EM in Gelsenkirchen: Nachhaltigkeit oder teure Illusion?

Karin Welge posiert Foto: Gerd Kämper/Stadt Gelsenkirchen
Karin Welge posiert Foto: Gerd Kämper/Stadt Gelsenkirchen

Rund 20 Millionen Euro werden Gelsenkirchen die EM-Spiele wohl kosten. „Die Partien, die in Gelsenkirchen stattfinden werden, erfordern in Teilen weitere Investitionen in den Fanzonen und im Sicherheitsbereich, die wir noch nicht abschließend beziffern können“, sagte ein Sprecher vor ein paar Wochen. Das klingt annehmlich und ja, eine Party ist doch immer schön. Gelsenkirchen und Fußball, das gehört ja bekanntlich zusammen. Vorbildlich macht man sich Gedanken zur Nachhaltigkeit der Spiele und insbesondere sollen die Aktivitäten im Kinder- und Jugend- sowie im Sportbereich über das Turnier hinaus fortgeführt werden. Von unserem Gastautor Frank Eckardt.

Man wird sofort einwenden können, dass hierfür doch nicht auf die Fußball-EM gewartet werden müsse. Wenn diese Aktivitäten als nützlich angesehen werden, könnten die Gelder doch auch ohne den Anlass der EM ausgegeben werden. Dafür bräuchte man wohl keine EM-Spieler in der Veltins-Arena. Zu Recht fragen wir uns als Bürger*innen deshalb, wie es denn mit der Bilanz zwischen Einnahmen und Ausgaben nach den Spielen insgesamt aussehen wird. Wenn man der UEFA glauben darf, dann haben Fußball-Europameisterschaften für das Austragungsland immer positive ökonomische Effekte. Von der letzten EM abgesehen, die nicht nur wegen der Infektion von ca. 840.000 Personen, sondern auch ökonomisch kritisch ausfiel, dann werden die Investitionen in Sportstätten usw. durch erhöhte Einnahmen durch Tickets, Gastronomie, Hotels etc. mehr als kompensiert. Für die EM 2016 berechnet die UEFA 1,2 Mrd Euro Gewinn für Frankreich.

Diese Berechnungen sind für Gelsenkirchen und die Frage, ob es sich für die Stadt lohnt, die Spiele auszutragen, nicht wirklich hilfreich. Richtigerweise wird von der Stadt keine Bilanz aufgestellt, mit der etwa bereits jetzt Steuer-Einnahmen berechnet werden, die sich etwa „durch höhere Übernachtungszahlen sowie eine höhere Nachfrage in der Gastronomie und im Handel der Stadt erst zeitversetzt und indirekt im städtischen Haushalt bemerkbar machen. Auch der Werbewert für Gelsenkirchen durch die mediale Präsenz in ganz Europa sei nur schwer zu beziffern.“ (WAZ 7.2.24)

Damit ökonomisch etwas in Gelsenkirchen „hängenbleibt“, müsste eine differenzierte Analyse aufzeigen, welche Steuern tatsächlich anfallen und wie diese dann verteilt werden. So kann man befürchten, dass viele mit den Spielen verbundene Ausgaben in Gelsenkirchen gar nicht anfallen oder nicht versteuert werden. Das ist insbesondere im Hotel-Gewerbe zu befürchten, da Gelsenkirchen sicherlich nicht die Kapazitäten hat, um so viele auswärtige Gäste zu beherbergen und viele im ganzen Ruhrgebiet unterkommen werden. Sicherlich wird die Gastronomie einen Schubs bekommen, der den Gelsenkirchener Restaurants und Imbissen gut tun wird. Wird das aber das Angebot nachhaltig verbessern?

Party-Stimmung über alles?

Nüchtern betrachtet erscheint die Schlussfolgerung plausibel, dass von diesen Spielen eher kein nachhaltiger Effekt für die strukturellen Probleme der Stadt zu erwarten ist. Man könnte nun sagen, dass diese Erwartung auch zu hochgegriffen ist. Richtig. Die Spiele der EM können auch einfach einmal etwas sein, was wir uns gönnen. Gute Stimmung in der Stadt, viele bunte Aktivitäten, mediale Aufmerksamkeit der ganzen Welt und etwas frischen Wind in eine Stadt, in der so viele Menschen so unglücklich sind, wie kaum sonst in Deutschland – wenn man einer neueren Studie der Universität Freiburg und der SKL trauen darf.

