Den neuen BVB-Cheftrainer Nuri Sahin als Klub-Legende zu bezeichnen ist übertrieben

Der neue BVB-Trainer Nuri Sahin. Quelle: Wikipedia, Foto: Steindy, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Borussia Dortmund hat sich in diesen Tagen zu einem regelrechten Dauerthema unter den Sportfans entwickelt. Nachdem sich der BVB am Donnerstag von Trainer Edin Terzic trennte, am Freitag dann bekanntgab, dass auch Mats Hummels zukünftig in Dortmund nicht mehr mit dabei sein wird, wurde inzwischen auch offiziell bestätigt, dass Nuri Sahin ab sofort der neue Cheftrainer der Schwarzgelben sein wird.

Alles Entscheidungen, die jeweils heftige Diskussionen im Umfeld auslösten. Insbesondere die Beförderung von Sahin, der schon seit Jahresbeginn als Co-Trainer in Dortmund mit in der Verantwortung war, dürfte weitreichende Konsequenzen für den Verein haben, der mit Platz fünf in der Bundesliga zuletzt die selbst gesteckten Ziele deutlich verpasste. Auf den ersten Blick ist die Entscheidung, mit Ex-BVB-Spieler Nuri Sahin als dem neuen Hauptverantwortlichem auf der Trainerbank in die Zukunft zu gehen, eine durchaus sympathische. Aber ist sie auch klug?

Bei den Fans und im Umfeld eines Vereins kommt es grundsätzlich immer gut an, ehemalige Profikicker auch nach dem Ende ihrer aktiven Karriere an den Verein zu binden und mit neuen Aufgaben zu betrauen. Die Vergangenheit zeigt jedoch auch, dass solche Entscheidungen nicht immer auch von Erfolg gekrönt sein müssen.

Beim BVB versucht man es in Zukunft mit Sebastian Kehl, Lars Ricken und nun auch Nuri Sahin an den wichtigen Schaltstellen im Verein. Nestwärme pur! Kehl hat als Nachfolger von Michael Zorc als Manager allerdings schon erste Schrammen abbekommen, wird für die Personalpolitik der vergangen Jahre zum Teil heftig kritisiert. Ob der vom Nachwuchsleiter zum Sportgeschäftsführer beförderte Ricken dazu geeignet ist, als Nachfolger von Aki Watzke zu agieren, muss sich auch erst noch herausstellen. Und nun präsentierte die Borussia mit Sahin auch noch einen neuen Cheftrainer, der mit 35 Jahren nicht nur ungewöhnlich jung, sondern ebenfalls extrem unerfahren in seiner neuen Rolle ist.

Einen internationalen Top-Klub hat Sahin bisher jedenfalls noch nie trainiert. Ob er das draufhat, muss er somit erst noch beweisen. Der BVB geht mit seiner neuen Führungscrew volles Risiko. Kann gutgehen, muss es aber nicht. Für einen selbsternannten Titelanwärter sind diese Personalentscheidungen sicherlich sehr risikoreich. Sich personell an der Spitze so unerfahren aufzustellen, lässt viele Beobachter zweifelnd zurück. Verbundenheit zum Verein ist eine schöne Sache, aber reicht das alleine aus um wieder erfolgreicher zu sein als zuletzt? Top-Klubs zeichnen sich häufig durch erfahrene Führungskräfte aus. In Dortmund glaubt man mit einem anderen Weg erfolgreich sein zu können. Zweifel an den Erfolgsaussichten erscheinen angebracht.

Bei Sahin kommt zudem hinzu, dass der ‚Legendenstatus‘ in Dortmund, der dem Türken in diesen Tagen nachgesagt wird, ebenfalls nur vordergründig so groß ist, wie der Verein es wohl gerne hätte. Denn Sahins Zeit in Dortmund, sie war längst nicht so glanzvoll, wie viele es glauben möchten.

Nur kurz zur Erinnerung: Nach einem fulminanten Start als Profi in den Reihen von Borussia Dortmund, wechselte Sahin als eine der wenigen im BVB-Kader direkt nach der ersten errungenen Meisterschaft in der Ära des Trainers Jürgen Klopp im Jahre 2011 als blutjunger Mittelfeldspieler vom Ruhrgebiet nach Spanien, zu Real Madrid. Eine im Rückblick unglückliche, da sich selbst überschätzende, Entscheidung, von der sich seine Karriere in den Folgejahren nie mehr wirklich vollständig erholen sollte. Und von der gerne kolportierten großen Vereinstreue zeugt sie nun auch nicht wirklich.

Gemessen an den einst in ihn gesetzten Hoffnungen, verlief seine Karriere im Rückblick ohnehin insgesamt doch eher enttäuschend. Zuletzt, als ihn Werder Bremen im Sommer 2020 als Bundesligaprofi dann ziehen ließ, war es hierzulande endgültig ganz ruhig um den Profi Sahin geworden. Seine aktive Zeit ließ er in der Türkei noch auf niedrigerem Niveau ausklingen, weit weg vom internationalen Spitzenfußball.

Dass es der ehemalige türkische Nationalspieler am Ende nur auf eine Bilanz von insgesamt 259 Bundesligaspielen (22 Tore) und 24 Champions-League-Auftritte (1 Tor) brachte, war für ihn, gemessen an der Erwartungshaltung an seine Profilaufbahn sicherlich eine enttäuschende Bilanz, mit der er direkt nach seinem ersten Titel mit dem BVB als Gesamt-Ausbeute seiner Karriere sicherlich auch nicht wirklich zufrieden gewesen wäre.

Zwar stehen für Nuri Sahin neben dem deutschen Meistertitel 2011, an dem er großen Anteil hatte, mit dem BVB auch noch der DFB-Pokal-Sieg 2017 und der Champions-League-Finaleinzug 2013 offiziell auf der Visitenkarte, doch wäre da wohl noch deutlich mehr möglich gewesen, wenn Sahin sich nicht selber unbeabsichtigt rüde ausgebremst hätte.

Nach seinem Wechsel zu Real Madrid wurde er mit den Königlichen im Jahre 2012 als Randfigur zwar auch noch einmal spanischer Meister, doch war die Entscheidung Dortmund so früh zu verlassen im Nachhinein ein ziemlicher Karrierekiller für den ungewöhnlich talentierten Kicker.

Weder in Madrid noch in Liverpool, wohin es Sahin nach seiner Zeit in Spanien verschlug, wurde Sahin wirklich glücklich, konnte er sich sportlich dauerhaft durchsetzen. Als Sahin dann im Jahre 2013 von der vielen Kritik an seinen Darbietungen leicht gestutzt und bescheidener nach Dortmund zurückkehrte, war nicht nur die ganz große Zeit des BVB sondern auch die Gala-Form des Spielers vom Beginn seiner Karriere in Dortmund schon vorbei.

Nie wieder erreichte Sahin danach die sportlichen Qualitäten, die er bis 2011 unter Jürgen Klopp auf den Platz brachte. Gegen Ende seiner Zeit in Bremen reichte es dann nicht einmal mehr zum Bundesligastammspieler. Für einen Akteur, dem einst eine große Weltkarriere vorhergesagt wurde, sicherlich keine wirklich befriedigende Entwicklung. Zudem sorgte er auch neben dem Platz immer wieder für Diskussionen, die eines Spitzenspielers wenig zuträglich waren.

Und diese eher durchwachsene Bilanz als Spieler soll nun tatsächlich die Grundlage für eine Art Legenden-Status beim BVB sein und Sahin direkt zum großen Hoffnungsträger an der nach Erfolg lechzenden Strobelallee machen?

 

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