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Arbeitslosigkeit: Einer von 39.050

Arbeitsamt. Foto: mkorsakov Lizenz: CC

Arbeitsamt. Foto: mkorsakov Lizenz: CC

Dortmund gilt als Vorzeigebeispiel für gelungenen Strukturwandel. Die Stadt hat sich erfolgreich vom Stahl- und Kohlestandort zu einer Hightech-Metropole gewandelt. Mit einem kleinen Schönheitsfehler: Am Arbeitsmarkt ist diese Entwicklung spurlos vorbeigegangen. Das Schicksal von Heinz B. steht stellvertretend für 39.050 andere.

Die Stimmung von Heinz B. schwankt zwischen Angst und Verzweiflung: „Wie soll ich ab März über die Runden kommen?“, fragt er sich immer und immer wieder. Ohne bisher eine Antwort gefunden zu haben. Wahrscheinlich gibt es auch keine. Noch bezieht er Arbeitslosengeld, ab 1. März rutscht der 57jährige aber in Hartz IV.

Sein sozialer Abstieg begann mit einem Herzinfarkt vor zwei Jahren. Heinz B. verlor seinen Job. Als Elektriker im Außendienst hatte er bis dahin ordentlich verdient. Für einen Heizungsbaubetrieb wartete er in ganz Dortmund Anlagen. Doch mit dem Alter kamen die Krankheiten und die Arbeitslosigkeit. Der Herzinfarkt und chronisches Asthma.

Gerne würde er wieder arbeiten: „Aber ich darf nicht, sagen die Ärzte, höchstens was Leichtes, den alten Beruf kann ich nicht mehr ausüben.“ Verzweifelt hat er monatelang eine einfache Tätigkeit gesucht. Um wenigstens etwas Geld zu verdienen und um eine Aufgabe zu haben: „Erst hat man mich im Amt hin und hergeschickt, um dann doch nichts zu finden“, klagt B. und stellt resigniert fest: „Ich bin unvermittelbar“.

Auch seine Frau wird in den nächsten Tagen den Job verlieren. Sohn und Tochter wohnen noch zuhause. Die Tochter – auch arbeitslos, der Sohn in der Ausbildung. Das Geld ist schon jetzt knapp. Der Sohn gibt etwas von seinem Lohn ab, damit die Familie überhaupt noch überleben kann. Für Luxus, eine Shoppingtour durch die City oder den Besuch einer Veranstaltung oder des Kinos fehlt das Geld jetzt schon.

„Was soll erst ab März werden?“, fragt Heinz B., ohne dass er eine Antwort auf seine Frage erwartet: „Ab nächsten Monat weiß ich nicht wie wir die Miete bezahlen sollen. Und sparen können wir nicht noch mehr.“ Eigentlich will Heinz B. nichts vom Amt, aber ihm wird wohl nichts anderes übrig bleiben, um über die Runden zu kommen.

„Was die sich da ausdenken“, schaltet sich seine Frau ins Gespräch ein: „174 Euro Strom im Monat – wie sollen wir das bezahlen?“ Jeder Euro, der für den Strom abgeht, der muss an anderer Stelle gespart werden. 30 Euro bekommt jeder Hartz IV-Empfänger für Strom. Die wahren Kosten liegen aber längst bei durchschnittlich 42 Euro. Seit der Strom wegen des Gesetzes über die Finanzierung erneuerbarer Energien (EEG) so teuer geworden ist. Die B.’s – nicht nur Verlierer des Strukturwandels in Dortmund, neuerdings auch noch Verlierer der Energiewende.

Heinz B. will sich nun Rat im Arbeitslosenzentrum an der Leopoldstraße holen. Hat aber wenig Hoffnung, dass ihm dort geholfen wird. Er hat sich auch seine Rente ausrechnen lassen: „Die reicht aber auch nicht, um alles zu bezahlen. Und das nach 40 Jahren Arbeit“.

Die Geschichte von Heinz B. Eine typische Dortmunder Geschichte. Aus einer Stadt, die erfolgreich den Strukturwandel bewältigt haben will. Eine geschichte von der Schattenseite der inzwischen glänzenden Metropole. Nur eine von 39.050 Geschichten, die Dortmunder Arbeitslose erzählen könnten.