Also, ein bisschen Party-Laune, ja das tut der Stadt emotional gut und der Autor dieser Zeilen will jetzt hier auch nicht die Stimmung verderben. Dennoch sollte die Frage erlaubt sein, ob im EM-Begeisterungstaumel nicht doch auch eine intrinsische Verschiebung von politischen Prioritäten stattfindet. Die Veltins-Arena ist schon jetzt eine Event location und die Emschertainment GmbH ein durchaus einflussreicher Player in der Stadt. Der Trend zu immer weiteren Events – Taylor Swift knocking on the door – klingt nach einer sich unendlich fortsetzenden Party. Gelsenkirchen als Bühne für großartige Events, dagegen hat erst einmal niemand etwas.
Aber die Älteren werden sich an den Karnevalsschlager von Jupp Schmitz erinnern:

Wer soll das bezahlen?
Wer hat das bestellt?
Wer hat so viel Pinkepinke?
Wer hat so viel Geld?

1949 in größter Not geschrieben und danach bis in meine Kindheit in den 1970iger Jahren gesungen, herrschte ein großes Bewusstsein dafür, dass die Zeche auch von irgendwem bezahlt werden muss. Das hat die Feierstimmung aber dennoch wohl nicht beeinträchtigt:

Sonntags, da sitzt in der Wirtschaft am Eck
Immer ein feuchter Verein
Bis gegen zwölf schenkt der Wirt tüchtig ein
Dann wird das Taschengeld spärlich
Vorigen Sonntag nun brachte der Wirt
Runde um Runde herein
Bis gegen zwei Uhr der ganze Verein
Fragte: „Herr Wirt, sag uns ehrlich“
Wer soll das bezahlen?“

Gelsenkirchen schenkt gerne aus und Großzügigkeit gehört zu den sympathischen Eigenschaften vieler Menschen hier. Wenn die Politik aber also das letzte Taschengeld – das bei anderen Themen ja durchaus schmerzhaft fehlt – auf den Tisch legt, dann muss doch irgendwann eine grundsätzlichere Debatte über die Strategie der Event-Ökonomie Gelsenkirchens folgen. Soll es so weitergehen?
Die Hinweise der Stadt jetzt auf einen Marketing-Effekt kennen wir aus den zahllosen finanziellen Unterstützungen für den SO4 bereits seit Jahrzehnten. Ohne Blau-Weiß wäre GE so unbekannt wie einige andere Städte des nördlichen Ruhrgebiets. Im Grunde hat sich so eine Selbstverständlichkeit entwickelt und wird die Annahme der positiven Effekte von Events wie Konzerte und Fußball-Spiele für die Stadt nicht mehr hinterfragt. Der Schlager von Schmitz ist in Vergessenheit geraten, der Kern seiner Frage nicht mehr verständlich.

Die überforderte Stadt

Als jemand, der sich seit vielen Jahren mit der Frage beschäftigt, wie Städte aus dem ökonomischen Strukturwandel sich herausentwickeln können, empfinde ich diese Spiele als Teil der Event-Orientierung der Stadtentwicklung sehr ambivalent. Ich weiß, dass viele Menschen die gute Stimmung genießen werden, wenn auch klar sein sollte, dass dies wiederum für viele andere nicht der Fall sein wird. Die resignative Stimmung in der Stadt ist ein Problem an sich, da kann diese symbolische Anerkennung durch die EM schon guttun. Zugleich kann sich gerade dieser Optimismus aber in sein Gegenteil umkehren, wenn die Party vorbei ist, an der dann doch schon viele finanziell nur aus der Ferne teilnehmen können. Was fehlt ist deshalb eine Diskussion über die strategische Entwicklung der Stadt jenseits der Frage, ob sich die Ausgaben irgendwie rentieren.

