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EHEC – die Gurken von der Spurensicherung

Haben Sie in der Zeit vor Bekanntwerden der EHEC-Infektionen Gurken, Tomaten oder Blattsalat gegessen? Diese Frage ist von höchstem Interesse.

Eine Frage: haben Sie in der Zeit vor Bekanntwerden der EHEC-Infektionen Gurken, Tomaten oder Blattsalat gegessen? So im Zeitraum von Anfang bis Mitte Mai? „Oder“, ja klar „oder“: Gurken, Tomaten oder Salat? Denken Sie einfach mal scharf nach!

Die Frage ist deshalb von höchstem Interesse, weil inzwischen zwar das Genom des EHEC-Erregers entschlüsselt ist, nicht aber sein Verbreitungsweg. Und „derzeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Infektionsquelle noch aktiv ist“, sagt Daniel Bahr, der neue Bundesgesundheitsminister. Also, wie sieht´s aus? Haben Sie oder haben Sie nicht? Gurken, Tomaten oder Salat gegessen? 95 Prozent der EHEC-Erkrankten hatten nämlich mindestens eine der drei Gemüsearten verzehrt, sagt das Robert-Koch-Institut (RKI). 95 Prozent aller anderen allerdings auch, sage ich.
Wo gibt es denn so etwas, dass jemand tagelang weder ein Gürkchen noch ein Stückchen Tomate noch ein Salatblatt anrührt?! Ja klar: überall – jetzt, nach Bekanntwerden der EHEC-Epidemie. Aber vorher? Das war doch kaum zu schaffen, sowohl auf Salat als auch auf Gurke als auch auf Tomate total zu verzichten. Selbst Hardcore-Gemüseverweigerer bekamen doch mit jedem Burger irgendetwas davon untergejubelt. So gesehen sind 95 Prozent eher eine geringe Größe; nicht einmal ich könnte schwören, in dieser Sache auf der sicheren Seite zu sein.

Dennoch konzentriert sich die Spurensuche unbeirrt auf das bis dato als seligmachend geltende Grünzeug. 95 Prozent sind 95 Prozent. Ob schon jemand die schwer erkrankten EHEC-Patienten gefragt hat, ob sie sich im fraglichen Zeitraum irgendwann einmal die Zähne geputzt hatten? Wer weiß?! Kann doch sein: wer Gemüse isst, putzt sich bestimmt auch über kurz oder lang die Zähne. Doch das RKI warnt nicht vor dem Zähneputzen, sondern – nach wie vor – vor dem Verzehr von rohem Gemüse. Gurken, Tomaten oder Salat – Finger weg!
Italienische Wissenschaftler dagegen haben jetzt verseuchtes Gemüse als Ursache für die rasante Ausbreitung von EHEC ausgeschlossen. Das Labor in Rom gehört zum italienischen Gesundheitsinstitut ISS und ist das EU-Referenzlabor für E-Coli-Bakterien. Tests hätten ergeben, heißt es in Agenturmeldungen, dass kontaminiertes Gemüse nicht der Grund für die massenhaften Infektionen sei. Daher sei „Panikmache zum
Konsum von Gemüse nicht gerechtfertigt“, so das Labor laut n-tv.

Panik bei Lebensmittelskandalen gehört jedoch seit Jahren und Jahrzehnten zu den Lieblingsbeschäftigungen, insbesondere der Deutschen, wenn gerade sonst nichts ansteht, was die Leute in Todesangst versetzen könnte. Mindestens einmal pro Halbjahr trabt eine andere Sau durchs Dorf. Der Unterschied diesmal: es werden tatsächlich Menschen vergiftet, und es gibt eine ansehnliche Zahl von Todesfällen. In Deutschland! Das „Epizentrum“ lag offenbar in Norddeutschland, die Ermittlungen konzentrieren sich jetzt auf Lübeck.
Der zweite Unterschied: diesmal soll ausgerechnet der Inbegriff der gesunden Ernährung das Transportmittel des tödlichen Erregers sein. Ausgerechnet auf Gurken, Tomaten oder Salat habe sich der tödliche Darmkeim niedergelassen. Aber nochmal: das Referenzlabor der EU schließt diese Möglichkeit aus. Und wer sich in den letzten beiden Wochen die zum Teil hanebüchenen „Belege“ für diese Version hat durch den Kopf gehen lassen, hält das Forschungsergebnis der zuständigen italienischen Wissenschaftler für plausibel.

