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“Fridays for Future ist die Rebellion der Privilegierten”

Klimademonstrant in Bochum

Von unserem Gastautor Clemens Traub.

„Das typische Milieu der meisten Fridays for Future-Demonstranten kenne ich gut. Es ist in gewisser Weise mein eigenes und das meines jetzigen Freundeskreises. Großstädtisch, linksliberal, hip. Arzttöchter treffen auf Juristensöhne. Gin-Tasting und Diskussionen über plastikfreies Einkaufen stehen nebeneinander auf der Tagesordnung. Veganismus zählt ebenso zum unausgesprochenen Codex des Hip-Seins wie der Einkauf im Second-Hand-Laden. Und der Bioladen um die Ecke wertet die Lage der eigenen Wohnung auf. Akademikerkinder bleiben unter Akademikerkinder. Querschnitt der Gesellschaft also? Weit gefehlt. Fridays for Future ist die Rebellion der Privilegierten und sie bietet ihnen die perfekte Möglichkeit, ihren eigenen kosmopolitischen Lebensstil und das eigene Talent zur Schau zu stellen.

Viele meiner klimabegeisterten Freunde fragen sich, warum die soziale Herkunft der Demonstranten überhaupt eine Rolle spiele. Ist das nicht absolut unwichtig? Hauptsache, die Erde werde gerettet, so ihre Überzeugung. Vom wem ist dabei doch egal. Lange genug habe die Bevölkerung geschwiegen und jetzt müsse endlich aufgestanden werde. Ich gebe zu, der Gedanke ist in seinem Kampfgeist natürlich überaus reizvoll und die gesellschaftliche Herkunft als Argument gegen eine Gruppe zu verwenden natürlich unsinnig. Auch mich packte er anfangs. Zu Beginn meiner Teilnahme an Fridays for Future zählte für mich nur die Weltrettung, wer an meiner Seite stand, das war mir egal. Und das wäre es mir bis heute.

Doch was mir nicht egal ist, das ist das Verhalten und die Argumentation der Menschen, mit denen ich gemeinsam demonstriere. Und hier schließt sich der Kreis zum sozialen Background, denn dieser sagt mehr über die Bewegung aus, als den Demonstranten lieb ist. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass die soziale Herkunft der jungen Protestler der eigentliche Geburtsfehler von Fridays for Future ist. Die Bewegung war von Anfang an viel zu homogen, viel zu elitär und entsprechend viel zu abgehoben, als dass sie dies selbst überhaupt auch nur bemerkt hätte. Nur wem es materiell gut geht, hat die Zeit und auch die Muse den Klimaschutz als das wichtigste politische Thema unserer Zeit zu betrachten.

Die Bewegung in ihrem Elfenbeinturm merkt gar nicht, dass ihre Kritik den Lebensstil sozial schwächer stehender Menschen trifft, die aus finanziellen Gründen nicht immer die freie Wahl haben. Sie werden als Klimasünder abgestempelt, weil sie nicht im Bioladen einkaufen, sondern im Discounter. Dass es Menschen gibt, bei denen die Sorgen um Strom- und Mietpreise die Diskussion über den Verzicht auf Flugreisen obsolet machen, das kommt den Demonstranten nicht in den Sinn. Wie auch? In ihrer wohlbehüteten Lebenswelt ist das alles ganz weit weg. Gerade das macht die Bewegung zu einem Risiko: sie setzt den Zusammenhalt unserer Gesellschaft aufs Spiel.

Dass Klimaschutz für viele Menschen oftmals nicht die zentrale Frage ihres Alltags ist, können sich die Fridays for Future-Kreise gar nicht vorstellen. Für einen großen Teil der Bevölkerung überwiegen andere, dringlichere Alltagssorgen. Wer angesichts der Ankündigungen der Industrie Angst hat, vom Jobabbau betroffen zu sein, für den ist im Moment die Brandrodung im tropischen Regenwald zweitrangig. Genauso ist das Aussterben exotischer Tierarten für jemanden weit entfernt, der sich jeden Tag den Kopf über seine spätere Rente zerbricht. Das bedeutet nicht, dass Alltagssorgen den Blick auf die Probleme des Klimawandels komplett verstellen dürfen, aber es erklärt, dass der Klimawandel für Menschen mit existentiellen Sorgen nicht die erste Priorität darstellt.

Es erklärt, warum Forderungen zur Rettung des Klimas sozial ausgewogen sein müssen. Und es erklärt auch, warum sich immer mehr Menschen fragen, wann endlich für ihre Alltagssorgen auf die Straße gegangen werde: für bezahlbare Wohnungen, für gerechte Renten … Themen gäbe es viele. Der gesamte politische Diskurs, sowohl in den Parteien als auch auf der Straße, geht an der Alltagswirklichkeit vieler Menschen in Deutschland komplett vorbei. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das kein gutes Gefühl ist. Die oftmals alltagsfern geführten Diskussionen grenzen weniger privilegierte Menschen in der öffentlichen Debatte aus. Die Folge: wir sitzen alle auf einem Pulverfass voller sozialem Sprengstoff.“

Der Text ist ein Auszug aus Clemens Traub: „Future for Fridays? Streitschrift eines jungen Fridays for Future-Kritikers“ Köln, 2020. Wir danken dem Verlag für die Erlaubnis der Veröffentlichung.

Mehr zu dem Thema:

Fridays for Future: “Arzttöchter treffen auf Juristensöhne“

 

 

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5 Kommentare zu ““Fridays for Future ist die Rebellion der Privilegierten”

  • #1
    Ben

    Und dann sitzt man hier im neuen Job in einer Kleinstadt nahe München, denkt daran, wer hier wie aktiv ist und wen anspricht und denkt sich: "Ja, nun – der Text ist auch albern."

