
Bei Borussia Dortmund deutet sich schon länger ein personeller Umbruch an, der auf den ersten Blick längst überfällig wirkt. Leistungsträger wie Julian Brandt, Niklas Süle oder Salih Özcan stehen vor dem Abschied – und das ausgerechnet ablösefrei. Ein sportlicher Aderlass, der nicht nur Qualität kostet, sondern auch Fragen zur strategischen Planung der Vereinsführung aufwirft.
Noch gravierender: Während die Abgänge feststehen, fehlt es bislang an klaren Signalen für gleichwertigen Ersatz. Der Kader droht an Substanz zu verlieren, ohne dass ein überzeugendes Zukunftskonzept erkennbar wäre. Für einen Klub, der regelmäßig den Anspruch formuliert, um Titel mitzuspielen, ist das ein alarmierendes Zeichen.
Die Can-Verlängerung als Symbolpolitik
In dieses ohnehin fragile Gesamtbild platzt nun die Vertragsverlängerung von Emre Can – und sorgt für Verwunderung. Natürlich: Menschlich ist die Entscheidung nachvollziehbar. Ein Kapitän, der sich schwer verletzt hat, erhält Rückendeckung. Loyalität ist im schnelllebigen Fußballgeschäft keine Selbstverständlichkeit.
Doch genau hier beginnt das Problem. Denn sportlich wirkt diese Entscheidung wie ein Rückschritt. Can, ohnehin in den vergangenen Jahren immer wieder kritisch gesehen, wird nach einem Kreuzbandriss langfristig ausfallen. Ob und in welcher Form er zurückkehrt, ist völlig offen – gerade im Alter von 32 Jahren.
Dass der BVB in einer Phase des Umbruchs ausgerechnet auf diese Personalie setzt, sendet ein irritierendes Signal: Statt konsequent zu erneuern, klammert man sich an bekannte, aber nicht unumstrittene Kräfte.
Zwischen Anspruch und Realität
Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird bei Borussia Dortmund zunehmend sichtbar. Während man sich öffentlich weiterhin als Herausforderer des FC Bayern München positioniert, fehlt es intern offenbar an der nötigen Konsequenz, um diesen Anspruch zu untermauern.
Ein echter Neuaufbau erfordert mutige Entscheidungen – auch unbequeme. Dazu gehört, sich von Spielern zu trennen, die sportlich nicht (mehr) den Unterschied machen, und gezielt in neue Qualität zu investieren. Doch genau dieser Mut scheint aktuell zu fehlen.
Stattdessen entsteht der Eindruck eines halbherzigen Umbruchs: Leistungsträger gehen, ohne ersetzt zu werden, während gleichzeitig verletzte Routiniers langfristig gebunden werden. Das ist keine klare Strategie, sondern wirkt eher wie ein Kompromiss aus Unsicherheit und Nostalgie.
Führungsfrage statt Kaderfrage
Die Verlängerung von Can wird häufig mit seiner Rolle als Führungsspieler begründet. Aussagen von Verantwortlichen wie Lars Ricken unterstreichen diesen Aspekt. Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick:
Braucht ein Verein wie Borussia Dortmund wirklich einen verletzten Spieler, um Führung zu gewährleisten? Oder offenbart diese Entscheidung vielmehr ein strukturelles Problem?
Ein funktionierender Kader sollte über mehrere Führungspersönlichkeiten verfügen – auf und neben dem Platz. Wenn die Hierarchie derart von einer einzelnen Figur abhängt, die zudem sportlich keine unumstrittene Rolle spielt, deutet das auf eine unausgewogene Kaderstruktur hin.
Eine Zukunft mit Fragezeichen
Unterm Strich bleibt ein ungutes Gefühl. Der BVB steht vor einem Umbruch, der bislang weder klar kommuniziert noch konsequent umgesetzt wird. Die Verlängerung von Emre Can mag ein Zeichen von Loyalität sein – sie ist aber zugleich ein Symbol für die aktuellen Unsicherheiten im Verein.
Ohne gezielte Verstärkungen und eine klar erkennbare Strategie droht Borussia Dortmund den Anschluss an die nationale Spitze weiter zu verlieren. Der Kader, so wie er sich aktuell darstellt, weckt jedenfalls kaum Hoffnung auf eine glanzvolle Zukunft.
Und genau darin liegt die eigentliche Kritik: Nicht die einzelne Entscheidung ist das Problem – sondern das Gesamtbild. Ein Verein, der sich zwischen Vergangenheit und Zukunft nicht entscheiden kann, wird auf Dauer weder das eine bewahren noch das andere erreichen.
