„Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft“

Peter Finkelgrün Foto: Raimond Spekking Lizenz: CC BY-SA 4.0


Am 9. März 2022 wurde der jüdische Schriftsteller und Journalist Peter Finkelgruen 80 Jahre alt. Anlässlich dieses Jubiläums geht Roland Kaufhold mit einzelnen Lebens-Studien auf die Familiengeschichte Finkelgruens ein, die aufs Engste mit der jüngeren deutschen Geschichte verwoben ist. Peter Finkelgruen, geboren in Shanghai, überlebte die Nazi-Verfolgung, wuchs in Prag und Haifa auf. Dann wurde er zum Rückkehrer: 1959, mit 17 Jahren, kam er mit seiner Großmutter Anna nach Deutschland.

Vorwort von Peter Finkelgruen

Ein Vorwort zu einem Buch zu schreiben, das sich größtenteils mit sicherlich entscheidenden Phasen der eigenen Biografie beschäftigt, ist keine leichte Sache. Für mich jedenfalls bedeutet das, in Lebensphasen zurückzukehren die bestimmt waren von äußeren Ereignissen, gegen die ich meinte, mich auflehnen zu wollen. Nein: zu müssen. Denn dem Mord an meinem Großvater nicht nachzugehen und mich nicht für die rechtsstaatliche Verfolgung dieses Verbrechens einzusetzen, hätte mir jede Legitimation der Existenz in diesem Land, in dieser Gesellschaft entzogen. Dass die Zeit, in der ich in diesem Land lebte, diesem Ziel nicht entsprach, wird rückblickend aber genauso deutlich.

Ich will zwei Anmerkungen zu den betreffenden Teilen dieses Buches hinzufügen:

Lesen Sie Dr. Roland Kaufholds Fallstudien in dem Bewusstsein, dass in der Generalstaatsanwaltschaft des Landes Nordrhein-Westfalen – also der Stelle, an der die Beschwerden gegen die Staatsanwaltschaft in Dortmund einliefen – einige Juristen saßen, die ≫Fälle≪ wie den meines Großvaters, der in der Kleinen Festung Theresienstadt erschlagen wurde, zum Teil selber aus der Zeit des Dritten Reiches kannten. Sie kannten diese Fälle ganz genau, weil sie zu dieser Zeit schon Juristen in der Staatsanwaltschaft gewesen waren.

Noch deutlicher aber lässt sich der Zustand, in dem die noch junge Bundesrepublik sich gesellschaftlich und politisch in den Jahrzehnten zwischen 1950 und 1980 befunden hat, anhand der Biographie von Frau Gudrun Burwitz illustrieren: Die Tochter des Massenmörders Heinrich Himmler, die als Vorsitzende der ≫Stillen Hilfe≪, mit der sie nicht nur dem Mörder Anton Malloth behilflich war, lebte ab Ende 1946 zusammen mit ihrer Mutter für einige Zeit in den Bodelschwinghschen Anstalten Bethel. Ab 1957 arbeitete Ernst Gerke in Bethel – der von 1942 bis 1945 Leiter der Gestapo in Prag und somit Vorgesetzter des Anton Malloth gewesen war – erst als Justiziar und später als Verwaltungsleiter. Ab 1965 wechselte er zur Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover in Detmold.

Wenige Tage nach dem Tod der Frau Burwitz enthüllte die Bild in dicken Lettern auf Seite eins, dass Gudrun Burwitz zu ihren Lebzeiten viele Jahre Angestellte des Bundesnachrichtendienstes in Pullach gewesen sei. Natürlich unter einem Decknamen, während Gerke in Bethel den Decknamen ablegen konnte, den er wenige Jahre zuvor noch benutzen musste. Recht viel klarer geht es nicht: So lief die Fortsetzung der Karrieren nationalsozialistischer Eliten in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Nicht zuletzt deshalb lässt es sich kaum vermeiden, diese Umstände immer aus der Vergangenheit hochzuholen, diese Geschichten immer wieder aufs Neue zu wiederholen und damit die Thesen von der Bedeutung und Funktion von Wiederholungen in der Literatur gewissermaßen zu bestätigen.

Ich bin dem Autor dankbar, dass er sich der Aufgabe unterzogen hat, all diesen Umständen anhand der vorliegenden Dokumente nachzugehen, sie aufzuzeigen und sie zu wiederholen.

Auch wenn mich dieser erste Teil des Buches in einem biographischen Sinne berührt und zahlreiche Erinnerungen hervorruft, so bin ich vom zweiten Teil auf einer ganz anderen Ebene berührt. Da höre ich meine Eltern aus ihren Briefen sprechen, in einer Zeit, in der sie vor den Verfolgungen der Nationalsozialisten flüchten mussten, dabei um die halbe Welt reisend. Berührt und sehr bewegt bin ich von der Sprache dieser Briefe: Sie spiegelt eine Kultur wieder, die in den vergangenen Jahrzehnten verlorengegangen ist. Im Zeitalter der elektronischen Medien schreiben sich die wenigsten Menschen noch ausführliche Briefe von Hand, um in Kontakt zu bleiben.

Der Planet ist zusammengerückt, er ist kleiner geworden. Die Distanzen, die Hans, Esti, Anna, Herbert und Dorle über Wochen, Jahre oder sogar ein ganzes Leben lang trennten, bedeuten nur noch wenige Flugstunden. Dennoch haben diese Menschen es damals geschafft, diese Distanzen zu überbrücken und – so gut es ging – füreinander da zu sein. Die Liebe, die mir geholfen hat, zu überleben und von diesen Menschen zu berichten, spricht weiterhin aus diesen Briefen.

Die Liebe dieser Menschen ist mir geblieben.

Roland Kaufhold: „Mich erfüllte ein Gefühl von Stolz. Ich hatte es geschafft.“ Peter Finkelgruen: Ein halbes Jahrhundert Leben als Jude in Deutschland, BoD 2022, 244 S., Euro 12,99, Bestellen?

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