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Die EstNische (8): Fussball mit B-Note

Matis Rekord liegt bei minus 17 Grad. Ich glaube, wir brechen den in diesem Winter. Neben dem Platz haben es die Skater schon aufgegeben, den Schnee aus ihrer Anlage zu fegen.

Der Fußballplatz ist immerhin zur Hälfte geräumt. Aus ist, wenn der Ball in mannshohen Schneebergen verschwindet. Die Mitspieler tragen  Skianzüge, Kapuzen, Handschuhe, Schal. Auf der Straße würde ich sie nicht wieder erkennen. Ich verstehe nicht, was sie sich zurufen oder wie es steht. Aber das ist egal. Eine Lehre aus Estland: Fußballspielen ist hier nicht nur kalt, sondern auch cool. Wie Jungsfußball in der großen Pause.

Wir spielen auf kleine Trainingstore. Wer alleine darauf zuläuft, wirft sich auf den mit Schnee vermischten Kunstrasen und verwandelt mit dem Kopf. Es geht um Hackentreffer und Tunnel, um das Gejohle der Mitspieler und weniger ums Gewinnen. Fußball ist wie Skaten. Jeder macht sein Ding, sucht seinen Rhythmus, seinen Style. Fußball mit B-Note. Ich finde das entspannend, dampfe im Flutlicht wie in der Sauna. Bis auf die Rufe der Mitspieler ist es still, manchmal schneit es leicht, ein Gefühl wie Weihnachten.

Estland ist fast doppelt so groß wie Katar. Außer Tallinn gibt es sechs estnische Städte, die sich als Standort für ein Fußballstadion eigneten. Estland hat einen fossilen, sehr schmutzigen und sehr ineffektiven Rohstoff und herausragend extreme klimatische Verhältnisse. Außerdem ist Estland immerhin die Nummer 74 in der FIFA-Coca-Cola-Fußball-Weltrangliste – liegt damit fast 40 Plätze vor Katar. Doch keine Angst: Estland wird keine Fußballweltmeisterschaft ausrichten, versucht es erst gar nicht.

Estland wäre natürlich chancenlos. Es gibt hier keinen milliardenschweren Medienmogul und Emir und erst recht keine so tolle First Lady, die in diesem Fall allerdings eine First Second bzw. Second First Lady ist. Vor allem würde man in Estland keine zehn Stadien errichten, um acht nach dem Turnier gleich wieder abzureissen. Mati meint, in zwölf Jahren schaffe man es in Estland vielleicht eine Arena bauen.

Aber das ist nur estnisches Understatement. Cool.

2010 im Ruhrgebiet ist fast vorbei. Das neue Ding heißt Tallinn 2011, Geschichten von der See. Und ich bin dabei. Mit Geschichten vom Meer, der Stadt und diesem überhaupt ziemlich seltsamen Land am nordöstlichen Rande Europas.

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