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Der reaktionäre Reinheitskult

Protest gegen Essen Foto: Mareike Lambertz Lizenz: CC BY 3.0


Die Angst, vom Kapitalismus vergiftet zu werden, ist das Gegenteil von progressiv. Von unserem Gastautor Kolja Zydatiss.

Im Satirefilm „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) spielt der geisteskranke Jack D. Ripper eine Hauptrolle. Der US-Air-Force-General ist von der Wahnvorstellung getrieben, dass die Russen die Fluoridierung des Trinkwassers nutzen, um die „kostbaren Körpersäfte“ der Amerikaner zu zersetzen. Er kapert eine Luftwaffenbasis und befiehlt einen Atomschlag gegen die Sowjetunion, der den Dritten Weltkrieg auslöst.

An General Ripper und seine Körpersäfte musste ich bei den gesellschaftlichen Debatten der letzten Wochen oft denken. Anscheinend sind auch unsere Körper einem nie endenden Strom verunreinigender, gefährlicher Substanzen ausgesetzt. Zuerst ging es um Schadstoffe (vor allem Stickoxid) durch den Autoverkehr, denen zehntausende Tote zugeschrieben wurden. Zu diesem Schrecken gesellen sich seit einigen Tagen sogenannte „Gifteier“, die mit dem Insektizid Fipronil verunreinigt sind.

Wie viele medial und politisch ausgeschlachtete Umwelt- und Lebensmittel-Skandale entpuppen sich auch diese bei genauerem Hinsehen als Papiertiger. Selbstverständlich ist es nicht richtig, wenn Autohersteller Schadstoffmessungen manipulieren, und natürlich sollte dies rechtliche Konsequenzen haben. Bevor wir in Angst und Entrüstung verfallen, sollten wir jedoch im Blick behalten, dass die Luft in Deutschland noch nie so sauber wie heute war. Gerade die im Mittelpunkt des „Dieselskandals“ stehenden Stickoxidwerte gehen seit Jahren zurück (seit 1990 um mehr als die Hälfte). Ähnlich überzogen ist die Hysterie um die verunreinigten Eier. Durch die mediale Aufregung wurde an den Rand gedrängt, dass Erwachsene 7 und Kleinkinder 1,7 der am stärksten belasteten Eier an einem Tag essen müssten, damit überhaupt die Möglichkeit einer gesundheitlichen Gefährdung besteht.

Viele der Journalisten und Politiker, die sich an diesen jüngsten, vermeintlich unsäglichen, Verbrechen „der Industrie“ abarbeiten, würden sich zweifellos als „links“ bezeichnen. Mit dem ursprünglichen Anspruch der politischen Linken haben ihre Überreaktionen jedoch nichts mehr zu tun. Früher wollten Linke den wissenschaftlich-technischen Fortschritt nutzen, um eine immer wohlhabendere, komfortablere und humanere Welt zu schaffen. Heute tragen sie zu einem allgemeinen kulturpessimistischen Klima bei, das das Leben in der industriellen Moderne als Abfolge lebensbedrohlicher Gefahren zeichnet und nicht als etwas, das man wertschätzt und verbessern will. Zudem kollidiert ihre Mobilisierung gegen „industrielle“ (d.h. vor allem bezahlbare) Lebensmittel und Automobilindustrie ganz konkret mit den ökonomischen Interessen von Millionen „einfachen“ Menschen.

Rechtliche Grenzwerte werden immer strenger und gleichzeitig die Messmethoden immer besser, sodass immer geringere Schadstoffmengen aufgespürt werden können. Dass die vor diesem Hintergrund konstruierten Schreckensmeldungen eine derart große Wirkung entfalten können, liegt auch an dem fruchtbaren kulturellen Boden, auf den sie fallen. Vor allem das links-grüne Bürgertum beschäftigt sich gerne mit Gesundheits- und Ernährungstrends wie Clean Eating, Veganismus oder Hausgeburten, in denen sich ein übertriebenes Streben nach körperlicher Reinheit und „Natürlichkeit“ ausdrückt.

Natürlich ist Interesse an hohen Hygienestandards und Gesundheit nicht per se schlecht. Die historische Linke kritisierte die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Massen und setzte sich für Arbeitsschutz, Gesundheitsversorgung, sauberes Wasser und menschenwürdige Wohnverhältnisse ein. Die aktuelle Lifestyle- und Reinheitsfixierung ist jedoch im Kern unpolitisch und wenig vorwärtsgewandt. Erstens dient die obsessive Beschäftigung mit der „richtigen“ Ernährung, Kleidung und Fortbewegung als Distinktionsmittel, mit dem man sich von „niederen“ Schichten abgrenzt. Zweitens hat sie ambitionierte politische Programme zur Verbesserung der Gesellschaft ersetzt.

