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Die B3E-Story 14 – Ein gewisser Johannes Dittfeld

Café Tucholsky Foto: art Hotel Gastronomie GmbH

Die Bermudageschichte von Johannes Dittfeld  begann im Jahre 1989 mit einer Art Nacht- und Nebelaktion des Logos-Triumvirats, das bis drei Tage vor der Eröffnung des berühmten Tucholsky noch keinen passenden Pächter ihres Vertrauens  gefunden hatten – bis Frank Nokielski und Joachim Hauschulz sich eines engen Kumpels aus Studientagen erinnerten. Das Problem war nur, dass  dieser zwar schon  im Appel und viel später noch mal im  Sachs als Zapfer tätig war, bislang jedoch jede größere Verantwortung konsequent abgelehnt hatte. Das „Frickeln“ an Autos und Motorrädern hatte ihm immer viel mehr gelegen, so viel mehr, dass auch sein Studium sehr darunter litt. So war es auch für Alex Schüler der letzte Versuch, seinen Freund ins Logo-Boot zu holen, und es gelang ihm, nachdem auch Dittfelds Lebensgefährtin Sylvia mit einzusteigen bereit war. „Dass ich dann das Tucholsky übernommen habe, war nicht geplant. Aber als ich das Angebot angenommen hatte, habe ich mich mit aller Energie in diesem Projekt engagiert“, sagt er selbst dazu.

Mit dem Erfolg des Tucholskys begann der unaufhaltsame Aufstieg von Johannes Dittfeld vom Studenten, der wie viele andere auch „neben der Uni“ kellnerte, zum – wie ihn die Lokalzeitung später häufig nannten – „Multigastronomen“. Das Tucholsky, das vorher Oberge hieß, wohl in Erinnerung  daran, dass es in den 50er Jahren als Restaurantbereich des Hotels Siebeck entstanden war, wurde vom Stand weg zum neuen In-Place des Bermudadreiecks. Aber nicht nur die Einrichtung läutete, ähnlich wie beim Sachs, das Ende der 80er Jahre ein. Heller, kühler, urbaner, aber nicht ohne Wärme. Auch die Namenswahl setzte ein neues Zeichen: Der großstädtische Intellekt sollte verstärkt ins Viertel gezogen werden.

Während im Mandragora um die Ecke der Kulturfaktor abflachte, ja sogar fast ganz zum erliegen kam, flammte er im Tucholsky wieder auf. Was Leo Bauer begonnen und zunehmend den kommerziellen Interessen geopfert hatte, nahm nun Johannes Dittfeld wieder auf. Waren es in den 70er Jahren die berühmt-berüchtigten Lifekonzerte im Mandragora, die ein kulturelles Highlight setzten, folgten nun von Anfang bis Mitte der 90er die ebenso hochkarätigen wie gut besuchten Kneipenlesungen im Tucholsky. In enger Zusammenarbeit mit dem nahe gelegenen Schauspielhaus und der Buchhandlung Jansen wurden noch mehr oder weniger unbekannte, später aber sehr berühmte Autoren eingeladen. Unter anderem Eckhard Henscheid, Harry Rowohlt, Stan Nadolny und die „schreibende Hure“ Domenica, – eine Entdeckung von Wolf Wondraschek – die sich später wieder aus dem Kulturbetrieb verabschiedete und sich in der Prostituiertenbetreuung engagierte. Sie starb im Jahre 2009.

Das Tucholsky behielt seinen intellektuellen Touch auch, als hier die Kultur nach ein paar Jahren wieder abklang. Dafür sorgte Johannes Dittfeld nicht nur durch sein eigenes Auftreten und seine nun etablierten Verbindungen in die örtliche und überörtliche Szene, sondern auch durch das entsprechende Flair im Lokal. Hier lagen zum ersten Mal im Bermudadreieck die wichtigsten Tageszeitungen und Magazine aus, hier traf man aber eventuell auch die, die darin erwähnt wurden oder sogar darin schrieben. Hier war die Musik so eingestellt, dass zu jeder Zeit eine Unterhaltung möglich war, hier traute man sich – im Gegensatz zum Sachs oder zum Intershop – auch als über 40- oder sogar über 50jähriger hinein.

Anfang der 90er Jahre begann Johannes Dittfeld auf Basis der hier gesammelten gastronomischen Erfahrungen unter dem Dach der „Logos“ zu expandieren. Zuerst wurde der klägliche, auf eine Etage des Hauses reduzierte Rest des ehemaligen Hotels Siebeck übernommen und um zwei weitere Etagen vergrößert. Aber da Dittfeld in seinen ersten experimentellen Jahren im Tucholsky gelernt hatte, dass Kultur nicht unbedingt als Aktion aber doch zumindest als Flair den Umsatz zu steigern vermag, wurde das Hotel nicht nur vom Namen her das erste Art-Hotel Deutschlands, denn jedes Zimmer wurde von einem Künstler individuell gestaltet.