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8 Kommentare zu “Arbeitslosigkeit: Einer von 39.050

  • #1
    Andreas Cierpiol

    Natürlich ist das Einzelschicksal der Familie B. tragisch. Es macht zweifelsohne betroffen und steht freilich stellvertretende für viele Familien, die unverschuldet in Not geraten sind. Trotzdem schockiert an diesem Artikel auch, dass das Problem nichts mit dem Strukturwandel in Dortmund zu tun hat. Weder die gesundheitliche Verfassung des Herrn B., noch die Strompreise oder die bundesgesetzliche Bezügeregelung im ALG II finden ihren Ursprung in der Dortmunder Historie. Sicher hat die Politik in dieser Stadt nicht immer alles richtig gemacht, trotzdem ist es journalistisch einfach nicht fair, Zusammenhänge zu bauen, wo keine sind.

  • #2
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    Die Frage für mich ist: Kann man angesichts von kontinuierlich hoher Arbeitslosigkeit von erfolgreichem Strukturwandel sprechen? In den Artikel interpretierst du aber zu viel rein. Ich wollte der Masse nur mal einen Namen geben und den Kontrast zu Glitzerfassaden herstellen.

  • #3
    Andreas Cierpiol

    Da gebe ich dir sogar durchaus recht. Man hat schlichtweg nicht alle mitgenommen, wie es so schön heißt. Das wird in der Tat gern vergessen, wenn sich die Arbeitslosenzahlen im Phoenix-See spiegeln oder man die Altersarmut auf dem Trottoir der glückseligen Kampstraße sieht. Von der Nordstadt ganz zu schweigen.

  • #4
    Michael Westerhoff Beitragsautor

    Und nicht mißverstehen, ich finde den Dortmunder Strukturwandel mit Technologiepark, U, Phoenixsee etc. gut. Und ich bin der Ansicht, dass Dortmund einiges mehr richtig gemacht hat als andere Städte. Allerdings hatten wir doch vor 20, 30 Jahren gehofft, dass es mal wieder blühende Landschaften hier gibt. Das ist leider nicht gelungen. Aber du bringst mich auf ein neues Thema: Ich hole mal Stimmen ein, warum der Erfolg nicht gelungen ist

  • #5
    ruhrgeorg

    Für mich ist das ein geschönter Strukturwandel. Es sind einige Vorzeigeunternehmen entstanden, die aber keine ausreichenden Arbeitsplätze anbieten können.

    Es ist zwar immer zweifelhaft im Nachhinein etwas zu kritisieren, aber das Geld für die Subventionen in die Kohle hätte statt in den Bergbau in die Ausbildung (Umschulung) und in die intensive Neuansiedlung von Unternehmen gesteckt werden sollen.

    Jetzt müssen wir mit der Situation leben. Allerdings von einem gelungenen Strukturwandel kann man wirklich nicht sprechen, wenn Z.B. in Bochum ein Medizintechnikpark errichtet wird und sich keine Unternehmen ansiedeln.

    Und da sind wir bei dem Problem, das kein SPD-Funktionär und auch WAZ-Redakteur wahrhaben will. Es fehlt im Ruhrgebiet auch an einer übergeordneten Verwaltungseinheit, die eine tatsächlich wirksame Wirtschafts- und Infrastrukturplanung für das Ruhrgebiet koordiniert.

  • #6
    Andreas Cierpiol

    Fakt ist, dass Dortmund den Strukturwandel “besser” hinbekommen hat als andere Städte. Trotzdem ist es zu wenig. Klar, Arbeitsplätze für hochqualifizierte sind entstanden, wobei aber vergessen wurde, “den Rest” mit ins Boot zu holen. Auf die SPD oder die WAZ möchte ich dabei gar nicht unbedingt eingehen. Ich gebe RUHRGEORG aber recht, dass eine kooperierende Verwaltung im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten überfällig ist.

  • #7
    mkorsakov

    Nur so nebenbei: Ihr könnt bei CC-Fotos, auch ruhig die Quelle nennen, in diesem Fall:
    http://www.flickr.com/photos/mkorsakov/211076129/

  • #8
    Stefan Laurin

    @mkorsako: Sorry, war ein Versehen. Es tut uns leid und wir haben es nachgeholt. Vielen Dank für das Bild.

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