Da sollten zunächst spanische Gurken die Übeltäter sein, obgleich in Spanien selbst überhaupt keine Krankheitsfälle aufgetreten waren. Worauf die Spanier mit der Version konterten, auf der Zufahrtstraße zum Gemüsegroßhändler seien die Gurken vom Laster gefallen, um dann mit dem auf dem Asphalt auf sie wartenden EHEC-Erreger infiziert zu werden. Diese beiden Varianten gelten inzwischen als widerlegt; doch irgendetwas bleibt immer hängen, weshalb Gurken immer noch als gefährlicher gelten als Tomaten oder Blattsalat.
Insbesondere für Frauen, die nachweislich stärker betroffen sind als Männer, wahlweise weil sie häufiger mit der Gemüsezubereitung befasst sind oder weil sie einfach mehr Salat essen als Männer. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: sie wissen nichts! Gar nichts. Okay, das Genom des Coli-Bakteriums konnten sie entschlüsseln, was die Voraussetzung für die Entwicklung eines wirksamen Therapeutikums, vermutlich Antibiotikums, darstellt, in der akuten Situation jedoch auch niemandem hilft.

Prinzip Hoffnung: vielleicht verzieht sich der ganze Spuk so unerklärlich, wie er gekommen ist. Zum ersten Mal seit Beginn der Erkrankungswelle ist die Zahl der Neuinfizierten „leicht rückläufig“, so das RKI laut RP. Das ist, wie ich finde, eine ganze
Menge. Nicht etwa, dass sich nur das Tempo der Neuinfektionen verlangsamt oder auch nur der  Anstieg gestoppt wäre – die absolute Zahl der Neuinfizierten ist „leicht rückläufig“. Dies wird das RKI korrekt gemessen haben. Hoffen wir, dass dies der Beginn der Trendwende ist!

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2 Kommentare zu “EHEC – die Gurken von der Spurensicherung

