BER ist überall: Brücke im Kreis Recklinghausen kommt mit achtfacher Bauzeit nicht aus!

Dass Bauvorhaben mitunter den im Vorfeld veröffentlichten Zeitplan nicht einhalten können, das ist kein Geheimnis. Spätestens seit dem Desaster rund um den seit Jahren im Bau befindlichen Berliner Flughafen (BER), diskutiert das ganze Land über solche schier unglaublichen Auswüchse.

Dass es aber auch in der Provinz vergleichbare Fälle gibt, die das tägliche Leben der Menschen im konkreten Einzelfall sogar deutlich mehr beeinträchtigen als ein nicht fertiggestellter Ersatzflughafen, das erleben seit knapp zwei Jahren die Bürger im Kreis Recklinghausen.

An der Stadtgrenze zwischen Datteln und Waltrop sollte im Sommer 2017 die Brücke vor dem Schiffshebewerk Henrichenburg, die seit Jahren nur noch einspurig befahrbar war, da marode, durch eine neue Brücke ersetzt werden. Die veranschlagte Bauzeit betrug seinerzeit rund drei Monate.

Als es nach einem Jahr Bauzeit noch immer keine befahrbare neue Brücke gab, der Verkehr die neuralgische Stelle nicht passieren konnte, feierten die Bürger im Sommer 2018 sarkastisch ein ‚Brückenfest‘, wohl in der Hoffnung dem verantwortlichen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Duisburg (und dem von ihm beauftragten Unternehmen) Beine machen zu können.

Jetzt steht fest: Auch zwei Jahre nach Beginn der Bauarbeiten, und damit nach einer Verachtfachung der ursprünglich angesetzten Bauzeit, wird es wohl keine befahrbare Brücke an dieser Stelle geben!

Denn das WSA aus Duisburg-Meiderich geht aufgrund neuester Entwicklungen offensichtlich nicht mehr davon aus, das Brücken-Bauwerk über die Recklinghäuser Straße auf Höhe des Schiffshebewerkes bis zum Sommer, so wie es noch vor wenigen Wochen eingeplant war, für den Verkehr freigeben zu können.

Bürger der Region können die verworfenen Zeitpläne inzwischen kaum noch zählen. Etliche Male wurden die Arbeiten unterbrochen, ruhten mehrfach für Wochen. Die vom WSA mit der Arbeiten beauftragte Arbeitsgemeinschaft (Arge) Stahlbau Magdeburg/ Wilhelm Scheidt streitet seit Monaten mit ihrem Auftraggeber über Details.

Leidtragende dieser Posse sind die betroffenen Bürger, die seit inzwischen knapp zwei Jahren zu tausenden nicht unerhebliche Umwege in Kauf nehmen müssen, und die in der Umgebung der defekten Brücke ansässigen Unternehmen, die seit Monaten unter deutlichem Kundenschwund zu leiden haben, teilweise in ihrer Existenz bedroht sind.

Selbst eine Brücken-Freigabe im Laufe des Kalenderjahres 2019 scheint inzwischen nicht mehr gesichert zu sein.

BER ist überall, könnte man scherzen, wenn die Sache im Kern nicht so unglaublich traurig wäre….

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18 Kommentare

  1. #1 | Emscher-Lippizianer sagt am 12. April 2019 um 12:53 Uhr

    Bei der Ausschreibung musste der billigste Jakob genommen werden. War ja auch bei Firma Betam (u.a. A43 bei Haltern) ein Erfolgsmodell….

  2. #2 | Ke sagt am 12. April 2019 um 12:53 Uhr

    Der Ersatz der Kanalbrücke zwischen Do Mengede und Eving hat auch ewig gedauert.
    Der Kaiser hat den Kanal in ein paar Jahren gebaut. aktuell brauchen wir gefühlt dieselbe Zeit für jede 08/15 Brücke.

    Chinas neue Autobahnen sind da faszinierend. Viele KM neue Strassen, und die Brücken scheinen aus dem Baukasten zu kommen. Die Franzosen haben ihr Mega Viadukt schnell erstellt, nur unsere Autobahn und Brückenbauer scheinen ihre Kernkompetenz im Sperren von Strassen/Fahrspuren zu haben.

    Mensch, wir haben 2019.