Dass diese Diskussion in Gelsenkirchen nicht geführt wird, hat verschiedene Gründe. Dazu zählt, dass es keine Formate der öffentlichen Kontroverse gibt und die klassischen Orte für eine solche Auseinandersetzung, also die Medien und der Stadtrat, dies nicht mehr zu leisten in der Lage sind. Auch dies ist wiederum kein individuelles oder parteipolitisches Versagen, sondern hat viel mit dem zu tun, was Politikwissenschaftler Thomas Ellwein und Joachim Hesse schon in der 1990iger Jahre mit ihrer Diagnose vom „überforderten Staat“ beschrieben haben. Für Gelsenkirchen trifft dies schon lange zu. Durch den Strukturwandel der Stadt sind die integrativen Orte, an denen gesellschaftliche Konflikte ausgehandelt worden, weggefallen oder geschwächt worden. Sie verlagern sich stattdessen auf die Straße bzw. die Nachbarschaft als letzten verblieben Ort, an dem sich unterschiedliche Lebenswelten noch treffen – aber sich kaum noch miteinander auseinandersetzen müssen und können.

Vielen Verantwortlichen in Politik und Stadt ist diese Überforderung durchaus bewusst und sie fordern externe Hilfe. Dass Gelsenkirchen sich wie Münchhausen selber am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen kann, das erscheint tatsächlich angesichts der strukturellen Dilemmata nicht plausibel. Eine nähere Betrachtung der bisherigen Entwicklung, um damit lokal umzugehen, würde es aber erlauben zu diskutieren, ob – trotz der eingeschränkten finanziellen Spielräume – der Kompass richtig einjustiert ist.

Die EM könnte hierzu als Gelegenheit dienen. Die polnische Antrhropologin Małgorzata Zofia Kowalska hat die Diskussionen, um die EM 2012 im eigenen Land zu beobachten und hat festgestellt (nachzu lesen in ihrem 2017 erschienen Buch „Urban politics of a sporting mega event: legitimacy and legacy of Euro 2012 in anthropological perspective“), dass lokale Mythen und Traditionen des herangezogen wurden, um eine unternehmerische Stadtstrategie zu verankern. Aber genau dieselben Traditionen wurden von der Opposition genutzt wurde, um die bestehende Stadtpolitik herauszufordern. Entgegen den Erwartungen der Veranstalter löste die Euro 2012 deshalb eine Diskussion darüber aus, inwieweit eine groß angelegte, auf Wirtschaft und Freizeit ausgerichtete Stadtstrategie mit dem lokalen Wertesystem übereinstimmt.
Die Parallele ist offensichtlich: Der Mythos Schalke und Fußball – schon von Ilse Kigbis in ihrem Gedicht „Meine Stadt ist kein Knüller“ bei aller Sympathie mit SO4 als Rattenfänger ironisch kritisiert – wird auch gerade in Gelsenkirchen genutzt und für eine unternehmerische Stadtpolitik eingesetzt, die auf ein Branding und weitergefasst auf eine lokale Identitätspolitik setzt. Das ist bei weitem eine neue Strategie, sondern inzwischen eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Das wird wiederum als Unterschied zu den polnischen Erfahrungen deutlich. Es fehlt die weitergehende gesellschaftspolitische Opposition, die – anknüpfend an die Traditionen der Arbeitersolidarität – diese Form der „unternehmerischen Stadt“ im Kern kritisiert.

Business as usual?

Das Konzept der unternehmerischen Stadt greift den alten Impuls der Nachkriegsgesellschaft auf, der direkte Kosten-Nutzen-Abwägungen und Effizienz in den Vordergrund schiebt. Damit ist er aber auch extrem populismusanfällig, weil es die Stadtpolitik simplifiziert. Darin schien auch von Beginn an sein Charme zu liegen: Schlanke Verwaltungen, Outsourcing von Verantwortlichkeiten, Bevorzugung privater Wohlfahrsstrategien, Fokussierung auf Leuchtturm-Projekte, Vorrang für Markt- und individuelle Lösungen und allgemein eine auf Investitionen (von außen) ausgerichtete Wirtschaftsförderung. Spiele, Events und kulturelle Investitionen geten dabei als „Softe Faktoren“, um die Attraktivität für Investitionen zu erhöhen.

