Ein guter Tod nach deutscher Art

„Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Karl Binding und Alfred Hoche inspirierte die Nationalsozialisten zur Behindertenvernichtung.

Ende Mai kam es zu zwei Angriffen auf Behinderteneinrichtungen der Lebenshilfe Mönchengladbach. Hass auf Behinderte hat in Deutschland eine dunkle Tradition.

Ende Mai kam es zu zwei Angriffen auf Behinderteneinrichtungen der Lebenshilfe Mönchengladbach. In beiden Fällen kam es zu Sachbeschädigungen, bei denen Ziegelsteine mit der Aufschrift „Euthanasie ist die Lösung“ am Tatort zurückgelassen wurden. Die Ermittlungsbehörden gehen daher von einem rechtsextremen Hintergrund der Taten aus. Als „Euthanasie“ (altgr. für „guter Tod“) bezeichneten die Nationalsozialisten beschönigend den systematischen Mord an hunderttausenden Behinderten.

Historische Wurzeln der Behindertenvernichtung

Die Verachtung von Behinderten und der Begriff des „lebensunwerten Lebens“ ist ein zentraler Bestandteil nationalsozialistischer Ideologie und auch des heutigen Rechtsextremismus, spielt allerdings in der Wahrnehmung im Vergleich zu Fremdenfeindlichkeit oder Antisemitismus eher eine untergeordnete Rolle. Doch gerade in diesem Bereich besteht eine ganz erhebliche Anschlussfähigkeit rechtsextremen Denkens hinein in die bürgerliche Mitte. Bereits der Begriff des „lebensunwerten Lebens“ selbst ist keine nationalsozialistische Erfindung, sondern stammt aus dem 1920 erschienenen Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens – Ihr Maß und ihre Form“ der beiden bürgerlichen Akademiker Karl Binding (bis 2010 Ehrenbürger der Stadt Leipzig, bis heute Ehrendoktor der Universität Leipzig) und Alfred Hoche (bis heute Ehrendoktor der Universitäten Freiburg und Tübingen)“, welches den Hoche-Schüler und späteren SS-Arzt und Leiter der nationalsozialsozialistischen Behindertenvernichtung, Werner Heyde, nachhaltig prägte.

Eine Mehrheit der Deutschen konnte mit den Plänen der Nationalsozialisten gut leben. Ewald Meltzer, Heimleiter eines Heimes, von dessen 250 Bewohnern nur 25 die Aktion T4 überlebten, führte eine Umfrage unter den Eltern seiner behinderten Heimpatienten durch, ob es nicht gütiger sei, sie umzubringen. 73 % antworteten mit „Ja“. Nach Ewald Meltzer ist noch heute ein Behindertenheim in Sachsen benannt, das sich im Besitz der evangelischen Diakonie befindet. Die Frage, ob die „Euthanasie“ schwerbehinderter Kinder nicht besser für alle wäre, beantworteten in einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2000 immerhin noch rund 60 Prozent der befragten Deutschen mit Ja.

Kontinuität des Hasses

Die Ermordung von Behinderten zu diskutieren ist gute Tradition in Deutschland. Der protestantische Reformator Martin Luther empfahl in seiner Tischrede mit der Nummer 5207, behinderte Kinder im Fluss zu ertränken, da sie ein „seelenloser Fleischklumpen“ seien. Vor einem Jahr ertränkte eine Mutter im niedersächsischen Twistringen ihre zweijährige Tochter, weil diese behindert war. Die Tagesschau berichtete: „Wie schwer die Behinderung des Kindes war, will die Polizei nun ermitteln.“ Ob die deutsche Polizei auch ermitteln will, wie behindert die Bewohner des Heimes in Mönchengladbach sind, ist nicht bekannt.

Zumal es in Deutschland beim Hass auf Behinderte auch regionale Unterschiede gibt. Die Leipziger Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 2022 zeigt in der Dimension „Sozialdarwinismus (Neo-NS-Ideologie)“ latente Zustimmungswerte von 31 Prozent in Ostdeutschland und von 12,7 Prozent in Westdeutschland zu der Aussage „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“. 31 Prozent und 12,7 Prozent, das könnten auch AfD-Landtagswahlergebnisse aus Thüringen und Rheinland-Pfalz sein. Man sollte aber nicht denken, dass das lediglich ein AfD-Thema sei. Die Reaktion auf die Höcke-Aussagen zur Inklusion in seinem Sommerinterview vom August 2023 haben gezeigt, dass er mit seinem Wunsch nach weniger gesellschaftlicher Teilhabe für Behinderte anschlussfähig ist bis weit in die Mitte der Gesellschaft.

Die perfide Normalisierung

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Behindertenvernichtung in Deutschland selbst durch die maßgebliche deutsche Gedenkstätte in Hadamar und das Mahnmal in Berlin an der Tiergartenstraße 4, nach der die „Aktion T4“ benannt wurde, ganz selbstverständlich als „Euthanasie“ bezeichnet wird – immerhin in Anführungszeichen. Aber die Opfer starben keinen „guten Tod“ – sie erstickten qualvoll in Gaskammern. Ermordet von denselben Leuten, die wenige Jahre später ihr Mordhandwerk auch in Treblinka, Sobibor, Belzec verrichteten. Die personelle und organisatorische Kontinuität zur Shoah war groß. Kein Mensch käme auf die absonderliche Idee, die Shoah heute offiziell als „Endlösung der Judenfrage“ zu bezeichnen, Mord als „Sonderbehandlung“ oder den Zweiten Weltkrieg als „den uns vom internationalen Judentum aufgezwungenen Krieg“. Ob mit Anführungszeichen oder ohne. Aber wenn es um Behinderte geht, tun die Deutschen sich heute noch schwer damit, sich von der euphemistischen NS-Terminologie zu lösen.

Die Stadt Mönchengladbach hat sich solidarisch gezeigt, mit den in ihrem Wohnheim angegriffenen Behinderten, denen die unbekannten Täter mit ihrer Parole auf dem Ziegelstein einen guten Tod nach deutscher Art wünschten. Die Öffentlichkeit zeigte sich empört. Das ist gut. Doch vielleicht hatten die Täter auch nur Pech. Wenn die Sätze „Die Tötung eines behinderten Säuglings ist nicht moralisch gleichbedeutend mit der Tötung einer Person. Sehr oft ist sie überhaupt kein Unrecht“ auf den Ziegelstein gepasst hätten, hätte vielleicht auch, wie bei Peter Singer, der Verleihung eines Ethikpreises nichts im Wege gestanden.

Dieser Text erschien in ähnlicher Form bereits in der Jungle World.

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