0

Das Programm für das 48. Moers Festival steht


Mit den soghaften und schweißtreibend-coltraneartigen Stücken des New Yorker Quartetts „Scatter The Atoms That Remain“ um den kanadischen Schlagzeuger Franklin Kiermyer will das Festivalteam gleich zur Eröffnung des alljährlichen Pfingstspektakels in Moers ein starkes Ausrufezeichen setzen, dann startet der musikalische Trip in unbekanntes Land. Daß das einstige „New Jazz Festival“ aber längst kein originäres Jazz-Festival mehr ist, zählt inzwischen zum Allgemeinwissen unter Musikfans und sei hiermit zum letzten Mal erwähnt. Was die Bands und Solokünstlerinnen und -künstler des diesjährigen Programms genreübergreifend eint, ist die Lust am Nicht-Normalen, Experimentellen, Grenzüberschreitenden. Von unserem Gastautor Matthias Heße.

Große Namen sind natürlich dabei, der Saxophonist Joshua Redman etwa, Colin Stetson oder das legendäre Sun Ra Arkestra. Sun Ra war bekanntlich einst vom Saturn zum Planeten Erde emigriert, und so scheint es nur sinnfällig, daß der künstlerische Leiter Tim Isfort und sein Team die Presse zur Programmvorstellung in die örtliche Filiale des gleichnamigen Elektrohändlers lädt, wünscht man sich dort doch vielleicht ein kleines Guerilla-Konzert der legendären Freejazz-Formation, die nach dem Tod ihres Namensgebers von dem kongenialen Flötisten Marshall Allen geleitet wird. Wie sich überhaupt vieles außerhalb des Hauptprogramms erst während der Pfingsttage selbst ergeben wird, abhängig von der Spontaneität und den zahlreichen kreativen Energien, die beim Moers-Festival traditionell aufeinanderprallen. Konzerte in Ladenlokalen, Kirchen, im Park und sonstigen Orten gehören im dritten Jahr der Ära Isfort bereits so untrennbar zum Mythos Moers wie die Konzerte auf der Hauptbühne in der Festivalhalle.

Vor der Verkaufswand mit den riesigen Plasmabildschirmen verkünden also künstlerischer Leiter, nebst Geschäftsführer, Bürgermeister und Kulturdezernent das geplante Programm vom 7. bis zum 10. Juni: Politisch wird es beim Blick auf die aktuelle Szene aus Sao Paulo, hier kann man in einem kleinen Schwerpunkt Tom Zé, den Spoken-Word-Artist Rodrigo Brandao, der Schlagzeugerin Mariá Portugal und dem Experimatal-Samba von Méta Méta begegnen. Ebenfalls tanzbar (und sehr folkig) sind Širom aus Slowenien, Killing Popes (GER/GB), Black Midi aus London und eine noch im Entstehen begriffene Gipsy-Formation um den Kosmopoliten und Zur-Zeit-Wahl-Belgrader Hayden Chisholm. Exklusiv für und in Moers entstehen unter anderem das Global Improvisers Orchestra mit Musikerinnen und Musikern aus neun Ländern und die Kollaboration von Angelika Niescier mit den großartigen norwegischen Vokalistinnen von Trondheim Voices. Auch neugierig machen der Dudelsackspieler Erwan Keravec aus Frankreich und vier japanische Autotune-Pop-Zerleger namens Yasei-Collective.

Zahlreiche weitere Namen werden genannt, auf den Großbildschirmen irritiert zuweilen das Testbild des DDR-Fernsehens. Eine Gruppe junger Menschen mit röhrenden Staubsaugern aus der Haushaltswarenabteilung macht rüber. Violinentöne, das vereinzelte Brummen einer Tuba. Schülerinnen beginnen, die gediegenen Herren hinter den Mikrofonen bunt zu bemalen. Kunden mischen sich unter die Journalisten, weitere Instrumente mischen sich dazu, eine wilde Show flimmert über die Monitore, und eine kakophonische Prozession aus Musik und Elektrogeräten beendet die Seriosität der Veranstaltung.

In einer gewissen Weise sei es heute schon schwerer als in den frühen 70ern, wird Isfort später im Gespräch sagen, einfach mal ein Musikfestival in die Welt zu stellen, daß sich ausschließlich dem Experiment, der Unsicherheit, der Avantgarde verschreibt. Die Kultur der Gegenwart ist divers, und zahlreiche Verordnungen zu Sicherheit und Versammlungsstätten täten ihr Übriges, die anarchische Kraft der Kunst einzuhegen. Dem zu trotzen und den Geist des altehrwürdigen Moersfestivals auch weit außerhalb eines elitären Dunstkreises für alle spürbar werden zu lassen, kostet manchmal Kraft – vielleicht ist das eine weitere Facette des vieldeutigen Mottos der 2019er Ausgabe: „Strengt euch an!“ Daß die Künstlerinnen und Künstler Jahr für Jahr ihre ungezähmte, oft auch verstörende Musik vier Tage lang vor einem Publikum von 2000 begeisterten Menschen performen können, das sei in der Welt einmalig. Und bleibt sicher alle Anstrengung wert.

Das vollständige Programm auf  www.moersfestival.de

RuhrBarone-Logo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.