  3. #3 | thomas weigle sagt am 12. April 2019 um 17:42 Uhr

    Riesige LKWs und große SUVs lassen sich halt schneller bauen als Straßen und Brücken.
    LKW und große PKWs sind zu schwer und zu schnell, Straßen und Brücken halten das nicht aus, von der Menge mal ganz abgesehen. Als ich in den 90ern Mitglied der damaligen Bauamtskommission Bielefeld war, warnten die Mitarbeiter vor genau dieser Entwicklung, sahen schon damals die Grenzen des finanziell und personell Machbaren erreicht bzw. tw auch schon überschritten.
    Aber wenn die Polizei den Verkehr überwacht und Bußgelder wg Geschwindigkeitsübertretungen verhängt, wird gezetert ohne Ende, auch hier.

  4. #4 | Jürgen sagt am 12. April 2019 um 18:10 Uhr

    Wahrscheinlich sollte man in der Bundesrepublik solange keine Infrastruktureinrichtung mehr neu bauen, wie die alte Infrastruktur nicht komplett erneuert wurde. Oder wenigstens solange nicht, wie ein Mechanismus gefunden wurde, der zuverlässig sicherstellt, dass für die bestehende wie neugebaute Infrastruktur für mindestens ein Erneuerungszyklus finanzielle wie auf Seiten der unterhaltenden Einrichtung ausreichend personelle Kapazitäten vorhanden sind, um Planung und Begleitung der Erneuerung/Sanierung sicherzustellen. Und zwar ohne Bildung irgendwelcher Schattenhaushalte oder Phantomhaushalte. Ansonsten gleicht die Bundesrepublik bald Ländern wie Pakistan: Bauen, Nutzen, Verkommen lassen, mit dem Geld anderer Länder nebendran wieder neu bauen.

  5. #5 | Ke sagt am 12. April 2019 um 19:11 Uhr

    #3
    Dann freuen wir uns doch auf die Gigaliner.
    Schon jetzt hat man auf den Strassen zu den grossen Lagerhallen im Dortmunder Norden das Gefühl auf Schienen zu fahren.
    Die Hauptschäden dürften aber doch von den LKw kommen.

    Dennoch frage ich mich, wieso solche 08/15 Brücken nicht schnellet gebaut werden können. Wir hatten doch schon vor mehr als 100 Jahren Unternehmen, die jn der ganzen Welt zu damaligen Zeiten Eisenbahnbrücken etc gebaut hatten. Ist das Knowhow verloren, sind die Vorschriften zu streng?
    Das sind doch alles auch keine Megabrücken.

  6. #6 | Helmut Junge sagt am 13. April 2019 um 18:52 Uhr

    Reden wir in 2-3 Jahren noch mal darüber. Dann müßte sich was getan haben. Vorher macht es doch keinen Sinn.

  7. #7 | thomas weigle sagt am 13. April 2019 um 22:19 Uhr

    Es sind natürlich die LKWs, die die meisten Schäden verursachen. Aber die Geschwindigkeit spielt auch eine Rolle. Wie fahren regelmäßig nach Nordwestjütland. Egal ob über Hannover oder Osnabrück/Bremen Baustellen und Staus bis bzw. von Flensburg an. In Dänemark kann ich mich nur an eine einzige Baustelle in all den Jahren erinnern und an keinen einzigen Stau. Warum wohl? Eindeutig weniger Verkehr, sowohl bei PKWs als auch beiLKWs. Es sei denn in Deutschland beginnen oder enden Ferien. Und nicht zu vergessen ein Geschwindigkeitslimit, wie überall außer bei uns.

  8. #8 | Robin Patzwaldt sagt am 13. April 2019 um 22:43 Uhr

    Jahrelanger Sanierungstau lässt sich eben nicht über Nacht beheben. Die Wahl von offenkundig überforderten Firmen verlangsamt dann zusätzlich. Ein Trauerspiel!

  9. #9 | Ke sagt am 14. April 2019 um 07:26 Uhr

    Nach BER Dübelskandalen, ewigen Baustellen für Standardaufgaben und Schadenfreude bei Landungen auf dem Mond, die nicht perfekt funktionieren ,hat mir folgende Apollo 8 Landungsreportage imponiert.
    Prof Kaminski, Gerd Ruge etc. Vermitteln Begeisterung für Technik. Solche Begeisterung lösen heute nur noch besonders tolle Gendersternchen oder geschlechtsneutral Wortneuschöpfungen aus.