Politische Visionen sind allerdings so notwendig wie eh und je. Unsere Wirtschaftsordnung bleibt krisenanfällig. Selbst im reichen Deutschland sind Millionen Menschen arbeitslos oder in prekären, unterbezahlten Tätigkeiten angestellt. Der Lebensstandard vieler normal arbeitender Menschen stagniert seit Jahrzehnten. Eine Linke, für die der Kapitalismus in erster Linie etwas ist, das unsere Körpersäfte vergiftet, muss nicht unbedingt, wie General Ripper, den Verstand verlieren. Antworten auf die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit wird sie aber auch nicht finden.

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14 Kommentare zu “Der reaktionäre Reinheitskult

  • #1
    Klaus Lohmann

    Ist Wahlkampf oder was sollte jetzt dieser Artikel??? Die durch mediale Begleitlautstärke abgeleitete Vergleichbarkeit eines langjährig von vielen "Playern" geduldeten und fortgeführten Dieselskandals mit der Entdeckung von verunreinigten Eiern in landwirtschaftlichen Betrieben, die das Opfer einer Handvoll Krimineller wurden, ist einfach nur lächerlich und soll wohl eher der Ablenkung dienen.

  • #2
    Arnold Voss

    Und das die Stickoxidwerte seid 1990 massiv zurück gegangen sind, haben wir im wesentlichen der industriellen Abwicklung der ehemaligen DDR zu verdanken.

  • #3
    Gerd

    "Zuerst ging es um Schadstoffe (vor allem Stickoxid)"

    Die wittern die Gelegenheit mit alternativen Fakten dem verhassten Individualverkehr eins auszuweichen.

    http://www.umweltbundesamt.de/daten/luftbelastung/luftschadstoff-emissionen-in-deutschland/stickstoffoxid-emissionen#textpart-1

  • #4
    Helmut Junge

    @Gerd, der Link ist gut!
    Ich wiederhole ihn noch einmal
    http://www.umweltbundesamt.de/daten/luftbelastung/luftschadstoff-emissionen-in-deutschland/stickstoffoxid-emissionen#textpart-1
    Wer Augen hat zum gucken, wird erkennen, daß ausgerechnet der Individualverkehr abnehmende Tendenzen bei den N0x-Werten verzeichnen kann, und zwar starke Tendenzen.
    Und diese Zahle stammen vom Bundesumweltamt! Die Politiker gucken nicht mal in die Berichte ihrer eigenen Behörden rein! Aber von wo holen sie sch ihre Infos? Fazit: Die sollten nicht über Trump die Nase rümpfen, sondern über sich selbst.

  • #5
  • #6
    Klaus Lohmann

    Und die Zahlen des Bundesumweltamts belegen, dass bei gleichzeitigem Rückgang der Stickstoffoxid-Emissionen durch allgemein reduzierten Spritverbrauch und verbesserter Technik der Anteil der giftigen Stickstoffdioxide gestiegen ist – und als Grund wird eindeutig der Diesel mit seinen direkten NO2-Kat-Emissionen genannt. Also ein Dino kurz vorm Aussterben. Guter Link.

  • #7
    Gerd

    Mehr nicht alternative Fakten zum akuellen Alarmismus.

    Nie war die Luft so gut wie heute:

    http://m.dw.com/de/kommentar-trotz-diesel-nie-war-die-luft-so-gut-wie-heute/a-39918003

  • #8
    thomas weigle

    Erneut verteidigt das Zentralorgan der Lebensmittel-und Umweltvergifter RUHRBARONE die Täter statt die Opfer. Schlimmer noch: die RUHRBARONE verschweigen nicht zum 1.Mal die entsetzliche Wahrheit: WIR WERDEN ALLE STERBEN!!!

  • #9
    Klaus Lohmann

    Und noch mehr Fakten:

    http://m.dw.com/de/über-100000-tote-durch-dieselabgase/a-38849769

    Nirgendwo sterben mehr Menschen durch Stickoxide aus Diesel-PKW-Abgasen als auf dem "Dieselwunderkontinent" Europa – mit Riesenabstand zu anderen PKW-Massenmärkten wie Asien oder Nordamerika.

  • #10
    Helmut Junge

    @Klaus Lohmann, wenn Sie sich das Diagramm im besagten Bericht ansehen, (vergrößern!), können Sie erkennen, daß der NOx Anteil seit 1990 stetig gesunken ist.
    Das steht auch so im dortigen Text: "
    Entwicklung seit 1990
    Verursacher
    Erfüllungsstand der Emissionsminderungsbeschlüsse

    Entwicklung seit 1990

    Emissionsangaben von Stickstoffoxiden (NOx) werden als NO2 berechnet. Diese übliche Umrechnung erfolgt, weil Stickstoffoxide zwar überwiegend als Stickstoffmonoxid (NO) emittiert werden, anschließend aber atmosphärisch zu Stickstoffdioxid (NO2) oxidieren. Von 1990 bis 2015 ist ein Rückgang der NOx-Emissionen um über 1,7 Millionen Tonnen (Mio. t) oder 59 Prozent (%) zu verzeichnen (siehe Abb. „Stickstoffoxid-Emissionen nach Quellkategorien“). Dieser Rückgang erfolgte in allen Quellkategorien – mit einem Minus von rund 1 Mio. t am deutlichsten im Verkehr. Trotz dieser Minderung ist der Verkehrsbereich mit einem Emissionsanteil von 38 % weiterhin mit Abstand der größte Verursacher von NOx-Emissionen (siehe Tab. „Emissionen ausgewählter Luftschadstoffe nach Quellkategorien“)."
    Danach steht im Bericht ein Satz, der sehr vage ist, und über den ich gerne diskutieren würde.

