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Ein Straßenbahnmärchen

EVAG-Strassenbahn

Als ich irgendwo in Essen in die Straßenbahn stieg tat das mit mir auch eine junge Punkerin mit Kind und Kinderwagen ein. Das kleine Mädchen, so um die 3 Jahre alt,  hatte auch schon leicht rot gefärbte Haare, sah aber ansonsten wie jedes andere Kind in diesem Alter aus. Es saß friedlich in seinem Wagen während die Mutter mit Hilfe eines jungen Türken samt Gepäck problemlos ins  Innere gelangt. Dort nahm sie neben dem Kinderwagen Platz, packte ein kleines Buch aus und begann ohne große Umstände ihrem Kind daraus vorzulesen.
 
Sie tat es den akustischen Verhältnissen entsprechend laut, denn neben den sonstige Gesprächen feixten auch noch 4 Jungs von der deutsch-türkischen Hip Hop Fraktion rappend durch den Waggon. Das störte hier niemanden sonderlich, spiegelten sie doch in ihrer ethnischen Mischung ungefähr die Zusammensetzung der restlichen Passagiere wieder. Einen ihre laut vorgetragen Witze werde ich so schnell nicht vergessen. Der junge Türke unter ihnen, bewehrt mit einem fast knielangen Lederblouson plus aufgenähtem Halbmond auf dem Rücken, haut seinen marokkanischen Freund an: „Weißt du eigentlich, wie ihr Marokkaner entstanden seid!?“ Der verneinte natürlich genauso wie die beiden deutschen Jungrapper. Darauf hin, nachdem er gemerkt hat, dass auch andere mithören, noch mal breit grinsend der Halbmond: „Als zum ersten Mal ein Türke eine Chinesen gefickt hat !!“
 
Dem arabischen Freund klappte die Kinnlade runter und am Gesicht der beiden deutschen konnte ich deutlich merken, dass die Sache jeden Moment kippen konnte. Halbmond war offensichtlich vor Publikum einen Schritt zu weit gegangen. Dann jedoch, von einer Sekunde auf die andere entspannte sich alles, denn der Jungtürke begriff plötzlich selbst und nahm den kleineren Marokkaner mit einer fast zärtlichen Geste unter sein weit geöffnete Jacke, streichelte ihm über den Kopf und sagte , wenn auch immer noch in großspuriger Sieger und Machopose :“Mach dir nichts draus Kleiner“.
 
Die Punkermutter ließ sich von alledem Gequatsche um sie herum  nicht im Geringsten stören. Sie las stattdessen  laut und konzentriert weiter und je mehr ich zuhörte, stellte sich die Geschichte als eines von Grimms Märchen heraus. Das Kind war ebenso vertieft im Zuhören. Die Mutter hatte es aus dem Kinderwagen geholt und auf ihren Schoß gesetzt. Ein Situation, die nicht nur mich zu berühren schien. Welch seltsam widersprüchliches und doch so harmonisch wirkendes Paar. Das kleine Kind in den Armen einer Frau, deren Äußeres so gar nicht unser aller Bild einer liebenden, ja wohl möglich begeisterten Mutter passte.
 
Nach dem die Hiphopper  ruhiger geworden waren begann offensichtlich nicht nur ich mit zuzuhören. Je mehr es mir gleich taten, desto deutlicher konnte man die Vorleserin im ganzen Wagen vernehmen. Selbst die Zusteigenden begriffen die Situation sehr schnell und schwiegen auch. Wie die vier Witzlinge, die offensichtlich der Text zu interessieren begann. Vielleicht taten sie es alle – auch die, die der deutsche Sprache nicht mächtig waren – weil sie unausweichlich an die Zeit erinnert wurden, in der ihnen vorgelesen wurde, aus welchem Märchenbuch dieser Welt auch immer.
 