Gelsenkirchen hat diesen Weg beschritten wie die meisten anderen Städte in Deutschland, ohne hierzu eine grundlegende Diskussion über mögliche Alternativen zu dem Modell der „unternehmerischen Stadt“ zu erwägen. Nach der Deutschen Wiedervereinigung hat sich dieser Ansatz weitgehend, aber Schritt für Schritt und im Kontext einer gesellschaftspolitischen Wende in ganz Deutschland nachvollzogen. Schon früh warnten die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel davor, dass mit der Orientierung an Events in der Stadtpolitik bedeutet, dass an die Stadt und die Lokalpolitik andere Maßstäbe angelegt werden. Die Ausrichtung der „Festivalisierung“, so die Autoren, bedeutet, dass sich die Stadt einer Neu-Definition ihrer Aufgaben unterzieht, die die Stadt nicht mehr in einem gemeinschafts- und gemeinwohlorientierten Sinne , sondern wie ein auf Gewinn oder Erlös ausgerichtetes Unternehmen betrachtet.
In der stadtsoziologischen Kritik an der „unternehmerischen Stadt“ wurde bereits in den 1990iger Jahren schon sehr deutlich, dass diese Strategie nicht dazu führt, dass es einen sogenannten Trickle-Down-Effekt gibt. Dieser soll dazu führen, dass sich die unternehmerische Stadtpolitik für alle auszahlt und für jeden etwas „heruntertropft“. Große Investitionen, um Spiele oder kulturelle Assets für ein gutes Investitionsklima zu ermöglichen, zahlen sich in der Regel nicht aus. In der Fachliteratur der Stadtforschung hat sich dies in der Diskussion um den sogenannten Bilbao-Effekt herausgestellt. Die spanische Stadt hatte mit einem teuren und ikonischen Neubau in der Stadt versucht, um die globale Aufmerksamkeit zu finden und somit Tourist*innen und Investoren anzulocken. Inzwischen sind Städte wesentlich vorsichtiger geworden, um diesem Beispiel zu folgen und die sogenannte Aha-Architektur ruft nur über eine beschränkte Zeit die erwünschte Aufmerksamkeit hervor. Aus diesem Grunde haben Branding-Strategien insgesamt auch an Bedeutung verloren. Der Werbe-Effekt ist zwar nicht zu verleugnen, muss aber immer differenziert betrachtet werden. Wen genau will man von Gelsenkirchen mit diesen Spielen denn – von welcher Qualität? – überzeugen? Wenn Werbestrategien und Wirklichkeit auseinanderfallen, zumindest in den Augen der Besucher*innen, dann wird vielleicht eher das Gegenteil erreicht. Menschen werden die Party-Meile als eine Insel erfahren, wie wenn man von der Schalker Meile versehentlich in die Uechtingstraße abbiegt.

Neuer Kompass gesucht

Gelsenkirchen hat durchaus auch Schritte in eine andere Richtung unternommen. Vielleicht am auffälligsten ist das in Ückendorf zu beobachten. Ergebnis offen und vom Prinzip her aber nicht unbedingt eine Abkehr von der Idee, dass Stadtpolitik sich in erster Linie rechnen muss. Wird das nur eine weitere Spielart der unternehmerischen Stadt sein oder wir es der Ort werden, an der neue Konstellationen gegen die fragmentierte Stadtgesellschaft ausprobiert werden?

Die Traditionen wie die Malocher-Kultur zu nutzen, heißt nicht, sie in Stein zu meißeln und anzuhimmeln. Sie kann nur dazu anstacheln, um weiter daran hart zu arbeiten, die Stadt für die Zukunft zu gestalten. Das ist herausfordernd genug und die bisherige Event- und unternehmerische Stadtpolitik scheint mir nicht geeignet, um mit den aktuellen Schwierigkeiten der sogenannten „postmigrantischen Stadt“ und der ökonomischen, sozialen und ökologischen Transformation adäquat umzugehen. Keine Frage. Niemand hat den Stein der Weisen vor sich liegen, aber mehr gemeinsame Überlegungen über den weiteren Weg werden dringend gebraucht. Ohne die Rekonstruktion einer lokalen Öffentlichkeit wird es nicht gelingen, für neue Ideen neue Koalitionen zu bilden, sie auszuprobieren, kritisch, aber empathisch zu evaluieren und einen lokalen Lernprozess so organisieren.

Frank Eckardt ist Stadtforscher. Seit über 20 Jahren lehrt er an der Bauhaus-Universität in Weimar. Geboren und aufgewachsen ist er in Gelsenkirchen, und immer wieder kehrt er zum Familienbesuch in die Stadt zurück. Weshalb sie ihm auch noch immer am Herzen liegt.

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