1994 übernahm er das einstige New Amsterdam, eine Lokalität, die rein räumlich schon nicht mehr zum Bermudadreieck gehörte, aber unter verschiedenen Pächtern und Namen als kleinere Innenstadt-Diskothek seit den 60er Jahren faktisch gegenüber des Endes der Brückstraße, auf der Ecke Luisenstraße /Hellweg, überlebt hatte. Mit dem Sprung über den Südring begann Dittfeld sein Reich nun über das große Dreieck hinaus auszudehnen und in einen der Vorläuferbezirke des Bermudadreiecks einzudringen. Es bestand zu diesem Zeitpunkt entlang des Hellwegs und nicht weit vom New Amsterdam entfernt, aus dem London-Life , Daddys Hobby, Hufeisen und Oblomov. Das New Amsterdam wurde zum Café Central und veränderte sich damit von der Diskothek zum Bistro-Cafe. „Im Café Central traf ich dann viele Gäste wieder“, erinnert sich Dittfeld, „die anfangs häufig im Tucholsky waren, es dann aber verlassen hatten, weil sie einfach nicht mehr so oft in die Stadt gingen. Es war schön zu sehen, wie man selbst und seine Projekte gemeinsam mit den Gästen reiften.“

Die „Logos“ als „Konzern“ waren allerdings schon 1988 in dieses Kneipencluster eingestiegen und hatten unter dem Daddys Hobby die Club-Diskothek Café Du Congo eröffnet. Über dem neuen Café Central wurde dann mit seiner Eröffnung auch die neue „Konzernzentrale“ eingeweiht. Der neue Erlebnisstil der Bermuda-Gastronomie hatte damit auch den Hellweg erobert und somit zum ersten Mal, rein räumlich betrachtet, eine Art äußeres Bermudadreieck geschaffen. Von der Publikumsbewegung her war der Hellweg nun eine Erweiterung der Brüderstraße geworden und hatte damit auch die Luisenstraße und den Luisenhof  zum Vorhof des eigentlichen städtebaulichen Dreiecks gemacht.

Besiegelt  war diese räumliche Erweiterung des Bermudadreiecks jedoch erst, als Johannes Dittfeld Ende der 90er Jahre den Living Room eröffnete und damit in Ausstattung, Größe und Angebot einen neuen, geradezu metropolitanen Maßstab setzte. „Ein Restaurant wie den Living Room  gab es in allen Metropolen der Welt, im Ruhrgebiet und in Bochum gab es so etwas noch nicht. Wir wollten mit dem Living Room Maßstäbe setzen, und das ist uns auch gelungen. Wirtschaftlich war es dagegen immer schwer. Bochum hat nicht das Geschäftsleben, das ein Lokal wie den Living Room benötigt. In Essen wäre es einfacher gewesen.“

Johannes Dittfeld ist nicht mehr im Bermudadreieck und auch nicht mehr als Gastronom aktiv, nachdem er sich mit seiner permanenten Expansionsstrategie am Ende finanziell übernommen hatte und deswegen seine unternehmerischen Segel strecken musste. Aber er war einer der schillerndsten Figuren unter den Bermuda-Gastronomen, ohne dessen Wirken das B3E nicht so aussehen würde wie es heute ist.

Ein Nachfolger für ihn war deswegen auch nicht einfach zu finden, aber es gab ihn nach längerer Suche dann doch: Christian Bickelbacher, der nicht so gerne im Rampenlicht steht wie sein Vorgänger, dafür aber bis heute einer der erfolgreichsten und zugleich bodenständigsten Großpächter im Logos-Imperium geworden ist und als erster der Bermudagastronomen sein Reich auf die Gastromeile des CentrO in Oberhausen ausgedehnt hat.

Mehr zu dem Thema:

Teil 1: Die B3E-Story – oder wie das Bochumer Szeneviertel namens Bermudadreieck entstanden ist

Teil 2: Die B3E-Story 2: Entstanden aus dem Nichts?

Teil 3: Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

Teil 6: Die B3E-Story 6 – Vom Club Liberitas zum Mandragora

Teil 7: Die B3E-Story Teil 7: Vom Appel zum Sachs

Teil 8: Die B3E-Story 8 – Die 80ger Jahre und die Entstehung der Szenemagazine

Teil 9: Die B3E Story 9 – Die Rolle der Bochumer Stadtverwaltung

Teil 10: Die B3E-Story Teil 10 – Die Entstehung des „Bauer-Imperiums“

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