    "Obwohl die Stickstoffoxid-Emissionen im Verkehrssektor insgesamt sinken, nimmt der Anteil des giftigen Stickstoffdioxids an den gesamten Stickstoffoxid-Emissionen zu. Als Grund hierfür wird neben der natürlichen Umwandlung von NO zu NO2 der höhere Anteil von NO2 im Abgas von mit Oxidationskatalysatoren ausgestatteten Dieselfahrzeugen diskutiert. Das in diesen Katalysatoren gebildete NO2 wird direkt emittiert und führt zum Beispiel in verdichteten Innenstädten zu erhöhten Stickstoffdioxid-Konzentrationen."

    Der Grund ist unbekannt und wird diskutiert. Daraus sofortigen Handlungsbedarf einzuklagen, halte ich für voreilig, hysterisch.

  • #11
    Klaus Lohmann

    @#10: Ich habe den Rückgang der NOx-*Gesamt*emissionen nicht bestritten, aber auch nicht verschwiegen, dass der NO2-Anteil durch die Gesamtsenkung aller NOx nun deutlich messbar *relativ* gestiegen ist.
    Für mich ergibt sich auch kein akuter Handlungsbedarf aus irgendwelchen erfundenen Horrorszenarien, sondern nur die allgemeine Aufgabe, was noch so zu tun ist, um selbst erzeugte giftige Stickstoffdioxide aus unserer Atemluft möglichst komplett zu verbannen. Aber einen "Freifahrtschein" wegen ach so doller Luft (kann im Dortmunder Norden Niemand bestätigen) und weniger PKW-Beteiligung kann ich in den präsentierten Diagrammen und Daten nicht erkennen.

  • #12
    thomas weigle

    Was mir schon immer eigentlich an diesen Diskussionen um Grenzwerte und Wertigkeiten fehlt, ist: wie zum Teufel wirken sich all diese einzelnen Giftstoffe unterhalb der amtlichen Grenzwerte im menschlichen Organismus zusammen aus?

  • #13
    Andreas

    @ thomas weigle #12

    Grenzwerte sind – mehr oder weniger – willkürliche Festsetzungen: NO2 ist in jeder Konzentration für den Menschen schädlich. Wenn dann noch anderes dazukommt, das – beispielsweise – die Atemwege schädigt, potenzieren sich die Wirkungen …

    Die Diesel-NO2-Feinstaub-Geschichte erinnert an "Asbest": da wußte man seit Jahrzehnten, wie gefährlich er ist, aber die Politik war ewig nicht bereit, ihn zu verbieten, weil die Wirtschaft behauptete: "nicht zu ersetzen"

  • #14
    Nansy

    Und wieder lassen viele Menschen von den Zahlenspielereien der Reinheitspropheten beeindrucken und leiten: 10.000 Tote durch Dieselabgase bis hin zu angeblichen 100.000 Toten weltweit.
    Schon die Formulierung "vorzeitige Todesfälle" sollte einen misstrauisch machen – denn wann ist denn wohl der "richtige" Zeitpunkt für jeden einzelnen um abzutreten?
    Natürlich handelt es sich bei diesen sogn. Studien um statistische Zahlenspielereien um politische Forderungen durchzusetzen. Und natürlich kann niemand einen Totenschein vorweisen, auf dem Dieselabgase als Todesursuche angegeben wird. Ähnliche Zahlenspielereien kennen wir bereits von anderen Gesundheitskampagnen: 1,5 Milliarden, 1,8 oder 2,3 Milliarden Menschen sterben jährlich an Übergewicht…… usw. usw. Purer Alarmismus.

    Gefördert wird dieser Alarmismus ausgerechnet vom öffentlich rechtlichen Fernsehen, das dem Abmahnverein "Deutsche Umwelthilfe" breiten Raum zu seiner Selbstdarstellung bietet – ohne kritische Nachfragen. Eine Organisation mit ca. 80 Mitarbeitern, die einen großen Teil ihrer Finanzierung durch Abmahnungen und Spenden der Autoindustrie (Toyota jährlich ca. 80.000 Euro) verwirklicht.
    Da passt es dann auch, dass Vertreter der Rußfilterhersteller eingeräumt haben, sie seien Spender der DUH – sogar die größten!
    http://www.boerse-am-sonntag.de/spezial/artikel/deutsche-umwelthilfe-abmahnverein-als-aktionaersschreck-8759.html
    Eine seltsame Organisation wird von den Medien immer wieder als Referenz zur Abgasfrage herangezogen, offenbar nur weil sie das Wort "Umwelt" im Namen führt! Mit kritischem Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

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