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Die Sorge ums Digitale

von R.M.
Mein krummes iPhone 6

Mein krummes iPhone 6

Ist man mit seiner Arbeit in digitalen Märkten involviert, gilt ein Smartphone selbstverständlich als Voraussetzung. Doch wofür? Ich habe nicht einmal ein winziges Mobile. Was sollte ich mit einem sperrigen Smartphone?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Telefongesellschaft schlugen mir bereits viele Male vor, doch endlich erreichbar zu werden, worauf ich irritiert fragen konnte, ob sie mich nicht erreicht hätten? Aber, so gaben mir die Anrufer kund, sie hätten fantastische Angebote. Mehr als ein knapp gehaltenes Mitleid brachte ich jedoch nicht über die trockenen Lippen.
Im Rahmen der diesjährigen Frankfurter Buchmesse wurde ein sogenannter Orbanism Space eröffnet, der als Netzwerk der digitalen Communities angekündigt wurde. Weshalb sich Netzwerke in einem Space knubbeln oder verheddern sollten, blieb jedoch völlig unklar. Verbinden Netzwerke, wenigstens die Frage sei gestattet, nicht lange, bisweilen unwegsame Distanzen?
Auf einer der Veranstaltungsankündigungen (Mi., 14.10.2015) ist zu lesen: „Jeder hat (mindestens) ein Smartphone und nutzt das Smartphone jederzeit und überall zum Beispiel für Recherchen, Navigation sowie zum Lesen, Musik hören und zum Bezahlen über eine eWallet.“ Sorry, könnte ich antworten, ich lese an einem relativ kleinen Zweiundzwanzig-Zoll-Monitor und werde mir nicht einen grauen oder grünen Star wegen irgendwelcher lukenhafter Displays zulegen. Um auch Musik hören zu können, verwende ich ein separates Audiointerface und einen Studio-Kopfhörer. Mit jenem sonderbaren Telefon-Consumer-Teil, hätte ich anzumerken, wüsste ich nichts, aber auch gar nichts anzufangen.

Der Anteil von möglichen Lesern, die in Deutschland eBooks lesen, stagniert seit Jahren auf einem äußerst niedrigen Niveau. Je nach Umfrage lagen die Werte zwischen 4 bis 6 Prozent. Ähnlich gestalten sich auch die Ergebnisse der aktuellen Bitkom Umfrage (u.a.) für den Börsenverein des deutschen Buchhandels, die von diesem am 07. Okt. veröffentlicht wurden. Diesen geringen Anteil als Basis für Prognosen zu nehmen, wie und von wem in Zukunft was für eBooks gelesen werden, wäre äußerst fahrlässig. Man würde das Verhalten der verschwindend kleinen Menge als repräsentativ für umfänglichere Märkte ausgeben, die in Zukunft zu beobachten seien.
Die möglichen Leser digitaler Literatur, wieviel aus einem elektronischen Buch tatsächlich gelesen wird, bleibt völlig offen, die man weiterhin gleichsam an einer Hand abzählen könnte, nutzen der Umfrage nach überwiegend Laptops (41%), Smartphones (38%) und E-Reader (33%). Ein Lesegerät hat sich demnach nicht herausgebildet, auch nicht innerhalb der kleinen Gruppe. Vom Verkauf profitieren konnten bislang vor allem Selfpublisher, die mit ihren Titeln (überwiegend mit Genre-Titeln) in den Ranglisten der Shops weit oben stehen.
Die bisherigen Anstrengungen der Promoter, Vertriebler und Beschöniger haben zu nichts geführt. Kurz und bündig: Auf dem Markt ereignet sich weiterhin so gut wie nichts.

