aus seiner Film-Clique immer wieder ärgern und drangsalieren muss. Schauspieler Oliver Masucci spielt den Regisseur in seiner ganzen Komplexität: als innovativen Theatermacher, unerbittlichen Filmfanatiker, Sichtbarmacher von politischen Ungereimten und einem privat Verzweifeltem, der nach dem Selbstmord gleich zweier Lebenspartner (El Hedi Ben Salem im Jahr 1977 und Armin Meier 1978) knietrief im Nebel von Kokain, Alkohol, Valium und Schlaftabletten versinkt.

Als der 22-jährige Rainer Werner Fassbinder 1967 die Bühne des Antiteaters in München stürmt und kurzerhand die Inszenierung an sich reißt, ahnt niemand der Anwesenden, dass dieser dreiste Typ einmal der bedeutendste Filmemacher Deutschlands werden wird. Vorher wird RWF von der Filmhochschule abgelehnt, aber er eifert immer wieder seinen Vorbildern Jean-Luc Godard, Douglas Sirk oder Raoul Walsh nach. Schnell schart der einnehmende, ängstliche und fordernde Mann zahlreiche Schauspielerinnen, Selbstdarsteller und Liebhaber um sich – und dirigiert als Alphatier seine Clique mit Brutalität und absonderlichen Machtspielen. Er dreht insgesamt 43 Filme in 16 Jahren – und da sind viele Perlen darunter, aber auch so manches Werk, was zu schnell und nachlässig hingerotzt worden ist. Roehler zeichnet bei ›Enfant Terrible‹ unter anderem die Dreharbeiten von „Warnung vor einer heiligen Nutte“ und den melodramatischen Western „Whity“ nach – und zeigt mit knallharten Bildern, mit wie viel Unnachgiebigkeit Schauspieler Günter Kaufmann (genial gespielt von Michael Klammer) von Fassbinder getriezt und geärgert wird.

Ein ›Larger-Than-Life‹-Berserker, der immer wieder am Leben scheitert

Über seinen Film ›Chinesisches Roulette‹ sagte Fassbinder mal: „Ich habe versucht einen Film zu machen, der die Künstlichkeit, die künstliche Form bis ins Äußerste treibt, um sie hinterher vollkommen in Frage stellen zu können.“ Einen ähnlichen Weg geht Roehler. Mit den künstlichen Studiokulissen baut er private Wohnungen, Filmsets oder Pressekoferenzen nach. Schauspieler Oliver Masucci zeigt die Unerbittlichkeit von Fassbinder in seiner ganzen Spannbreite, der seine Arbeitswut mit seiner privaten Lebensunfähigkeit befeuert. Ob mit cholerischen Ausbrüchen, masochistischen Spielchen, komplett sentimentalen Zusammenbrüchen oder als emsigen Arbeiter, der nach Feierabend Theaterstücke adaptiert, Zeitung liest, in der Kneipe flippert oder daheim Fußball schaut. Denn der echte Fassbinder war ja noch schwerer zu verstehen, als diese 134-Minuten-Version, die Oliver Masucci spielt wie ein ›Larger-Than-Life‹-Berserker, der immer wieder am Leben scheitert – und daraus Filme wie ›Händler der vier Jahreszeiten‹, ›Welt am Draht‹, ›Lola‹ oder ›Ich will doch nur das ihr mich liebt‹ erfindet.

Nach der Premiere in der Lichtburg in Essen am vergangenen Freitag sagte Masucci über seine Rolle: „Während der Dreharbeiten bin ich manchmal an meine Grenzen gekommen. Ich habe immer wieder Momente gehabt, wo ich dachte: ich kann dieses Arschloch nicht mehr spielen; wie er mit dem Team umgeht, das ist unerträglich! Aber der Moment, als ihm zugetragen wird wie sein Lebenspartner Armin Meier sich das Leben genommen hat – das ist so ein unglaublich tragischer Moment, an den ich mein ganzes Leben lang erinnern werde.“ Roehler ist mit ›Enfant Terrible‹ kein handelsübliches Biopic gelungen. Aber er hat mit einer wahnsinnigen Wucht und Eindringlichkeit das Leben von einem der wichtigsten deutschen Filmemacher nachgezeichnet. Bei der Summe vieler Ekel-, Fremdschäm- und Monster-Momente ist diese Regiearbeit eine atemberaubende Achterbahnfahrt durch das komplette Gefühlsspektrum. Kurz gesagt: ein Meisterwerk!

 

 

 

 

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