
Am 23. April soll im Gebäude des Clara-Schumann-Gymnasiums in Bonn eine Lesung mit Alena Jabarine stattfinden. Veranstaltet wird der Abend vom Partnerschaftsverein Bonn–Ramallah e.V., die Räume stellt, formal neutral, die Stadt zur Verfügung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Hier geht es nicht um eine harmlose Lesung, sondern um die Frage, welche politischen Narrative im öffentlichen Raum unwidersprochen verbreitet werden. Von unserem Gastautor Thomas Müller.
Der veranstaltende Verein inszeniert sich als Brückenbauer für Verständigung und Menschenrechte. Ein Blick auf seine öffentliche Kommunikation legt jedoch nahe, dass diese Brücke vor allem in eine Richtung führt. Das Leid der palästinensischen Bevölkerung wird ausführlich thematisiert, politische Forderungen werden formuliert, doch zentrale Aspekte des Konflikts bleiben auffällig blass. Die Rolle der Hamas, ihre Ideologie und ihre Gewalt gegen israelische Zivilisten werden, soweit öffentlich erkennbar, nicht in vergleichbarer Klarheit eingeordnet. Auch zum Angriff auf Israel am 7. Oktober fehlen prägnante, klar verurteilende Einordnungen.
Diese Leerstellen folgen einem Muster: Ein Konflikt wird erzählt, indem entscheidende Teile ausgeblendet werden. So entsteht kein vollständiges Bild, sondern ein politisch vorgeprägter Deutungsrahmen, der Verantwortung ungleich verteilt.
In dieses Umfeld fügt sich die eingeladene Referentin ein. Auch ihre Social-Media-Aktivitäten zeichnen ein konsistentes Bild. So teilte sie einen Beitrag, in dem israelischen Soldaten pauschal zugeschrieben wird, regelmäßig palästinensische Jugendliche zu töten. In einem weiteren Beitrag wird ein getöteter Jugendlicher gezeigt, der sich selbst als „Märtyrer“ bezeichnet hatte; eine Einordnung dieses Begriffs erfolgt dabei nicht.
Weitere geteilte Inhalte zeigen unter anderem Graffiti mit der Aufschrift „Viva Palestina“ sowie Darstellungen, in denen das Gebiet Israels und der palästinensischen Gebiete als einheitliches „Palästina“ visualisiert wird. In einem anderen Beitrag wird ein historisches Bild aus Jaffa gezeigt, verbunden mit dem Text, dass palästinensische Bewohner vertrieben worden seien und ihre Häuser zerstört wurden, im Zusammenhang mit der Entstehung Tel Avivs.
Zudem verbreitete sie Beiträge, in denen israelisches Handeln mit stark zugespitzten Begriffen beschrieben wird, etwa im Zusammenhang mit Krankenhäusern im Gazastreifen. Diese Darstellungen werden ohne erkennbare Einordnung oder Gegenperspektive weitergegeben.
Auch im Umgang mit politisch aufgeladenen Begriffen und Parolen zeigen sich entsprechende Muster. So wird in einem Beitrag die Einordnung des Slogans „From the river to the sea“ als antisemitisch infrage gestellt und kommentiert. In einem weiteren geteilten Inhalt wird der Begriff „Intifada“ erläutert und in einen historischen Kontext gestellt, unter anderem mit Bezug auf den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943.
Einzelne dieser Beiträge mögen für sich genommen noch unterschiedlich interpretierbar sein. In ihrer Gesamtheit entsteht jedoch ein konsistentes Muster, das implizite Bezugnahmen nicht mehr zufällig erscheinen lässt. Je mehr sich entsprechende Elemente in eine Richtung verdichten, desto weniger plausibel wird eine harmlose Einzelinterpretation.
Hinzu kommt die Weiterverbreitung öffentlich einsehbarer visueller Inhalte, die historisch belastete Bildsprache enthalten. Auch hier erfolgt keine erkennbare Einordnung oder Distanzierung.
All diese Beispiele mögen einzeln betrachtet unter Meinungsfreiheit fallen. In ihrer Gesamtheit ergibt sich jedoch ein klares Bild: eine selektive Perspektive, die Gewalt und Verantwortung nicht symmetrisch darstellt, sondern strukturell verschiebt.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Alena Jabarine für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig war. Dass Narrative und Schwerpunktsetzungen, wie sie in ihren öffentlichen Äußerungen sichtbar werden, dort offenbar ohne größere Reibung Platz fanden, wirft Fragen auf, nicht nur im Einzelfall, sondern grundsätzlich im Hinblick auf journalistische Maßstäbe und Ausgewogenheit.
Der Fall steht dabei nicht isoliert. Immer wieder geraten auch Beiträge aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Kritik, weil sie im Umgang mit dem Nahostkonflikt als einseitig wahrgenommen werden, auffällig häufig mit einem starken Fokus auf israelisches Handeln, während andere Aspekte weniger sichtbar bleiben. Zugleich weisen die betroffenen Journalistinnen und Journalisten solche Vorwürfe regelmäßig zurück, was die grundsätzliche Debatte jedoch nicht beendet.
Besonders brisant wird das Ganze durch den Ort. Auch wenn das Clara-Schumann-Gymnasium nicht Veranstalter ist, bleibt es ein schulisches Umfeld. Wer öffentliche Infrastruktur nutzt, bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Hier gelten andere Maßstäbe als in einem privaten Debattenraum.
Im Vorfeld der Veranstaltung wurden Anfragen an die im Bonner Stadtrat vertretenen Parteien, SPD, CDU, Grüne und FDP, an das städtische Gebäudemanagement sowie an den Oberbürgermeister gerichtet.
Kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels teilte das städtische Gebäudemanagement per E-Mail mit, dass auf entsprechenden Hinweis hin eine Prüfung der Vermietung eingeleitet wurde. Grundlage hierfür sei die geltende Mietordnung für temporäre Nutzungen städtischer Räume. Es ist zu hoffen, dass die Stadt Bonn im Rahmen dieser Prüfung die notwendigen Konsequenzen zieht und dieser Veranstaltung einen Riegel vorschiebt, um möglichen antisemitischen oder israelfeindlichen Deutungen keinen Raum zu geben. Die Lesung in Bonn ist damit mehr als ein einzelner Termin. Sie steht exemplarisch für die Frage, wie mit politischen Deutungsangeboten im öffentlichen Raum umgegangen wird und welche Verantwortung damit einhergeht.




























































