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Das Unangenehme an Katastrophen ist, dass man sich nicht aussuchen kann, wann sie beendet sind

Katastrophenmode Foto: Kaya Gercek

Im Durchschnitt werden wir ungefähr 80 Jahre alt. Wenn man sich nun die Geschichte anschaut wird einem schnell klar, dass die Chancen, in dieser Zeit keine große Katastrophe mitzuerleben, leider ziemlich gering sind. Corona, das kann man schon nach ein paar Monaten sagen, ist so eine Katastrophe von historischem Ausmaß. Am Anfang gab es ja ein paar Hoffnungen: Das Virus erreicht Europa nicht war eine, im Sommer bei höheren Temperaturen läuft die Seuche einfach aus, eine andere. Beides ist nicht eingetroffen. Bis wir einen Impfstoff haben, wird Corona das Leben auf der Welt bestimmen – und wann der Impfstoff da sein wird, kann heute niemand sicher sagen.

Bei den nun aufkommenden Forderungen nach Lockerungen habe ich das Gefühl, dass vielen Menschen nicht klar ist, dass wir eine Situation erleben, die es mit Sicherheit schaffen wird, einen prominenten Platz in den Geschichtsbüchern zu bekommen.
Ja, das Schicksal von Künstlern und Wirten ist hart und ihre Aussichten sind düster. Es werden keine Filme mehr gedreht, niemand wird wahrscheinlich in diesem Sommert nach Ischgl reisen, die Strände an den Meeren dieser Welt werden ziemlich leer sein und wer immer schon von den Segnungen einer Postwachstumswirtschaft träumte, wird bald erleben dürfen, wie es sich in einer ärmer werdenden Gesellschaft so lebt. Die Begeisterung, dafür muss man kein Prophet sein, wird sich in Grenzen halten.

Bis wir einen Impfstoff haben, geht es schlicht und ergreifend darum, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen überleben, medizinisch versorgt werden können, zu essen haben und unsere demokratische Gesellschaft durch den Sturm zu bringen. Mehr nicht. Schaffen wir das, können wir stolz auf uns sein. Man kann alles mögliche später wiedereröffnen und aufbauen, ein paar Millionen Tote jedoch nicht wieder zum Leben erwecken. Und wenn demokratische Gesellschaften kippen, lässt sich dieser Schaden auch nicht in ein paar Jahren beheben.
Gesellschaften, die einige Jahre mit einer Seuche leben müssen, kämpfen um ihre Existenz. Wir sind am Beginn einer solchen Phase. Vielleicht geschieht ein Wunder und das Coronavirus mutiert zu einem Wodka-Lemon, aber das ist ziemlich unwahrscheinlich. Das Unangenehme an Katastrophen ist, dass man sich nicht aussuchen kann, wann sie beendet sind. Je schneller wir uns alle darüber bewusst werden, wie tief wir in der Scheiße stecken, umso besser ist es, denn dann entwickeln wir jenen Realismus, der die Chancen zu überleben erhöht.

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10 Kommentare zu “Das Unangenehme an Katastrophen ist, dass man sich nicht aussuchen kann, wann sie beendet sind

  • #1
    Angelika

    Im Lebenslauf meines Großvaters (1890 – 1982) zwei Pandemien (Russische Grippe, Spanische Grippe), zwei Weltkriege. Da war auch noch eine Hyperinflation 1923, eine Währungsreform.

    Als es im 2. Weltkrieg für meinen Großvater als Herrenschneider außer Flickarbeiten nichts mehr zu tun gab, packte er die Stoffe (Kammgarn, Tweed…) weg, und zwar so, dass man das gute Zeug nicht so schnell finden konnte und holte sie nach der Währungsreform wieder hervor. Und nähte wieder.

    Warum Opa meinte, dass Kernseife das Beste sei, Spaziergänge liebte, Menschenansammlungen vermied, am liebsten mit der eigenen Familie zusammen war, zum Markt (Pflänzchen für den Garten) ganz früh, wenn es noch nicht so voll ist usw. usw., weiß ich nun besser.

    Also …
    Händewaschen! Kernseife oder andere.

