Erinnerung an tote Dichter

Klaus Märkert liest belarussische Gedichte Foto: Laurin


Im Verein Razam hat sich die Oppositionelle organisiert, die vor der Verfolgung durch das Regime des belarussischen Diktators Aljaksandr Lukaschenka fliehen mussten.

Knapp 20 Menschen war am 28. Oktober im Bochumer Haus der Geschichte des Ruhrgebiets am Rand der Innenstadt zusammengekommen. Sie gedachten den Opfern eines Verbrechens, das in Deutschland kaum bekannt ist, aber bis heute in Belarus nachhallt: In der Nacht vom 29. Zum 30. Oktober 1929 ermordete der sowjetische Geheimdienst in Minsk 132 Menschen, darunter viele Schriftsteller und Intellektuelle. Das Gefängnis, in dem sie vor ihrer Hinrichtung eingesperrt waren, dient heute noch als Haftanstalt für Oppositionelle. In ihm, der sogenannten Amerikanka, sitzen zurzeit auch Bürgerrechtler, die sich in den vergangenen Jahrzehnten dafür einsetzten, dass die Morde von 1937 nicht in Vergessenheit geraten: Sie werden von Aljaksandr Lukaschenka, dem belarussischen Präsidenten verfolgt, weil sie sich für den Erhalt einer Gedenkstätte für die Autoren einsetzen.

Dieses Jahr wurde mit 50 Veranstaltungen in über 20 Ländern an die Dichtermorde erinnert. in Bochum fand das einzige Gedenken in Nordrhein-Westfalen statt.

Yauheniya Hukava, die seit über 20 Jahren in Deutschland lebt, las auf weißrussisch aus den Werken damals ermordeter Schriftsteller wie Anatoly Sys, Andrei Aliaksandrau und Juli Taubin. Der Bochumer Autor Klaus Märkert trug die deutschen Übersetzungen vor. Organisiert hatte das Gedenken der Verein Razam, in dem sich belarussische Exilanten in Deutschland zusammengeschlossen haben. Auch bei der Betreuung von Flüchtlingen aus Belarus und ihrer Kinder ist der Verein aktiv, erklärt Dmitry Chigrin von Razam: „Im Sommer haben wir in Coesfeld gemeinsam mit dem Verein Kinderhilfe Tschernobyl eine Freizeit für 16 Kinder organisiert. Die Kinder kommen aus Familien, die nach den Protesten gegen die Präsidentschaftswahlen 2020 aus dem Land fliehen mussten und heute in Polen leben.“ Viele dieser Kinder hätten Schwierigkeiten, sich in Polen zu integrieren. Immer wieder würden sie auch ihren Eltern Vorwürfe machen, dass sie wegen ihres Protestes die Heimat verlassen mussten.

Die Gemeinde der belarussischen Exilanten in Deutschland ist überschaubar. 300 von ihnen sind bundesweit bei Razam Mitglied, davon 40 in Nordrhein-Westfalen. Einen Ferienaufenthalt wie er in Coesfeld stattgefunden hat, würde der Verein gerne ein weiteres Mal organisieren, aber ob und wann das gelingt, sei noch offen. Das läge auch am Krieg. Im Moment würden sich alle darauf konzentrieren, ukrainischen Kindern zu helfen.

Der Artikel erschien bereits in einer ähnlichen Version in der Welt am Sonntag

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