Eine Geschichte über vegane Mode und teures Plastik

Alte Industrien und neue Hoffnung? Foto: Voregger

Neun Kilometer liegen zwischen der Europastraße im Süden von Gelsenkirchen und der Ulfkotter Straße am nördlichen Stadtrand. Wenn alles gut geht, braucht man mit dem Auto nur etwa 12 Minuten. Es ist also keine Weltreise. An beiden Orten gibt es Projekte, die nach Ansicht der Wirtschaftsförderung wichtige Schritte in eine erfolgreiche Zukunft der Stadt sind. Bei beiden Projekten steht Kunststoff im Mittelpunkt – umgangssprachlich würde man von Plastik sprechen. Es geht um die Norderweiterung von BP und um das stark wachsende Modeunternehmen Navahoo.

Im Norden will BP auf dem Raffineriegelände einen Kreislaufwirtschaftsverbund aufbauen. Dort soll ein Unternehmen gebrauchte Kunststoffe in „zirkuläre Rohstoffe“ umwandeln. Das Verfahren heißt „Pyrolyse“ und der Standort ist laut BP wegen der vorhandenen Infrastruktur und der Nähe zum Highway geeignet. Man rechnet mit etwa 120 Lkw-Transporten pro Tag über die Autobahn A 52. Die Altkunststoffe sollen ohne Luftzufuhr erhitzt werden. Dabei entstehen etwa 20 Prozent Gas, das anstelle von fossilen Brennstoffen verbrannt werden kann, 60 Prozent Öl und zehn Prozent „deponiefähiger“ Abfall. „Die anfallenden Pyrolyseöle sollen direkt und ohne Lkw-Transport über eine Pipeline in die benachbarte Raffinerie gepumpt werden“, erklärt BP-Sprecher Marc Schulte. „Dort werden die Pyrolyseöle weiterverarbeitet.“

Bis es soweit ist, wird noch einige Zeit vergehen. Grundlage für den Bau einer solchen Anlage ist ein gültiger Bebauungsplan. „Dieser Bebauungsplan wäre die Grundlage für ein Fachunternehmen, eine Investitions- und Standortentscheidung zu treffen und ein Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz anzustreben“, sagt Marc Schulte. „BP selbst plant derzeit nicht, auf dem betreffenden Teil des Geländes eine Industrieanlage zu errichten.“ Als Betreiber ist das amerikanische Unternehmen „Brightmark“ im Gespräch. In Deutschland fallen jährlich mehr als 6 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an, von denen 46 Prozent recycelt werden.

Die Firma Navahoo vertreibt billige Kleidung aus Kunststoff und bringt jedes Jahr mehrere Kollektionen auf den Markt. Das nennt sich Fast Fashion und ist unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten bedenklich. Direkt neben dem Firmensitz an der Europastraße entsteht derzeit ein neuer Gebäudekomplex. Anlass für die Wirtschaftsförderung zu gratulieren: „Die Wirtschaftsförderung Gelsenkirchen freut sich über die tolle Entwicklung des Unternehmens und wünscht weiterhin alles Gute und viel Erfolg.

Bereits vor vier Jahren waren Politik und Verwaltung vom Aufstieg des Unternehmens mehr als angetan. Die Politik hoffte auf eine Wiederbelebung der traditionsreichen Gelsenkirchener Bekleidungsindustrie. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in der Stadt 50 Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten. Ab den 60er Jahren wanderte die Produktion in die asiatischen Billiglohnländer ab. „Wir freuen uns sehr, dass wir einem aufstrebenden jungen Unternehmen Raum für seine Expansion bieten können“, sagte der damalige Wirtschaftsdezernent Christopher Schmitt. „Man kann also mit Fug und Recht von Design aus Gelsenkirchen für die Welt sprechen.

Die Textilien von Navahoo werden in China produziert und dann nach Deutschland transportiert. Die Winterjacken kosten zwischen 50 und 90 Euro und werden mit dem Label „vegan“ beworben. Das bedeutet, dass sie zu 100 Prozent aus Plastik bestehen. Das verwendete Material ist Polyester und letztendlich bestehen die Jacken aus Erdöl. Polyester macht derzeit etwa 52 Prozent der Faserproduktion für Kleidung aus. Weltweit sind das 57 Millionen Tonnen. Beim Waschen wird Mikroplastik freigesetzt und am Ende ihres Lebens sind die Jacken Sondermüll. Denn Polyester ist biologisch nicht abbaubar.
Der Plastikmüll landet auf Deponien in Afrika oder in einigen Jahren in der Pyrolyseanlage an der Ulfkotter Straße. So sieht Kreislaufwirtschaft in Gelsenkirchen aus.

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