    Für Nostalgiker und Technikfrejnde:
    Linktipp: Apollo 8 landet – Weihnachten im All
    https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/apollo-acht-landung-100.html

  10. #10 | Helmut Junge sagt am 14. April 2019 um 07:58 Uhr

    @Robin, ich muß fast täglich über die Brücke in Lirich, die eigentlich die Hauptbrücke über den Rhein-Hernekanal ist. Die war jahrelang einspurig, bis sie notdürftig in der Mitte repariert worden ist.
    Ich habe mich all die Jahre über die Geduld meiner Oberhausener Freunde gewundert. Allein die Absperrung kostet ja pro Meter und pro Tag Geld. Die Firmen, die solche Absperrungen herstellen, oder gegen Bezahlung aufstellen, sind die Gewinner. Ich glaube, daß deren Reibach grenzenlos ist.
    Und solche Absperrungen sind überall zu sehen, jahrelang. Die Hälfte des Geldes geht da sicher rein.

  11. #11 | thomas weigle sagt am 14. April 2019 um 12:50 Uhr

    Es gibt nicht genug Firmen. Der Bau der A33 bspw., der Ende des Jahres abgeschlossen sein soll, wirkt(e) weit ins Land als Staubsauger, der andere Baustellen leerfegte bzw. deren Einrichtung vorerst verhinderte. Es hat sich ja seit den 90ern nix wirklich geändert. Großbaustellen sind außerdem halt schon von der Dauer her lukrativer als viele kleine Sanierungsmaßnahmen, die dennoch große Auswirkungen haben, wenn sie nicht oder von Billigfirmenerledigt werden, Stichwort europaweite Ausschreibung.

  12. #12 | Ke sagt am 27. April 2019 um 22:48 Uhr

    2 ambitionierte Projekte:
    A) Brücke über den größten Kanal vonne Schleuse bei Waltrop
    B) Chinas geplante Mondbasis
    https://futurism.com/the-byte/china-ten-years-have-moon-base

    Wer wird wohl zuerst sein Ziel erreichen?

  13. #13 | Ruhrbarone-Ausflugstipp: Das LWL-Museum 'Schiffshebewerk Henrichenburg' | Ruhrbarone sagt am 29. April 2019 um 14:21 Uhr

    […] vor dem ’neuen Schiffshebewerk‘ seit Jahren schon eine echte Provinzposse darstellt (wir berichteten), was zudem die Zufahrt zur Anlage aktuell extrem erschwert, auch der traurige Zustand des […]

  14. #14 | Deutschland ist das Land der Dichter und Denker? Jedenfalls nicht das Land der tollsten Ingenieure! | Ruhrbarone sagt am 7. Juli 2019 um 13:13 Uhr

    […] nicht erwehren, dass es sich um ein reines Ablenkungsmanöver handelt. Eine ursprünglich auf eine Bauzeit von drei Monaten geschätzte Brücke jetzt durch so eine ‚Mogelpackung‘ zu ersetzen, das lässt nichts […]

  15. #15 | Brücken-Disaster: Was der Bundespräsident bei seiner Reise durchs Ruhrgebiet nicht erwähnt hat | Ruhrbarone sagt am 24. November 2019 um 10:04 Uhr

    […] Verschiebungen später, wurde auch der zweite traurige Jahrestag im vergangenen Sommer erreicht, im Jahresverlauf 2019 irgendwann an dieser Stelle aber zumindest […]

  16. #16 | Thomas Weigle sagt am 24. November 2019 um 14:33 Uhr

    Die Stadt Dortmund besaß zumindest in den 50ern die höchste Konzentration von Brückenbauanstalten in der damaligen BRD….. 100 Jahre zuvor baute die Dortmunder Brückenbauwerkstätte die erste feste Eisenbahnquerung des Rheins für die Cöln-Mindener Eisenbahn, die ja zunächst in Köln-Deutz, also auf dem rechten Rheinufer, endete.
    Bis ins letzte Jahrhundert gab es einige Trajektfähren an stelle von Brücken.Man kann sich vorstellen wie zeitraubend diese Art der Rheinquerung war.

  17. #17 | Guter Neujahrsvorsatz für 2020: Die Strukturen beim Wasser - und Schifffahrtsamt entkrusten! | Ruhrbarone sagt am 1. Januar 2020 um 10:45 Uhr

    […] Plänen und Ankündigungen auf lediglich drei Monate begrenzte Bauzeit steuert inzwischen auf die Marke von drei Jahren (!!!) zu. Und noch immer ist unklar, wann genau mit der Fertigstellung der vergleichsweise kleinen […]

  18. #18 | Deutschlands wohl peinlichstes Brückenbauprojekt steht endlich vor der Vollendung! | Ruhrbarone sagt am 24. Juli 2020 um 11:04 Uhr

    […] Pustekuchen! Es entwickelte sich eine selten gesehene Serie von Peinlichkeiten, bei der sich das WSA und die beauftragte Baufirma alsbald um die Details und die Verantwortung […]

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