  • #2
    Berthold Grabe

    Der Autortrifft hier den Nagel auf den Kopf!
    Es gibt viele gesellschaftliche Probleme, aber nur eine absolute Minderheitenoberschicht ist noch in der Lage ihre Luxussorgen öffentlich zu thematisieren und alles andere aus der öffentlichen Diskussion weitgehend zu verdrängen.
    Was hierstattfindet ist eine Form von Segregation, ein Prozess der gesellschaftlichen Abschottung immer mehr gesellschaflticher Gruppierungen, die auch die politisch zersplitterte Lage begründet hat.
    Und das schlimmste daran ist, das ist eine hausgemachte Situation vor allem entstanden aus falscher Sozialpolitik und falschem Verständnis von Humanismus und Sozialpolitik, die im Kern dazu führt das fast wie früher rein oberschichtlich bedingt, sich Gruppen voneinander abschotten.
    Ursache ist die ideologische Unterscheidung zwischen Bedürftigen und Leistungserbringern und vor allem der Negation dessen, wer sich dazwischen befindet.
    Wer die "Benachteiligten" fördert und vor allem radikal zielgenau sein will, z.T. aus falschem Effizienzdenken, schafft zwar materielle Gleichheit, aber nach dem Leistungsprinzip maximale Ungleichheit. Und das hat Konsequenzen, wie man am deutlichsten in der Entmischung der Klientel im sozialen Wohnungsbauerlebt hat, mit seinem anschließenden totalen Scheitern.
    Der soziale Zusammenhalt wurde daher vielerorts z.t. vollständig zerstört, mit fatalen Folgen für Hilfsbereitschaft und Empathie.
    "Fridays for future" ist da nur eine Seite der Medaille, Hartz IV und AfD die Seite die nicht erfolgreich genug ist, um sich den Luxus eines "Friday for Future" leisten zu können oder zu wollen.

  • #3
    Günter

    Die französischen Gelbwesten haben es auf sehr knappe Art sehr treffend formuliert: "Sie reden vom Ende der Welt, wir reden vom Ende des Monats."

  • #4
    Daniel Klinkmann

    Ich stelle mir 2,5 Fragen:
    1) Wird eine Forderung moralisch unlauter oder sogar falsch, wenn sie (hauptsächlich) von Privilegierten gestellt wird?
    2a) Wann verstehen die Leute, die z.B. als Gelbwesten in Frankreich (zu Recht) gegen ihre missliche Situation rebellieren endlich, dass ihre Gegnger dieselben Gegner der Klimabewegung sind?
    2b) Dazu gehört: Wer wird wohl mehr unter einer Erwärmung des Klimas leiden? Die "Arzttöchter", die eine Klimaanlage und nen Pool im Garten haben oder die "armen Schweine", die direkt auf die A40 aus dem Wohnzimmer gucken?

  • #5
    Wolfram Obermanns

    #4 Daniel Klinkmann
    Ein Versuch 2,5 Antworten zu finden.
    1. Die Zurückweisung einer Forderung, gestützt allein auf einen Hinweis zur Herkunft der Person(en), ist eine Rede ad hominem und hat den Boden der Argumentation verlassen.
    Die Verortung einer Forderung im Rückgriff auf den soziokulturellen Hintergrund der Vertreter der Forderung hingegen rückt eben diese Forderung in einen soziokulturellen Kontext. Dies ist ein argumentatives Anliegen, daß im Falle weitreichender gesellschaftlicher Konsequenzen der Forderung die Anerkennung realpolitischer Gegebenheiten darstellt. Versuche die Forderung z.B. losgelöst vom eigenen Hintergrund zu betrachten und entsprechende Betrachtungen zu unterbinden bzw. zu diskreditieren ist im Kern weniger politisch als vielmehr Privatreligion.
    2a. Die duale Weltsicht, hier die Ausbeuter dort die ausgebeutete Natur und Massen, ist weit weniger wissenschaftlich belegt als der anthropogene Klimawandel.
    Die Glaubwürdigkeit der Behauptung leidet zu dem an dem Umstand, daß aus Perspektive der weniger Privilegierten die Privilegierten des Systems den Konsum der weniger privilegierten diskutieren (billige Lebensmittel oder "notwendige" Flüge einer Studentin versus überflüssiger Urlaubsflüge in der Sperrholzklasse). Auch das Ranking von Staaten nach CO2-Emissionen, bei dem ein ölexportierendes Land wie Norwegen und China und Indien mit Drecksluft in den Städten und nacktem Elend auf dem Land punkten können, werfen Fragen nach der sozialpolitischen Nachhaltigkeit der Forderung auf.
    2b. Da die größten Emittenten (USA, China, Indien) von CO2 bekunden, sich nicht um den Klimawandel scheren zu wollen, wird dieser wie in etwa angekündigt kommen.
    Die weniger Privilegierten fragen sich, auch davon losgelöst, wie sie sich dem stellen sollen, nachdem ihre Arbeitsplätze exportiert worden sind und die Teuerungsrate ihres Warenkorbs explodiert ist. Die naheliegende Frage der Masse lautet also einfach, warum sollen ausgerechnet vor allem wir die Zeche der Opernsänger- und Akademikerkinder zahlen?

    Dazu wird sich fff in Zukunft inhaltlich und nicht mit schlaumeiernden, rethorischen Fragen aufstellen müssen, wenn die Bewegungen politisch relevant bleiben will.

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