  • #1
    Ulrich

    Was über die Suche nach den Ursachen der EHEC-Epidemie in die Medien dringt, kann bisher kein Vertrauen erwecken. Die Quelle der EHEC-Bakterien wird geradezu systematisch verschwiegen. Dabei lässt sich schon bei Wikipedia nachlesen: „Das Hauptreservoir des Erregers bilden Wiederkäuer, vor allem Rinder, aber auch Schafe und Ziegen.“ Davon ausgehend, könnte folgendes Szenarium abgelaufen sein:
    Die jetzt gefundenen Erreger sind resistent gegenüber Antibiotika. Das deutet daraufhin, dass sich diese Erreger in der Massentierhaltung entwickelt haben, in der Antibiotika systematisch entweder zur Krankheitsvorbeugung oder zur Wachstumsbeschleunigung eingesetzt wurden, so dass früher harmlose EHEC-Varianten die gefährlichen Resistenzen entwickeln konnten.
    Warum ist bisher kein Landwirt oder Landarbeiter erkrankt? Das deutet daraufhin, dass die Quelle kein Milchviehbetrieb ist, in dem der Landwirt täglich Kontakt zu seinen Tieren hat, also sich auch schnell anstecken könnte. Wahrscheinlicher ist, dass die Quelle ein Rindermastbetrieb ist, der technisch noch dazu gut organisiert ist. Wahrscheinlich stehen die Tiere auf so genannten Spaltenböden, so dass alle Fäkalien durch die Spalten in das darunter liegende Güllelager fallen. Mithilfe von Pumpen und Schläuchen wird die Gülle von Zeit zu Zeit in kleinere Gülletankwagen transportiert, die sie dann auf den Feldern ausbringen. Dabei wird die Gülle nicht versprüht, sondern – in gut organisierten Betrieben – mithilfe von so genannten Schleppschläuchen unmittelbar auf dem Boden verteilt. Auch hierbei können Landwirte und Landarbeiter den Kontakt mit der Gülle vermeiden. Abgesehen von dem unangenehmen Geruch bekommt auch die Nachbarschaft nichts von der bakterienhaltigen Gülle ab.
    Ausgebracht wird diese Gülle üblicherweise nicht in Treibhäusern und auch nicht auf Gemüsefeldern (wer so etwas beobachtet hat, sollte sich sofort melden), sondern auf Wiesen, deren Grasschnitt als Viehfutter dient, auf Maisfeldern (ebenfalls Futtermittel) sowie auf Getreidefeldern. Aber die Getreideähren kommen mit der Gülle nicht in Berührung.
    Die Gülledüngung käme als Ursache der Epidemie also nur in Betracht, wenn hier jemand gegen die Regeln der guten fachlichen Praxis verstoßen hätte. Das hätte überdies den Landwirt und seine Landarbeiter gefährdet und wäre aufgefallen, so dass irgendein Beobachter dieses Fehlverhalten wahrscheinlich schon gemeldet hätte.
    Zurück zu den Tieren. Ihr Zweck ist es, geschlachtet zu werden. Das geschieht, zumal bei einem Betrieb der Massentierhaltung, nicht auf dem Hof, sondern in einem Schlachthof. Die Tiere werden, wenn die Regeln eingehalten werden, zuerst betäubt, dann getötet, dann aufgehängt, aufgeschnitten oder aufgesägt, dann werden die Innereien herausgenommen, bevor der Tierkörper zur weiteren Verarbeitung geteilt wird.
    Jetzt eröffnen sich zwei Möglichkeiten: Die eine liegt in der Weiterverarbeitung der Innereien, zu denen auch der Rinderdarm gehört. (Um darüber weiter zu spekulieren, reichen meine Kenntnisse aber nicht aus.) Die andere Möglichkeit: Ich kann mir gut vorstellen, dass bei diesen Arbeitsschritten Inhalte aus den Verdauungsorganen auf das Fleisch spritzen. Mit etwas „Glück“ (aus dem Blickwinkel der Bakterien) können einige von ihnen sich auf Teilen des Schlachtkörpers halten. Diese Fleischteile sind dann Bakterienträger und potentielle Infektionsquellen.
    Wenn dann gerade diese befallenen Teil durch einen Wolf gedreht werden, um Hackfleischportionen zu produzieren, dann haben die Bakterien „gewonnen“. Sie werden auf weitere bisher nicht infizierte Portionen verteilt – unzählbar.
    Vielleicht wurden diese Portionen an eine Supermarktkette vertrieben, von Kundinnen erworben, auf dem Heimweg wird die Kühlkette unterbrochen, die Hackfleischtemperaturen steigen, die Bakterien vermehren sich, die Kundinnen bereiten zu Hause Frikadellen vor, schmecken die rohe Frikadellenmasse ab – und haben sich infiziert. Oder es wird in hundert Haushalten je eine Frikadelle nicht durchgebraten … Oder die Hackfleisch-Tomaten-Sauce wird nicht lange genug und nicht heiß genug erhitzt … Oder die rohen infizierten Frikadellen lagen auf einem Küchenbrett, auf dem nachher das Gemüse für den Salat geschnitten wurde …
    Vielleicht wurden infizierte Fleischstücke oder das infizierte Hackfleisch auch an Restaurants, an Kantinen, Caterer, Altenheimküchen verkauft …
    Es gibt viele Verbreitungswege, nur die Quelle liegt höchstwahrscheinlich in einer Massentierhaltung, in der großzügig Antibiotika eingesetzt wurden. Warum wird das wohl verschwiegen?
    So wie ich das RKI einschätze, werden sie in ein paar Wochen voller Stolz eine neue Impfung gegen EHEC präsentieren und – unangeachtet aller Nebenwirkungen – zur vorbeugenden Impfung aufrufen. Zum Wohle der den Impfstoff produzierenden Pharmafirmen.

  • #2

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