    Wenn das Schlimmste vorbei ist und man hoffentlich noch da ist, wird man sehen, was geht oder nicht geht. Mein Opa hatte jedenfalls fast immer gute Laune und fuhr noch mit dem Rad bis er fast 90 war.

  • #2
    André T.

    Es ist noch lange nicht Sommer Herr Laurin.
    Weder kalendarisch noch meterologisch! Vielleicht ist ihnen die Angst zu Kopf gestiegen und sie leben bereits im Übermorgen.
    Aber auch dann wird es der Corona Virus niemals auf 1 Millionen Opfer bringen.
    Bei wieviel Milliarden Menschen weltweit?
    Bitte reissen sie sich zusammen!
    Benutzen sie brav Mundschutz und halten sie Abstand. Wenn sie für immer zu Hause bleiben, werden sie sich auch nie an Coronaviren infizieren. Ich besuche sie dann an ihrem 80. Geburtstag.
    Herzlichen Glückwunsch!

  • #3
    Arnold Voss

    Sorry, wir haben zu Zeit weltweit 203.000 offiziell gezählte Todesfälle. Und die Infektionsraten beginnen in vielen Ländern zu Zeit zu sinken. Ich bitte darum erst dann von ein paar Millionen von möglichen Toten zu schreiben, wenn die erste Millionen auch wirklich erreicht ist. Und bitte jetzt nicht schreiben, dass ich die Gefahr des Virus verharmlose. Ich weiß was eine Exponentialkurve ist. Es geht mir um die Art und Weise der Berichterstattung. Nicht mehr und nicht weniger.

    https://www.google.com/search?client=firefox-b-d&q=Anzhal+der+Corona+Toten+weltweit

  • #4
    ke

    Es ist keine Katastrophe. Es ist ein Virus, das uns noch viele Jahre begleiten wird.
    Das Virus verursacht eine Krankheit, die Leben bedrohen kann. Das ist so in der Natur.
    Das machen viele andere Viren auch.

    Selbst ein Impfstoff wird das Virus nicht zeitnah vernichten.
    Es ist einfach eine neue Umweltbedingung, an die wir uns und unsere Wirtschaft anpassen müssen.

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Arnold: 200.000 Tote nach gut drei Monaten. Das RKI geht in seiner 2012er Studie von einer Seuchendauer von über 1000 Tage aus. Es ist erst zu Ende, wenn wir einen Impfstoff haben.

  • #6
    Angelika

    #4 "…Das ist so in der Natur…" ke
    #4 "…Es ist einfach eine neue Umweltbedingung, an die wir uns und unsere Wirtschaft anpassen müssen." ke

    Dieses "…ist einfach…" ist mir dann doch zu verniedlichend.
    "…anpassen.." Viren passen sich allerdings oft hervorragend an – nämlich an ihre Wirte (und mutieren, mutieren, mutieren…).
    Der Umgang des Menschen mit der Natur hat durchaus mit der Entstehung neuer Viren zu tun. Stichwort Zoonosen.
    https://www.br.de/nachrichten/wissen/coronavirus-woher-kommen-zoonosen,RvfTm1f

  • #7
    Helmut Junge

    @Arnold Voß, wir sprechen zwar über die gleichen Zahlen, werten sie aber unterschiedlich. Was für dich offenbar noch lange keine Katastrophe ist, ist aus meiner Sicht durchaus eine. Nur mal ein Beispiel. Morgen sind es allein in den USA vermutlich mehr Coronatote als im Vietnamkrieg Amerikaner gefallen sind. Damals waren es den Amerikaner zu viele eigene Tote. Heute reagieren sie gelassener, wie ich den Ausführungen meiner Großcousine in Pennsilvania entnehmen kann. Aber gut, werten kann ja jeder wie er will. Die Zahl der Infizierten wird dort die Millionengrenze überschreiten, und selbst diese Großcousine sieht noch kein Ende, glaubt allerdings, daß in Deutschland die Todesfälle in den Seniorenheimen einfach nicht mitgezählt werden. Außer Trump sieht dort niemand ein Ende. Aber Katastrophe? Ich finde ja, durchaus.
    Vielleicht habe ich auch nur zuviel Phantasie. Ich bin mit meiner Befürchtung ganz dicht bei Stefan Laurin.