Der zentrale Unterschied zu den USA, wo eBooks bereits in der Vergangenheit einen Marktanteil von bis zu 22% (2013) erlangen konnten, liegt in der unterschiedlichen Buchhandelsdichte. In den Städten der USA an Bücher zu kommen, ist weitaus schwieriger als in Deutschland. Offensichtlich bietet sich dort nicht nur das Internet als Bestellmöglichkeit an, sondern auch der Kauf von eBooks, weil diese digitalen Produkte einfach über die Datenleitungen zu haben sind, keine Wartezeit entsteht.
Diese unterschiedlichen Bedingungen wurden seit dem Vertrieb von eBooks in Deutschland stets vernachlässigt, obgleich es sich um sogenannte ‚harte Fakten‘ handelt, die unabhängig von Geschmäckern gelten. Und je stärker man versucht, diesen Fakten in der Öffentlichkeitsarbeit auszuweichen, um so possenhafter wird sie. Um es separat hervorzuheben: eBooks sind im Rahmen der beobachtbaren Buchhandelsdichte in Deutschland nicht ohne Weiteres konkurrenzfähig!
Wenn Verlage, deren Papierprodukte im Handel ausgestellt werden, und auch Buchhändler keinen wirtschaftlichen Grund sehen, sich anders zu orientieren, wird sich in Deutschland auch nichts ändern. Niemand kann ernsthaft der alten Buchindustrie alles Schlechte wünschen, die Händler-Konkurrenz ist durch den Onlinehandel ohnehin härter geworden, den eBooks und ihren möglichen Käufern fehlt aber ein Image. Zum Vergleich: Regale voller Bücher beeindrucken, sie verbreiten ein Flair und weisen den Bücherliebhaber als besonderen Menschen aus, unabhängig davon, was und wieviel tatsächlich gelesen wurde. Regale voller Bücher gehören zum bürgerlichen Mobiliar, wie ein Fernseher und eine Musikanlage.
Bezieht man ein, dass auch technische Geräte zum bürgerlichen Flair gehören, ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass auch elektronische Bücher ein bürgerliches Heim finden könnten. Es wäre z.B. zu fragen, ob sich nicht Buch- oder Medienstationen einrichten ließen, beliebig positionierbar, auch auf einem sehr alten, aufgearbeiteten Sekretär, inklusive Verwaltungsprogramm und einem Speicher, der eine öffentliche Bibliothek fassen könnte. Details wären gesondert zu klären. Es muss die Menschen wuschig machen können, nach Bedarf auf etwas zuzugreifen, dass durch ein paar Regale nicht erreichbar ist. Und es wäre erforderlich, dass jeder Besucher z.B. lesen könnte: ‚BUCHSTATION‘. – Wow!

Der Beitrag wurde zuvor in drei Teilen in meiner private Kolumne veröffentlicht,  auch eine Fake-Werbung (Youtube) für eine Buchstation ist bereits entstanden.

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13 Kommentare zu “Die Sorge ums Digitale

  • #1
    Klaus Lohmann

    Hatte heute eine passende Kurz-Statistik von Statista in meinem Posteingang (auf meinem 27";-). Danach liegt der Anteil der eBook-Nutzer an der Gesamtbevölkerung in den USA aktuell bei 34%, in D bei knapp 10%. In 5 Jahren werden dort 42% (USA) und 13% (D) erwartet. Weltweit sollen 2020 über 18% der Menschen ein eBook nutzen, also liegen wir in D weit hinten im Markt. (http://de.statista.com/infografik/3873/anteil-der-ebook-nutzer-an-der-gesamtbevoelkerung/)

    PS: Der Trend im Smartphone-Markt geht zu Streaming (via Bluetooth/WLAN) auf große TVs oder HiFi-Anlagen, sowohl bei Bild/Bewegtbild als auch bei Audio;-)

  • #2
    Reinhard Matern Beitragsautor

    Danke, Klaus Lohmann, für die Zahlen von Statista. – Auf prognostizierende Hochrechnungen mit Bezug auf kommende Jahre sollte man in diesem Markt jedoch nicht setzen.

  • #3
    Klaus Lohmann

    Ach, und rein zufällig hatte Heise das Thema heut auch im Angebot:
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Frankfurter-Buchmesse-E-Book-Markt-im-Umbruch-2844082.html 😉

    Wobei dort auch gut erklärt wird, was in D so alles an Hürden und Eitelkeiten, an Festhalten am Altbewährten und an technologischer Rückständigkeit die eBooks (und dort besonders auch die "Onleihe") behindert.

  • #4
    JR

    Der Vorsprung der eBooks in den USA ist neben der geringen Verfügbarkeit von Offline-Buchläden m.E. durch die fehlende Buchpreisbindung ausreichend erklärt. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt.
    Die Onleihe steht zwischen klassischer Bücherei, Offline- und Online-Buchhandel und verbindet deren Vorteile: Ich bekomme ein Buch a) sofort b) zu einem unschlagbar günstigen Preis und muss es c) weder physisch abholen noch abgeben. Die Onleihe hätte, bei besserer Titelausstattung, für mich das Potential, den Buchhandel komplett zu erledigen.

