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Es wird kein Zurück zur Normalität geben

Zum Glück vorbei: abgesperrte Spielplätze Foto: R. F. v. Cube

Mein alter Hausarzt war ein ehemaliger Schiffsarzt bei der Marine. In unserer WG führten wir eine ganze Sammlung seiner markigen Sprüche. Etwa: “Sie haben Eisenmangel? Dann müssen Sie vielleicht mal die Straßenbahnschienen ablecken!” Später, nachdem die WG-Zeiten vorbei waren und ich selbst fertiger Arzt war, brauchte ich eine Krankmeldung. Er sagte zu mir, ganz unter Kollegen: “Wissen Sie, was ich mache, wenn ich krank bin? Weiterarbeiten!”
Natürlich bekam ich trotzdem meine Bescheinigung, aber er stellte klar, dass mich das zu einem Weichei machte.

Ein Arzt, der krank zur Arbeit geht, steckt höchstwahrscheinlich nicht nur seine Kollegen und Kolleginnen aus allen Berufsgruppen an und sorgt somit für mehr Personalknappheit als seine eigene Abwesenheit je bedeuten würde. Er steckt auch Patienten an, die möglicherweise weniger robust sind als er selbst.
In Zeiten von Corona ist es nicht nur sinnvoll, die Verbreitung von Covid-19 einzudämmen. Es zeigt sich vielmehr, wie wichtig es überhaupt ist, Krankheiten einzudämmen. Jeder, der mit einer echten Grippe oder einer Erkältung in Erscheinung tritt, bindet Kapazitäten. Er muss von einem Corona-Fall unterschieden werden, er braucht gegebenenfalls selbst Behandlung, er fehlt bei der Arbeit, wo vielleicht schon Menschen ausfallen, die in Quarantäne sind.
Die Maßnahmen zu lockern, sobald es geht, ist sinnvoll. Diese Maßnahmen kosten Ressourcen, finanzielle und emotionale. Die Gesellschaft kann nur für eine begrenzte Zeit die Luft anhalten und sie muss Atem schöpfen, sobald sie wieder mit dem Kopf über Wasser ist. Wohlwissend, dass die nächste Welle bald über sie schwappen könnte.
Strenge Auflagen in Regionen, in denen momentan überhaupt kein Virus kursiert, sind in Bezug auf diese Ressourcen so verschwenderisch wie ein Kühlschrank, der wochenlang läuft, obwohl er leer ist.
Sich allerdings umgekehrt so zu verhalten, als gäbe es kein Virus mehr, sobald etwas Ruhe einkehrt, das ist so ähnlich als würde man den Kühlschrank wegschmeißen, nur weil er einen Tag lang nicht gefüllt war.

Derzeit herrscht eine Dysbalance, in den Köpfen wie in den Regeln. Während Menschen in Altenheimen ungefähr so strenge Besuchsregeln akzeptieren müssen wie Hannibal Lecter im Hochsicherheitsgefängnis und während in den Supermärkten weiterhin alle Masken tragen und sich an Strichen auf dem Boden ausrichten, herrschen in der Gastronomie fast schon wieder prä-coronöse Verhältnisse. Ja, man muss seine Adresse angeben und vielleicht stehen die Tische etwas weiter auseinander als vorher, aber was ich in den Kneipen und Cafés beobachte, sieht kaum nach Pandemie aus. Was sind die fünf Minuten in der Schlange im Supermarkt gegen einen ganzen Abend auf der Bierbank? Noch drastischer ist es im Freien, auf Plätzen, am Rheinstrand und ähnlichen frühsommerlichen Anziehungspunkten. In Köln musste der Brüsseler Platz gesperrt werden. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.
Ja, das Risiko ist im Freien geringer als in Räumen, aber das heißt nicht, dass man draußen immun wäre. Zumal vermutlich der Wind die infektiösen Partikel erheblich weiter tragen kann als bisher angenommen. An solchen öffentlichen Plätzen kann man das Verhalten der Menschen schlechter kontrollieren als in einer Gaststätte. Polizei und Ordnungsamt können höchstens stichprobenartig vorbei kommen. Worauf es ankommt, ist die Einsicht der Bevölkerung in grundsätzliche Hygienemaßnahmen.

Als wir Kinder waren, spielten wir im Auto gerne ein Spiel, das wir “Kurvenpurzelis” nannten. Auf Serpentinenstraßen kugelten wir auf der Rückbank in jeder Kurve hin und her. Als die Gurtpflicht kam, hatten wir Glück: Diese galt nur für Autos, die mit bereits Gurten hinten ausgestattet waren, andere hatten eine Art Bestandschutz. Unser Auto hatte noch keine Gurte auf der Rückbank, unser Spiel war gerettet.
Das Leben ihrer Kinder war meinen Eltern sicher nicht egal. Die Gefahr war damals einfach nicht in den Köpfen präsent. Heute erwägt man das Jugendamt zu informieren, wenn Eltern ihre Kinder ohne Kindersitz transportieren.
Es ist noch viel weniger lange her, dass es normal war, mit Kindern in ein Restaurant zu gehen, wo geraucht wird. Selbst das erscheint heute verantwortungslos. Pralinen mit Amphetaminen statt Weinbrand darin finden wir schon sehr viel länger nicht mehr angemessen. In den dreißiger Jahren war das ein gängiges Produkt. Und welche Hygienestandards man beim Straßenverkauf seines Mittagessens erwartet ist, auch heute eine Frage der Region, in der man lebt.