Als ich in der Nähe der Innenstadt ausstieg, war fast der ganze Wagen still und die Frau und das Kind hatten immer noch nichts gemerkt. In der New Yorker Subway, so war ich mir sicher, hätten sie alle am Ende des Märchens stürmisch Beifall geklatscht. Ich weiß nicht, ob das auch hier passiert ist, aber ich war mir sicher, dass, wenn nur einer sich getraut hätte,  der Rest mit Sicherheit seinem Vorbild gefolgt wäre.
 

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15 Kommentare zu “Ein Straßenbahnmärchen

  • #1
    Eva

    Wunderbar, Arnold, was für eine schöne Geschichte! Eine unerwartete, zauberhafte Begegnung mitten im Alltag, von Dir für uns festgehalten. Es spricht für Dich, dass Du diese als Punkerin verkleidete Madonna mit ihrem Jesuskind erkannt hast. 🙂

  • #2
    amo

    Schöne Geschichte, sie zeigt die abwechslungsreiche und vielfältige Gesellschaft.
    PKW-Fahren ist dagegen zeimlich langweilig.

  • #3
    DAMerrick

    Very Nice, wonderful.
    Was uns jetzt aber alle brennend interessiert, welches Märchen war es?

  • #4
    Arnold Voss Beitragsautor

    @ Danerrick

    Stell dir das vor, was du in deiner Kindheit am liebsten gehört hast. Dann wird die Geschichte erst richtig rund.

  • #5
  • #6
  • #7
  • #8
    el-flojo

    Da einen das meiste hier ja eher depressiv macht, da ihr euch ja beharrlich der Realität verschrieben habt, kommt das heute wie ein Lichtblick rüber. Tolle Geschichte. Und beruhigend, dass das Leben auch solche Geschichten schreiben kann. 🙂

  • #9
    Bert

    @Laurin:

    Eher Angst vor U-Bahnschlägern:

    “…und am Gesicht der beiden deutschen konnte ich deutlich merken, dass die Sache jeden Moment kippen konnte.”

    Wer so etwas einmal mitbekommen hat, scheut das Feuer…

  • #10
    Glücksbärchen

    Hehe, es verrät doch einiges über die Vorurteile des Autors und des imaginierten Publikums, wenn jemand es für dermaßen bemerkenswert hält, dass auch Punks (welch Wunder!) liebevolle Eltern sind. Sind die nicht immer betrunken und pöbeln rum? Und dann liest diese komisch aussehende Frau auch noch Märchen vor, wie außergewöhnlich! Dass Leute, die so aussehen, überhaupt lesen können… Dann die Story noch mit etwas Exotismus anreichern (jaja, überall diese Fremden), und fertig ist eine Geschichte aus der Vorstellungswelt des deutschen Spießbürgers.

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  • #12
    Robert Nabenhauer

    ja ich sehe das auch wie Glücksbärchen, dieses Nischendenken ist eben schwer abzulegen

    Gruss Robert Nabenhauer

    Admin: Hören Sie bitte auf hier Ihr albernes Buch zu bewerben.

  • #13
    Arnold Voß

    @ Glücksbärchen@ Robert Nabenhauer

    Nee iss klar! In Straßenbahnen werden andauernd Märchen vorgelesen. Und immer von Punks. Ich weiß, ihr kennt es nicht anders. Und ich Blödmann fall auch noch drauf rein. Weil ich so selten Straßenbahn fahre und ansonsten gaaanz viel Angst vor Fremden habe. Ich könnte mich kugeln, wenn ich nicht so spießig wäre.

    P.S. Noch was zu lesen mit gaaanz viel Fremden:
    http://www.ruhrbarone.de/gentrification-in-new-york-city-die-williamsburgh-story/

  • #14
    Olaf Mertens

    Schöne Geschichte, schöne Beobachtungen – Punkt. Bloß nicht ins Bockshorn jagen lassen von Leuten, die nur in irgendwelche Naben hauen um ihre Sachbücher von zweifelhaftem Nutzen zu promoten!

  • Pingback: Nachrichten aus Absurdistan » Twitter Weekly Updates for 2011-06-05

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