    Eine Flatrate hätte ihre Reize. Wenn Amazon Prime das beinhalten würde (statt einer eher erbärmlichen Zahl inkludierter Bücher), ich wäre sofort Kunde.

  • #5
    Stefan Laurin

    @JR: Geht mir auch so. Ich lese seit fast drei Jahren nur noch eBooks. Eine Buch-Angebot wie Spotify oder von mir aus Netflix würde mich sofort als Kunden gewinnen.

  • #6
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ # 3 Heise legt das Gewicht auf einen sogenannten Umbruch, um doch zu betonen, dass von Seiten der Verlage vom Abo / Streaming abgesehen wird. Dies ist auch nicht verwunderlich. Auch in der Musik wird geschimpft. Niemand verdient daran, am wenigsten die Künstler.

    @ # 4 Die Buchpreisbindung hat bislang niemanden marktrelevant in Deutschland gestört, daran kann die Marktdifferenz in Bezug auf eBooks in Deutschland und USA nicht liegen. Die Vorbringung der Buchpreisbindung ist bloß ein Reflex.

    @ #5 Die Flatrate kann sich niemand leisten. Es geht um Produkte, nicht um Telefongespräche. Spotify ist dauerpleite, die Labels und Musiker bekommen so gut wie nichts. Das Modell ist nichts wert.

  • #7
    Reinhard Matern Beitragsautor

    Um Konkretes über Spotify zu vermitteln, hier ein Link zum MusikExpress: http://www.musikexpress.de/so-viel-verdienen-kuenstler-wirklich-mit-spotify-157860/ – Die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young haben ermittelt.

  • #8
    KeineEigenverantwortung

    Ich nutze fast ausschließlich Musik, Zeitschriften, Filme. Die Medienflatrate ist doch annähernd Realität. Als Leiher/Nutzer bin ich sogar voll im Trend.

    Keine vollen Regale. Kein Papiermuell. Im Ausland gibts die Zeitung über die Mobilnetze zu günstigen Preisen. Das funktioniert meistens auch am A.d.WW und selbst hinter der Great Firewall.

    Leider hat Deutschland eine schlechte digitale Infrastruktur und viele Menschen, die stolz erzählen, wie sehr sie neue Technik ignorieren.

    Schade, wir verspielen unsere Zukunft, wenn das Internet Neuland ist.

    Die content Industrie verschläft den Wandel. Wir werden sehen, welche Auswirkungen das hat.

    Wer sein Leben lang lernen muss und auf schnelle Infos angewiesen ist, muss mobil dabei sein und E-Angebite nutzen.

  • #9
    Klaus Lohmann

    @#8: "Leider hat Deutschland eine schlechte digitale Infrastruktur" – Aber fürs massenhafte Streamen und Downloaden von FullHD-Kinofilmen mit 4-6GB per Film reicht’s ja gottseidank noch…

  • #10
    KeineEigenverantwortung

    @9
    Nein, auf dem Land ist das oft nicht möglich.
    Über Sinn und Unsinn von VoD mit individueller Übertragung wird überall diskutiert, andere Länder haben eine bessere Infrastruktur.
    Für neue Dienste brauchen wir sie auch. Inkl VoD

  • #11
    Klaus Lohmann

    @#10: Diese bitcom-artige Verallgemeinerung des "Woanders ist besser" ist Augenwischerei, da die Daten über verfügbare Bandbreiten immer in Relation zur Anzahl der Bürger gesetzt werden muss, welche überhaupt einen Netzanschluss haben. Und das sind z.B. in Asien nur knapp 30%, wobei die Unterschiede z.B. zwischen Japan und China gewaltig sind – was dann wiederum mit der Konzentration der privaten Anbieter auf möglichst dichte, umsatzstarke Siedlungsgebiete zusammenhängt.

    Auf deutsch: hierzulande können weit mehr Bauern VoD nutzen als anderswo auf der Welt.

  • #12
    KeineEigenverantwortung

    #11:
    Also ich hatte in Hotels am Ende der Welt oft besseres Internet als im deutschen Standardhotel.
    Usw.

    Das Ausland holt auf und hat uns oft überholt. D.h. wir müssen aufpassen Entwicklungen nicht zu verschlafen

  • #13
    Klaus Lohmann

    @#12: Ich hatte schon 1986 auf Kuba bessere Leitungen in den dortigen spanischen Hotels wie öfters hierzulande – weil außer den Hotelgästen auf Kuba nur noch einige auserwählte Regierungsmitglieder surften.

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