Die vom Bundespräsidenten angestoßene Pflichtdienst-Diskussion ist unehrlich!

Bergmann übergibt das letzte Stück Kohle an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (re.).  Foto: Ina Fassbender/RAG Lizenz: Copyright

Der Vorschlag von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Bundesrepublik eine soziale Pflichtzeit für junge Menschen einzuführen sieht auf den ersten Blick interessant aus. Es erscheint durchaus nachvollziehbar, wenn der Bundespräsident den großen Wert für die Gesellschaft unterstreicht, den ein solcher Dienst unzweifelhaft hätte. Und auch für die Persönlichkeit des Einzelnen mag eine solche Tätigkeit ebenfalls durchaus vorteilhaft sein.

Dass die Idee nicht überall gut aufgenommen wird, ist auch logisch. Pflichten werden halt immer auch kritisch gesehen. Meist von den direkt von ihnen Betroffenen. Viel spannender an der laufenden Debatte über Sinn oder Unsinn eines solchen Pflichtdienstes erscheint mir dann auch ein anderer Aspekt, den Steinmeier nicht anspricht. Wohl aus gutem Grunde.

Als ich in den 1980er- und 1990er-Jahren aufwuchs, da war es für die jungen Männer am Ende der Schulzeit noch üblich sich zwischen Wehr- und Zivil- bzw. Ersatzdienst entscheiden zu müssen. Beliebt waren diese Zeiten auch damals schon nicht wirklich, wenn sie einem selbst ins Haus standen. Viele betrachteten sie als verlorene Monate, die einen auf dem Weg ins Berufsleben nur unnütz ausbremsten.

Das Ende der Wehrpflicht beendete dann zugleich auch den Ersatzdienst, so dass unzählige Zivildienstleistende quer durch die Gesellschaft von einem Tag auf den anderen nicht mehr zur Verfügung standen. Die Auswirkungen für etliche Einrichtungen waren gravierend. Weniger Pflegende, weniger Feuerwehrleute, ein dramatischer Rückgang an Interessenten beim THW, weniger Aushilfen bei Caritas, Diakonie etc.. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. All dies wurde damals bewusst in Kauf genommen. Auch die Einführung des Bundesfreiwilligendienstes konnte das nicht ausgleichen.

Jetzt, ein paar Jahre später, scheint vielen erst so richtig aufzufallen, was das für unsere Gesellschaft bedeutet (hat). Ähnlich wie beim lange Zeit diskutierten verkürzten Abitur, scheint das Bedauern über die damalige Entscheidung von Jahr zu Jahr größer zu werden. Vor der wieder aufflammenden Diskussion über eine Rückkehr der damals abgeschafften Wehrpflicht natürlich noch mehr.

Wenn Steinmeier jetzt also anregt, dass ein solcher sozialer Pflichtdienst für junge Menschen einen so großen Wert für diese persönlich und die Gesellschaft hat, das er den Zusammenhalt der Menschen und das Verständnis füreinander stärken würde, dann sind das wohlklingende Gedanken, die aber wohl nur einen Teil der ganzen Wahrheit beinhalten.

Was eine Einführung bzw. Rückkehr zu einer solchen Verpflichtung nämlich auch bedeuten würde, ist eine enorme Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt. Und zwar im ohnehin kritischen Niedriglohnsektor. Eine Rückkehr der ‚Zivis‘, und nichts anderes wäre eine solche Dienstpflicht ja, wenn man es ganz ehrlich formuliert, wäre nicht nur ein Eingeständnis der eigenen Fehleinschätzung von damals, als dieser Dienst bewusst abgeschafft wurde, es wäre auch die Zuführung tausender billiger Arbeitskräfte in diesem Bereich.

Gut für die Gesellschaft, aber eben auch eine dramatische Entwertung zahlreicher Berufsfelder. Vor dem Hintergrund, dass man Berufe insbesondere in der Pflege und im Sozialen ja eigentlich aufwerten und stärken möchte, eine ziemlich kontraproduktive Maßnahme. Nur wird davon aktuell eben (noch) nicht wirklich ehrlich gesprochen…

 

 

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3 Kommentare

  1. #1 | discipulussenecae sagt am 15. Juni 2022 um 14:02 Uhr

    „Weniger Pflegende …“

    Wenn ich mioch recht erinnere, wurden damals ausschließlich Jungs zum Zivildienst herangezogen. Sie hätten sich das nervende Gender-Partizip also sparen können!

  2. #2 | Robin Patzwaldt sagt am 15. Juni 2022 um 15:34 Uhr

    @discipulussenecae: Witzig! In der Erstfassung schrieb ich ‚Pfleger‘, was aber jemanden störte, da es sich dabei ja nicht um ausgebildete Pfleger handeln würde. Und da ich nicht auf ‚Hilfspfleger‘ o.ä. ausweichen wollte, entschied ich mich für das allgemeinere ‚Pflegende‘, da das ja alle umfasst. Und gesunken ist ja die Anzahl der Kräfte insgesamt. Daher hielt ich dies für unverfänglich. Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Klassischer Fall von ‚man kann es nicht allen recht machen‘, würde ich sagen. 😉 😀

  3. #3 | discipulussenecae sagt am 15. Juni 2022 um 16:25 Uhr

    „Man kann es nicht allen recht machen!“ – Da haben Sie leider Recht!

    Aber aus Ihrer Perspektive habe ich das so nicht gesehen. Zumal wir damals in recht kurzer Zeit fast alle Aufgaben der ausgebildeten Pfleger und Schwestern übernommen hatten – wir durften nur keine Spritzen setzen. Letztlich waren wir Pflegehelfer, die für wenig Geld den vollen Job machten.

    Deshalb stimme ich der Grundaussage Ihres Artikels auch voll und ganz zu!

    Aber gleichwohl schätze ich die RUHRBARONE u. a. auch als ‚Genderfreie Zone‘!

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