Digitalisierungsirrsinn in Deutschland: Wenn 100 Meter zu viel für den Fortschritt sind

Chirurgen bei der Arbeit Foto: Roland W. Waniek

Ich arbeite beruflich viel mit Nordamerika zusammen. Tausende Kilometer Distanz? Ein schlechter Witz. Bewegtbilder, Tonaufnahmen, Arbeitsanweisungen oder fertige Beiträge – alles fliegt quasi in Lichtgeschwindigkeit über den Atlantik.

Ob der Kollege im Ruhrgebiet sitzt, in Berlin, Franken, New York oder Calgary: Es spielt schlicht keine Rolle mehr. Man merkt es nicht. Technik macht Entfernung irrelevant. Eigentlich.

Global vernetzt – lokal gescheitert

Denn während internationale Zusammenarbeit völlig reibungslos läuft, zeigt sich an anderer Stelle unserer Gesellschaft ein erstaunliches Phänomen: Selbst wenige Meter können zum schier unüberwindbaren Hindernis werden. Und genau hier wird er greifbar, der gern beklagte Digitalisierungsrückstand Deutschlands. Nicht als abstrakte Zahl, sondern als ganz konkrete Alltagserfahrung.

Ein CT und die Reise ins digitale Mittelalter

Konkretes Beispiel von dieser Woche: Krankenhaus, Radiologie, CT. Hochmoderne Geräte, alles piept, alles summt. Danach ein weiterführender Termin beim  Facharzt. Der Clou: Er sitzt im gleichen Gebäude. Keine 100 Meter entfernt. Also denkt man naiv: Die Daten werden intern weitergeleitet. Elektronisch. Sicher. Fertig.

Die Realität hatte andere Pläne.

Faxgerät schlägt Datenleitung

Ein Mitarbeiter, der die Unterlagen abholt? Keine Option. Keine Zeit. Andersrum natürlich auch nicht. Elektronische Übertragung? Leider unmöglich, man sei „nicht angebunden“. Bleibt also der Griff zum bewährten Klassiker deutscher Verwaltung: das Faxgerät. Gefaxt wird immerhin der Begleitbrief. Die Bilder? Zu modern. Die gebe es im Bedarfsfall höchstens auf einer CD.

Arbeitsfleiß? Bitte später

Und irgendwo zwischen Fax und CD schlich sich noch ein weiterer Aspekt ein: Kein Mitarbeiter sah sich dazu in der Lage, eine leicht zu fertigende CD eben eine Tür weiter zu tragen. Vielleicht meinte Kanzler Merz kürzlich auch das, als er den fehlenden Arbeitseifer seiner Landsleute öffentlich beklagte.

Selbst ist der Patient

Wenn ich Pech habe, muss ich mir nun also tatsächlich demnächst einmal frei nehmen, um diese gebäudeinterne Lücke in der Nachbarstadt zu schließen. Zehn Kilometer Fahrt, 30 Sekunden Übergabe von einem Büro ins nächste. Denn faxen kann man die Bilder ja  leider nicht.

Willkommen in 2026

Willkommen im Deutschland des Jahres 2026. Daten überqueren bei uns inzwischen zwar mühelos Ozeane – und scheitern dennoch immer wieder auch mal kläglich an der nächsten Türklinke. Man fasst es nicht…

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