Verordnungen sind ein nötiger Schritt bei der Etablierung neuer Vorsichtsmaßnahmen. Sonst würden wir höchstwahrscheinlich immer noch ohne Gurt fahren, Kinder im Rauch sitzen lassen und falsch gelagertes Fleisch weiterverarbeiten. Worauf es aber eigentlich ankommt, ist das Durchsickern dieser Vorschriften in den Alltag. Nur weil die meisten Leute die vorhandenen Toiletten auch benutzen, haben wir hier keine Cholera. Nur weil viele eingesehen haben, dass Kondome schützen, ist die Zahl von HIV-Infektionen zurückgegangen.
Selbst wenn wir bald einen Impfstoff gegen Corona finden, droht jederzeit eine neue Pandemie mit einem anderen Erreger. Der nächste ist vielleicht viel tödlicher. Aber selbst wenn nicht, so haben wir gesehen, wieviel Chaos eine Infektionswelle auslösen kann. Es dürfte eigentlich nicht normal sein, dass wir Influenza- und Erkältungsviren austauschen wie WhatsApp-Nachrichten. Es dürfte eigentlich nicht normal sein, dass wir 12,4 Milliarden € Produktionsausfallkosten wegen Atemwegserkrankungen haben, ein großer Teil davon wegen grippalen Infekten. Dies alles in Kauf zu nehmen, weil man Händewaschen, Maskentragen, Abstandhalten für Ausnahmen hält, könnte in einigen Jahren befremdlich wirken.

Wie genau die neue Normalität aussehen wird, muss sich erst herauskristallisieren. Vielleicht werden Masken hier so normal, wie sie in Asien längst sind. Vielleicht wird sich körperliche Nähe viel mehr als früher auf Vertrauenspersonen beschränken. Massenveranstaltungen, bei denen sich tausende Menschen aneinander reiben, wird man dann vielleicht so abstoßend finden wie heute die Vorstellung, dass die Abwasser einfach am Straßenrand entlang laufen. Ärzte, die erreger-niesend bei der Arbeit erscheinen, wird man vielleicht nicht heldenhaft, sondern verantwortungslos finden. All das wird und muss sich einpendeln. Aber bis dahin ist jeder gefordert, sich zu überlegen, was er – statt zur alten Normalität zurückzukehren – neuerdings für richtig hält.

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6 Kommentare zu “Es wird kein Zurück zur Normalität geben

  • #1
    Arnold Voss

    "Vielleicht wird sich körperliche Nähe viel mehr als früher auf Vertrauenspersonen beschränken." Das kann nur Jemand schreiben, der einen ganz großen Teil der menschlichen Kultur nicht kennt bzw. dazu nie gekommen ist: Das Tanzen im Paar zur Musik als öffentliche Veranstaltung, zu der auch Menschen Zugang haben, die man/frau nicht persönlich kennt.

    Meine Eltern haben sich beim (Paar) Tanzen kennengelernt. Mich gäbe es also gar nicht, wenn es "normal" wäre, nur mit mit Menschen die unmittelbare körperlich Nähe in der Musik zu teilen, die man schon kennt und denen man vertraut. Es gäbe z.B. aber auch den Tango Argentino, dem ich seit über 20 Jahren auch mit fremden Menschen fröne, nicht. Der ist übrigens weit über 100 Jahre alt , und nein, auch im asiatischen Raum hat diesen Tanz vor Corona Niemand mit einer Maske getanzt.

  • #2
    Bert Fühlmann

    Also, abgesehen
    von den von @Arnold Voss kritisierten Mangels finde ich den Aufsatz ziemlich
    t o l l geschrieben.

    Hinweg aber von der "alten Normalität" und hin zu einer aus der linken "Klima"wahn-Retorte, wie sie seit Wochen von den öffentlich-rechtlichen Links-KRISENGEWINNLERN und Masseneinwanderungs-Strategen eingeträufelt wird,
    — hinzukommend eine immer über uns schwebende körperfeindlichen Infektions-Hysterie, verbunden mit dem schon links-gezüchteten Blockwartwesen v.a. gegen Alte/ Weiße/ Männer — möchte auch ich nicht erleben . . ..

    Die dabei gezeigte Degeneration und versuchte Massenmanipulation zeigt sich über die entsprechenden Sendungen schon bis auf die Ebene der "Klima"-Verkehrsleit-Vorstellungen und Forderungen antikapialistischer oder wenigstens autofeindlicher Fahrradwege ( ich bin selber fünf Jahrzehnte Radfahrer) . . .

  • #3
    Frank

    @ Bert Fühlmann

    kannst du deinen Fascho-Sprech – "links-gezüchteten Blockwartwesen", etc. pp. – nicht woanders loswerden?

  • #4
  • #5
    Blubb

    Körperkontakt hilft dem Immunsystem und schützt somit. Corona ist insofern eine Ausnahme, als dass sich jeder ansteckt, da das Virus dem Immunsystem unbekannt ist.
    Ansonsten lässt sich überzeugend argumentieren, dass Körperkontakt das Immunsystem fit hält. Zb durch Oxytocin.

    Ob dem tatsächlich so ist kann man untersuchen – aber wollen wir das wirklich?

    Übertriebene Hygiene als Quintessenz der Corona Zeit – ne danke.

  • #6
    Ruhr Reisen

    Wie wärs einfach mal mit abwarten? Diese Herumspekulierei bringt rein gar nichts.

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