  • #8
    Arnold Voss

    @ Stefan Laurin # 5

    Die epidemologische Virusfunktion besteht auch mathematisch nicht aus einer unendlich ansteigenden Exponentialkurve sondern aus einer Welle die unausweichlich ebenso exponential wieder abfällt. Das einfache Hochrechnen ist also weder sachlich und methodisch zulässig. Deswegen kannst du auch nicht das Ergebnis der ersten 3 Monate einfach weiter exponential hochrechnen. Bzw. müsstest du, bei mehreren Wellen, die Täler mit berücksichtigen. Dass es noch mehr Tote werden, ist dagegen unbestritten. Und da jeder Tote einer zuviel ist, ist auch die Abflachungsstrategie grundsätzlich richtig.

    Aber genau deswegen bleibe ich bei meiner Bitte. Das andauernde Spekulieren auf mehrer Millionen Tote führt über kurz oder lang kommunikationspsychologisch zu einer sehr fatalen Wirkung. Wenn sie nämlich in absehbarer Zeit nicht eintreffen, werden die Menschen den weiteren Zahlen nicht mehr Glauben schenken und ihr Verhalten entsprechend riskanter gestalten. Das ist in Deutschland schon jetzt zu beobachten, weil z.B. die Prognosen über "italienische" Verhältnisse bislang nicht im Ansatz eingetreten sind.

    Da kann noch so vor einer zweiten Welle gewarnt werden. Da kann auch immer wieder betont werden, dass das doch den Maßnahmen geschuldet ist. Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, dass die Prognosen, auf der alle diese Maßnahmen basieren, nicht stimmen oder sich danach als in ihren Augen maßlos übertrieben darstellen, werden sie einem zweiten Lockdown nicht mehr freiwillig folgen, bzw. die neuen Zahlen, die ihn begründen sollen, nicht ernst nehmen.

  • #9
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Arnold Voss: Drosten vergleicht den Effekt der Corona-Pandemie mit dem der Spanischen Grippe: "„Dieses Virus ist in Bereichen vergleichbar mit der Spanischen Grippe“, sagte der Forscher der Berliner Charité und Berater der Bundesregierung jetzt dem österreichischen Sender ORF. Die verheerendste Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts begann 1917 in den USA und tötete bis 1920 in mehreren Wellen schätzungsweise bis zu 100 Millionen Menschen weltweit."
    https://www.waz.de/politik/drosten-virus-teilweise-vergleichbar-mit-spanischer-grippe-id228986455.html

  • #10
    ke

    Afrika ist bisher kaum aufgefallen. Liegt es am Klima oder doch eher an den Tests etc.
    Hier ist noch eine gewaltige Herausforderung.
    Sonst bin ich überwiegend optimistisch. Es wird Rückfälle geben, aber insgesamt sehen die Zahlen in unserer direkten Umgebung gut aus.

    Das RKI hat so viele Baustellen, so dass ich mich nicht auf ein Szenario von 2012 verlasse würde, das unter anderen Annahmen aufgesetzt wurde.

    Ebenso bin ich von den Leistungen des RKI sehr enttäuscht. Das betrifft die Meldewege, die Kommunikation bzgl. Masken, die DAtenspende App, …
    Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Struktur in der Lage ist, zeitnah zu agieren.

    Welchen Mehrwert hat das RKI bisher gebracht?
    Bei den R-Wert Berechnungen kommt es immer wieder zu Verwirrungen, weil einfach nicht verständlich kommunizert wird, welche Randbedingungen vorliegen (weniger TEsts, mehr TEsts, Feiertagsverzug, …?)
    Die Datenspende App funktioniert anders als vorher kommuniziert. Ich habe sie deinstalliert und den Zugriff auf der Seite des Fitness-Trackers gelöscht.
    Keine Zufallsstichproben bzgl. Corona

    Für eine solche Pandemie vermisse ich die Vorbereitung und die Reaktionsfähigkeit in den Strukturen des RKI.

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