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Envio: Gute Zukunftsaussichten mit PCB

In einem Spielcasino in Dortmund fand die Jahreshauptversammlung des Skandalunternehmens Envio statt. Die Konzernleitung verbreitete Optimismus.

Gegen Dr. Dirk Neupert  ermittelt die Staatsanwaltschaft Dortmund wegen Körperverletzung und Umweltverbrechen. Eine mittlerweile insolvente Tochterfirma des Konzerns, die Envio Recycling GmbH & Co. KG soll über Jahre hinweg Mitarbeiter und Umwelt mit hochgiftigem PCB verseucht haben. Die Behörden haben das Unternehmen längst dicht gemacht. Das alles scheint Neupert, den Vorstandsvorsitzenden der Envio AG nicht weiter zu berühren.

Entspannt sitzt er im Dortmunder Casino Hohensyburg und hält Hof.

Gut 30 Aktionäre haben sich in einem Kongressraum des Casinos versammelt. Das Motto der Jahreshauptversammlung: „Wertvolles verwerten – wir bieten Speziallösungen im Umweltsektor.“

Vor der Jahreshauptversammlung lief so beinahe alles schief, was schief laufen konnte: Weder war den Aktionären der Geschäftsbericht für das Jahr 2009 rechtzeitig zugesandt worden noch kamen sie in den Genuss, den Bericht des Aufsichtsrates vorher in Augenschein nehmen zu können.

Dabei gab es viel zu erklären. Zum Beispiel den Kurs der Aktie: Innerhalb eines Jahres ist der von 4,65 Euro auf klägliche 49 Cent gefallen. Die Schlagzeilen, die der PCB-Skandal machte, haben dem Unternehmen geschadet.

In seinen weitschweifigen Ausführungen geht Envio-Vorstandschef Neupert darauf nur am Rande ein: Es gäbe ein laufendes Ermittlungsverfahren. Zu denen könne er sich nicht äußern. Das Unternehmen arbeite mit den Behörden zusammen und sei an einer Aufklärung interessiert.

Anstatt zurückzuschauen blickt Neupert lieber in die Zukunft. Und die eröffne Envio viele Chancen: „Noch bis in das übernächste Jahrzehnt wird es einen großen Markt für ein Unternehmen wie Envio geben. Wir sind das einzige Unternehmen, das sich auf die Aufbereitung von PCB-belasteten Transformatoren spezialisiert hat. Für unsere Wettbewerber ist das ein Nebengeschäft.“

Ihnen Fehler der technologische Hintergrund, sie kämen aus  der Entsorgungsbranche.

Wachsen soll Envio allerdings vor allem im Ausland. Neupert hat den geschlossenen Standort Dortmund noch nicht aufgegeben, aber Geld soll vor allem in Asien und Südosteuropa verdient werden. Ein gemeinsames Projekt  mit der bundeseigenen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Mazedonien brachte Envio einen Auftrag und einen gemeinsam finanzierten Werbefilm mit dem schönen Titel „Knock Out For PCB“.

In Südkorea ist man schon aktiv. Eine eigene Anlage zur PCB-Aufbereitung hat dort ihre Arbeit aufgenommen. In Kasachstan ist der Konzern mit 25 Prozent an der Envio Kasachstan GmbH beteiligt.

Ungünstig für den Konzern: Der Dortmunder PCB-Skandal hat längst eine internationale Dimension erreicht. So waren die Machenschaften Envios Thema des „Second meeting of the Advisory Committee of the PCBs Elimination Network“, das Ende November auf Jamaika stattfand.

Neupert weiß das und versucht, hinter den Kulissen zu retten, was zu retten ist. In Briefen an Umweltminister Norbert Röttgen beklagt er sich über die Landesregierung in NRW.

Auch während der Jahreshauptversammlung findet er klare Worte. Nicht zu eignen Vergehen, sondern über die Presse, die Politik in Dortmund und die Behörden. Sie alle seien unfair mit Envio umgegangen, hätten Vorverurteilungen veröffentlicht. Man behalte sich vor, dagegen zu klagen. Aber nicht in Dortmund: „Dort sehe ich keine Chance auf ein faires Verfahren.“

Das soll, wenn denn den Ankündigungen Taten folgen, von Hamburg aus angestrebt werden. Dorthin will Envio auch den Unternehmenssitz verlegen.

Überhaupt ist man bestrebt, Dortmund und den PCB-Skandal hinter sich zu lassen. Durch die Insolvenz der Dortmunder Tochter gelang es, die Millionenkosten der Sanierung des Betriebsgeländes auf den Steuerzahler abzuwenden.

Und schon im Sommer hatte man das Tochterunternehmen Envio-Gas in Bebra-Biogas umbenannt. Das soll nun an die Börse gehen. Die Aktionärsstruktur soll gleich bleiben. Für 100 Envio-Aktien gibt es für die Altaktionäre eine Bebra-Biogas Aktie.

Und natürlich sieht auch die Zukunft von Bebra-Biogas gut aus: In Südkorea will man Bauern kleine, hocheffiziente Biogasanlagen verkaufen. Bislang hat man das zwar kaum geschafft, aber, wird den Aktionären erklärt, bald werde die Regierung ein „Green Village“ Programm auflegen. Hunderte von Dörfern sollen dann ihre Energie zumindest zum Teil selbst erzeugen. Und Bebra-Biogas hätte gute Chancen, von diesem Programm zu profitieren.

Auch in Deutschland, war sich die Konzernleitung sicher, wird das Geschäft bald anspringen. In den nächsten Wochen würde man zahlreiche Anlagen verkaufen. Im Herbst sei das nicht möglich gewesen. Dann säßen die Bauern auf ihren Treckern und hätten für Verkaufsgespräche keine Zeit.

Den Ausführungen der Unternehmensspitze mochten nicht alle Anwesenden folgen: Andrew Murphy vom  Finanzhauses Murphy&Spitz war angesichts des PCB-Skandals enttäuscht von Neuperts Ansprache: „Ich hätte erwartet, dass Sie ein Geständnis ablegen“

Und Thomas Hechtfischer, der Landesgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz war von den Aussichten von Bebra-Biogas nicht begeistert: „Bauer sucht Bebra? Ich weiß nicht.“

Immerhin: Der Vorstand wurde auf Vorschlag des Aufsichtsrates nicht entlastet. Bei anderen Unternehmen wäre er gefeuert worden.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag

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